Radikale Schritte sind notwendig, meint unser Autor. Kapitalistischen Müll sortieren reicht da nicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Radikale Schritte sind notwendig, meint unser Autor. Kapitalistischen Müll sortieren reicht da nicht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 312
Debatte

Ächzen im Maschinenraum

Von Fabian Scheidler
Datum: 22.03.2017
In welcher Welt leben wir? In der Megamaschine Kapitalismus, die ein Prinzip hat: aus Geld mehr Geld machen. Das wird nicht mehr lange gut gehen, sagt unser Autor, es sei denn, es gibt radikale Veränderungen. Darüber liest und diskutiert er in Stuttgart.

Eine kenianische Kleinbäuerin und ein Wall-Street-Banker, eine deutsche Staatssekretärin und ein irakischer Polizist leben in sehr verschiedenen Lebenswelten. Und doch sind sie durch ein globales Netz miteinander verbunden, das dafür sorgt, dass die Staatssekretärin den Kaffee aus Kenia trinkt und das Penthouse des Bankers mit Öl geheizt wird, das durch Pipelines fließt, die vom irakischen Polizisten bewacht werden. Dieses komplexe Netzwerk hat, wie alle sozialen Systeme, eine Geschichte, es hat einen Beginn, eine Entwicklung und irgendwann auch ein Ende.

Die Megamaschine

Die einen nennen es das "moderne Weltsystem", die anderen den globalen Kapitalismus. Ich benutze dafür die Metapher der "Megamaschine", die auf den Historiker Lewis Mumford zurückgeht. Die moderne Megamaschine ist vor etwa 500 Jahren in Europa entstanden und hat sich seither mit geradezu explosionsartiger Geschwindigkeit um den Globus verbreitet. Sie war von Anfang an für einen Teil der Weltbevölkerung mit einer sagenhaften Reichtumsvermehrung verbunden, für die Mehrheit aber mit Verelendung, radikaler Ausbeutung, Krieg und Völkermord und nicht zuletzt der Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen.

Die ökonomischen Strukturen waren – und sind es bis heute – auf die Existenz von Staaten angewiesen, die in der Lage sind, Eigentumsrechte durchzusetzen, Infrastrukturen bereitzustellen, Handelsrouten militärisch zu verteidigen, wirtschaftliche Verluste aufzufangen und Widerstand gegen die Zumutungen und Ungerechtigkeiten des Systems unter Kontrolle zu halten. Zu diesem Ganzen gehört noch ein ideologischer Überbau, der dazu dient, die gewaltsame Durchsetzung und Ausbreitung des Systems zu rechtfertigen und als eine heilbringende Mission darzustellen. Eine heute beliebte Form davon ist die Beschwörung der "westlichen Werte".

Teil des Systems: extreme Armut. Eine Frau sortiert Lumpen auf einer indischen Müllhalde.
Teil des Systems: extreme Armut. Eine Frau sortiert Lumpen auf einer indischen Müllhalde.

Das beherrschende Ordnungsprinzip dieses Systems ist die endlose Akkumulation von Kapital, oder, etwas vereinfacht gesprochen: aus Geld mehr Geld zu machen. Neue Märkte und Energiequellen müssen mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, erschlossen werden, immer größere Naturräume in Abraumhalden für die ökonomische Maschinerie verwandelt werden. Innehalten, Verlangsamung oder Mäßigung sind in der Logik dieser Maschinerie gleichbedeutend mit Krise und Zusammenbruch. Daher sind auch die Hoffnungen trügerisch, dass uns allein eine grüne Technologie vor dem ökologischen Kollaps retten wird.

Im Getriebe endloser Akkumulation

Die Geldvermehrungslogik hat eine Eigendynamik entwickelt, die weit über die individuelle Gier Einzelner hinausgeht. Ein Beispiel dafür ist die Aktiengesellschaft, die als Rechtsform vor etwa 400 Jahren entstand. Der Vorstandsvorsitzende einer großen Aktiengesellschaft mag gierig oder bescheiden, ein Öko oder ein Klimaleugner sein, seine Aufgabe besteht darin, das Quartalsergebnis des Unternehmens zu optimieren. Erfüllt er seine Funktion nicht oder nur unzureichend, spuckt die Institution ihn einfach aus.

