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50 Jahre Epplehaus

Badewanne auf dem Dachfirst

50 Jahre Epplehaus: Badewanne auf dem Dachfirst
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 Fotos: Jens Volle 

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Mitten in der Stadt, gleich beim Bahnhof, steht das bunteste Haus Tübingens. Seine Fassade erzählt Geschichten – von der Musikszene, der Jugendarbeit, der politischen Arbeit in der Universitätsstadt. Das Epplehaus feiert seinen 50. Geburtstag.

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Am Samstag, als die leeren Flaschen klirren und die Besen schwingen, führen Thomas Reichle, Länd und Lucius Teidelbaum durchs Haus. Sie sind Mitglieder im Verein, der das Epple organisiert. Thomas Reichle ist Sozialpädagoge, er kümmert sich, stadtteilübergreifend, um die Jugendkulturarbeit in Tübingen. "Das Epple", erklärt er, "ist kein klassisches Jugendhaus und es ist kein autonomes Zentrum im eigentlichen Sinn."

In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1972 wurde das Haus in der Karlstraße 13 besetzt. Kurz darauf hat es die Stadt Tübingen gekauft und der offenen Jugendarbeit übergeben. 1978 wurde ein Verein gegründet, wurden Sozialpädagogen eingestellt. Einen offenen Betrieb mit regelmäßigen Öffnungszeiten gibt es seit 2004 nicht mehr, das Epplehaus wird nun in Selbstverwaltung seiner Nutzer:innen betrieben.

Immer wieder dienstags trifft sich ein Plenum, das die wichtigsten Fragen ums Haus bespricht. Auf einer Nutzfläche von 700 Quadratmetern bietet das Epple Raum für Partys und Konzerte; es verfügt über eine gute Musikanlage, eine mit Maschinen ausgestattete Holzwerkstatt, eine Siebdruckanlage und genügend Raum für junge Menschen, die sich ausprobieren wollen: als DJ, als Band, in den unterschiedlichsten Kontexten. Lange Zeit war das Epple ein Bauchnabel der süddeutschen Punkszene; ein Nabel der Tübinger Subkultur ist es noch immer.

Kamen Ton Steine Scherben, gab's eine Besetzung

"Im Plenum", sagt Länd, "besprechen wir alles – wie die Veranstaltungen gelaufen sind, wie die Verantwortlichkeiten verteilt werden." Ihren Namen hat sie sich selbst gegeben – "Aber ich hieß schon so vor dem Land!", stellt sie klar. Ins Epplehaus kam sie mit einer Punkfreundin, damals war sie 15 Jahre alt, mehr als zehn Jahre ist das her: "Hier habe ich mich als eine wichtige Person in einem großen Ganzen gefühlt", sagt sie. "Hier hieß es nicht: Du kannst ja nichts. Es gab viele Aufgaben, die man gemeinsam anging, und es gab Privilegien, Dinge, die man zuhause nicht tun konnte."

Das Epplehaus hat sich gewandelt im Laufe der Jahrzehnte. Hans Schiler, heute Verleger in Tübingen und Berlin, war dabei, als es besetzt wurde; damals war er 22 Jahre alt. Am Abend der Besetzung spielten Ton Steine Scherben in der Tübinger Mensa. "Es war klar, dass es eine Besetzung geben würde", sagt Schiler. "Wenn Ton Steine Scherben kamen, gab es immer eine Besetzung. Deshalb haben wir sie in die Stadt geholt."

Das Tübinger Jugendhaus in der Gartenstraße war abgebrannt, die Ursache wurde nie ermittelt. Die Jugendlichen forderten neue Räume ein. Dass es eine Hausbesetzung geben würde war auch der Polizei klar. Die Besetzer streuten Gerüchte um ein leerstehendes Gebäude der Tübinger Universität – und die Polizei versammelte sich am anderen Ende der Stadt. "Wir kamen aus dem Konzert und marschierten im Sturmschritt in die Karlstraße, weil wir vor der Polizei dort sein wollten. Die Leute hatten schon ihre Schlafsäcke mit dabei." Nach der Besetzung herrschte Aufbruchsstimmung. "Es gab viele Arbeitskreise, auch die Lehrlingsgruppe hat sich im Haus getroffen." Das Ziel dieser Bewegung war, bessere Bedingungen für Auszubildende zu schaffen: "Es ging um Jugendliche, die sonst keinen Platz hatten und nur sehr wenig Lehrlingsgeld bekamen."

Einst Schlafstätte für obdachlose Jugendliche

Heute ist das nicht mehr so, das Publikum im Epplehaus besteht vor allem aus Gymnasiasten. Unter sozialpädagogischer Leitung gab es Versuche, das Epple in andere Richtungen zu öffnen, die scheiterten: Eine Schlafstätte für obdachlose Jugendliche entstand, Betroffene kamen, das Haus war überfordert. Größere Probleme brachte der Entschluss der Sozialpädagogen in den 1970er-Jahren, "akzeptierende Drogenarbeit" zu betreiben. Heroin breitete sich aus, der Konsum war im Epple nicht erwünscht, die Konsumenten aber willkommen. Der Ruf, ein "Junkiehaus" zu sein, blieb hängen.

