Geht doch: faire Marktwirtschaft. Foto: Pixabay

Ausgabe 317
Zeitgeschehen

Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 26.04.2017
In den mittelalterlichen Städten waren die Vermögensunterschiede wesentlich geringer als heute. Sie waren Zentren der Innovation, Ursprung der modernen Gesellschaft. Dabei waren die Möglichkeiten, Gewinn anzuhäufen, begrenzt.

Seit dem Ende des Kommunismus im Ostblock 1989 sehen viele den Beweis erbracht: Zum Kapitalismus gibt es keine Alternative. Allerdings sprechen sie lieber von Marktwirtschaft, das klingt nicht so marxistisch. Dabei hat Karl Marx in einem Recht behalten: Mit zunehmender Dauer der kapitalistischen Wirtschaftsform konzentriert sich immer mehr Kapital in sehr wenigen Händen. Acht Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, 36 Familien in Deutschland so viel wie die weniger wohlhabende Hälfte des Landes.

Anscheinend funktioniert auch der Kapitalismus nicht, oder nur mit enormen negativen Folgen wie einer zunehmenden Verarmung großer Teile der Weltbevölkerung, existenzvernichtenden Krisensituationen und gravierenden Umweltproblemen. Aber gibt es wirklich nur die zwei Modelle: Diktatur des Proletariats versus Diktatur der Märkte? Ist Kapitalismus und Marktwirtschaft dasselbe? Oder könnte es auch eine marktbasierte Wirtschaft geben, die nicht auf einer Akkumulation schwindelerregender Kapitalmengen, sondern auf wechselseitigem Interesse beruht?

So gestellt lässt sich die Frage leicht beantworten, denn eine solche Marktwirtschaft gab es bereits. Sie hat jahrhundertelang bestens funktioniert. Mittelalterliche Reichsstädte bieten geradezu ein Modellbild der Marktwirtschaft. Aber den Möglichkeiten, sich auf Kosten der Anderen zu bereichern, waren lange Zeit enge Grenzen gesetzt.

Am Anfang steht das Handwerk

Wer das Gebiet der Esslinger Altstadt durch den ältesten Torturm, das Wolfstor, betritt, gelangt zunächst in die Küferstraße. Schnurgerade und breit, entspricht sie so gar nicht dem Bild einer mittelalterlichen Gasse. Sie war ein Abschnitt der Fernstraße von Ulm nach Speyer und führte bis zu den Neckarbrücken durch Esslinger Stadtgebiet, auf ihrer ganzen Länge ein Markt. Am Wolfstor beschlugen Schmiede die Pferde der Reisenden. Ihnen folgten die Küfer, denen sie für ihre Fässer die Reifen lieferten, und die wiederum holten Holz eine Ecke weiter am Holzmarkt, dem heutigen Blarerplatz. Daran schloss sich der Hafenmarkt an, für die Töpferwaren. Das Alte Rathaus war Markthalle. Hier boten Bäcker und Metzger ihre Ware an. Unten am Rossneckar befand sich der Viehmarkt.

Der Grund, dass sich überhaupt Städte mit fünf- bis zehntausend Einwohnern herausbilden konnten, besteht in der Diversifizierung der handwerklichen Tätigkeiten. "Am Anfang des städtischen Lebens steht der Handwerker", fasst der Historiker Gerd Wunder kurz und bündig zusammen.

An die 100 Handwerksberufe verzeichnet das 1568 veröffentlichte Ständebuch des Jost Ammann. Handwerker eines Berufs oder verwandter Berufe schlossen sich zu Zünften oder zunftähnlichen Gemeinschaften zusammen, auch Gilde oder schlicht Handwerk genannt. Ihre Zunftstuben waren ein Ort geselligen Beisammenseins, aber auch Versammlungsorte, wo alles Wichtige besprochen wurde. Der Begriff Gilde kommt von einem Trinkgelage, Zunft verweist dagegen darauf, was sich ziemt: Die Zunft legte die Regeln fest, nach denen in einem Handwerk gearbeitet wurde.

Sich gegenüber Kollegen desselben Berufsstandes hervorzuheben, war fast unmöglich. Die Meisterprüfung stellte an alle höchste Ansprüche. Die Meister arbeiteten in der Regel allein, allenfalls mit einem Gesellen oder ein bis zwei Lehrlingen. Wenn wandernde Gesellen in eine Stadt kamen, wurden sie von einem Zuschickmeister denjenigen Betrieben zugewiesen, die noch keinen hatten. Selbst über gerechte Preise wachte die Zunft.

