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Alarm am Neckartor

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Seit elf Jahren schafft es das Stuttgarter Regierungspräsidium nicht, das Feinstaubproblem am Neckartor in den Griff zu bekommen. Ab Januar wird es ernst. 20 Prozent weniger Verkehr will Minister Winfried Hermann: bei Feinstaubalarm. Und zunächst freiwillig.

Die Heslacher kennen das: Wenn im engen Tal des Stuttgarter Stadtteils die Luft von Hopfendüften geschwängert ist, herrscht Inversionswetterlage. Heißt: Kein Lüftchen regt sich, die Düfte von Stuttgarter Hofbräu und Dinkelacker können nicht abziehen und liegen wie eine Glocke über dem Stadtteil, Stuttgart versinkt dank Kessellage im Dunst.

An solchen Tagen registriert das Messgerät am Neckartor Feinstaubkonzentrationen, die deutlich über dem Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. Seit zehn Jahren ist das an maximal 35 Tagen im Jahr zulässig. Doch am Neckartor waren es jedes Jahr mehr. Zuletzt immer noch über 60 Tage.

Bereits vor einem Jahr hat die EU-Kommission mit Klage gedroht, falls nicht endlich wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen würden gegen den Feinstaub. Denn bisher wurde wenig erreicht. Feinstaubkehrmaschine und Feinstaubkleber waren reine Alibi-Maßnahmen. Rote, gelbe und grüne Umweltzonen, Fahrverbote für Lkw oder eine veränderte Ampelschaltung haben zwar die Tage reduziert, an denen die Höchstwerte überschritten werden. Aber das reicht noch nicht.

Gegen Feinstaub nützen auch Elektroautos nichts

Und so luden Verkehrsminister Winfried Hermann, Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Regierungspräsident Johannes Schmalzl am Freitag, den 11. Dezember, also zum Pressetermin ein, um den nächsten Schritt zu erläutern: Ab 11. Januar soll Feinstaubalarm ausgelöst werden, wenn der Deutsche Wetterdienst vorhersagt, dass es an mindestens zwei Tagen hintereinander zu Inversionswetterlagen kommt, die Luft in der Stadt also nicht zirkulieren oder abziehen kann. Über Radio und Zeitungen, Online-Medien, Tafeln an Ausfallstraßen und eine eigens eingerichtete Website werden die Bürger zwei Tage vorher informiert. Dann sollen sie ihre Holzöfen aus lassen und prüfen, ob sie ihr Auto stehen lassen können. Die EU schaue sehr genau hin, was in Stuttgart passiert, betont Verkehrsminister Winfried Hermann. Sie wolle Ergebnisse sehen.

Aber Feinstaub ist ein komplexes Problem. Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, zu glauben, die kleinen Partikel stammten vorwiegend aus dem Auspuff. An den Hauptverkehrsstraßen ist die erste Ursache der Reifen- und Bremsabrieb. Da nützen auch Elektroautos nichts. Bei dem zweiten großen Problem, den Stickoxiden, hingegen schon: Sie stammen weitestgehend aus den Verbrennungsabgasen. Und die Werte liegen überall zu hoch, nicht nur am Neckartor.

Tatsächlich habe die Stadt schon einiges erreicht, sagt OB Kuhn: Vor allem das Jobticket für Landesbedienstete kommt gut an. Die Fahrgastzahlen des Verkehrsverbunds (VVS) sind in den letzten Jahren jeweils um drei Prozent gestiegen, stärker als andernorts. Auch die Feinstaubwerte seien zurückgegangen, nur am Neckartor gebe es noch zu viele Überschreitungen.

Derweil taucht ein neues Problem auf: Auf die Stadt als Ganzes, nicht nur auf die großen Straßen bezogen, entwickeln sich die beliebten Holzöfen in Privatwohnungen nach und nach zum Feinstaub-Produzenten Nummer eins. Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei den Politikern, sagt Winfried Hermann und hat damit sogar recht: "Wir haben alle Verantwortung." Bei erhöhter Belastung sollen die Bürger künftig auf ihre "Komfort-Kamine" verzichten, sagt er. In der Tat lässt sich hier nur an die Vernunft appellieren.

100 000 Autos sollen an Alarm-Tagen stehen bleiben

Im Straßenverkehr sieht es anders aus. Das Problem existiert keineswegs nur am Neckartor. Aber da steht nunmal das Messgerät. Warum sollte es an der Staatsgalerie, am Marienplatz oder am Neckarufer bei Bad Cannstatt bei ebenso viel Verkehr weniger Feinstaub geben? Flächenberechnungen der Stadtklimatologen zeigen denn auch, dass das Problem überall entlang der großen Straßenachsen besteht. Da auch bei Elektroautos Reifen- und Bremsabrieb entsteht, hilft letztlich doch nur eine deutliche Reduzierung des Autoverkehrs. 

Und hier beginnt das Problem: Hermann möchte erreichen, dass an Feinstaubalarm-Tagen 20 Prozent weniger Autos unterwegs sind. Auf der Feinstaubalarm-Website ist nachzulesen, dass täglich 890 000 Fahrzeuge die Gemarkungsgrenze überqueren. Die Stadt geht davon aus, dass es sich um 445 000 Fahrzeuge handelt, die morgens hin- und abends zurückfahren. Dazu kommen 81 000 Berufspendler innerhalb Stuttgarts. Insgesamt sind das mehr als 500 000 Autos, von denen mehr als 100 000 an Feinstaubalarm-Tagen in der Garage oder am Straßenrand stehen bleiben sollen.