Drogen sind im Epplehaus längst tabu, es versteht sich vor allem als ein politischer Ort. Etliche Gruppen haben im Laufe der Jahre in der Karlstraße ein Zuhause gefunden – "Act for Animals", "Viva con Aqua" sind nur einige von ihnen. Seit vielen Jahren organisiert "Input" Vorträge zu politischen Themen, zu Rassismus, Sexismus, linker Historie. Zuletzt, anlässlich des Jubiläums, gab es zur Geschichte der Jugendzentrums-Bewegung antifaschistische Stadtführungen durch Tübingen.

Eine Etage des Epplehauses beherbergt die "Pixel Medienwerkstatt", ein Jugendmedienzentrum der Stadt Tübingen – bis 2005 war dort das Frauencafé. "Es gab eine männliche Dominanz im Haus", sagt Lucius Teidelbaum (auch er trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen). "Die Frauen wollten den Männern nicht mehr hinterherputzen, sondern ihre eigene Sache machen." Das Frauenprojektehaus Tübingen hat im Epple seine Wurzeln.

2017 kam es zu sexuellen Übergriffen bei Partys. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer stürzte sich auf das Thema – nicht zur Freude des Hauses, das zwischen sich und dem Stadtoberhaupt einen langen und tiefen Graben sieht: "Die Betroffenen selbst wollten das nicht und fühlten sich von Palmer instrumentalisiert. Aber wir haben begriffen, dass es nicht genügt, nur Schutzpersonal an die Türen zu stellen." Eine Awareness-Gruppe entstand, die das Gespräch mit Betroffenen sucht.

Konflikte, innere und äußere, gab es in 50 Jahren Epplehaus nicht wenige. Noch 2022 soll ein Buch erscheinen, ein Sammelband, der auch diese Geschichten erzählen wird. Die der Massenangriffe vom Oktober 1985 beispielsweise: Damals wurden Tübinger Punks von einer Meute "kleinbürgerlich faschistoider Jugendlicher" durch die Stadt gejagt – tatsächlich ist zu den Tätern nur wenig bekannt – und verschanzten sich im Epple. Eine ganz andere Geschichte handelt von der Nagolder Rocker-Gang, die sich Ende der 1980er Jahre breitmachte. Das wurde unangenehm, so sehr, dass das Haus schließlich die Hilfe der Polizei in Anspruch nahm: "Die Bullen haben einmal das Epple verteidigt!"

Richard Epple wurde von der Polizei erschossen

Begonnen haben die Konflikte ums Haus jedoch früh – mit seinem Namen. Richard Epple war ein Jugendlicher aus Breitenholz, einem Dorf am Schönbuchhang, nicht weit von Tübingen. Am 1. März 1972 war er betrunken und ohne Führerschein mit dem Auto unterwegs, fiel einer Polizeistreife auf. Panisch ergriff die Flucht. Es war die Hochzeit der Roten Armee Fraktion; in Deutschland wurde gefahndet, an jeder Straßenecke standen vermeintliche Terroristen. Die Polizei folgte Richard Epple bis zu einer Kreuzung im nahen Herrenberg. Dort feuerte sie zunächst einen Warnschuss ab, dann, mit einem Maschinengewehr, auf Richard Epples Fort Taunus. Der junge Mann, der kein Terrorist war, starb; der junge Polizist, der geschossen hatte, nahm sich später das Leben.

Dass das neue Jugendhaus in Tübingen Richard Epples Namen tragen sollte, erregte den Unwillen der Tübinger Stadtoberen. Die heutige Generation im Epplehaus sieht die Namenswahl nicht unkritisch: "Richard Epple war ein Unpolitischer, er wurde instrumentalisiert", sagt Thomas Reichle. Und doch erinnert dieser Name daran, wie Deutschland war vor 50 Jahren.

Längst gibt es andere Orte der Jugendkultur in Tübingen, aber das Epple stand am Anfang, sein Anspruch ist geblieben – und die Vielzahl der Geschichten. Von der Badewanne, die einst auf dem Dachfirst stand, und dem Sofa, das vom Balkon gekippt wurde. Vom Konzert, das die noch jungen Toten Hosen im Epple gaben, von Robin Schulz, der hier, noch unbekannt, auflegte. Alles wahr, nur eine Geschichte ist gewiss ein Märchen: Die, dass Nirvana im Epple spielen wollten und abgelehnt wurden.

Thomas Reichle schließt eine Tür auf; hinter ihr ist der Raum, in dem der Tübinger Jugendgemeinderat sich trifft. Dort ist es sauber, dort ist es ordentlich: ein starker Kontrast, denn drum herum explodiert die Farbe, das Chaos auf drei Stockwerken. Graffiti, Tags sind überall, jeder Fleck ist beschriftet. Das Epplehaus ist ein Kunstwerk, bunter als jeder städtische Bebauungsplan es gestatten würde. Und auf seiner Fassade, in Richtung des Tübinger Bahnhofs, steht noch immer: "Kein Mensch ist illegal".


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