Stuttgarter Punk-Treff in den 1980ern: der Kleine Schlossplatz. Foto: Sammlung Simon Steiner

Stuttgarter Punk-Treff in den 1980ern: der Kleine Schlossplatz. Foto: Sammlung Simon Steiner

Ausgabe 317
Gesellschaft

"Betonstadt, ich hab deine Mauern satt"

Von Oliver Stenzel
Datum: 26.04.2017
Wie kam der Punk nach Stuttgart? Der Historiker und Musiker Simon Steiner hat den Anfängen der Szene nachgespürt, Zeitzeugen interviewt, Unmengen an Quellen gesammelt. Für ein Geschichtsbuch der besonderen Art.

Es fängt ja schon schwierig an: Was ist Punk eigentlich? Ein Musikstil – roher, dilettantisch gespielter Rock'n'Roll, das Prinzip "drei Akkorde, gründe eine Band"? Eine Art, sich zu kleiden und zu stylen – bunte Stachelhaare, Iro, zerrissene Klamotten, Springerstiefel oder Doc's? Eine Einstellung – scheiß auf Autoritäten und Normen, rebelliere, provoziere, aus politischen oder nihilistischen Motiven, aus Angekotztsein, Langeweile oder Spaß? Die Liste an Definitionsversuchen könnte man noch lange erweitern. Und deshalb, sagt Simon Steiner, sei das das schwerste Kapitel seines Buches über die frühe Stuttgarter Punkgemeinde gewesen: die Attitüden und Identitäten zu beschreiben, die Punk ausmachen. Für ihn selbst ist eine Maxime am wichtigsten: Mach dein eigenes Ding, prägnanter auf Englisch: Do it yourself, DIY. Vielleicht gibt es sein Projekt, das neben Buch plus CD auch ein Vinyl-Doppelalbum und eine Ausstellung umfasst, auch genau deshalb. Potente Geldgeber standen nicht bereit – es läuft immer noch eine Crowdfunding-Kampagne.

Drei Jahre lang hat sich der Historiker, Musiker, ehemalige Lehrer und Seminarschulrat durch die Anfänge der Stuttgarter Punkszene zwischen 1977 und 1983 gewühlt, hat mit 120 Protagonisten von damals gesprochen, Unmengen an Quellen gesichtet, gesammelt, angehört. Fanzines, Schallplatten, Kassetten, Flyer und Fotos stapeln sich im Arbeitszimmer seiner Wohnung im Stuttgarter Heusteigviertel. Sein Projekt ist auf der Zielgeraden, am 15. September sollen Buch und Tonträger, verlegt von "Edition Randgruppe", im Württembergischen Kunstverein präsentiert werden. Titel: "Wie der Punk nach Stuttgart kam – und wo er hin ging".

Wie kam der Punk nach Stuttgart?

Stuttgarts ersten Punk hat Simon Steiner vor zwei Jahren zu einem Interview erwartet. Als er gerade eine Kiste Sprudel aus dem Auto holen wollte, sei er im Treppenhaus einem Herrn im Anzug mit dicker Ledertasche begegnet. Und schien fast zu erstarren. Bekannte aus dem Haus seien an ihm vorbeigelaufen, hätten gefragt: "Simon, alles klar?", hätten aus Sorge sogar seine Frau angerufen, weil sie dachten, da stehe einer von der Kripo oder vom Verfassungsschutz. Ganz falsch. "Das war Kirchenrat Dan Peter, der hat gerade mit Bischof July telefoniert." Dan Peter war Stuttgarts erster Punk.

Peter ist heute bei der Evangelischen Landeskirche Leiter des Referats "Publizistik und Gemeinde". "Als Jugendlicher hatte er das Glück, 1976 mit seinen Eltern in England Urlaub zu machen", erzählt Steiner. "Und da hat er in London mitgekriegt, was abging, was Punk war." Damals fegte gerade die erste Punk-Welle durchs Königreich, Bands wie die Sex Pistols, The Clash oder The Damned waren gerade erst entstanden. Zurück in Stuttgart gründete Peter mit seinen Kumpels am Fanny-Leicht-Gymnasium Stuttgarts erste Punkband: "The Beauties". Das war irgendwann 1977 – Stuttgart sei in Sachen Punk immer ein, zwei Jahre hinter London und Düsseldorf gewesen, sagt Steiner.