Nun ist die S-Bahn, das weiß auch OB Fritz Kuhn, im Berufsverkehr bereits jetzt überlastet. Und nach den genannten Zahlen handelt es sich in 85 Prozent der Fälle um Fahrten von außerhalb der Stadtgrenzen in die Stadt hinein. Kuhn will die Arbeitszeiten flexibilisieren und die Arbeit im Home Office stärken. Die Stadt geht hier voran und will auch private Arbeitgeber ermutigen. Hermann seinerseits hat bereits vor einiger Zeit Metropolexpresszüge angekündigt, die im Halbstundentakt verkehren sollen. Die finanziellen Mittel dafür sind sogar vorhanden (Kontext berichtete). 

Derweil hat die Bahn – auch nicht dumm, sie verdient ja daran – angeboten, die S‑Bahnen vormittags im Anschluss an den Berufsverkehr von zwei auf drei Zugeinheiten zu verlängern. Das ist ohnehin überfällig, da die S-Bahnen etwa der Linie S 1 derzeit zwischen neun und elf Uhr nur im Halbstundentakt verkehren und ständig überfüllt sind. Problem: Selbst wenn nur jeder Zweite einen Sitzplatz bekäme, würden in einen dreiteiligen S‑Bahn-Zug kaum mehr als 1000 Fahrgäste passen. Um 100 000 Menschen an Feinstaubalarm-Tagen die Fahrt in die Stadt zu ermöglichen, wären mindestens 100 zusätzliche S-Bahnen nötig.

Pilotprojekt Stuttgart

Zudem ist bei vielen Pendlern aus der Region das Problem nicht, dass sie nicht auf ihr "Heilig's Blechle" verzichten wollen, sondern dass die Verbindungen auf dem Land, also vom Dorf zur nächsten S-Bahn-Haltestelle, schlicht unzureichend sind. Wenn der Bus nur im Stundentakt fährt und der Anschluss an die Bahn nicht immer klappt, ist das ein K.O.-Kriterium für den öffentlichen Verkehr. Minister Hermann will erreichen, dass die Umland-Kommunen ihren ÖPNV auf den S-Bahn-Takt abstimmen, wie es etwa in Esslingen bereits der Fall ist. Allerdings hilft auch das noch nicht, den Engpass zu beseitigen, der auf der Haupt-S-Bahn-Strecke zwischen Hauptbahnhof und Schwabstraße besteht. Feinstaubalarm hin oder her, 100 000 zusätzliche Fahrgäste kann der öffentliche Nahverkehr kaum bewältigen.

Hermann spricht von einem selbst lernenden System. In der Tat hat noch keine andere deutsche Stadt Feinstaubalarm ausgerufen. Interessant wird sein, wie sich der Appell und verschiedene zukünftige Angebote auswirken: etwa das der Daimler-Gesellschaft Moovel, an den ersten beiden Feinstaubalarm-Tagen Zuschüsse zu Tickets zu gewähren. Oder das der SSB, bis April Jahresabos mit drei statt zwei Freimonaten auszugeben. 

Das größte Potenzial, erklärt Minister Winfried Hermann, bestünde allerdings darin, dass statt derzeit durchschnittlich 1,2 Personen in Zukunft mehr Menschen in jedem Auto säßen, das in die Stadt hinein- oder durch sie hindurchfährt. Das klingt nun freilich wenig ehrgeizig.

Dabei könnte und müsste noch so viel mehr passieren: Mehr Park&Ride-Plätze müssten angeboten und in Kombination mit der S-Bahn attraktiver gemacht werden, so dass sich das Umsteigen aus finanziellen und Zeitgründen auch lohnt. Der Ausbau des Radwegnetzes kommt viel zu langsam und zaghaft voran. Dass der Autoverkehr reduziert werden kann, wenn sich eine Stadt mehr um ihre Radler kümmert, haben Kopenhagen und Helsinki schon unter Beweis gestellt.

Aber Hermann und Kuhn sitzen zwischen zwei Stühlen. Hermann will schon etwas tun, er hält zum Beispiel eine City-Maut für eine geeignete Maßnahme. Aber er findet dafür keine Mehrheiten und hat auch keine Lust, immer nur den Buhmann zu spielen. Jeder Schritt, der den Autoverkehr einschränkt, zieht dagegen reflexartige Aufschreie seitens der Autolobby und der Opposition nach sich.

Johannes Schmalzl, der Dritte im Bunde und als Regierungspräsident eigentlich der Hauptverantwortliche, hält sich eher zurück. Feinstaub sei, sagt er zwar, auch verglichen mit Delhi und Peking, kein Luxusproblem. Vierzehnmal so viele Menschen wie durch Autounfälle kommen durch feinstaubedingte Atemwegserkrankungen ums Leben. Dann aber erklärt er, es komme zu "Zielkonflikten", wenn eine Fußgängerampel einer Verstetigung des Verkehrs entgegenstünde.

Genau so es hat das Regierungspräsidium in den letzten elf Jahren gehalten: Immer schön dafür sorgen, dass der Autoverkehr flüssig voran kommt, in der Hoffnung, dass sich das Feinstaubproblem damit von selbst erledigt. Dazu passt auch eine Pressemitteilung von Schmalzls Partei, der FDP, deren verkehrspolitischer Sprecher mahnt, auch "den Straßenbau im Blick zu behalten."


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4 Kommentare verfügbar

  • Bernhard Efinger
    am 28.10.2016
    Antworten
    Dicke Luft

    Im Stuttgarter Kessel, die Luft ist so dick,
    greift man zu einem uralten, faulen Trick:
    Mit Verboten den Verursachern zu winken,
    weil Abgase nicht nur zum Himmel stinken,
    sondern allen leidgeprüften Bewohnern dort,
    die seither wohnen am kontaminierten Ort.

    All jene Versuche…
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