Früher zahlte jeder Vermögenssteuer

Im Vergleich zu heute, wo ganz wenige Menschen obszöne Reichtümer besitzen, waren die Vermögensunterschiede gering. Wunder hat die Verhältnisse in Schwäbisch Hall eingehend untersucht und mit anderen Städten verglichen. Er geht aus von der Beetsteuer, einer jährlichen Abgabe auf das Vermögen in Höhe von 0,25 Prozent, die jeder Bürger entrichten musste und die auf das Vermögen rückschließen lässt.

Wie sich zeigt, waren in Hall die wenigen Reichen, die mehr als das Zehnfache des Durchschnittswerts besaßen, fast immer Adlige. Sie dominierten den Stadtrat, bis die Handwerker 1510 rebellierten und die Mehrzahl der Adligen die Stadt verließ. Daraufhin bildete sich eine neue, etwas schmalere Oberschicht, die nun aus Handwerkern, Salzsiedern und Händlern bestand. In anderen Städten verhielt es sich etwas anders: In Esslingen fehlen die Reichen fast ganz, offenbar sind aber die Pfleghöfe der Klöster nicht mit erfasst. In der Bischofsstadt Konstanz waren die sozialen Gegensätze etwas größer.

Innerhalb einzelner Handwerksgruppen herrschten nahezu egalitäre Verhältnisse. Von den 18 Schreinern, die um 1605 in Schwäbisch Hall ansässig waren, versteuerte etwa die Hälfte weniger als 100 Gulden, was sich wohl nur durch Hypotheken erklären lässt, denn allein das eigene Haus, Grundvoraussetzung für Bürgerschaft und selbständige Tätigkeit, war auf jeden Fall mehr als 200 Gulden wert. Die einzigen beiden, die deutlich mehr besaßen, nämlich 800 und 1000 Gulden, hatten dieses Vermögen bereits mitgebracht, als sie sich in der Stadt niederließen. Später im 17. Jahrhundert wurden – der Einfachheit halber? – alle Schreiner mit einem Gulden veranlagt, das entspricht einem Vermögen von 400 Gulden.

In anderen Handwerken verhält es sich ähnlich. Und nur sehr wenigen gelang es, in der Regel durch kleine Nebengeschäfte wie Wein- oder Wollhandel, etwas Kapital anzuhäufen. Und doch waren die Städte des späteren Mittelalters die Keimzellen der modernen Gesellschaft. Erstmals konnte sich ein Bürgertum gegenüber Adel und Klerus emanzipieren: Der Begriff des Bürgers ist von Burg abgeleitet, im Mittelalter ein Synonym für Stadt. Die freien Reichsstädte waren demokratisch verfasst, lange vor der französischen Revolution: In Hall etwa regierten zwei Stättmeister in jährlichem Wechsel, damit keiner zu viel Macht anhäufen konnte. Der Schwörtag, an dem jährlich der Bürgermeister gewählt wurde, war in vielen Städten das zentrale Ereignis des Jahres.

Georg Seifferheld, der erste Kapitalist

Vom 13. Jahrhundert an entwickelte sich die große Zahl der Handwerke, die bis heute unsere Berufsbilder prägen. Die Städte waren Motoren der Innovation, allen voran Nürnberg, das die Erinnerung an seine Erfinder jahrhundertelang pflegte. Aber Nürnberg war nicht allein: Neuigkeiten verbreiteten sich rasch, wie sich an der Ausbreitung der Formen der Renaissance ablesen lässt. Jedes Handwerk, jede Stadt hatte den Ehrgeiz, ein Maximum an Qualität zu erreichen. Um 1600 war ein Höchststand erreicht.

Der Niedergang kam mit dem Dreißigjährigen Krieg. Truppenbesetzungen, Geldforderungen und Krankheiten ließen die Städte ausbluten. 3,6 Millionen Gulden kostete Schwäbisch Hall der Krieg. Doch nicht alle verarmten. Der "große Stättmeister" Georg Friedrich Seifferheld wurde reicher als jeder andere zuvor. "In den Akten erscheint er durchaus als harter Geschäftsmann", schreibt Wunder, "der sein Geld nur unter günstigen Bedingungen ausleiht, der an Steuer immer etwas abzuhandeln weiß und mit seinem Pfunde wuchert."