Normahl-Sänger Lars Besa 1980 beim Konzert in der Stuttgarter „Mausefalle“. Foto: Simon Steiner
Normahl-Sänger Lars Besa 1980 beim Konzert in der Stuttgarter „Mausefalle“. Foto: Simon Steiner

"The Beauties" blieben relativ unbekannt, Punk aber war auch im deutschen Südwesten nicht mehr aufzuhalten. 1977 und 1978 gründeten sich in Stuttgart und im Umland viele Bands, "das ist die Zäsur, da beginnt meine Arbeit", sagt Steiner. 1978 begannen Normahl um Sänger Lars Besa aus Winnenden, die schon bald deutschlandweit bekannt sein sollten. Heute dürften sie die älteste noch existierende Punkband der Republik sein.

Simon Steiner war damals mittendrin, spielte in Bands wie "Sissis Kinder" Punk und New Wave. Als Saxophon-Spieler, also mit einem nicht gerade gängigen Punk-Instrument. Für das er sich erstmal einen neuen, punkigen Spielstil beibrachte. Steiner hatte bald seinen Spitznamen weg, "Sid",weil er festgestellt hatte, dass Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious auch Simon mit Vornamen hieß. "Aber ich war kein Punk von der Haltung her." Simon "Sid" Steiner war eher "Punkmusikfan". Angefixt 1977, mit 22 Jahren, als ihm sein Vetter aus Berlin die erste Sex-Pistols-Platte mitbrachte. "Das war der Hammer, schon das Cover, die Musik, einfach umwerfend!"

1981 schrieb Steiner seine Zulassungsarbeit als Lehrer fürs erste Staatsexamen. Thema:"Jugend und Subkultur: Die Punkbewegung". Als er 2014 in Vorruhestand ging, habe ihn ein Musikjournalist, mit dem er studiert hatte, an die alte Arbeit erinnert und ermuntert, noch einmal etwas in diese Richtung zu machen. Das war der Anstoß für "Wie der Punk nach Stuttgart kam". "Das Projekt hat für mich nichts mit Nostalgie zu tun", betont Steiner, "sondern ist die Möglichkeit, das Thema nochmals lokal- und regionalgeschichtlich zu durchforsten und zu durchleben."

Das Besondere an der Stuttgarter Szene? Sie war verdammt produktiv

Die deutschen Punk-Zentren in jener Zeit waren Düsseldorf, West-Berlin und Hamburg. Auch in Stuttgart gab es eine Szene. War etwas besonders an ihr? "Der schwäbische Drill, die Leistungsorientierung, der Pietismus, das autoritäre Denken hier, all das spielte sicherlich eine Rolle", sagt Steiner. "Für die Jugendlichen war Punk eine Möglichkeit, dagegen zu halten, gegen diese autoritäre Welt zu protestieren." Die Leistungsorientierung, von der man sich einerseits so vehement abgrenzte, schien andererseits nicht ganz ohne Folgen geblieben zu sein. "Die Jugendlichen waren unglaublich produktiv!" Zwischen 1977 und 1983 gab es um die 200 Bands, etwa Chaos Z, Fehlprodukt, Heute, KGB, Ätzer 81 oder Familie Hesselbach. 150 Cassetten und rund 50 Schallplatten wurden aufgenommen, es gab etwa 50 Fanzines.

Gerade die Fanzines, die Do-it-yourself-Magazine hatten es Steiner schon damals angetan. "Diese Hefte zu studieren, in Dada-Technik und Collage-Stil hergestellt, mit Schreibmaschine, Schere und Klebstoff, das hat mich völlig fasziniert." Sein 340 Seiten Punk-Buch wird es deshalb auch nicht am Stück gebunden geben, sondern in elf Fanzine-artigen Heften, aufgeräumt in einem Schuber.

Punk-Fanzine "Arschtritt", auf dem Cover Normahl-Sänger Lars Besa.
Punk-Fanzine "Arschtritt", auf dem Cover Normahl-Sänger Lars Besa.

Die Fanzines trugen Namen wie "The Dreck" oder "Arschtritt". Letzteres wurde gemacht von Germar Rehlinger aus Winnenden. Der sei eine ganz zentrale Figur gewesen, sagt Steiner, sozusagen "der Gründer der baden-württembergischen Punkszene". Und das mit einem ganz ordinären Zeitschriften-Inserat 1978 im "Musikexpress": 'Suche Punks in Stuttgart und Umgebung'". So entstand die erste Punk-Clique. "Da sind die Stuttgarter nach Winnenden gefahren", erzählt Steiner grinsend. Das dortige Juze wurde zum Zentrum der Szene. Die Stadt der Hochdruckreiniger, Kärcher-City, war mal Punk-City.