Nach diesem Bauprinzip sind die mächtigsten Institutionen der Erde geschaffen. Die 500 größten Unternehmen der Welt – die meisten von ihnen Aktiengesellschaften – vereinigen die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung auf sich. Was sie produzieren, sind nur austauschbare Mittel zu ihrem eigentlichen Zweck, nämlich der Geldvermehrung. Ist der Bedarf an Produkten gedeckt, muss neuer Bedarf geschaffen werden. Daher ist es für ihre Funktionsfähigkeit unabdingbar, dass Bürger in Konsumenten verwandelt werden, deren wesentlicher Beitrag zum gesellschaftlichen Leben darin besteht, zu kaufen.

Die Grenzen des Systems

Die fünfhundertjährige Expansion der Megamaschine stößt allerdings im 21. Jahrhundert an Grenzen. Die große Zahl von Armen weltweit und die abbröckelnden Mittelschichten haben einfach nicht das Geld, um eine wachsende Produktion noch zu profitablen Preisen aufzukaufen. Daher weicht die Wirtschaft auf Finanzspekulationen aus, die sich in immer größeren Crashs entladen und Wirtschaft wie Staaten weiter destabilisieren.

Die einzige Möglichkeit, diesen Trend umzukehren und die Megamaschine wieder flott zu machen, wäre ein Programm zur massiven Besteuerung von Reichtum, aus dem Umverteilung und staatliche Konjunkturprogramme finanziert würden. Allerdings arbeiten fast alle tonangebenden Kräfte innerhalb der Maschine aus kurzfristigen Eigeninteressen genau dagegen an. Doch selbst wenn dies gelingen sollte, würden wir dadurch die zweite und noch unüberwindlichere Grenze nur umso schneller zu spüren bekommen: die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Die Fata Morgana eines öko-sozialen Kapitalismus

Nun wird immer wieder gesagt, wir könnten dieses System so verändern, dass die Wohlstandsproduktion von den zerstörerischen Wirkungen entkoppelt wird. Die Frage ist also: Kann es eine wirklich grüne, soziale und friedliche Megamaschine geben? Zu denen, die darauf mit "Ja" antworten, gehören die Verfechter von Konzepten wie "Green Growth", "Green New Deal" oder "Blue Economy". Die Argumentation lautet etwa so: Wenn wir für jeden Euro, den wir erwirtschaften, immer weniger Ressourcen verbrauchen, dann können wir das Geld immer weiter vermehren und dabei einen immer kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Fortschritt schont Ressourcen? Von wegen!
Fortschritt schont Ressourcen? Von wegen!

In der Praxis führt das zu der Illusion, wir könnten die Tiefenstruktur unserer Gesellschaft lassen, wie sie ist, und durch ein paar technische Innovationen und ökologische "Leitplanken" den nötigen Wandel erreichen. Wie trügerisch das ist, zeigt beispielsweise die großspurige Ankündigung aus den 1990er Jahren, mit der allgemeinen Verbreitung von Computern und Internet würden wir uns in eine "dematerialisierte" Ökonomie hineinbewegen: weniger Papierverbrauch, weniger Verkehr, eine körperlose grüne Dienstleistungsökonomie. Ein Blick auf deutsche Straßen genügt, um zu erkennen, was aus diesen Versprechungen geworden ist. Beim Papier sieht es nicht anders aus. Die Deutschen verbrauchen zusätzlich zu ihrem Maschinenpark noch so viel Papier wie 1,5 Milliarden Afrikaner und Südamerikaner zusammen.

Nur radikale Veränderung ist realistisch

Um diesem Dilemma zu entrinnen, müssen wir aus der Maschinerie der Geldvermehrung aussteigen. Dafür gilt es, nicht nur das Konsumverhalten zu verändern, sondern auch unsere Institutionen, die Art, wie wir produzieren, die Logiken staatlichen Handelns. Wir brauchen eine Strategie, um gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, das auf lokale und regionale Netzwerke baut, gezielt und massiv zu fördern und zugleich die Sektoren der Wirtschaft, die dem Akkumulationsprinzip und dem Raubbau verschrieben sind, zu schrumpfen. Utopisch? Mag sein. Aber sicher nicht realitätsfremd.

