Kistentransport mit Muskelkraft, E-Motor-unterstützt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Kistentransport mit Muskelkraft, E-Motor-unterstützt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 271
Gesellschaft

Pedalkraftmeier

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 08.06.2016
Waren mit Lastenrädern auszuliefern: das könnte ein Teil der Lösung des Stuttgarter Feinstaubproblems sein. Mehrere Akteure haben aus ganz verschiedenen Gründen begonnen, die Stadt in ein einzigartiges Experimentierfeld zu verwandeln.

Alles begann mit der Montagsdemo. Das fällt Thomas Becker, Plattsalat-Gründer und ‑Geschäftsführer, aber erst wieder ein, als er überlegt, wie lange es Lastenrad Stuttgart schon gibt. Zwei Jahre? Drei Jahre? So kann es gehen, wenn man einen von einem Verein mit 500 Mitgliedern getragenen Bioladen am Laufen hält und zugleich noch in allen möglichen anderen Dingen engagiert ist. Wie zum Beispiel im Projekt Lastenrad.

Thomas Becker, Lastendrahteselpionier.
Thomas Becker, Lastendrahteselpionier.

Auf den Montagsdemos gegen Stuttgart 21 hat Becker Getränke wie das Resist-Widerstandsbier der Brauerei Rössle aus Ehingen oder die K21-Bio-Limonade der Familienbrauerei Hald in Dunstelkingen verkauft. Dazu hat er sich ein Lastenrad von der Bruderhaus-Diakonie ausgeliehen, die seit 30 Jahren in Reutlingen das nach ihrem Gründer Gustav Werner benannte Modell Gustav W. herstellt. Als der 1998 gegründete Biomarkt vor drei Jahren an die Gutenbergstraße umzog, war Becker sofort klar, dass die "schöne Hofsituation" im Stuttgarter Westen nicht nur als Parkplatz dienen sollte. Am Vorabend der Eröffnung lud Plattsalat die Teilnehmer*innen der Radrundfahrt Critical Mass zu einer Kartoffelsuppe ein. Zur Eröffnung am folgenden Tag standen einige Lastenräder im Hof. Vier Monate später fand ein "Alternativer Verkehrsmarkt" statt. Immer mit dabei die E-Mobilitäts-Pionierin Conny Krieger.

Aber woher nehmen, ein Lastenrad, in Stuttgart? Erst seit Kurzem importiert die Familie Pelzer Lastenräder aus Kopenhagen, die dort in der alternativen Freistadt Christiania bereits 1984 entwickelt wurden. Der Name, Hyggelig, hört sich an wie hügelig, heißt aber gemütlich. In Kopenhagen, der Metropole des Fahrradverkehrs, sind rund 40 000 Lastenräder unterwegs, in Stuttgart vielleicht zwanzig. Thomas Becker stieß auf das von Till Wolfer entwickelte XYZ-Rad; die Bauanleitung gibt es online.

Auf der Messe i-mobility 2014 schraubte Becker mit Hilfe von Clemens Rudolf vom Verein "Fahrräder für Afrika" das Vehikel aus gut 1000 Teilen öffentlichkeitswirksam zusammen. Der Veranstalter, die Zeitschrift "Auto Motor Sport", war gerne bereit, dafür einen Platz anzubieten, denn die Stände der Automobilhersteller dümpelten vor sich hin und das Publikum machte sich rar. Die Feinstaubinitiative Neckartor trug einen Teil der Kosten. Einnahmen aus dem Getränkeverkauf nach der Critical Mass kamen dazu. Nach vier Tagen, so Becker, "war das Rädle fertig".

Bereits in 20 Städten werden Güter mit dem Rad transportiert

Seitdem steht es im Hof von Plattsalat, schon bald aufgerüstet durch einen gespendeten gebrauchten Elektromotor. Es steht nicht nur, sondern wird für Einkäufe und zur Auslieferung genutzt und kann ausgeliehen werden. Gratis. Das heißt nach Möglichkeit gegen Spende. Jede und jeder kann selbst bestimmen, wie viel er erübrigen kann. Etwas spendenfreudiger dürften die Nutzer*innen allerdings ruhig sein. Denn es gibt immer wieder etwas zu reparieren. Weitere Mitstreiter*innen wären willkommen, etwa für die Wartung oder für das Online-System. Freie Lastenräder gibt es nicht nur in Stuttgart. Köln hat 2013 den Anfang gemacht, inzwischen gibt es sie in vielleicht zwanzig Städten, ständig werden es mehr.

