Schadstoffen auf der Spur: Messstation am Neckartor Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Schadstoffen auf der Spur: Messstation am Neckartor in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 236
Gesellschaft

Tod liegt in der Luft

Von Jürgen Lessat
Datum: 07.10.2015
Der VW-Betrug hat historische Dimensionen: Elf Millionen Autos sollen mehr Abgase ausstoßen als gesetzlich erlaubt. Was das für Gesundheit und Umwelt bedeutet, ist schwer abzuschätzen. Eine aktuelle Studie aus London alarmiert.

Rund 9500 Londoner sterben jährlich aufgrund der Luftverschmutzung in der britischen Hauptstadt, doppelt so viele wie vermutet – so lautet das Ergebnis einer Mitte Juli veröffentlichten Studie des King's College London. Schuld am vorzeitigen Tod der Londoner haben die zwei wichtigsten Luftschadstoffe in Industriestaaten, die im Zusammenhang mit dem VW-Abgasbetrug ins öffentliche Bewusstsein gerückt sind: Feinstaub mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer (PM2,5) und Stickstoffdioxid (NO2).

Die Studie im Auftrag der Londoner Verkehrsbehörden gilt als erste weltweit, die die Wirkung von NO2-Luftschadstoffen auf die Gesundheit der Bewohner eines Ballungsraums quantifiziert. Demnach sind knapp 5900 der Todesfälle auf das Gas zurückzuführen, das vor allem aus Abgasen von Pkw, Lkw und Bussen mit Dieselantrieb stammt. Die wirtschaftlichen Schäden der Luftverschmutzung, etwa durch Krankenhausbehandlungen, bezifferten die Forscher der Environmental Research Group des King's College auf bis zu fünf Milliarden Euro jährlich.

Die Studie lässt den VW-Skandal in einem noch fahleren Licht erscheinen. "Eine solche Abgas-Betrügerei täuscht ja nicht nur die Kunden. Sie führt auch zu deutlich schlechterer Luft. Das gefährdet die Gesundheit", sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamts (UBA). Immerhin 62 Prozent der städtischen Messstellen lagen in Deutschland im vergangenen Jahr über dem EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid. "Die Emissionen aus Diesel-Pkw haben daran einen erheblichen Anteil", betont sie.

Dennoch sah sich die Politik bislang nicht genötigt, hart durchzugreifen, obwohl es seit Jahrzehnten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gibt. "Das Umweltbundesamt weist schon seit Ende der 1990er-Jahre darauf hin, dass auch in Deutschland die realen Schadstoffemissionen höher sind als die Typprüfwerte, die auf dem Rollenprüfstand ermittelt wurden", sagt Krautzberger. "Damit muss Schluss sein", fordert die UBA-Präsidentin nach Bekanntwerden des VW-Betrugs.

Andere nennen die Dinge deutlicher beim Namen. Etwa Peter Erben von der Stuttgarter Bürgerinitiative am Neckartor, Deutschlands dreckigster Feinstaubkreuzung, wenn er gegenüber der Kontext:Wochenzeitung sagt: "Die Manipulationen von VW sind vorsätzliche Körperverletzung." Müssten Staatsanwaltschaften nun nicht nur wegen Betrug, sondern auch wegen Totschlags und Körperverletzung gegen VW ermitteln? Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) macht die Vorstandsvorsitzenden von VW, Daimler und BMW für viele Zehntausende vorzeitige Todesfälle durch Dieselabgase persönlich mitverantwortlich. "Um wenige Hundert Euro mehr Profit pro Fahrzeug zu machen, verbauen sie minderwertige Katalysatoren", kritisierte der DUH-Bundesgeschäftsführer am Eröffnungstag der diesjährigen Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Tags darauf wurde der Abgasbetrug von VW in den USA publik.

Zurückhaltender bewertet Professor Rainer Dierkesmann den Abgasbetrug. "Hohe NOX-Gehalte können zwar durchaus Gesundheitsschäden verursachen und z. B. den Krankheitsverlauf eines Asthmatikers vorübergehend verschlechtern", sagt der ehemalige Chefarzt der Lungenklinik Schillerhöhe bei Stuttgart. Dies sei jedoch im Einzelfall nur schwer nachzuweisen. Dazu kommt, dass es zahlreiche andere NOX-Quellen in unserer Umwelt gebe. "Die üblen Machenschaften von VW führen deswegen kaum zu einer merklichen Erhöhung der NOX-Belastung in unserer allgemeinen Umwelt." Zwischen dieser Belastung und den anderen Gesundheitsrisiken wie Rauchen oder Alkoholkonsum lägen jedoch Welten. "Die größte individuelle Umweltverschmutzung ist das Rauchen", bekräftigt der Lungenspezialist.

