Wissenschaft trifft auf Realität: Elke Uhl und Marius Gantert von der Uni Stuttgart planen die "Karawane der Zukunftsmobilität". Fotos: Joachim E. Röttgers

Wissenschaft trifft auf Realität: Elke Uhl und Marius Gantert von der Uni Stuttgart planen die "Karawane der Zukunftsmobilität". Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 261
Gesellschaft

Die Stadt als Labor

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 30.03.2016
Ein Leben ohne die eigenen vier Räder scheint in Stuttgart, der Heimat von Mercedes und Porsche, der Hauptstadt von Stau und Feinstaub, undenkbar. Oder doch? Das Future City Lab, eines von vierzehn so genannten Reallaboren des Landes, fragt nach Alternativen.

Mit Spannung wurde Mitte Januar in Stuttgart der erste Feinstaubalarm erwartet: Würden die Autofahrer freiwillig ihr "heilig's Blechle" stehen lassen? Sehr bald stellte sich heraus: Die Straßen waren voll wie immer. Der öffentliche Verkehr hatte kein Kapazitätsproblem. Als beim zweiten Alarm der motorisierte Individualverkehr im Tagesdurchschnitt um zwei Prozent zurückging, wurde dies schon als Erfolg gewertet.

Der Feinstaubalarm interessierte die meisten Autofahrer herzlich wenig.
Der Feinstaubalarm interessierte die meisten Autofahrer herzlich wenig.

Aber es müsste doch auch anders gehen. Ressourcenschonend vom Fleck kommen, ohne eine Tonne Blech spazieren zu fahren, die jede Menge Feinstaub und CO2 produziert. Aber wie? Und wie wären die Menschen dazu zu bewegen? Danach fragt das Future City Lab, das sich eine "nachhaltige Mobilitätskultur" auf die Fahnen geschrieben hat: eines von mittlerweile vierzehn Reallaboren des Landes. Wissenschaftliche Institute arbeiten mit Akteuren des zivilen Lebens an einer "Kultur der Nachhaltigkeit".

"Nachhaltigkeit mag zu einem Schlagwort geworden sein", schreibt Theresia Bauer, die Wissenschaftsministerin, im Vorwort zu einem Expertenbericht, den sie 2012 in Auftrag gegeben hat. "Sie bleibt dennoch eine der größten Herausforderungen unserer Zeit." Bauers Auftrag an die Kommission: "Empfehlungen zu erarbeiten, die geeignet sind, den Beitrag der Wissenschaft für eine nachhaltige Entwicklung zu stärken." Denn: "Wir müssen die Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften, grundlegend ändern, wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen, ohne auf Kosten anderer Regionen oder künftiger Generationen zu leben."

Raus aus dem Elfenbeinturm!

Im Zentrum der Empfehlungen steht der Begriff des Reallabors. Uwe Schneidewind, Sprecher des Gremiums und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, definiert: "Ein Reallabor bezeichnet einen gesellschaftlichen Kontext, in dem Forscherinnen und Forscher Interventionen im Sinne von 'Realexperimenten' durchführen, um über soziale Dynamiken und Prozesse zu lernen." Das 1991 von Ernst Ulrich von Weizsäcker gegründete Institut gilt als führend auf dem Gebiet der Transition-Forschung: der Analyse und Begleitung von Übergängen hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. Diese Forschung findet nicht im Elfenbeinturm statt, sondern bezieht "beteiligte Akteure" mit ein.

2013 gab es eine erste Ausschreibung. Sieben Reallabore erhielten im Herbst 2014 den Zuschlag, darunter das Future City Lab, angesiedelt am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie an der Architekturfakultät der Universität Stuttgart. Das Labor ist in diesem Fall die ganze Stadt. Beteiligt sind Stadtplaner, Sport- und Verkehrswissenschaftler, das Fraunhofer Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement – insgesamt sieben wissenschaftliche Institute, dazu Projektpartner wie die Stadt Stuttgart, die Kunstakademie oder das Stadtmuseum. Was aber das Reallabor erst zum Reallabor macht, sind die "Pioniere des Wandels": zivilgesellschaftliche Akteure, die bereits von sich aus Impulse setzen.

