Französischer Feinstaub über Paris. Fotos: Romy Strassenburg

Ausgabe 221
Überm Kesselrand

Außer Atem

Von Romy Strassenburg
Datum: 24.06.2015
In Sachen Feinstaub ist Stuttgart europäische Spitze. Die EU hat der Stadt schon im November einen blauen Brief geschrieben, endlich was für saubere Luft zu tun. Jetzt diskutiert man im Gemeinderat das "Pariser Modell". Wir haben uns angesehen, wie das so aussieht.

Hupende Autos, dröhnende Motorräder, stickige Luft. Kein einziger Baum säumt die enge Straße. In der Rue de l'Echiquier im 10. Arrondissement kommt so ziemlich alles zusammen, was Sébastien Vray an Paris hasst. Trotzdem hat er hier vor zwei Jahren seinen Traum verwirklicht: Gemeinsam mit vier Freunden eröffnete er das Café La Petite Chaufferie, das kleine Kesselhaus. Auf der Speisekarte stehen ausschließlich Gerichte aus biologisch angebauten Zutaten wie der Quinoa-Pampelmusen-Fenchel-Salat. Omatapete und roher Putz, Holzdielen und ein DJ-Mischpult – ein bisschen erinnert der Laden an Berliner Szenekneipen, nicht zuletzt, weil er mit Elektro-DJs hippes Pariser Publikum locken will.

Hier ist das zweite Zuhause von Sébastien. Von der Chaufferie düst er in einer Viertelstunde mit dem Fahrrad zum seinem eigentlichen Arbeitsplatz, einem winzigen Büro zu ebener Erde mit Blick auf die viel befahrene Rue Lafayette am Gare du Nord. An warmen Tagen sieht er aufgewirbelten Staub vor der Scheibe. Dann weiß er wieder, wofür er die vielen Stunden vor dem Rechner verbringt, Petitionen verfasst, Versammlungen abhält und nach Spendengeldern sucht. Durchatmen! Respire, so der Name seines Vereins, den er 2011 gegründet hat. "Es war an einem Sommertag im August 2010. Ich fuhr wie immer mit dem Fahrrad durch Paris. An einer Ampel hatte ich das Gefühl, regelrecht zu ersticken. Mit all den stinkenden Autos um mich herum. Plötzlich wurde ich total wütend und dachte, Verdammt noch mal, ihr habt nicht das Recht dazu, meine Luft zu verpesten."

Schleier überm Eiffelturm

Sébastien hatte politische Kommunikation studiert und er war drei Jahre lang beim WWF für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dort habe er sein Bewusstsein für Umweltthemen geschärft. "Dieser alte Dämon, der Wunsch, die ganze Welt zu retten, hat mich wohl seitdem befallen", scherzt er. Bessere Luft für eine Stadt, in der es wenige Parks gibt, die diese Bezeichnung verdienen und bei schönem Wetter völlig überfüllt sind. Dafür wühlte sich Sébastien durch wissenschaftliche Texte, wollte verstehen, was die Abkürzungen PM 2.5., PM 10 und NO2 bedeuten. Er diskutierte mit Freunden und Bekannten über seine Wut, über die kollektive Ignoranz gegenüber der dramatisch schlechten Luftqualität in der französischen Hauptstadt. Er sammelte eine Handvoll Mitstreiter für seine NGO, die nicht weniger sein will als die "Association Nationale pour la Préservation et l'Amélioration de la Qualité de l'Air", also der nationale Verein für den Schutz und die Verbesserung der Luftqualität.

"Ständig war zu hören, die enorme Luftverschmutzung ist ein Riesenproblem. Nur getan wurde rein gar nichts." Schnell wurde Sébastiens erster Gedanke zur Maxime der Organisation: "Ihr habt nicht das Recht dazu!" Man müsse also gegen Luftverschmutzung auch auf politischer, vor allem aber juristischer Ebene vorgehen, so das Credo des Vereins. Deswegen hat Respire bei der Pariser Staatsanwaltschaft Klage gegen unbekannt eingereicht, unter anderem wegen Schädigung der Gesundheit. Das Verfahren läuft, und die NGO hofft auf möglichst viel mediale Aufmerksamkeit.

Für Respire gab es eine Art zweiter Geburtsstunde nach der Vereinsgründung vor vier Jahren. Der 17. März 2014: Seit Tagen war die sprichwörtliche "dicke Luft" über Paris zu spüren gewesen, und den Eiffelturm umgab eine beängstigende Dunstglocke. Plötzlich war die Verschmutzung nicht mehr nur spür-, sondern auch sichtbar. 180 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter statt der zulässigen 50 Mikrogramm, das Gefühl, in einem sehr kleinen Zimmer mit gleich mehreren Rauchern eingesperrt zu sein. Ob Bewohner oder Touristen, die Leute trauten ihren Augen kaum: Zustände wie in Peking oder Neu-Delhi an den romantisch geglaubten Seineufern. Schilder wiesen darauf hin, man solle hohe körperliche Belastung vermeiden. Kindern, Rentnern und Menschen mit gesundheitlicher Vorbelastung riet man, lieber zu Hause zu bleiben. Bilder von Menschen mit Mundschutz, eine Katastrophe für das Image der neben London meistbesuchten europäischen Hauptstadt.

