In ganz Deutschland herrschte damals Angst vor der RAF und die Tübinger Polizist:innen ließen später verlauten, sie hätten den Flüchtenden für einen Terroristen gehalten. Epple gilt als erster Unbeteiligter, der im Kontext der RAF umgekommen ist und wurde in linken Kreisen als Opfer des (aus RAF-Angst) zum Polizeistaat aufrüstenden Rechtsstaat begriffen, als Opfer eines fatalen Verlustes der Verhältnismäßigkeit. Doch die nach Epples Tod ermittelnde Staatsanwaltschaft Stuttgart sah die "Grundsätze des Mindesteingriffs und der Verhältnismäßigkeit" beim Polizeieinsatz als nicht verletzt an und stellte das Verfahren gegen den Todesschützen nach drei Wochen wieder ein. Die Namenswahl für das neue Jugendzentrum war sicherlich eine Aneignung damaliger Linker ohne Reflexion oder Rücksprache mit der Familie, um einem durch Polizeigewalt ermordeten Jugendlichen ein Denkmal zu setzen, Märtyrer-Vorstellungen zu schärfen und anzuprangern, dass die oft brutalen Polizeiaktionen zur Zeit der ersten RAF-Generation keinerlei Konsequenzen für die Polizist:innen hatten.
"Unerzogene Erwachsene in kollektiver Neurose"
Stadt, Kreissparkasse und Polizei fassten den Hausnamen als Provokation auf und nennen das Haus teilweise bis heute offiziell "Jugendzentrum Karlstraße 13". 1974 postulierte beispielsweise die CDU-Ortsgruppe im Gemeinderat: "In der Universitätsstadt Tübingen, die eine wissenschaftlich fundierte, vielseitige Bildungs- und Erziehungsarbeit leisten soll, darf nicht der Name eines jungen Rechtsbrechers ein Jugendhaus kennzeichnen. [...] Sorgen wir durch richtige Erziehung dafür, dass unsere Kinder nicht zur Plage der Familie werden, um eines Tages als unerzogene Erwachsene in kollektiver Neurose unseren Staat wegzufegen."
Die Stadt ist dem jugendlichen Willensdrang allerdings nie Herr geworden und das wohl bunteste Gebäude Tübingens heißt auch heute noch "Epplehaus". Es erinnert an Richard Epple – und daran, dass es sich lohnen kann, für etwas auf die Straße zu gehen, für etwas zu kämpfen, für etwas aktiv zu werden.
Obwohl das Epplehaus in über 50 Jahren durch die ein oder andere Krise ging, konnte es sich als linksalternatives und subkulturelles Kleinod im Herzen Tübingens bis heute selbstverwaltet halten. Nach ersten erfolgreichen Jahren in der Selbstverwaltung gaben die Jugendlichen jedoch 1985 äußerem Druck und inneren Konflikten nach und stimmten der Einstellung hauptamtlicher Sozialpädagog:innen durch die Stadt zu. Damit war die Selbstverwaltung erstmal passé, während gleichzeitig eine Phase der Professionalisierung begann. Das Haus bekam in den folgenden Jahren sechs Hauptamtliche, vier Sozialpädagog:innen und zwei Schreiner:innen. Am 2. März 1992 titelte das Schwäbische Tagblatt: "Jugendhaus mit vorbildlichem Ruf".
Mit der Stadt pflegte das Jugendzentrum mittlerweile ein respektvolles Verhältnis auf Augenhöhe: Das Epplehaus brauchte die finanzielle Unterstützung der Stadt und die wiederum das Haus, um gesellschaftliche Randgruppen dorthin "abzuschieben". Doch an konservativen Nörgler:innen mangelte es nie. Die CDU-Stadträtin Eva Riehm-Günther echauffierte sich 1995 bei der Jahreshauptversammlung des Epplehaus-Trägervereins darüber, im Einladungsschreiben als "MitgliederIn" tituliert worden zu sein. Dies sei "Sprachverhunzung" und ein "fürchterlicher Sexismus", da aus einem Neutrum ohne Not männliche und weibliche Versionen gemacht würden. Als "gefährlich" bezeichnete sie eine Discoveranstaltung unter dem Motto "Kill Your Parents": "Kann es nicht sein, dass das manche ernst nehmen?"
Zurück in die Selbstverwaltung
Um die Jahrtausendwende kamen pro Abend 60 bis 100 Menschen ins Haus. Gerade die Unterstützung der Jugendlichen bei der konstruktiven Gestaltung ihrer Freizeit wurde gut angenommen. 2001 überlegte die Stadt dennoch, das Epplehaus aufgrund seiner überdurchschnittlichen Größe dichtzumachen. Ein Jahr später stellte das Land die Förderung für junge Arbeitslose im Jugendzentrum ein, der Auftakt zu weiteren Kürzungen. 2004 strich die Stadt fast die Hälfte der Stellen, die verbliebenen Hauptamtlichen wurden an das im ersten Stock neu eingerichtete Jugendmediencafé übertragen. Dadurch betreute die Stadt ein Viertel des Hauses, während die restlichen drei Viertel wieder in kompletter Selbstverwaltung lagen. Hinzu kam Ende der 2000er eine gezielte Selbstentmachtung des Trägervereins, dessen Vorstandsmitglieder ihre Entscheidungsbefugnis auf das Haus-Plenum übertrugen. Bis heute ruht die Hauptlast auf den Schultern von Ehrenamtlichen, die sich im offenen Plenum treffen.
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