Für alle U30: Das ist eine Musikkassette. Fotos: Joachim E. Röttgers

Für alle U30: Das ist eine Musikkassette. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 339
Gesellschaft

Zappeln in der Pogobox

Von Oliver Stenzel
Datum: 27.09.2017
40 Jahre Punk in Stuttgart: Ein multimediales Projekt aus Buch, Tonträgern, Konzerten und einer Ausstellung im Württembergischen Kunstverein lässt die frühe Stuttgarter Punkszene wieder aufleben.

Punks und Polizei, das war, ist und bleibt ein heikles Verhältnis. Das zeigt sich auch bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Ausstellung "Wie der Punk nach Stuttgart kam" im Württembergischen Kunstverein am vergangenen Donnerstag. Als Moderator, Co-Kurator und Ex-Punk Norbert Prothmann den mit auf dem Podium sitzenden Kriminalhauptkommissar Wolfgang Knupfer vorstellt und dessen Dienstbezeichnung im ersten Anlauf nicht ganz zusammenkriegt, kommt aus dem Publikum ein abschätziges "Bulle halt". Die, vorsichtig ausgedrückt, reservierte Haltung so mancher im Publikum hat auch mit Knupfers früherer Funktion zu tun: Als junger Polizist kam er im September 1983 zur Stuttgarter "Soko Punk", zehn Monate nach deren Gründung.

Punk gewesen: Norbert Prothmann.

"Soko Punk", das klingt nach Repression, nach dem Versuch der spießigen Kehrwochenstadt, eine ihr suspekte Subkultur zu überwachen und in Schach zu halten. Knupfer, ein gemütlich wirkender Mittfünfziger mit Glatze und Schnauzbart, der in Turnschuhen, Jeans und weit sich über dem Bauch wölbenden Kurzarmhemd gekommen ist, bemüht sich, solche Assoziationen zu zerstreuen. Eine Soko, also eine Sonderkommission, würde immer dann eingesetzt, erklärt er, wenn ein größerer Sachverhalt zu ermitteln sei. Und in diesem Fall, weil es einen Fall von Landfriedensbruchs gegeben habe, an dem einige Punks beteiligt gewesen waren. Zudem habe die Soko nur wenige Monate tatsächlich "Soko Punk" geheißen. Und bald hätte sie sich nicht nur mit Delikten aus dem Umfeld der Punk-Szene, sondern auch aus anderen Subkulturen wie Skinheads, Rockern, Teds oder Hooligans befasst. Später sei sie in einen Teil des Jugenddezernats der Polizei aufgegangen. Willkürliche Repressalien seien nie von ihr ausgegangen, es sei immer "deliktbezogen" ermittelt worden.

"Von der Polizei irgendwo in der Pampa ausgesetzt"

Trotz solcher Beteuerungen wird Knupfer an diesem Abend von vielen früheren Punks aus dem Publikum als Stellvertreter für all das genommen, was ihnen früher von Seiten der Ordnungshüter widerfuhr. Was nicht wenig war. Punks wurden oft willkürlich in der Stadt von Polizisten aufgegriffen, und "irgendwo in der Pampa ausgesetzt", eine Praxis, die so ziemlich alle Stuttgarter Punkveteranen bestätigen, oft inklusive der Knüppel- und Faustschläge.

Stellt sich der Diskussion: Kommissar Knupfer.
Stellt sich der Diskussion: Kommissar Knupfer.

Knupfer will all das gar nicht in Abrede stellen: "Ich werde den Teufel tun, meine Polizeiführung von damals zu verteidigen, ich glaube Ihnen erstmal." Aber das seien alles keine Aktionen der Soko gewesen. Es hilft ihm wenig, wenn er aus dem Publikum angesprochen wird, dann immer wieder als "ihr". "Ihr habt uns bei der Demo gegen Franz Josef Strauß 1980 niedergeknüppelt", sagt einer, und: "Meine Karriere als Linksextremist habe ich euch zu verdanken." Und wiederholt ist auch vom berühmten "Punker-Fotoalbum" die Rede, mit dessen Hilfe die Szene umfassend katalogisiert worden sei. Es sei ihnen bei Polizeibefragungen gezeigt worden, erzählen viele übereinstimmend. Und sie seien teils schockiert gewesen, bei welchen Gelegenheiten sie ohne ihr Wissen fotografiert worden seien.