Gesehen auf der letzten "Eurobike", Messe Friedrichshafen..
Gesehen auf der letzten "Eurobike", Messe Friedrichshafen.

Auch die Zahl der Räder in Stuttgart nimmt zu. Als nächstes folgte ein Fahrrad-Anhänger, aus Kanada, so etwas gibt es hier nicht. In den Korb des XYZ-Rads passt eine Gemüsekiste, auf den Hänger sechs hintereinander. Auf der nächsten i-mobility bauten die inzwischen versierten Schrauber*innen gleich zwei Räder. Während der Transportkorb beim dreirädrigen XYZ-Rad zwischen den Vorderrädern sitzt, gibt es auch eine einspurige Variante mit langem Radstand und Ladefläche zwischen Lenker und Vorderrad, hergestellt von der Radkutsche in Mössingen.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind alle: die Dreiräder, weil sie sich nicht in die Kurve neigen; das lange wegen des sehr großen Wendekreises; und das Fahren mit Anhänger, weil die Kurven weit ausgefahren werden müssen, damit der Hänger nicht hängen bleibt. Die Devise lautet: erstmal ein bisschen üben, lieber langsam tun und bloß nicht mit voller Last über die Bordsteinkante brettern, sonst droht ein Platten und schlimmeres.

Die fünf Räder – E-Bike mit Anhänger eingeschlossen – und ein weiteres stehen nun nicht alle in der Gutenbergstraße, sondern verteilt auf den zweiten Plattsalat-Laden im Hallschlag, das Welthaus in der Stadtmitte und weitere wechselnde Stationen. Denn die Lastenrad-Initiative ist auch am Future City Lab beteiligt: In dem Reallabor erprobt die Universität Stuttgart mit Akteuren des zivilen Lebens Wege zu einer nachhaltigen Mobilität. Damit die Forscher*innen etwas zu forschen haben, untersuchen sie an wechselnden Standorten das Nutzerverhalten und haben zu diesem Zweck ein weiteres Lastenrad vom niederländischen Typ Babboe angeschafft.

Auch die IHK findet Lastenräder prima

Thomas Becker ist Überzeugungstäter. Er ist der Auffassung, dass sich auf gemeinwirtschaftlicher Basis viele Probleme besser bewältigen lassen. Und dass Lastenräder in der Stadt einen Großteil der Transportaufgaben erfüllen könnten. Zu diesem Schluss gelangt auf ganz anderen Wegen nun auch die Industrie- und Handelskammer (IHK). Es gibt einen Arbeitskreis Innenstadtlogistik, der in einer Studie bereits 2012 auf die Chancen hingewiesen hat, die Lastenräder im Paketzustelldienst eröffnen. Der United Parcel Service (UPS) testet sie schon seit 2010, DPD zog bald nach. Spediteure, die nach Stuttgart liefern, bleiben je nach Jahreszeit, Wetterlage und Gesetzgebung oft auf den letzten Metern im Stau stecken – oder kommen nur noch mit Ausnahmegenehmigung in die Stadt. Auf die Innenstadt, auf die "letzte Meile", die Verteilung in die Fläche, an die Kund*innen, darauf würden viele gern verzichten. Genau da könnten Lastenräder eine entscheidende Rolle spielen. Im März hat die IHK eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) vorgestellt. Nun zieht auch die Stadt nach und will mit dem IAO alternative Zustellsysteme erproben.

Bei der verkehrspolitischen Radtour des ADFC:
Bei der verkehrspolitischen Radtour des ADFC:
Minister Hermann (links), Bürgermeister Wölfle.
Minister Hermann (links), Bürgermeister Wölfle.

Wo andere noch forschen, hat Raimund Rassilier bereits die Lösung. Der Verkehrsfachwirt aus Tübingen hat fast 20 Jahre lang Schüttgut und Recyclingmaterialien transportiert und 2005 wegen der vielen kleinen Anfragen eine Transportbörse ins Leben gerufen. Mit zwei dreirädrigen Lastenrädern begann er ab Herbst 2014, Tübingen zu erkunden. Seit Januar 2015 bietet er unter dem Namen Velocarrier seine Dienste an. Im Herbst folgte Esslingen, dann Würzburg und Gießen, und seit Mai 2016 ist Velocarrier nun auch in Stuttgart unterwegs. Weitere sechs Städte sollen noch in diesem Jahr folgen, 32 haben Interesse angemeldet.