Jan Lutz unterwegs auf Stuttgarts Straßen.
Jan Lutz unterwegs auf Stuttgarts Straßen.

Ein solcher Akteur ist Jan A. Lutz, der seit 2009 in einem Blog Nachrichten und vorbildliche Beispiele zur Fahrradmobilität sammelt: eine Fundgrube für alle, die für den Radverkehr mehr als ein Lippenbekenntnis übrig haben. Den sperrigen Namen "Carl vs. Karl" – nach Carl Benz und Karl Drais – hat er kürzlich in Plusrad geändert. 

Auch Thomas Becker ist ein "Pionier des Wandels". Um Besorgungen und Lieferungen des von einem Verein betriebenen Bioladens "Plattsalat" im Stuttgarter Westen nicht immer mit dem Auto erledigen zu müssen, hat er ein Lastenrad gebaut. Mittlerweile gibt es vier Typen, welche die Initiative Lastenrad Stuttgart für nichtkommerzielle Zwecke kostenlos verleiht. Die Initiative Bürger-Rikscha wiederum möchte mobilitätseingeschränkten Senioren zu mehr Beweglichkeit und gemeinsamen Erlebnissen mit Kindern, Flüchtlingen und anderen Personen verhelfen.

Nur ein Lastenrad zur Verfügung stellen reicht noch nicht

So unterschiedlich wie die Akteure sind auch die Projektziele: Den einen geht es um Gesundheit, den anderen um die Umwelt, den dritten um Teilhabe oder um die Nutzung des öffentlichen Raums. "Einkaufswege sparen", steht auf einem Papier, "gemeinsam zur Schule", aber auch "Stadtraum erobern".

Auf mehrere Seminare an der Stuttgarter Uni folgten Ende 2015 ein "Markt der Ideen" und ein Wettbewerb. Aus den Vorschlägen von Studierenden und Pionieren hat eine zwölfköpfige Jury sechs "Realexperimente" ausgewählt und dabei immer auch nachgehakt: Wo ist das Experiment? Nur ein Lastenrad zur Verfügung stellen reicht nicht. Um verschiedene Nutzungen zu untersuchen, soll es künftig wechselweise auch am Welthaus oder an der offenen Reparaturwerkstatt Hobbyhimmel im Feuerbacher IW8-Areal bereitstehen. Das Marienhospital möchte Mobilitätsalternativen entwickeln, um das unschöne Gedränge der Parkplatzsucher zu reduzieren. Ein studentisches Projekt will die Stuttgarter Stäffele als attraktive, gesundheitsfördernde kurze Wege neu beleben.

Jan Lutz entwickelt eine Plusrad-App, die nun auch vom Umweltbundesamt (UBA) bezuschusst wird und Radfahrer für zurückgelegte Kilometer belohnen soll. Denn der Autoverkehr verursacht nach Angaben aus Kopenhagen einen volkswirtschaftlichen Schaden von 15 Cent, der Fahrradverkehr dagegen einen Nutzen von 16 Cent pro Kilometer. Lutz will den Einzelhandel gewinnen, sich mit Rabatten und kleinen Präsenten dafür zu bedanken, dass Radler im statistischen Mittel nachweislich mehr einkaufen als Autofahrer.

Der UBA-Zuschuss gleicht einen Konstruktionsfehler des Reallabors aus: Während Universitätsangestellte ein festes Gehalt beziehen, war für Mitarbeiter ziviler Initiativen keinerlei Aufwandsentschädigung vorgesehen. Wenn der zivile Akteur etwa die Hochschule für Technik ist, die ihren eigenen Campus klimaneutral gestalten will, mag dies kein Problem sein. Aber für Privatpersonen kann der Zeitaufwand schnell das Maß übersteigen, das sich noch ehrenamtlich bewältigen lässt.

Das schönste Reallabor von allen: Nordschwarzwald.
Das schönste Reallabor von allen: Nordschwarzwald.