Wenn etwas angesichts der globalen Krisen realitätsfremd ist, dann ein Weiter-so mit einigen kosmetischen Reparaturen. Radikale Veränderung ist in dem Chaos, in das wir uns hineinbewegen, das einzige, was realistisch ist: Sie wird kommen, egal ob wir es wollen oder nicht. Die Frage lautet nur: Wie wird diese Veränderung aussehen? Nichts deutet darauf hin, dass wir mit einem sanften Übergang rechnen können. Weil man zu lange auf das Trugbild eines begrünten Kapitalismus gesetzt hat, fehlen politische Konzepte für einen Ausstieg aus der Megamaschine. Währenddessen mauern sich die globalen Eliten in ihren videoüberwachten Hochsicherheitsenklaven ein und scheinen entschlossen, ihre Privilegien und den Status Quo mit allen Mitteln, auch um den Preis eines verwüsteten Planeten, zu verteidigen.

Nicht mehr nur die Kornblumen sind bedroht, sondern das komplette System.
Nicht mehr nur die Kornblumen sind bedroht, sondern das komplette System.

Ein Kampf um die immer kleiner werdenden Wohlstandsinseln zeichnet sich ab, in vielen Ländern gewinnen autoritäre, fundamentalistische und rassistische Kräfte die Oberhand. Da es keinen Plan für einen Übergang gibt, müssen wir mit immer einschneidenderen Systemzusammenbrüchen rechnen, mit Finanzcrashs, ökologischen Desastern, sozialen Krisen. Die entscheidende Frage ist dabei, wie soziale und ökologische Bewegungen darauf vorbereitet sind, wie sie reagieren.

Die Kräfte für eine sozialökologische Transformation werden in dieser Gemengelage nur eine Chance haben, wenn sie sich untereinander vernetzen, aus den Nischen herauskommen und politische Räume besetzen, die durch die zerfallende alte Ordnung frei werden. Wenn das Ökodorf und die Initiative gegen Zwangsräumungen, streikende Krankenschwestern und rebellierende ProfessorInnen sich miteinander verbinden, kann genügend Energie zusammenkommen, um systemrelevant zu werden. Dafür gibt es aktuelle Beispiele, etwa in den spanischen "rebel cities" wie Barcelona und La Coruña, wo die Stadtverwaltungen inzwischen von den sozialen und ökologischen Bewegungen erobert wurden.

Doch sobald solche Bewegungen aus der Nische herauskommen und systemrelevant werden, nimmt auch der Gegenwind zu. Denn der Weg zu einer wirklich gemeinwohlorientierten, zukunftsfähigen Ökonomie ist kein Win-Win-Spiel. Ihn zu gehen, bedeutet, mächtigen Interessen zu trotzen und Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen. Ein großer Teil der Menschen, die in Städten leben, ist zum Beispiel gezwungen, im Hamsterrad der Akkumulation zu arbeiten, um die Mieten zu bezahlen, die eine Clique von Immobilienhaien und großen Fonds einstreicht, um damit das Rad der Finanzmärkte weiterzudrehen. Eine ernsthafte Transformation ist nicht denkbar, ohne diese – und viele andere – Eigentumsverhältnisse zu verändern. Und das rührt an den Kern gegenwärtiger Machtverhältnisse.

Wir bewegen uns in ein neues Zeitalter der Revolutionen hinein. Es ist unmöglich vorauszusagen, was am Ende herauskommen wird – eine Welt, die noch mehr als die heutige von Gewalt und Ungerechtigkeit geprägt ist, oder eine freiere und friedlichere Welt? Sicher ist nur eines: In einem chaotischen System kann der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen. Es kommt also auf uns alle an.

 

 

Fabian Scheidler. Foto: Kontext TV
Fabian Scheidler. Foto: Kontext TV

Fabian Scheidler studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor für Printmedien, Fernsehen, Theater und Oper. Im Jahr 2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV, welches regelmäßig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit und Ökologie produziert. Der hier veröffentlichte Text ist ein Auszug aus seinem Buch "Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation". Weitere Informationen, auch zu weiteren Lesungen des Autoren, finden Sie auf www.megamaschine.org.

Info:

Wir sind schon mittendrin ... und fangen gerade erst an! Transformationstagung vom 24. bis 26. März 2017 im Forum 3, Gymnasiumstraße 21, Stuttgart.

Information und Anmeldung: Colibri – Beiträge für eine menschenwürdigere Welt e. V., Nauklerstraße 13 in Tübingen, Carol Bergin, info@transformationstagung.org, Telefon: 07071/255608.


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