Die Verantwortlichen und der Verbleib des Fotoalbums werden an diesem Abend nicht geklärt. Wie überhaupt die Aufarbeitung der Rolle der Polizei gegenüber der Punkbewegung offenbar noch längst nicht abgeschlossen ist. Und vielleicht könnte man auch sagen: Solange dies nicht erfolgt ist, ist Punk noch nicht musealisiert, noch nicht historisiert, ganz gleich, wie viele Ausstellungen es darüber schon gibt.

Exponate hinter Maschendraht.
Exponate hinter Maschendraht.

Was genau Punk in Stuttgart eigentlich ausmachte in den frühen Jahren von 1977 bis 1983, auch das kann im Rahmen der Diskussion nicht abschließend geklärt werden, genauso wenig wie die Frage, was es überhaupt heißt, Punk zu sein. Zu unterschiedlich sind die individuellen Zugänge und Deutungen. Was für Ausprägungen die aus England auf den Kontinent geschwappte Bewegungen aber in Stuttgart hatte, wie viel Kreativität die Jugendlichen in der Szene an den Tag legten, das zeigt die Schau mit einer beeindruckenden Fülle an Exponaten: Fanzines, die selbst kopierten und vertriebenen Fan-Zeitschriften, die in Dada-Technik und Collage-Stil hergestellt wurden, als Originale sowie ihre kompletten Seiten auf Endlosschleife in einem Film. Dazu kommen Kassetten, Plattencover, Hörstationen, Filmdokumente – und alte Klamotten, die einige frühe Punks zur Verfügung gestellt haben. Darunter Lederjacken, selbstgemachte, das heißt, mit Schablonen besprühte T-Shirts, Bundeswehr-Hosen mit Leopardenstoff-Flicken. Was es heute teilweise bei H&M von der Stange gibt, damals aber alles selbst gestylt wurde. Und wer sich ohne den Spott der Umstehenden ein wenig am zappeligen Tanzstil der Subkultur versuchen will, der kann dies zu Punk-Mucke in einer geschlossenen "Pogo-Box". Die sich in den ersten Ausstellungstagen schon intensivster Nutzung erfreute.

Einzigartige Punk-Songs aus der Versenkung geholt

Norbert Prothmann war in den frühen Stuttgarter Punktagen selbst Fanzine-Macher, arbeitet also auch seine eigene Vergangenheit auf. "Den 'Do-it-yourself'-Aspekt wollten wir sehr anschaulich machen", sagt er. Aber auch die bewusste Störung und Provokation, die Punk damals darstellte. Eine Spannung, die auch durch das Team der Ausstellungsmacher ermöglicht werden sollte. Im Gegensatz zu Prothmann war Hauptkurator Uli Schwinge nie Punk, wurde später sozialisiert, "er hat eine ganz andere Ästhetik als ich", sagt Prothmann. Schwinge, der Geschäftsführer des kleinen Stuttgarter Verlags Edition Randgruppe ist, sagt, sein Design sei ganz bewusst "sehr glatt und clean, denn es soll das saubere Stuttgart symbolisieren, aus dem dann der Punk ausgebrochen ist". Mit dem Projekt habe er auch der damaligen Szene ein Denkmal setzen wollen.

Schwinge war es auch, der den Musiker und ehemaligen Lehrer Simon Steiner dazu drängte, nicht nur ein Taschenbuch über die Anfänge der Stuttgarter Punkszene zu erstellen, sondern aus seinen Recherchen gleich ein Multimedia-Projekt zu machen (Kontext berichtete): Kein normales Buch, sondern einen Schuber mit elf Fanzine-artigen Heften, dazu die nun laufende Ausstellung sowie Vinylplatten und CDs. Das ganze sollte über eine Crowdfunding-Aktion finanziert werden, die im April startete und 14 300 Euro als Mindestziel hatte. Am Ende kamen fast 20 000 Euro zusammen. Gereicht hat das Geld dennoch nur mit Ach und Krach, wie Schwinge sagt, man habe etwas zu zurückhaltend kalkuliert.