1680 besaß Seifferheld 68 000 Gulden, etwa das Sechzigfache des Mittelwerts. Heute, wo das Durchschnittsvermögen der Deutschen nach einer Studie der Bundesbank rechnerisch bei 214 000 Euro liegt und der Medianwert – der Wert, demgegenüber die eine Hälfte der Bevölkerung mehr, die andere weniger verdient – bei 60 000, besitzen die Reichsten, die Milliardäre, das zehntausendfache und mehr.

Zu den Wirtschaftsformen des Mittelalters und der frühen Neuzeit führt kein Weg mehr zurück. Aus der Perspektive späterer Jahrhunderte erscheinen sie auch wenig attraktiv. Der Begriff der Zunft assoziiert nur noch den Zunftzwang oder ein zünftiges Trinkgelage. Schon im Absolutismus durch fürstliche Privilegien für landeseigene Manufakturen ausgehebelt, wurde der Zunftzwang in der bürgerlichen Epoche des 19. Jahrhunderts vollends aufgehoben. Der Spießbürger – ursprünglich der waffenfähige Bürger einer Stadt, der im Verteidigungsfall zu den Spießen, also Speeren eilte – ist zum Synonym des Rückwärtsgewandten geworden.

Es braucht neue Formen solidarischen Wirtschaftens

Dies kommt daher, weil sich die Kapitalisten im 19. Jahrhundert, mit angehäuften Kapitalien und Hunderten von Arbeitern, die für wenig Geld einer unterqualifizierten, entfremdeten Tätigkeit nachgingen, gegenüber der kleinteiligen Handwerkswirtschaft durchgesetzt haben. Das Handwerk ist damit nicht entbehrlich geworden, muss sich seither aber mit einer Nischenposition begnügen. Es überlebt nur in den Bereichen, die im großindustriellen Maßstab nicht zu bewältigen sind – nicht zuletzt aufgrund der in der Ausbildung verankerten Qualitätsmaßstäbe.

An die Stelle der Zünfte sind andere Zusammenschlüsse getreten: Die Interessen des Handwerks vertreten die Kammern, die allerdings als anonyme Körperschaften agieren, sehr viel weniger bestimmt vom direkten Kontakt ihrer Mitglieder. Auf der Ebene einer persönlichen Begegnung entstand das Vereinswesen, dem ebenfalls ein etwas rückwärtsgewandter Ruf nachweht, das sich aber als durchaus geeignet erweist, um sich unter einem bestimmten Anliegen zusammenzuschließen.

So zweifelhaft der Ruf des Zunftwesens heute sein mag: Die Zünfte waren für ihre Mitglieder in erster Linie nicht von Zwang, sondern von Solidarität bestimmt. Infolge ihrer Aufhebung entstanden auch die Gewerkschaften, ohne die es einen Wohlstand für alle wiederum nicht gegeben hätte. Globalisierung und Prekarisierung haben sie jedoch wenig entgegenzusetzen. Den heutigen Auswüchsen des entfesselten Kapitalismus wird nur mit neuen Formen solidarischen Wirtschaftens zu begegnen sein – auch wenn sich dies sehr viel schwieriger gestaltet als in der übersichtlichen Welt der mittelalterlichen Reichsstädte.