Das Juze Winnenden blieb nicht lange der einzige Treffpunkt. Cliquen bildeten sich unter anderem auch in Tübingen, Ludwigsburg, Böblingen und Pforzheim. Die Band Krach hämmerte schon 1979 die Landeshauptstadt voll, ab 1980, sagt Steiner, seien die Punks auch nach Stuttgart gepilgert, als dort Clubs und Kneipen wie die Mausefalle, Tangente und das Exil öffneten. Zum Szenetreffpunkt bei Tag wurde der Kleine Schlossplatz, damals noch Beton gewordener Offenbarungseid von Stuttgarts Nachkriegsarchitektur.

Paranoia: Die Stuttgarter Polizei legte Punk-Dossiers an

Beton als Sinnbild der autogerecht zugerichteten Stadt, zugleich als Metapher für die schwäbische Mentalität, das findet sich auch in einem Text der 1980 gegründeten Band Ätzer 81: "Betonstadt, Betonstadt, ich hab deine Mauern satt" heißt es im Song "Stuttgart Kaputtgart". Ätzer 81 waren eine der bekannteren, auf jeden Fall aber aggressivsten und umstrittensten frühen Stuttgarter Punkbands. Ihr Albumcover gestalteten sie in Frakturschrift und Bassist Jürgen Lenk lief auch mal im Hakenkreuz-T-Shirt über die Königsstraße. Damals und teils noch heute wurde das als rechte Gesinnung interpretiert. Aber Punk setzte Nazi-Symbole als pure Provokation ein, eine aus England ausgeliehene Geste, gebraucht auch von Johnny Rotten oder Siouxsie Sioux.

Den schlechten Ruf von Ätzer 81 nährte nachhaltig, dass Gitarrist Rübezahl 1982 nach einer Schlägerei in den Knast wanderte, was später oft als Indiz für die Destruktivität von Band und Szene gedeutet wurde, laut Steiner aber vor allem ein willkommener Anlass war, Punks zu kriminalisieren. Die abgerissenen Jugendlichen waren der Polizei mehr als suspekt. "Sonderkommissionen hatten in jahrelanger Kleinarbeit Punks fotografiert, ausgehorcht, bespitzelt und Dossiers angelegt", erzählt Steiner. Und nicht nur der Polizei waren sie unheimlich und verhasst, auch Medien, allen voran die "Bild"-Zeitung, zeichneten ein skandalträchtiges Bild.

Was zur Frage führt: Wie politisch war Punk in Stuttgart und Umgebung damals? Das lässt sich kaum pauschal beantworten. Man war eher links, darin bestand Einigkeit. Viele Punks waren damals in der Hausbesetzerszene, weil man in den besetzten Häusern umsonst leben und die Keller als Übungsräume nutzen konnte. Die Alt-68er, die K-Gruppen, waren dort stark, doch mit deren politischem Dogmatismus wollten die meisten nichts zu tun haben. Die Punk-Bewegung war "ziellos und unpolitisch und bildete keine geschlossene Gegenkultur mit gemeinsamem Protest, was auch niemals die Absicht von Punk war", sagt Steiner. "Man wollte sich nicht einordnen lassen."

Punk's not dead?

Zur Hausbesetzerszene gehörten damals auch Nolde und T'schelle, die heute Wirte der Stuttgarter Gaststätte Schlesinger sind und den Punk-Habitus von einst noch nicht ganz abgelegt haben. Manche sind mit ihrem Nonkonformismus alt geworden, andere bürgerlich, einige sind tot, Streetpunks, die damals auf der Straße lebten, gestorben an den Folgen von Alkohol, Drogen oder an Aids.

Im Anfangskapitel seines Buches lässt Simon Steiner in einer fiktiven Zeitreise alte und neue Punks auf dem Stuttgarter Marienplatz zusammentreffen. "Um den Gegenwartsbezug herzustellen, hat es mir granatenmäßig Spaß gemacht, mich auch in die aktuelle Punkszene hinein zu begeben", erzählt der Punk-Historiker. 30 Bands habe er sich dafür angeschaut und teils neu kennengelernt, klar, "Die Nerven" kennt man mittlerweile sogar deutschlandweit. Seine "totale Lieblingsband" unter den jungen sei aber "Krime", sagt Steiner, und seine Augen leuchten. Punk's not dead? Sieht so aus.


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