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Filmreife Abfallentsorgung

Urlaub auf der Wertstoffinsel

Filmreife Abfallentsorgung: Urlaub auf der Wertstoffinsel
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Alles ist vermüllt. Sogar unsere Hoden. Während andere Leute auf Inseln fliegen, die bald untergehen, weil Leute auf sie fliegen, macht unser Kolumnist umweltfreundlich Urlaub auf der Wertstoffinsel.

Unbrauchbares, für das man auch nach Jahrzehnten des Ignorierens, Herumstehenlassens und Hin- und Herräumens wirklich absolut gar keine Verwendung mehr findet, landet in Deutschland auf dem Wertstoffhof oder im Bundeskanzleramt. Weniger populär, obzwar allerorten vertreten, ist die kleine Schwester des Wertstoffhofs: die Wertstoffinsel. Ein Verbund aus Altglas- und Altkleider-, bisweilen auch ergänzt von Altpapier- und Kunststoffcontainern.

Während andere Leute auf Inseln fliegen, die bald untergehen, weil Leute auf sie fliegen, verbringe ich meinen Sommer dieses Jahr auf dem Balkon mit Blick auf eine Wertstoffinsel. Doch leider droht auch ihr der Untergang. Sie ertrinkt nicht im Meer, aber wie alle Urlaubsparadiese in Müll. Da hier eben nicht nur korrekt sortiert, sondern auch illegal allerlei anderer Schrott abgeladen wird. Die Regionalzeitung zitiert eine Frau mit den Worten: "Bei solchen Zuständen macht Müllentsorgen keinen Spaß!"

Dabei sollte Müllbekämpfung eigentlich Megaspaß machen. Das Fortbestehen der Menschheit hängt davon ab. Stichwort Mikroplastik: Bei einer urologischen Studie der Universität von New Mexico, an der 23 Hoden teilgenommen haben, hat man in allen 23 Hoden Mikroplastik gefunden. Das Skrotum als gelber Sack. Über Plastik im Ei freut man sich aber nur bei Kinder Überraschung. Denn Mikroplastik steht im Verdacht, unfruchtbar zu machen. (Bitte fragen Sie mich nicht, warum es 23 Hoden waren – ob einer der Probanden nur einen Hoden im Hodensack hatte oder der Wissenschaft nur einen von beiden zur Verfügung stellen wollte, ist nicht überliefert.)

Die Wertstoffinsel vis-à-vis meiner Wohnung wird neuerdings sogar videoüberwacht, um Wertstoffinselpiraten und anderen Unratsunholden das Handwerk zu legen. Ob's funktioniert, weiß ich nicht, aber filmreif sind die Szenen, die sich hier abspielen, allemal. Neulich etwa diese:

Ein approximativ 50-jähriger Mann samt klirrendem Jutebeutel nähert sich zwecks Altglasabtreibung. Ränkevoll späht er über die Schultern, ehe er die erste Weinflasche im Innern der Wertstoffinsel zerschellen lässt. Warum das Rumgedruckse? Nun: So sicher wie ein Marmeladenbrot stets auf die Marmeladenseite fällt, so gewiss tritt man nur außerhalb der Einwurfzeiten an eine Wertstoffinsel heran.

Und obwohl man weiß, dass der Einwurf außerhalb dieser Zeiten untersagt ist, erfasst doch alle Erdenbürger beim Blick in das ewige Dunkel des Wertstoffinseleinwurflochs ein schauerlich nihilistischer Sog, der jedem menschlichen Wesen auf einen Schlag das Gefühl allumfassender Anomie oktroyiert und uns wie vom Donner gerührt in einem existenzialistischen Moment der Klarheit gewahren lässt, wie markerschütternd lächerlich das menschliche Ordnungsstreben doch anmutet eingedenk des gewaltigen kosmischen Chaos um uns herum. Seit einem Jahr beobachte ich dieses Treiben und kann sagen: Es gibt absolut niemanden, der eine volle Tasche Müll nochmal zurückträgt und später wiederkehrt. Egal wie gesetzestreu – die Wertstoffinsel bricht jeden.

Vergleichen lässt sich dieser heranrauschende Geisteszustand wohl nur mit dem Innenleben eines Despoten, der einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg vom Zaun bricht. Alle Augen der Welt richten sich auf ihn, doch er blickt unschuldig zu Boden, greift wider besseres Wissen in seinen Korb und lässt in der Hoffnung, damit durchzukommen, unter lautem Geschepper Olivengläser fallen beziehungsweise halt Bomben.

Wie alle, die hier vor meiner Wertstoffinsel aufschlagen, gibt der Mann sich zwar Mühe, seine Pullen möglichst dezibelarm zu pulverisieren. Doch wie alle scheitert auch er. So umsichtig man auch verfährt: Es klimpert und klonkert und kracht und man fühlt sich umgehend schlecht. Kürte man die unheilvollsten deutschen Geräusche, so rangierten die Laute zerberstenden Glases im Container sicher auf dem dritten Platz. Silber ginge an den Deutsche-Bahn-Durchsagen-Ankündigungs-Jingle und auf Platz 1, na klar, der Sound vom Zonk.