Zu den schönsten Überraschungen des Projekts gehören die Tonträger. Denn zwischen 1977 und 1983 gründeten sich in Stuttgart und im Umland zwar um die 200 Bands, auch die heute noch bekannten Normahl aus Winnenden. Eine Vinyl-Platte aufzunehmen war für die meisten damals aber eine zu große Hürde, "viele Songs erschienen deshalb, wenn überhaupt, nur auf Kassette", sagt Bernd Schmidt alias Barny Trouble vom kleinen Label Incognito Records. Auch er ein Szene-Veteran von damals – und heute Inhaber des Fahrradladens "Stadtrad" im Stuttgarter Westen. Schmidt begann vor zwei Jahren, die Tonträger für das Projekt zusammenzustellen, "meine Erwartungen waren eher gedämpft".

Heute ist er, nachdem er rund 100 alte Kassetten und Platten angehört hat, anderer Meinung: "Kaum zu glauben, wie viele hervorragende und einzigartige Songs aus der Versenkung auftauchten." Weswegen aus der geplanten LP auch ein Doppelalbum mit 44 Songs wurde, einige davon bislang unveröffentlicht. Punk ist dabei weit gefasst: neben rohem Streetpunk findet sich auch Experimentelles, Minimal, New Wave.

Manche Punk-Bands gibt es heute noch

So kurzlebig viele Bands waren, manche haben überdauert. Bei einem Festivalwochenende im Rahmen der Ausstellung vom 29. September bis zum 1. Oktober – Tagesmottos "Elektronik", "Pogo" und "Freistil" – sind unter den 17 spielenden Bands sieben, die sich auch auf den Tonträgern finden: Familie Hesselbach, Stragula, Fliehende Ägypter, Herbärds, Die Sache, Die Alten und Heute (mit Künstler-Unikum G.A.W.), daneben Erika 51, eine Art kleine All-Star-Band. Im Wechsel spielen die Veteranen mit jüngeren, im weitesten Sinne Punk-Bands aus der Region wie Rocket Freudental, Krime, Ursus und Säulen des Kosmos – und den Londoner Gästen Eight Rounds Rapid, die exakt klingen wie eine 77er-Punkband.

Der Zeigefinger eines Punks.
Der Zeigefinger eines Punks.

Zwei Tage darauf, am Tag der Deutschen Einheit, folgt noch eine "interaktive Lesung" mit früheren Szene-Protagonisten wie Markus Bella, Olli Prechtl und Steffen Moddrow, die ein Eintauchen in die Sprache und Welt der damaligen Fanzines ermöglichen soll. Ein interaktives Element während des ganzen Zeitraums der Ausstellung ist eine Fototapete, die Besucher nach Lust und Laune mit alten oder neuen Dokumenten füllen können. Versteigert werden soll diese dann bei der Finissage am 8. Oktober, bei der die Szene-Veteranen von Normahl auch – ganz unpunkmäßig – unplugged spielen werden.

Nicht versteigert werden sollen die Fanzines. Die Subkultur-Zeugnisse werden nun nämlich gewissermaßen zum Kulturerbe geadelt: "Das Stadtarchiv hat sich angeboten", erzählt Buchautor Simon Steiner, "die Fanzines aufzubewahren." Wenn das vor rund 40 Jahren die junge Punk-Mädels und -Jungs geahnt hätten, als sie mit Schreibmaschine, Schere und Uhu ihre Statements der Rebellion zusammenstückelten.


Info:

Die Ausstellung "Wie der Punk nach Stuttgart kam" läuft noch bis zum 8. Oktober im Württembergischen Kunstverein, Schlossplatz 2, S-Mitte; Öffnungszeiten: Di, Do-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr; weitere Infos zum Projekt: www.stuttgartpunk.de

Das Buch "Wie der Punk nach Stuttgart kam..." von Simon Steiner (11 Hefte im Schuber plus CD mit 37 Tracks, 370 Seiten, 65 Euro) sowie die Doppel-LP "Stuttgart brennt vor Langeweile" (44 Tracks, 25 Euro) kann man bestellen beim Verlag Edition Randgruppe.


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