Nicht im Bild: Das Hupkonzert.

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Ausgabe 339
Politik

Tanz den Theodor-Heuss-Tango

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 27.09.2017
Zivilgesellschaft und Wissenschaft treiben in Stuttgart Initiativen für eine nachhaltige Mobilitätskultur voran. Die Verkehrswende ist das noch nicht. Doch die Ideen machen Mut und die kreativen Interventionen setzen Nadelstiche zur Genesung der Stadt.

Sie tanzen Tango auf der Theodor-Heuss-Straße. Eine Ampelphase lang, und noch eine, und noch eine. Die rund 30 Paare denken gar nicht daran, die Fahrbahn zu überqueren, und die Autos stauen sich immer länger. In der ersten Reihe genießen sie den Anblick, weiter hinten fängt es ungeduldig an zu hupen. Oder liegt es daran, dass der türkische Hochzeits-Konvoi ebenfalls im Stau steckt?

Der Ampel-Tango steht zwar nicht im Programm, ist aber Teil der dreitägigen Abschlussveranstaltung des Reallabors für nachhaltige Mobilitätskultur: Zweieinhalb Jahre lang haben Wissenschaftler der Universität Stuttgart gemeinsam mit zivilen Akteuren Initiativen erforscht, die an einer nachhaltigen Mobilitätskultur arbeiten. Zum Beispiel haben sie untersucht, wie die Initiative Freies Lastenrad ihre Aktivitäten auf weitere Standorte verteilen kann. Diese hat Thomas Becker vom vereinsgetragenen, sozial orientierten Biomarkt "Plattsalat" im Stuttgarter Westen, ins Leben gerufen, sie verleiht elektronische Lastenfahrräder auf Spendenbasis. 

Im Härtetest: Beim Lastenradrennen mit zwei prall gefüllten Wassereimern.

Vergleichbare Projekte gibt es, Stand Ende 2016, bereits in 44 deutschen und österreichischen Städten. Auch die Idee, einmal im Jahr, nämlich am dritten September-Freitag, Parkplätze zu kapern und für andere Zwecke zu nutzen, stammt keineswegs aus Stuttgart. Von San Francisco ausgehend, hat sich der Parking Day seit 2005 weltweit verbreitet. In New York ist der Times Square, ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, seit dem Parking Day 2009 dauerhaft verkehrsberuhigt.

Neu ist dagegen die Initiative der "Bürger-Rikscha", durch ehrenamtliches Engagement den Bewegungsradius mobilitätseingeschränkter Personen zu erweitern. Eine Sozialwissenschafts-Studentin hat darüber ihre Masterarbeit angefertigt. Das Gesundheitsamt zeigt Interesse, ebenso weitere Gruppen unter anderem aus Kirchheim. Andere Projekte haben noch Anlaufschwierigkeiten. Jan Lutz sucht für seine Initiative Plusrad, die Radfahren mit Einkaufsrabatten belohnen will, noch Unterstützer aus dem Einzelhandel. Die "Mobilitätsschule", verbandelt mit der 2010 bei Bosch ins Leben gerufenen Elektroauto-Fangruppe "Electrify BW", will andere Fortbewegungsarten in den Fahrschulunterricht einbinden, nach dem Motto "Autofahren können, nicht müssen".

Akupunkturhafte Interventionen

All diese Initiativen sind freilich nicht neu. Was hat also das Reallabor bewirkt? Antje Stokman, als Professorin am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie Mitinitiatorin und Sprecherin des Labors, erwähnt dazu zum Beispiel die sogenannten Parklets, also Erweiterungen der Gehwege mit Sitzgelegen, Bäumen und mehr, wo sich früher Parkplätze befanden. Beim diesjährigen Parking Day gab es davon elf statt wie bisher nur einem. Andere angegliederte Projekte wie die Stäffele-Galerie im Sommer 2016 oder das von Jan Lutz initiierte OK Lab Stuttgart, das Feinstaub-Messgeräte zum Selberbasteln anbietet und die Messwerte auf einer Karte bereitstellt, führt Stokman aus, haben sehr viel Aufsehen erregt. Durch systematische Untersuchungen, sagt sie, konnten wichtige Daten und Erkenntnisse gewonnen werden. Eine Publikation soll bis Mitte 2018 folgen. Im Seminar "Animated Urbanism" haben Studierende sechs animierte Kurzfilm-Clips angefertigt – ziemlich ungewöhnlich für ein Architekturstudium.

Machbar, aber nicht wünschenswert: Stuttgart kann ein Lied davon singen.

Nicht zuletzt sei es laut der Professorin darum gegangen, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und Kommunikationswege zu eröffnen. Die Stadtverwaltung zeige Interesse. Das Ordnungsamt, insbesondere die Leiterin der Abteilung Straßenverkehr Susanne Scherz, habe sich bei den Parklets durchaus beweglich gezeigt. Ein neues Fußverkehrskonzept sei auf dem Weg. Stokman spricht von akupunkturhaften Interventionen. Der Projektkoordinator Marius Gantert ergänzt: "Jede Veränderung beginnt im Kopf."

Dennoch: Trotz taktischer Nadelstiche wie Ampeltango und Parklets scheint die Verkehrswende noch sehr weit weg. "Stuttgart ohne Feinstaub, lärmende Straßen und zugeparkte Plätze?", fragt Stokman im Abschlussprogramm: "Mit lebendigen Nachbarschaften, einladenden öffentlichen Räumen, selbstbestimmter Mobilität und gesellschaftlicher Teilhabe für Jung und Alt?" Das bleibt vorerst noch Utopie. Und das Reallabor, bewilligt bis Ende des Jahres, läuft aus. Stokman lehrt inzwischen an der Hafencity-Universität, auch Gantert geht nach Hamburg. Buchstäblich in letzter Minute kam noch ein Verlängerungsantrag auf den Weg. Aber wer das Projekt an der Uni weiter betreut, steht noch ebenso wenig fest wie die inhaltliche Ausrichtung.