Verkehr halbiert für einen Tag

Die Politik sah sich zum Handeln gezwungen. Nicht nur die öffentlichen Verkehrsmittel, die Leihfahrräder und Elektroautos stellte die Pariser Stadtverwaltung kostenlos zur Verfügung. Die französische Regierung verhängte sogar nach 17 Jahren erstmals wieder ein teilweises Fahrverbot für die Metropole. Ab halb sechs morgens durften nur noch Fahrzeuge mit ungeraden Kennzeichen die Straßen benutzen. Polizisten überwachten die Einhaltung, und es gab ein seltenes Bild zu bestaunen in der staugeplagten Metropole: Der Verkehr rollte. Und plötzlich standen Sébastien und seine Mitstreiter von Respire im Rampenlicht. Sie gaben pausenlos Interviews und waren als Experten in Diskussionsrunden gefragt. Schon einen Tag später war das Fahrverbot zwar wieder aufgehoben worden, weil sich das Wetter über Nacht gnädig gezeigt und dazu beigetragen hatte, die Feinstaubkonzentration durch den nächtlichen Austausch zwischen warmen und kälteren Luftschichten zu senken. Doch die Debatte war angestoßen, und Medien entdecken das Thema Luftverschmutzung für sich.

Nun war auch die Organisation Airparif in aller Munde. Die 1979 gegründete, staatlich finanzierte Einrichtung überwacht die Luftqualität in der Metropolenregion permanent. Aus den Daten von mittlerweile 70 Messstationen erstellen 55 feste Mitarbeiter in Echtzeit interaktive Karten, die auch auf dem Mobiltelefon abrufbar sind. Gemessen wird die Anzahl von Feinstaubteilchen verschiedenen Durchmessers, wiedergegeben durch den PM-Standard. Fußgänger und Fahrradfahrer sollen sich so informieren können, in welchen Zonen der Stadt die Feinstaubbelastung besonders hoch ist. Die Auswertung dieser Daten dient dann Experten als Grundlage für langfristigere Analysen, zum Beispiel über die Auswirkungen von Fahrverboten.

Airparif warnte in seinem Jahresbericht 2014 vor einer chronischen gesundheitlichen Belastung durch konstant hohe Feinstaubwerte, die schädigender sei als einzelne Tage mit Smogalarm. Sébastien Vray kennt Geschichten von Asthmatikern, deren Lebensqualität in der Metropolenregion derart eingeschränkt ist, dass sie an manchen Tagen nicht das Haus verlassen können. Respire hat deswegen in einem Aufruf an Betroffene appelliert und macht deren Krankengeschichten öffentlich.

"Es ist eine Schande, dass man den Menschen rät, sich nicht der Luftverschmutzung auszusetzen, statt etwas gegen die Luftverschmutzung durch den Autoverkehr zu tun." Ganz anders sieht das naturgemäß die andere Seite, bei der man den Schuldigen sucht. So behauptete Pierre Chasserey, Vorsitzender des französischen Autofahrerverbands, der Feinstaub stamme eigentlich aus deutschen Kohlekraftwerken. Der deutsche Atomausstieg würde in der Zukunft die Luftqualität auf französischer Seite erheblich schmälern.

Grüne Revolution?

Indes ist die Pariser Stadtverwaltung seit dem aufsehenerregenden Smogalarm im letzten und zuletzt in diesem Frühjahr nicht untätig geblieben. Bürgermeisterin Anne Hildago hat ganz im Gegenteil nach ihrer Wahl im April 2014 das Thema Reduzierung der Luftverschmutzung zu ihrem Steckenpferd gemacht. Damit ist sie sogar an der ambitionierten Umweltministerin Ségolène Royal vorbeigeprescht. Diese war im Gegensatz zu Hidalgo zum Beispiel nicht der Ansicht, man müsse auch noch Kaminfeuer in Privathaushalten generell verbieten. Hildago hat nun kürzlich neue Maßnahmen beschlossen, die endlich spürbare Besserung bringen sollen: So werden ab dem 1. Juli 2015 zwischen 8 und 20 Uhr an allen Wochentagen in der Pariser Innenstadt keine Lastwagen und Busse geduldet, die älter als 14 Jahre sind. 2016 soll es dann zusätzlich sogar alle Fahrzeuge treffen, die vor 1997 zugelassen wurden.

