Hunderte Menschen stehen in der Schlange, viele warten schon die ganze Nacht darauf, dass sich die Türen des kleinen Ladens gegenüber der Stuttgarter Stiftskirche öffnen. Die Leute wollen nicht schleunigst ihr Erspartes wegen eines Bankencrashs sichern, nein, sie wollen Geld ausgeben. Es gibt ein günstiges, geradezu einmaliges Luxusprodukt. An diesem Tag werden auf der ganzen Welt in ausgewählten Läden der Firma Swatch Uhren verkauft, die zusammen mit der Luxusmarke Audemars Piguet entstanden sind. In Stuttgart bleibt alles friedlich, in anderen Städten kommt es gar zu Prügeleien. Es sind überwiegend junge Menschen, die anstehen, keine CEOs oder Unternehmer balgen sich um die Edel-Swatch. Besonders reich wirken die Wartenden nicht – genau das ist der Punkt.
Warum schlägt man sich eine kalte Nacht für eine Uhr, die zwischen 385 und 400 Euro kostet, um die Ohren? Der übliche Markenhype? Wollen viele das künftige Sammlerstück möglichst teuer weiterverkaufen? Wahrscheinlich ja, aber es steckt noch mehr dahinter. Mit diesem kleinen Stück Luxus kann man zeigen, dass man dazugehört. Man gehört zu den Gewinnern in der Gesellschaft, nicht zu den Losern, die keine 400 Euro übrighaben.
Heute scheint das wichtiger als früher, denn in einer Leistungsgesellschaft muss die eigene Leistungsfähigkeit gezeigt werden, sonst droht soziale Ächtung. Man gehört dann zum "Prekariat", zu denen, die womöglich Leistungen "erschleichen".
Der Laden für den kleinen Luxus liegt schräg gegenüber der evangelischen Stiftskirche. Drumherum hat sich ein ganzes Areal mit Luxusgeschäften entwickelt: Chopard, Hermes, im Dorotheenquartier finden sich weitere Namen wie Tiffany, Louis Vuitton und so weiter. Stuttgart war evangelisch, ja fast pietistisch geprägt. Einst wurde der Luxus eher versteckt, die Nobelmarken waren allenfalls im Breuninger Exquisit zu finden, der Daimler wurde in der Garage geparkt, nicht protzig auf die Straße gestellt. Keine Spur mehr davon, Luxus wird in Stuttgart mittlerweile offen zelebriert. Warum hat sich das so verändert?
Neuer Umgang mit Luxus
Der Umgang mit Luxus und welche Rolle er im Leben spielt, sagt viel über eine Gesellschaft aus. Natürlich gab es immer schon die Unterschiede zwischen Arm und Reich, doch die Bundesrepublik galt lange als ein geradezu egalitäres Mittelstandsparadies.
Rückblende: die 1980er-Jahre. Richtig Arme gibt es kaum und selbst der Mann am Band von Daimler kann sich irgendwann den Traum vom Eigenheim erfüllen – das war zumindest die Vorstellung, ein Bild, das man gerne hochgehalten hat. Doch damals wurde auch klar, dass die fetten Jahre vorbei waren. Die Gewerkschaften kämpften nicht mehr um echte Lohnerhöhungen, sondern um Inflationsausgleich.
Was tun? Helmut Kohl wurde 1982 Bundeskanzler und rief die "geistig moralische Wende" aus. Was das sein sollte, blieb schon damals eher nebulös, klar war nur, die Gesellschaft müsse leistungsorientierter werden. Nur eine Leistungsgesellschaft könne im Wettbewerb überleben. Der Begriff Leistung bezeichnete nicht mehr nur physikalisch die Menge an Arbeit, die in einer bestimmten Zeit umgesetzt wird, sondern Leistung wurde zu einer Geisteshaltung, zu einem Wert an sich.
Und wie lässt sich diese Form von Leistung messen? Hier wird es sehr konkret und glücklicherweise auch wieder sehr einfach: Wer viel leistet, verdient viel Geld. Wer Geld hat, ist daher auch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Im Gegensatz zum Almosenempfänger, der der Gesellschaft nur auf der Tasche liegt.
Ob diese Gleichungen eine reale Entsprechung in der Gesellschaft haben, ist dabei unerheblich, wichtig ist das neu geschaffene Bild von der Leistungsgesellschaft. In einer Leistungsgesellschaft wird es daher salonfähig, seine Leistung, sprich sein Geld zu zeigen. Eine gut erkennbare Louis Vuitton Tasche zeigt: Ich bin Leistungsträger:in. Entscheidend ist, dass Leistung direkt in Geld übersetzt wird.




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