Nicht nur die Universität fieberte diesem Gestank entgegen. Wenn in Hohenheim eine Titanenwurz blüht, lockt das bis weit über die Stadtgrenzen hinaus Schau- und Riechlustige an. Der Publikumsmagnet, der eigentlich ein Opfermagnet sein möchte, trägt den Namen Surprise. 2021 öffnete das Exemplar erstmals an diesem Standort seinen Blütenkelch, 4.000 Menschen eilten herbei, um das buchstäbliche Schauspiel der Natur zu bezeugen. Denn in der Blüte verströmt die Titanenwurz eine trügerische Prise, einen ködernden Geruch, der Aas und Kot vorgaukelt, wo in Wahrheit eine Blume darauf wartet, bestäubt zu werden.
Als Mensch ist Neid die logische Konsequenz. Ein schlecht getimter Furz kann das gesellschaftliche Ansehen ruinieren. Nach Verwesung zu riechen, mindert die Aussichten, sich fortzupflanzen, erheblich. Aber wenn es eine Blume macht, sind alle begeistert. Vom Statistischen Landesamtes gab es neulich einen aufwändigen Vortrag, wie Zahlen Wissen schaffen. Im Publikum saßen drei Leute. Es gibt eine Menge Menschen, die an Einsamkeit leiden. Aber diese Blume bekommt Gesellschaft, die sie nie gewollt hat. Sie riecht abstoßend und wird dadurch anziehend. Was macht das Unattraktive so attraktiv?
Dieses Jahr zeugte sogar ein Livestream von der Vorfreude auf den Gestank: "Wurzi is back", hieß es auf dem Youtube-Kanal der Universität. Seit dem 22. Juni ist dort übertragen worden, wie es um den Blühfortschritt im Gewächshaus bestellt ist. Surprise sei "eine richtige High-Performerin" und zähle "zu den besonders blühfreudigen Exemplaren", hypen die Hohenheimer diese "natürliche Gigantin". Die Titanenwurz ist die größte Blume der Welt, der Blütenstand kann über drei Meter groß werden.
Mindestens ebenso groß ist die Freude an der Universität, dass Wurzi rechtzeitig zum Jubiläum blüht: Die Hohenheimer Gärten gibt es jetzt seit genau 250 Jahren. Eine Titanenwurz blüht aber nur alle paar Jahre – und auch dann nur für ein kurzes Zeitfenster: Nach spätestens 48 Stunden ist der Blütenzauber mit dem Geruch des Todes passé. Würde die Titanenwurz durchgehend stinken, wäre sie wahrscheinlich nicht so interessant. Weil sie die übelriechenden Moleküle aber nicht alle Tage absondert, kann man sich nie sicher sein, wann es die nächste Gelegenheit gibt, ein paar davon zu inhalieren.
Nicht angenehm, aber intensiv
Die Angst, dabei etwas zu verpassen, hat sich sogar in der Popkultur niedergeschlagen: Bei den Simpsons blüht ein Gewächs, das offensichtlich von Titanenwurz inspiriert worden ist, nur einmal pro Jahrhundert. Erwartungsfroh hat sich die halbe Stadt im botanischen Garten versammelt. Als sich der Blütenkranz öffnet, entweicht eine grünliche Giftwolke. Scharenweise fallen die Schaulustigen in Ohnmacht, der infernalische Gestank ätzt die umstehenden Hecken weg, Krusty der Clown springt kopfüber in einen Kothaufen, weil es sich darin befreiter atmen lässt.
Klar ist hier: Mit einem gefälligen Erlebnis ist nicht zu rechnen – aber mit einem intensiven. Die Gedächtnisforschung zeigt, dass Gerüche und Erinnerungen eng verknüpft sein können, etwa wenn einen die Duftnoten eines Parfüms plötzlich in die Kindheit zurückversetzen. Aber auch Gestank kann sich einbrennen – wie etwa Polizeigewerkschafter Ralf Kusterer verdeutlicht. Der war enttäuscht von der grün-schwarzen Landesregierung, weil diese die Polizei mit einem Antidiskriminierungsgesetz unter Generalverdacht gestellt habe: "Diese Eindrücke bleiben, sie bleiben wie der abgestandene Geruch im durchlebten Prostitutionswohnmobil, an dessen Durchsuchung man sich noch Jahrzehnte erinnert."




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