Von links: Moderator Marco Sonnenberger, Birgit Schneider-Bönninger, Uwe Schneidewind, Dominik Rudolph und Thomas Becker bei der Reallabor-Diskussion. Foto: Konrad Zerbe
Von links: Moderator Marco Sonnenberger, Birgit Schneider-Bönninger, Uwe Schneidewind, Dominik Rudolph und Thomas Becker bei der Reallabor-Diskussion. Foto: Konrad Zerbe

Uwe Schneidewind rät, nicht zu klein zu denken. Der Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, auf den das Konzept der Reallabore zurückgeht, ist zu einer der Abschlussdiskussionen gekommen. Als er seinerzeit sein Buch "Nachhaltige Wissenschaft" vorstellte, war Theresia Bauer dabei, damals noch nicht als Wissenschaftsministerin des Landes. Sie ließ sich begeistern, und so kommt es, dass Baden-Württemberg als erstes Bundesland Reallabore eingerichtet hat.

Stuttgart steht vor der Wahl, so Schneidewind: "Wenn's schlecht läuft, wird die Region das Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts". In der Tat muss die Automobilindustrie, einer noch nicht publizierten, von der Baden-Württemberg-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie zufolge gewaltig umdenken, wenn das Land nicht einen wirtschaftlichen Niedergang erleben soll. "Wenn's gut läuft", könne die Region dagegen global vorbildlich werden: wenn nämlich die Impulse, wie sie vom Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur ausgehen, einen Wandel auslösen.

Die Resultate des Reallabors gibt's in der Ausstellung "Stuttgart in Bewegung" zu sehen.
Die Resultate des Reallabors gibt's in der Ausstellung "Stuttgart in Bewegung" zu sehen.

Das Projekt habe, so auch Christian Löwe vom Umweltbundesamt (UBA), "in Bezug auf Nachhaltigkeit ein vielleicht einzigartiges Potenzial." Nur bei diesem Reallabor hat sich das UBA sehr bald an der Förderung beteiligt und nun die Abschlussveranstaltung für eine eigene Fachtagung genutzt. Doch natürlich gibt es gegen die Ideen, von der Umwidmung einzelner Parkplätze bis hin zur autofreien Stadt, auch erhebliche Widerstände. Er habe tagtäglich erlebt, welche Diskussionen das Parklet vor seinem Haus ausgelöst habe, gibt Dominik Rudolph in der Diskussion mit Schneidewind zu bedenken.

Rudolph koordiniert an der Universität Stuttgart die Change Labs, die quer durch alle Fächer bereits Studierenden ermöglichen, eigene Ideen für mehr Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zu realisieren. Genau das ist es, was Schneidewind mit den Reallaboren bezweckt: Denn im Wissenschaftsbetrieb bewegen sich Forscher häufig nur im Rahmen der eigenen Disziplin. Eine Rückkopplung zur Gesellschaft fehlt.

Beim Reallabor gibt's sogar Zebrastreifen zum Mitnehmen.
Beim Reallabor gibt's sogar Zebrastreifen zum Mitnehmen.

Außergewöhnlich ist auch die Mitwirkung bürgerschaftlicher Initiativen. Selbständige "Change Agents" wie Jan Lutz, der das Stuttgarter Reallabor in vielfacher Hinsicht vorangetrieben und begleitet hat, haben es schwerer: Zusätzlich zur ehrenamtlichen Arbeit müssen sie für das Reallabor noch mehr Zeit aufwenden – ohne dass es dafür auch nur eine Aufwandsentschädigung gibt. Als eigentliche Akteure des Wandels waren sie auch in den Verlängerungsantrag nicht eingebunden, wie Lastenrad-Verleiher Thomas Becker moniert.

Bei Kulturamtsleiterin Birgit Schneider-Bönninger kann man mit dem Reallabor nur offene Türen einrennen. Sie spricht von einem Zukunftsmodell und hat auch ihr Amt jüngst zum Zukunftslabor erklärt. In der Tat sind es nicht selten künstlerische Interventionen wie der Ampel-Tango, die dem Modell der Nadelstiche zur Genesung der Stadt am besten entsprechen. Ihre Teilnehmer waren hellauf begeistert, sagt Vera Lempertz von der Tangoschule Tango Ocho. Es könnte sein, dass sie schon bald wieder – auch unangemeldet – an der einen oder anderen Fußgängerampel zwei, drei Ampelphasen lang Tango tanzen.

Die 16 Monate alte Merle ist auch dabei.
Die 16 Monate alte Merle ist auch dabei.


Info:

Noch bis 29. September sind die Infotafeln des Reallabors zwischen Hospitalhof und Rathaus aufgebaut.

Am Mittwoch, 27. September ab 18 Uhr stellen sich in der Reallabor Lounge am Rotebühlplatz 20A drei verkehrsbezogene Reallabore aus Stuttgart, Schorndorf und Heilbronn vor. 

Am Freitag, 29. September um 18.30 Uhr hat das Alternative Radforum Vertreter der Gemeinderatsfraktionen zu einer Diskussion über die Zukunft des Radverkehrs in Stuttgart ins Kulturzentrum Merlin, Augustenstraße 72, eingeladen.


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