Aber die Pläne gehen noch weiter: "Wir sehen finanzielle Hilfen für den Kauf eines weniger verunreinigenden Fahrzeuges vor (Fahrrad oder Auto), aber auch Abos für die Autolibs (Elektroautos) und die Erstattung des Nahverkehrstickets. (…) Alle Maßnahmen zusammen werden pro Jahr fünf Millionen Euro kosten." Sébastien Vray freut sich zwar über das Engagement der Politik, aber er gibt auch zu bedenken: "Über Jahrzehnte hatte sich gar nichts bewegt im Bereich Umweltschutz. Diese neuen Initiativen sind also nur logisch und zeigen den immensen Aufholbedarf von Paris, insbesondere bei der Reduzierung des Verkehrsaufkommens."

Die "Stadt der Liebe" galt tatsächlich lange Zeit als eine Metropole, in der Natur kaum einen Platz hat, und dem Pariser hing das Klischee an, er würde sogar noch zum Baguette-Holen mit dem Auto fahren. Doch nach und nach hat sich ein Wandel in den Köpfen der Menschen vollzogen. Bewohner starteten Initiativen, um Grünflächen oder kleine Gärten anzulegen. Das Leihfahrradsystem Vélib hat sich seit sieben Jahren erfolgreich etabliert. Ein Pilotprojekt zur Überdachung des viel gerügten Stadtautobahn-Rings und die Schließung von Teilen der Seineufer für den Autoverkehr hat viele Pariser und Touristen begeistert. So erobern sich die die Menschen nach und nach die Stadt zurück, und Autos geraten immer mehr in Verruf.

Zugegeben: Angesichts der massiven Belastung durch den Verkehr wirken diese ersten Erfolge noch bescheiden, denn nur mit einem umfassenden, auf lange Zeit angelegten Konzept wird man dem Problem spürbar beikommen können. Doch für Pariser Verhältnisse sind die Pläne der Stadtverwaltung schon ein großer Schritt nach vorn. Es seien "drastische Maßnahmen", titelt beispielsweise die konservative Tageszeitung "Le Figaro". Für Sébastien und seine Mitstreiter sind es Schritte in die richtige Richtung. Dennoch werden sie mit ihren Aktionen weiter gegen die Luftverschmutzung mobil machen. In der Hoffnung, dass die Stadt der Liebe und ihre Bewohner endgültig ihr Herz für die Natur entdecken.


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2 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 30.06.2015
    Totenstille!
    Wo sind meine lieben, kritisch konstruktiven Mitstreiter, Kontext-Unterstützer und Sympathisanten? Ist Euch das Thema zu unwichtig? Oder liegt es daran das Ihr selbst gerne Auto fahrt? Kann ich verstehen, ging mir auch mal so - hab alle Führerscheine, bin aber aus Prinzip seit ungefähr 5 Jahren ausschließlich mit "Öffentlichen" unterwegs. Und das ist außerhalb von Ballungszentren unter so einer Politik wie wir Sie heute haben kein Spaß, das könnt Ihr mir glauben. Trotzdem fühlt es sich gut an!
    Mir fallen grad keine besseren Beispiele ein, doch ich denke es ist ein bisschen so wie beim Kaffeetrinken oder beim Rauchen. Anfangs denkt man, Kaffee ohne Zucker (!) oder nach dem Essen keine rauchen (!) - nee, das geht gar nicht! Doch wenn man es geschafft hat denkt man - wie konnt ich bloß!

    Leute, Ihr wißt gar nicht wie herrlich und entspannend es sein kann mit "Öffentlichen" unterwegs zu sein bzw. zu reisen (wo`s klappt). Günstig mit "Öffentlichen" reisen muss heute leider unter dieser Privatisierungspolitik in Frage gestellt werden.
    Laßt uns gemeinsam für günstige Mobilität ohne Auto landes- und bundesweit eintreten.

    Für eine bessere Luft in Stuttgart reicht es aber vorerst, nicht mehr mit dem Auto und dann noch allein nach Stuttgart rein zu fahren. Dafür als ersten Schritt die Regelung mit den geraden und ungeraden Nummern (auch "Pariser Model") find ich gar nicht so schlecht. Ich freu mich drauf!
  • Schwabe
    am 25.06.2015
    "Pariser Modell" ?!
    Sind die Gemeinderäte von Stuttgart nicht in der Lage selbst zu denken und eine sachgerechte Lösung für ein im Grunde sehr einfaches Problem zu finden?
    Die Sache wird nämlich nur dann kompliziert wenn Lobbyinteressen (i.d.R. Kapitalinteressen) Berücksichtigung finden und es somit wieder einmal nicht mehr allein um die Sache an sich sprich um die Gesundheit der Bevölkerung geht!
    Kapital vs. Gesundheit der Bevölkerung! Und wie das unter einer neoliberal bürgerlichen Mehrheit von CDU/Grüne/SPD/Freie Wähler/AfD/FDP (zusammen 51 von 60 Sitzen) ausgeht dürfte mittlerweile bekannt sein. Dazu muß man kein Hellseher sein.
    Fahrscheine für den Öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehr zu subventionieren laß ich mir ja noch gefallen, aber den Kauf eines Neuwagens zu subventionieren halte ich für mehr als nur verantwortungslos, da es dafür m.E. keine anständige Rechtfertigung gibt!

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