Ein Loch mit Mittagspause

In der Regel kommen die Einwerfenden zwar mit leichten Gewissensbissspuren davon und ich sehe sie erlöst von dannen ziehen. Manchmal begegnen sie aber auch einer älteren schwäbischen Dame, woraufhin sich – wie im Fall besagten Mannes – ein Dialog wie der nachfolgende entspinnt:

"Sie sind des also, der hier immer so spät sein Zeug neischmeißt?" – "Es ist 13 Uhr." – "Richtig! Der Container isch nicht geöffnet." – "Doch, ist er." – "Ist er nicht." – "Aber ich hab doch grade was reingeworfen?" – "Dürfen Sie aber net." – "Wieso nicht?" – "Hier steht's doch: Samschdag von 7 bis 12 Uhr. Und dann wieder 14 bis 17 Uhr." – "Also tut mir leid, aber es läuft doch irgendwas schief in einem Land, in dem ein Loch in einer Tonne Öffnungszeiten hat!" Ein Satz, über den man lange nachdenken sollte.

Der Mann prüft das vergilbte, vom Regen verwaschene Hinweisschild, als ob er nicht genau wüsste, was draufsteht, und spielt die Rolle des Ahnungslosen weiter mit Aplomb. "Und warum nicht zwischen 12 und 14 Uhr?" – "Da isch Mittagspause." – "Ach, das Loch macht auch noch Mittagspause?" – "Weil hier vielleicht jemand Mittagsschlaf macht!" – "Hier auf dem Gehweg?" – "In der Wohnung da drüben zum Beispiel!" – "Da drüben? Der sitzt doch auf seinem Balkon!" Damit durchbricht der Mann die vierte Wand und zeigt auf mich, der ich auf meinem Balkon leider ohne Popcorn, aber mit großer Anteilnahme der pulsfördernden Darbietung auf der Wertstoffinsel lausche. Darauf die Dame: "Vielleicht schläft ja seine Frau?"

"SCHLÄFT IHRE FRAU?", brüllt der Mann zu mir hoch und macht mich froh, kein Popcorn zu haben, hätte ich mich doch justament daran verschluckt. Während ich perplex starre, antwortet eine Stimme hinter dem Sichtschutz auf dem Balkon neben mir: "Nein, alles gut!", ruft mein Nachbar, der das Spektakel wohl ebenfalls verfolgt und sich angesprochen fühlt. Der Einwurfsünder wendet sich siegessicher an die Nörglerin. Dann schiebt mein Nachbar hinterher: "Meine Frau hat mich verlassen!"

Trotz erkennbarer Irritation ob dieser Zusatzinformation bewahrt der Mann die Contenance: "Sehen Sie, da schläft niemand." Die Dame verstummt, doch die Stimme auf dem Balkon neben mir ertönt erneut: "MEINE FRAU IST AUSGEZOGEN, WEIL HIER JEMAND MITTAGS IMMER SO LAUT SEIN ALTGLAS EINGEWORFEN HAT!"

Der Mann betrachtet zunächst bedröppelt seinen Jutebeutel, realisiert aber schnell, dass er verschaukelt wird. "Na isch's ja jetzt au voll wurscht!", antwortet er und donnert seine restlichen Flaschen kopfschüttelnd in die Tonne. In dieser Sekunde flitzt ein Jugendlicher auf einem E-Roller heran, stellt einen prallgefüllten gelben Sack ab und wirft eine Monster-Energy-Dose ins Grünglas. "Du net au no!", schimpft die Frau. Der Junge zieht einen AirPod aus dem Ohr. "Du hasch falsch eingeworfen!", sagt die Frau. Der Junge reagiert gedankenschnell: "Ich dachte, falschen Einwurf gibt's nur beim Fußball." Unbeeindruckt versucht er, den kompletten gelben Sack in den Kunststoffcontainer zu pressen. Weil er nicht hineinpasst, stellt er ihn neben dem Container ab.

Neid auf den Videoauswerter

"Des nimmsch jetzt bitte alles raus und wirfsch es einzeln in den Container!", mahnt die Frau. Der eben noch gescholtene Mann mit den Glasflaschen schaltet sich ein: "Ich dachte, der Container hat grade Mittagspause?" Der Jugendliche: "Das ist doch egal, die nehmen das doch trotzdem mit." Die Frau seufzt. Ich verspüre den Drang, ihr beizuspringen: "Das ist nicht egal!", rufe ich. "Wegen Leuten wie dir hab ich Plastik im Hoden!"

Die Frau, der Mann und der Jugendliche drehen ihre Köpfe. Mein Nachbar hustet. Vermutlich am Popcorn verschluckt. "Wieso haben Sie Plastik im Hoden?", ruft der Glasflaschenmann. "Nicht nur ich", antworte ich: "Sie auch! Alle Männer!" Der Mann: "Ich hab sicher kein Plastik im Hoden!" Mein Nachbar: "Doch! Meine Frau hat mich verlassen wegen Plastik im Hoden!" "Verschonen Sie mich bitte mit Ihren Hoden", sagt der Jugendliche und fängt an, die Inhalte des gelben Sacks auszuräumen und einzeln einzuwerfen.

Stelle ich mir nun vor, dass irgendein von Fortuna geküsster Angestellter der Stadt dieses Videomaterial nicht nur auswerten darf, sondern auch noch Geld dafür bekommt, könnte ich mir eine berufliche Veränderung durchaus vorstellen. Vielleicht verbringe ich also bald nicht nur meinen Urlaub, sondern auch meinen Arbeitsalltag auf der Wertstoffinsel.

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