Dies ist nur einer von vielen Fallstricken auf dem Weg zu einer gelungenen, das heißt gleichberechtigten Zusammenarbeit von Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Einem Forschungsinstitut geht es um Erkenntnisgewinn. Initiativen der Bürgerschaft drängen dagegen eher auf Veränderung. Wissenschaftler und zivile Akteure sprechen nicht immer dieselbe Sprache. Zudem sind die einzelnen Reallabore sehr unterschiedlich strukturiert: Dem Reallabor Nordschwarzwald geht es um Nachhaltigkeit im Nationalpark, dem "Urban Office" der Universität Heidelberg dagegen um Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft. Ein Labor der Universität Ulm und der Hochschule Reutlingen konzentriert sich wiederum auf den Textilstandort Dietenheim.

Transporter, die selber fahren, und Busse ohne Haltestellen

Damit nicht jeder für sich ins Blaue hinein forscht, gab es bereits im vergangenen Jahr einen Workshop zur Vernetzung in Karlsruhe. Zwei externe Teams von der Leuphana Universität Lüneburg und der Uni Basel untersuchen die Prozesse, die in den einzelnen Reallaboren zur Anwendung kommen: eine Art Supervision, um Erfahrungsgrundlagen zu gewinnen.

Die Labore der zweiten Runde konzentrieren sich ganz auf städtische Themen, mit Schwerpunkt auf dem Verkehr. Heilbronn möchte im Rahmen der Bundesgartenschau 2019 selbstfahrende Transportfahrzeuge einsetzen, Karlsruhe die Stadt fußgängerfreundlicher gestalten. In Schorndorf will das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt einen Busverkehr ohne Haltestellen entwickeln, der den Fahrgast direkt vor der eigenen Haustür abholt. In der Schweiz gibt es das bereits seit zwanzig Jahren, aber das macht es nicht überflüssig, nun auch für den mittleren Neckarraum ein Konzept zu finden.

Stehende Autos brauchen jede Menge Platz in der Stadt.
Stehende Autos brauchen jede Menge Platz in der Stadt.

Freilich gibt es Systemgrenzen. Dies zeigt sich am Realexperiment Parklet, das durch temporäre Besetzung von Parkplätzen darauf aufmerksam machen will, wie viel öffentlicher Raum für die ruhende Mobilität reserviert ist und wie sich dieser auch anders nutzen ließe. Hier zeigt sich die Stadtverwaltung skeptisch. Eine Grenze des Projekts offenbart auch die "Karawane der Zukunftsmobilität", die am Sonntag, dem 3. April ab 11 Uhr in drei Zügen vom Stuttgarter Messegelände aus startet und das Future City Lab einer breiten Öffentlichkeit vorstellen soll. Ausgangspunkt ist die Messe i-mobility, veranstaltet von der Zeitschrift "Auto Motor Sport". Auf Radler und Fußgänger, die mit einem Brennstoffzellen- oder einem E-Bus mit Radnabenmotoren losfahren, folgen denn auch automobile Alternativen wie die Car2go-Carsharingfahrzeuge von Daimler: Ganz ohne Auto scheinen in Stuttgart auch die Alternativen zum Autoverkehr nicht zu funktionieren.

Dann aber beginnt die Innenstadttour am Feuersee: eine Verneigung vor den Organisatoren der Radrundfahrt Critical Mass. Auf den Hauptverkehrsachsen Rotebühl-, Paulinen- und Hauptstätter Straße setzt sich ein bunter Tross mit so exotischen Fahrzeugen wie dem Pilgreens eTukTuk, dem Fahrradbus, dem faltbaren EPAC-Strida und Trotti-Elec oder dem von der Uni Stuttgart entwickelten windgetriebenen inVentus Ventomobil in Richtung Marienplatz in Bewegung. Dort soll ein Markt der nachhaltigen urbanen Mobilität stattfinden. Im Theater Rampe spricht unter anderem Baubürgermeister Peter Pätzold. Und zur Unterhaltung spielt passenderweise die Band "Bewegung tut gut".

Mehr zum Thema gibt's unter www.r-n-m.net.


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