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Großvaters Geschichten

Rettet meinen Opa Dieter!

Großvaters Geschichten: Rettet meinen Opa Dieter!
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Unser Kolumnist macht sich Sorgen um seinen Opa Dieter. Wie alle Opas weiß Dieter nicht mehr, was er redet. Peinlich ist nur: Dieter hat eine eigene Sendung im Ersten. Bitte helfen Sie ihm!

Neulich hat mein Opa erklärt, dass eine Frau, die von einem Mann umgebracht wird, einfach nicht die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen hätte, denn "zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt." Jaja, ich weiß: Auch in Ihrer Familie gibt's womöglich einen Altvorderen mit Honig im Kopf, der solche Klopper raushaut. Allein: Mein Opa hat eine eigene Sendung im Ersten.

Eines gleich vorweg: Dies ist kein Aufruf, die Sendung meines Opas abzusetzen. Im Gegenteil: Meinetwegen soll er eines fernen Tages noch aus seinem Grab senden. Vielleicht ist die neue Perspektive seiner Kunst dann sogar zuträglich, von unten hat er die Welt schon lang nicht mehr betrachtet.

Vielmehr ist dies ein Appell an alle, die meinen verwirrten Großvater Sendung für Sendung immer wieder in seinem wahnwitzigen Gebrabbel bestärken: Bitte hören Sie auf damit! Bitte delektieren Sie sich nicht am von der ARD schamlos zur Schau gestellten Zerfall meines Opas und klatschen Sie seinem öffentlichen Irrlichtern nicht auch noch Beifall! Für einen Abend in der Porsche-Arena nimmt Opa in der günstigsten Kategorie 50 Euro pro Nase. Bei 5.000 Gästen sind das an einem Abend Einnahmen von 250.000 Euro. Klar, dass es ihm da schwerfällt, ein Problem zu erkennen.

Dieser Text ist übrigens auch kein Pogrom. Natürlich ist ein Text kein Pogrom, sagen Sie jetzt, wie geschichtsvergessen wäre solch ein Vergleich? Aber bei meinem Opa weiß man leider nie so genau: Shitstorms gegen ihn hat er einmal, als das bluthochdruckbetriebene Mühlrad in seinem Kopf besonders schwer gescheppert hat, als "humane Variante des Pogroms" bezeichnet. Und was war die Konsequenz? Statt ihm den Kopf zu waschen, verleiht ihm der Zentralrat der Juden auch noch einen Preis. Wie soll Opa es so lernen? Wenn Ihr Hund auf den Teppich pinkelt, geben Sie ihm doch kein Leckerli.

"Cancel Culture" nur in eine Richtung

Gut möglich daher, dass mein Opa in einem Artikel wie diesem hier eine "humane Variante des Enkeltricks" sieht, gegen die er juristisch zu Felde zieht. Die "Stuttgarter Zeitung" hat neulich schon zornige Post von Opi bekommen, in der er Widerruf, Entschuldigung, Unterlassung und so weiter fordert. Umgekehrt würde er das "Cancel Culture" nennen.

Verständlicherweise hat aber nicht nur die StZ das degoutante Statement meines Opas angeprangert. Die Faktenlage zeigt ja auch das exakte Gegenteil dessen, was Opa kolportiert: Das Bundeskriminalamt hat bei der letzten Vorstellung der Kriminalstatistik abermals darauf hingewiesen, dass die Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen "überwiegend aus dem sozialen Nahfeld" ihrer Opfer stammten: Freunde, Bekannte, Lebensgefährten. Bei Femiziden das Gleiche: In vier von fünf Fällen ist der Frauenmörder der eigene Partner. Nicht der One-Night-Stand, nicht der Fremde hinterm Busch. Demnach müsste Opa den Frauen eigentlich raten, einen Mann besser nicht länger kennenzulernen. Das wäre der Witz gewesen.

Aber klar: Mein Opa ist nicht auf der Höhe des Diskurses. Natürlich nicht, er ist ein gestriger Knacker, der aus dem Fenster blöken, Falschparker anzeigen und seine "Früher war's besser"-Opasprüche klopfen will. "Früher war weniger Angst", poltert Opapa ebenfalls in der jüngsten Sendung: "Wir haben früher auf der Fünfmeterrutsche auf dem Geländer balanciert, und wenn wir runterkippten, gingen die Erwachsenen zur Seite!" Was einiges erklärt.

Dass alle vier Minuten eine Frau in Deutschland zum Opfer von Partnerschaftsgewalt wird – so ergibt sich die Zahl von 136.000 gemeldeten Fällen im Jahr 2024, die Dunkelziffer dürfte höher sein – nimmt Opa deshalb gar nicht wahr. Er glaubt, Kriminalstatistiken und schon allein das Wort "strukturell" dienten einfach nur dazu, Vorurteile gegenüber Männern rauszudonnern respektive sie "mit dem Krönchen der Wissenschaft zu schmücken." So sagt er's in seiner Sendung. Drum reagiert er darauf eben mit seinen eigenen Vorurteilen gegenüber Frauen.

Er meinte es nicht so – hoffentlich

Aufgrund der überwältigenden Kritik hat mein Opa sogar selbst Stellung bezogen. Selbstredend auf seinem Opa-Portal (Facebook): "Kein Witz über Femizide, nirgends. Habe ich noch nie gemacht. Werde ich nicht tun." Strenggenommen hat er damit vielleicht sogar Recht: Der Satz "Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt" ist ja kein Witz, sondern ein recht humorloser Meinungsnachschub. Gesagt hat er's aber nun mal, auch wenn er sich nicht daran erinnert. Greisengedächtnis eben.