Weitaus mehr Opfer könnte der wirtschaftliche Schaden fordern, den die VW-Betrugsaffäre noch nach sich zieht, glaubt Dierkesmann. So korreliere der Gesundheitsstatus einer Bevölkerung stets mit der gesamtwirtschaftlichen Situation eines Landes. Der Verlust von Arbeitsplatz und Einkommen könne bei Betroffenen und Angehörigen psychische Erkrankungen auslösen. In der Folge könnten verstärkt auch körperliche Krankheiten auftreten. "Um krank zu werden, braucht es schließlich keinen Beinbruch", sagt der Mediziner.

Dennoch: Das Magazin "Stern" hat eine Berechnung für Deutschland angestellt. Demnach stoßen die 2,8 Millionen manipulierten Diesel-Pkw von VW hierzulande zwischen 18 000 und 72 000 Tonnen Stickstoffoxide aus. Nach der seit September 2014 gültigen Euro-6-Norm wären lediglich 4700 Tonnen erlaubt. Zwischen vier und 14 Prozent der gesamten NOX-Emissionen des Verkehrs in Deutschland seien auf die manipulierten Dieselautos zurückzuführen. Laut "Stern" könnten sie hierzulande jährlich Todesfälle im niedrigen dreistelligen Bereich verursachen.

Stuttgart hat die dreckigsten Stickoxid-Ecken

Derzeit überwachen in Deutschland etwa 500 Messstationen die NO2-Konzentration. Je nach Standort erfassen sie Jahresmittelwerte zwischen 30 und 60 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³), vereinzelt sogar um 100 µg/m3. Erwartungsgemäß ist die Luft vor allem in Ballungsräumen und Städten "schlecht". 2014 lagen die NO2-Jahresmittelwerte an 62 Prozent der verkehrsnahen Messstationen über dieser Schwelle. In ländlichen Gebieten dagegen überschreiten die Werte nur selten 30 µg/m³. In fern von Emissionsquellen gelegenen Gebieten liegen die Konzentrationen teilweise unter 10 µg/m³.

Das Umweltbundesamt veröffentlicht jährlich die Messwerte der Stationen. 2014 war das Stuttgarter Neckartor mit einem Jahresmittelwert von 89 µg/m³ und 36-facher Überschreitung des Ein-Stunden-Grenzwerts von 200 Mikrogramm Spitzenreiter bei der NO2-Belastung. Auf den Plätzen folgen eine weitere Messstation in Stuttgart sowie Stationen in München, Darmstadt und Kiel.

In diesem Jahr registrierten die Messfühler am Stuttgarter Neckartor bis dato bereits 53 Überschreitungen. Hier die tagesaktuellen Werte.


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5 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 09.10.2015
    Volkswagen manipulierte Abgaswerte. Die Gesellschaft zahlt für die Verpestung der Umwelt. Der Aktienwert ist an einem Tag um 15 Milliarden Euro abgestürzt. VW-Chef Winterkorn ist zurückgetreten und hat 28 Millionen Euro Rentenansprüche und erhält wahrscheinlich eine Abfindung von cirka 30 Millionen Euro. Ach ja ... er ist sich keiner Schuld bewusst.
  • Schwabe
    am 09.10.2015
    Autos mit Verbrennungsmotor waren noch nie umweltfreundlich und werden es auch nie sein. Mit Autos werden Geschäfte gemacht.
    Allein der Raubbau der Ölbohrkonzerne richtet immensen Schaden an. Ob hinten aus dem Auspuff etwas mehr oder etwas weniger Gift rauskommt verlängert nur das Sterben. Aber was solls, Hauptsache im Innenraum ist es schön ruhig, warm und ich bekomme nichts mit von meinem Beitrag zur Umweltverschmutzung bzw. verdränge dies erfolgreich.
    Der bundesweit flächendeckende Ausbau des Öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehrs würde einen nationalen Industriezweig mit Millionen von Arbeitsplätzen schaffen und einer komfortablen und entspannten Personenbeförderung die ihresgleichen sucht.
    Kurz noch was zur ach so fortschrittlichen Forschung zu "selbst fahrenden" Autos. Das gibt es im Öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehr schon lange - da müssen sie auch nicht selbst fahren und können sich um ihre Kinder während der Fahrt kümmern (so ja oft die lächerliche und überholte Werbung zu selbst fahrenden Autos).
  • Horst Ruch
    am 08.10.2015
    ...was für ein Unsinn, VW wegen Körperverletzung zu bestrafen.
    Bestraft werden müßte das Kraffahrzeugbundesamt, das offensichtlich im "Auftrag" der Bundesregierung die Zulassungen für sämtliche Modelle erteilt hat. Es wird sich bald zeigen, daß sämtliche (nicht nur deutsche) Autohersteller die Abgaswerte, die doch an Hand der für den Laien erkenntlichen Verbrauchswerte geschönt haben. Aus eigener 50-jähriger Erfahrung, davon die Hälfte mit Dieseltechnik war es jedenfalls ersichtlich, daß der Spaßfaktor Beschleunigung bis zu 10fachem Verbrauch pro 100 km bedeutet. Natürlich sind es meistens nur kurze Momente, im Stadtverkehr jedoch aneinandergereiht ein ganz gewichtiges Negativpotential.
    Deshalb sind die Stuttgarter Bergstrecken besonders für den Abgasanteil verantwortlich.
    Es gilt bei aller Entwicklung in der Abgastechnik immer noch:
    Der Motor der am wenigsten verbraucht, stößt am wenigsten Abgas/Staubpartikel aus.
    Das traut sich die Regierung hierzulande nicht öffentlich zu sagen.
  • CharlotteRath
    am 07.10.2015
    „Es besteht zweifelsohne eine Inkonsistenz zwischen Motor-Prüfstand-Daten sowie Auspuff-Szenarien und den Ergebnissen aus den Partikelsammlern", berichtete der Sachverständigenrat für Umweltfragen gegenüber der Bundesregierung vor 10 Jahren, im Juli 2005 (Seite 42, Ziffer 14, im Sondergutachten Umwelt und Straßenverkehr)
    http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/02_Sondergutachten/2005_SG_Umwelt_und_Strassenverkehr.pdf?__blob=publicationFile

    Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen hatte sich im Oktober 2010 bemüht, den Stand des Wissens zu gesundheitlichen Wirkungen von Feinstaub und Stickstoffdioxid zusammenzufassen
    siehe http://www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanuv/gesundheit/schadstoffe/gesundheitliche_wirkungen.pdf):
    "Insgesamt kann ein langfristiger schädlicher Effekt erhöhter Feinstaubkonzentrationen auf die Herz- und Kreislauffunktion heute als gesichert angesehen werden, wobei zunehmend Hinweise auf eine staubbedingte Beeinflussung der Entwicklung und Progression der Arteriosklerose bestehen (Herzinfarkte, Schlaganfälle, Nierenschäden, periphere Durchblutungsstörungen, etc). ... Insgesamt konnten umweltepidemiologische Studien zeigen, dass es mit ansteigender Feinstaub- bzw. Stickstoffdioxid-Konzentration in der Außenluft zu einer Zunahme an Atemwegserkrankungen und -symptomen kommt. Schon eine vergleichsweise geringe Erhöhung an Verkehrsimmissionen führt zu einem nachweisbaren Anstieg an Effekten, wie chronischem Husten oder chronischer Bronchitis sowie zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Atemwegsinfekten. Besonders betroffen sind vor allem gesundheitlich vorgeschädigte Personen mit Atemwegserkrankungen (insb. Asthma) sowie Kinder und Jugendliche. ... Eine Verringerung der bestehenden Immissionsbelastung insbesondere in Ballungsgebieten und in der näheren Umgebung von Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen ist daher dringend anzustreben."
    Zusätzlich wurde in einer Studie errechnet (APUG-Projekt), dass bei Reduzierung der Immissionsbelastung auf die von der WHO geforderten AQG 10 μg/m³ insgesamt 8.303 Todessfälle in Nordrhein-Westfalen vermieden werden könnten.

    Es gelten aber unverändert die wesentlich höheren EU-Grenzwerte fort, wobei auch diese z. B. in Stuttgart seit Jahren nicht eingehalten werden.

    Das Zusammenwirken von Luftschadstoffen und Lärm entlang von Hauptverkehrsstraßen auf den menschlichen Körper, insbesondere bei Langzeitexposition, ist in kausalen Wirkungsketten außerordentlich schwierig nachweisbar. Beide Risikofaktoren stehen aber im Verdacht, sich in ihrer schädigenden Wirkung auf die Gesundheit zu potenzieren.

    Die Zaghaftigkeit der Legislative (Landesparlamente, Bundestag und -rat) gegenüber Autoindustrie und -verkehr ist aus meiner Sicht nicht länger zu entschuldigen.

    Wenn in Deutschland die Gesundheitsvorsorge mehrheitlich als nachrangig gegenüber bestimmten Wirtschaftsinteressen betrachtet wird (?), müssten die Betroffenen wenigstens von den Begünstigten entschädigt werden. Dafür gibt es in unserer Gesetzgebung aber bisher ebenfalls keine Handhabe (Entschädigung nur in gerichtlich eingeklagten, individuell nachgewiesenen und kausal unbezweifelbaren Fällen).

    Entlang der Hauptverkehrsstraßen wohnen meistens Menschen, die es sich nicht leisten können, ins Grüne umzuziehen. Kinder und kranke Menschen - also besonders Schutzbedürftige unserer Gesellschaft - leiden unter den Verkehrsimmissionen am stärksten.

    Luftqualität und Lärmschutz sind folglich auch soziale Themen!
  • Müller
    am 07.10.2015
    Auf dem Bild oben sieht man wie ein Dieselfahrzeug einem Menschen das Leben rettet. Das geschieht Millionenfach jedes Jahr.
    Ab diesem Jahr mit Euro6.

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