Rassilier erklärt das Hub-and-Spoke-System – eine Fahrrad-Metapher: "So funktioniert Logistik auf der ganzen Welt." Die Nabe, Hub, ist die Station, von der aus die Wege wie die Speichen eines Rads in alle Richtungen zu den Kunden führen. Die Vorzüge illustriert er mit Blumenläden: Normalerweise schickt der Blumenhändler jeden Strauß einzeln zum Empfänger. Manchmal kommen dann fünf Autos beim selben Geburtstagskind angefahren. Velocarrier würde die Blumensträuße zum Hub bringen und gesammelt ausliefern.

Rassilier sieht sich jede Stadt genau an. In Esslingen ist er aktiv geworden, weil die City-Initiative Interesse bekundet hat. Mit Velocarrier können die Einzelhändler bei Einkäufen und Bestellungen bis 16 Uhr noch am selben Tag liefern: ein entscheidender Pluspunkt in Zeiten des Internet-Handels. Amazon schafft das durch die schiere Masse. Mit Hilfe des Fahrraddiensts können auch Familienbetriebe mithalten. Ab welchem Einkaufswert die Lieferung kostenlos ist, bleibt dem Verkäufer überlassen. Rassilier rät, eher keine Gebühren zu berechnen: In der Regel kämen die Händler durch Mehrverkäufe auf ihre Kosten.

Eigentlich lohnt es sich in Städten, wo es Velocarrier gibt, nicht mehr, Pakete zur Post zu tragen. Der Kurierdienst holt sie von zuhause ab, bringt sie vor Ort noch am selben Tag zum Empfänger oder per DHL in andere Städte. Die Preise liegen zum Teil unter dem üblichen Paketporto. So kostet ein Paket bis fünf Kilogramm deutschlandweit 4,99 Euro. Diesen Tarif bietet DHL selbst nur bis zwei Kilogramm.

Die Radkutsche in Mössingen liefert die feinstaubfreien Fahrzeuge

Die Velocarrier-Transporträder stammen wie das lange Rapid-Rad von Plattsalat von der Radkutsche in Mössingen. Rassilier hat im Internet nach den geeignetsten Fahrzeugen gesucht und dann festgestellt, dass sich der Anbieter ganz in seiner Nähe befand. Anders als bei den XYZ-Rädern, die bis zu 130 Kilogramm transportieren können, sind die Koffer der Dreiräder von Velocarrier, ausgelegt für Lasten bis 250 Kilogramm, hinten angeordnet. Bei einer Höhe von 1,30 Meter wäre das anders auch gar nicht möglich.

Velocarrier-Dreirad, ausgelegt für 250 Kilogramm Spitzenlast.
Velocarrier-Dreirad, ausgelegt für 250 Kilogramm Spitzenlast.

Rassilier beginnt in einer Stadt normalerweise mit zwei Lastenrädern. In Tübingen hat es ein halbes Jahr gedauert, bis sich das Geschäft trug. In Stuttgart hat Velocarrier gleich mit zwölf Rädern und vier Verteilstationen angefangen. Das gibt es noch nirgendwo sonst. Neben der Zentrale am Rosenbergplatz im Stadtteil West befinden sich weitere Stationen in Degerloch, Cannstatt und Feuerbach, der Stuttgarter Topografie folgend.

Velocarrier fährt überall dort, wo auch sonst Fahrräder unterwegs sind, auch wenn die Lastenräder in der Stadt mit dem Autoverkehr durchaus mithalten können. Um vom Stadtzentrum nach Cannstatt zu gelangen, müssen sie bisher, da die B14 nur für den Autoverkehr zugelassen ist, durch den Schlossgarten. Das könnte freilich schon bald nicht mehr ausreichen.

Noch gehört eine ältere Dame im Westen, die sich ihre Einkäufe nach Hause bringen lässt, zu den treuesten Kunden. Doch das Interesse ist groß, selbst bei großen Unternehmen wie Bosch oder Daimler, die ihr vom Abgasskandal angekratztes Image aufpolieren wollen. Wenn ab 2018 Fahrverbote drohen, so der Stuttgarter Sales-Manager Sebastian Bühler, könnten Lastenräder bei Feinstaubalarm gar der einzige Weg sein, die Ware an ihr Ziel zu bringen.

 

Info:

Am 12. Juni steigt in der Region Stuttgart die Critical-Mass-Sternfahrt (Motto: "You never ride alone!"), und vom 24. bis 26. Juni soll in Stuttgart wie weltweit ein Cyclehack stattfinden mit dem Ziel, "Radmobilität besser zu machen".


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