Doch mein Opa leidet nicht nur an Erinnerungslücken. Er hat auch Formulierungsschwierigkeiten. Jeder normalbegabte Mensch mit Augen im Kopf sieht, dass Opa mittlerweile erheblich damit zu kämpfen hat, die Gedanken, die in seinem Hirnkastl herumkullern, sinnerhaltend durch seinen Mund in die Öffentlichkeit zu bringen. Er ist nicht mehr in der Lage, das zu sagen, was er sagen will. Hoffe ich zumindest. Denn wenn Opa das, was er sagt, tatsächlich auch sagen wollte, wäre das echt bedenklich.

Was Opa in seiner letzten Sendung vermutlich auszudrücken versucht hat: Man muss nicht alle Männer zu Mördern erklären. Nicht jeder Mann ist ein Verbrecher, auch wenn 95% der Gefängnisinsassen in Deutschland Männer sind. Am Ende hat Opa aber eben etwas anderes gesagt, nämlich: Frauen sollen halt nicht mit jedem dahergelaufenen Jack the Ripper in die Kiste steigen, dann passiert ihnen auch nichts.

Widersprüche im Frauenbild

Bedauerlicherweise ist's bezeichnend, dass mein Opa beim Thema Partnerschaftsgewalt sofort ans Bumsen denkt. Der Aufreger war ja nicht sein einziger Sextalk in dieser Ausstrahlung: "Seit man vor dem Sex vor einem Notar versichern muss, dass man mit der Berührung sensibler Körperstellen einverstanden ist, ist das Smartphone für viele junge Menschen oft der bequemere Lebenspartner." Wie Sie sich denken können, hat mein Opa weder Ahnung von Sex noch von jungen Menschen. Ich habe Freud gelesen und frage mich trotzdem: Was treibt ihn da so um? Was stört meinen Opa am neuen Selbstbewusstsein von Frauen, die sich nicht mehr ohne ihre eindeutige Zustimmung penetrieren lassen wollen? Und überhaupt: Sind Frauen jetzt unvorsichtige Nymphomaninnen, die sich lustblind auf ihre Killer stürzen, oder frigide Paragrafenreiter mit Gesetzbuch auf dem Nachttisch?

Die Entgleisungen einfach als Stammtischgeschwätz abzutun, wäre allerdings unfair. Gegenüber dem Stammtisch. An jedem Stammtisch sitzt einer, der ab und zu mal Zeitung liest. Im Gegensatz zur Redaktion meines Opas, die ihm ganz offensichtlich nicht helfen will, sondern ihn mit seiner Orientierungslosigkeit allein und ihn kichernd von einer Blamage in die nächste laufen lässt. Ihr Schweine!

Wenig hilfreich beim Versuch, meinen Opa vor sich selbst zu retten, sind auch die Leute, die in seiner Sendung auftreten. Ich verstehe, dass Künstler, die sich neben Opa auf die Bühne stellen und ihre Witzchen reißen, darauf hoffen, ein paar seiner ja doch recht leicht zu begeisternden Zuschauer auch für ihre eigenen Shows zu gewinnen. Ihr nutzt Opi schamlos aus! Er selbst checkt das aber nicht. Mein Opa denkt sich: Wenn diese jungen Wilden zu mir strömen, kann's um mich ja nicht so schlimm bestellt sein.

Wäre der inkriminierte Vorfall der erste seiner Art, würde ich ja noch auf Besinnung hoffen. Aber Opa blamiert unsere Familie schon seit Jahren. Einmal stieß er sich an einem Buch der Autorin Alice Hasters, weil es den Titel "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" trägt. Er behauptete, das sei Ausdruck der "Schein-Intellektualität einer arroganten Linken", die für den Erfolg Donald Trumps verantwortlich zeichne, das Buch sei "ein Riesenrenner" in den USA gewesen. Das Buch war aber noch gar nicht auf Englisch erschienen. Hochnotpeinlich.

Erster Exil-Künstler auf Regierungslinie?

Kein Wunder, dass immer mehr Leute meinen Opa für einen AfD-Clown halten. Beschämend. Sicher, es gibt Schlimmeres, immerhin muss ich seinen Namen nicht mit dem Recherche-Tool von "Spiegel" und "Zeit Online" suchen. In Interviews distanziert er sich zwar regelmäßig von den Rechten, wirkt aber auch hier zusehends umnachtet. Die vorletzte Frage in einem kürzlich erschienenen Interview in der "Welt" (das war früher, zu Opas Zeiten, wohl mal eine halbwegs seriöse Zeitung) lautete: "Wie lange hält denn die ‚Brandmauer' noch?" Opa antwortete zunächst überraschend bodenständig: "Das wird oft übersehen. Ich bin gar kein Hellseher." Um dann im nächsten Satz hellzusehen: "Dass sie kippt, ist klar."

Denn: "In einer funktionierenden Demokratie wird man nicht ein Drittel der Wählerschaft ausschließen. Sonst ist es keine Demokratie mehr." Ach, Opa. Wer, wie du, die Demokratie einfach nur als Mehrheitsbeschluss und nicht als Wertesystem versteht, der könnte doch sogar 49 Prozent der Wählerschaft "ausschließen", aber sei's drum. Immerhin hast du ja pflichtbewusst drangehängt: "Das heißt nicht, dass ich mit irgendwas einverstanden wäre."

In der letzten Frage bat der Redakteur schließlich darum, diesen Satz zu vervollständigen: "Wenn Alice Weidel Bundeskanzlerin wird, dann …" Darauf Opa: "Bin ich weg." Aber warum? Will Opa der erste Exil-Künstler werden, dessen Kunst voll auf Linie mit der Regierung im Heimatland ist? Wie gesagt: Opa weiß und merkt einfach nicht mehr, was er redet. Bitte: Helfen Sie ihm!

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