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6 Kommentare verfügbar

  • Dietrich Heißenbüttel
    am 06.05.2017
    Wann das Mittelalter anfängt und aufhört, darüber gehen die Anischten auseinander. Ich habe allerdings, wenn Sie genau lesen, nicht vom Mittelalter pauschal geschrieben, sondern von den mittelalterlichen Reichsstädten. Die entstanden Ende 13. Jahrhundert nach dem Ende der Stauferherrschaft, und ich beziehe mich grob gesagt auf die Zeit bis zum Dreißigjährigen Krieg. Ebenso kann man natürlich den Begriff des Kapitalismus in die verschiedensten Richtungen dehnen und strecken. Meine Intention war nur zu zeigen, dass innerhalb der Stadtgesellschaften die Einkommensunterschiede nicht groß waren, und dies insgesamt der Entwicklung sehr gut getan hat.
  • Volker Steimel
    am 03.05.2017
    Vielleicht hätte sich der Autor vorher ein wenig besser informieren können, anstatt ein Thema im einleitenden Absatz zu suggerieren, daß er nachher gar nicht behandelt. Denn das anfangs postulierte Mittelalter kommt in Dietrich Heißenbüttels Artikel überhaupt nicht mehr vor - außer in dem Satz "Vom 13. Jahrhundert an entwickelte sich die große Zahl der Handwerke, die bis heute unsere Berufsbilder prägen.". Um von dort gleich wieder ins 16./17. Jahrhundert zu springen.
    Dabei wäre gerade die Betrachtung der Jahrhunderte davor es wert - das in der Überschrift ("Marktwirtschaft ohne Kapitalismus") und im einleitenden Absatz angesprochene Mittelalter - näher beleuchtet zu werden. Um dies nachzuholen, empfehle ich Peter Kropotkin "Gegenseitige Hilfe in der Entwickelung".
  • Berndt Neuwirth
    am 02.05.2017
    Die in dem Artikel vertretene Einschätzung der mittelalterlichen Wirtschaft ist völlig unzeitgemäß. Es gab schon im Spätmittelalter einen voll ausgeprägten Großkapitalismus in Mitteleuropa. Lesen Sie dazu: Wolfgang von Stromer Oberdeutsche Hochfinanz 1350-1450, 3 Bde. (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte / 55-57). Wiesbaden 1970.
  • Dirk festus Festerling
    am 28.04.2017
    Wäre nett, wenn die massiven Nachteile der Zünfte für die Nicht-Meister im Artikel auch erwähnt worden wären. Ich zitiere einfach mal den ersten Artikel des Wikipedia-Artikels "Zunftzwang": Mit Zunftzwang wird der Umstand bezeichnet, dass bestimmte Berufe nur von Mitgliedern einer entsprechenden Zunft ausgeübt werden durften. Dieser Zunftzwang diente dem Konkurrenzschutz durch lokale Begrenzung der Zahl der Meister in einem Gewerbe und der ausgebildeten Gesellen, führte jedoch zu erheblichen Missbräuchen und Missständen, insbesondere zu einer engen Beschränkung der Chancen des Nachwuchses im Handwerk, die von ihren Meistern in vielerlei Hinsicht abhängig waren (Wohlverhaltensnachweise, Heiratsverbote, Mobilitätsbeschränkungen). Nur wenige Gewerbe und Meister konnten sich dem Zunftzwang legal entziehen, viele Gesellen taten dies illegal und mussten mit Verfolgung rechnen.
  • Peter Meisel
    am 26.04.2017
    Zur Erinnerung wir feiern heute 500 Jahre Reformation. Auch unsere Politik und vor allem wir, der Souverän, können jene Zeit, heute wieder erkennen.
    Die Reformation ist eines der wichtigsten Ereignisse der Geschichte. Eine Bewegung, deren geistige, kulturelle, gesellschaftliche und politische Dynamik seit einem halben Jahrtausend weite Teile der Welt prägt. Die Reformation führte im 16. Jahrhundert zu einer grundlegenden Neuordnung von Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Der protestantische Geist der Mündigkeit und KANT`s Aufklärung, der damit verbundene hohe Stellenwert der Bildung bildeten wichtige Grundlagen, auf denen aufklärerisches Gedankengut erblühen konnte.
    Das reformatorische Denken kreiste um den Gedanken der Freiheit. Delacrox hat diese Freiheit gemalt, die die Politik verändert und die Menschenrechte eingeführt hat. Wie wäre es mit EIGENTUM und GERECHTE VERTEILUNG der Wertschöpfung der o.a. Roboter? Nur ein Bedingungsloses Grundeinkommen mit zusatz Verdienst Moglichkeiten und Besteuerung der Roboter-Wertschöpfung kann die lokale Nachfrage sicherstellen und die EU retten!
    Das würden wir heute wohl eine echte soziale Marktwirtschaft nennen? Die CDU verteidigt eine "Marktlonforme Demokratie" mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft INSM, die das Volk zum Stillhalten verführen soll. Im September sind Wahlen. Wir regieren uns selbst!
    Wir müssen wir uns gerade heute auch daran erinnern, dass Reformation und Gegenreformation eine der Ursachen des Dreissigjährigen Krieges waren, einer ungeheuren Katastrophe für den Kontinent.

    Katechismus der Katholischen Kirche - 2469 In der Wahrheit leben
    –  Thomas von Aquin Die Menschen können nicht in Gemeinschaft miteinander leben, wenn sie sich nicht gegenseitig glaubten, als solche, die einander die Wahrheit offenbaren.
    • Rolf Steiner
      am 26.04.2017
      Gut argumentiert, Herr Meisel. Doch ich vermisse Hinweise auf Luthers Verhalten im Bauernkrieg , auf Münzer und dann auch auf seinen "Seitenhieb" auf die Juden. Die "Aufkläürung" allein kann das Luther-Bild nicht vollständig "beleuchten".

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