Bild 1 von 11. Schädlingsbekämpfer Heiko Müller (links, mit Mütze), Hasan Tanrikut und Kontext-Redakteurin Anna Hunger (rechts).

Uargh! Hoch mit dem Deckel!

Blaue Punkte kennzeichnen, welcher Gully fertig ist.

Ist da jemand?

Wo ist der Köder?

Ganz tief unten.

Im Untergrund Geziefer, im Hintergrund die Grabkapelle Württemberg.

Köder drin, Deckel drauf.

Ganz schön schwer.

Auf dem Weg in die Tiefe: Hasan Tanrikut.

Rattenperspektive.

Ausgabe 361
Schaubühne

Die Rattenfänger von Stuttgart

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 28.02.2018
Manchmal müssen Geschichten reifen. Wie die Fotoreportage über zwei Rattenfänger, die wir vor genau einem Jahr auf ihrer Tour begleitet haben. Eine nicht alltägliche Arbeit, die beide Schädlingsbekämpfer mit Können, Leidenschaft und guter Laune verrichten.

Sechs Wochen lang sind sie in drei Zweierteams in Stuttgart und seinen Teilorten unterwegs, um der großstadtimmanenten Rattenplage Herr zu werden. Hasan Tanrikut, seit 16 Jahren Ratten- und Schädlingsbekämpfer, und sein Kollege Heiko Müller, seit einem Jahr zertifiziert in diesem Beruf, sind eines der Teams und an diesem Tag unterwegs mit "Rocky 26", Gefährt Nummer 26 im Fuhrpark der Firma Rockstroh - Slogan: "We love dirty jobs".

Tanrikut fährt langsam durch Untertürkheim und markiert in Neonfarben die abgearbeiteten Straßen auf einem Stadtplan, Müller sitzt hinten auf der Ladefläche, bereit zum Absprung. Ein eingespieltes Team, das an diesem Tag dutzende Gullydeckel mit blauen Rattengiftködern bestücken wird. Deckel auf, Köder rein gehängt, Deckel zu, Punkt drauf, damit man weiß, wo man schon war, Deckel zu, weiter geht's. 

"Katastrophe!"

Im Gully im Selmaweg ist das Wasser weiß. Waschmittel vermutlich. "Katastrophe", sagt Tanrikut, "was wir so alles sehen. Pommes, Gemüse, die Leute schmeißen alles ins Klo." Darüber kann er sich richtig aufregen. Erstens, weil Essensreste nicht ins Klo gehören, sondern in die Biotonne. Und zweitens, weil Ratten keine Köder fressen, wenn sie stattdessen ein Portiönchen Spaghetti Bolognese finden. Ein Toilettenpapier schwimmt vorbei, in einer Pfütze liegt ein Kack-Würstchen...Deckel drauf, Punkt, weiter.

"Ratten sind sehr intelligenten Tiere", sagt Hasan Tanrikut, knapp 40 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. "Wenn sie unten in den Kanälen nichts mehr finden, laufen sie die Rohre hoch. Da sitzt dann jemand auf dem Klo und plötzlich" – er schnappt mit den Fingern – "zwick! – aua!" Er grinst, Scherz. Aber nur ein kleiner. "Wenn die Ratten hochkommen würden, würden sie die Stadt übernehmen. Sie wären überall, das kann sich keiner vorstellen."

Heiko Müller springt aus dem Auto, schiebt den Haken in ein Loch im Gullideckel, zieht kräftig, rumms. Eine Damenbinde klebt an der Backsteinwand, wie eine riesige weiße Nacktschnecke. Eine alte Frau in Karos und mit einer Astschere in der Hand kommt aus einem Vorgarten, kuckt neugierig in einen offenen Schacht. "Sehr nützlich", sagt sie in Richtung Köder und berichtet, wie eine so große Ratte – sie breitet die Arme auf Schäferhundlänge aus – gestern abend da hinter den Mülltonnen verschwunden wäre. "Die Katzen hier jagen die immer", sagt die Frau, mords Radau jedes Mal. Die Leute in den Randbezirken seien immer sehr nett, sagt Hasan Tanrikut, macht die Autotür zu, gibt Gas und lächelt. Stuttgart Innenstadt wäre anders, "der Verkehr ist schlimm. Da kann man nicht einfach an einem Gullydeckel anhalten, sonst hupt sofort jemand und regt sich auf." Tanrikut bremst, Heiko Müller hakt den Haken ein, ratsch, Gully auf. Nach zwei Stunden auf Tour ist das Geräusch beinahe vertraut.

Rattenbabys und Schauergeschichten

Klar, manchmal täten ihnen die Tiere schon leid, die sie vergiften, erzählen die beiden Männer. In einem Regenbecken habe er mal ein Nest mit elf rosaroten Rattenbabys gefunden, erzählt Tanrikut. Er habe sie sogar zu seinem Chef getragen, um zu fragen, was er machen soll. Der sagte: "Die werden doch auch mal groß!" und Rattenfänger bliebe eben Rattenfänger. "Das war schlimm, das hat im Herz wehgetan." Andererseits erinnert er sich noch gut an eine Mülldeponie mit unzähligen großen, grauen Tieren, ganz ohne Scheu vor Menschen. "Das war krass", Tanrikut zieht die Augenbrauen zusammen. "Es waren so viele! Und sie hatten überhaupt keine Angst." Es klingt richtig schaurig, wie er das erzählt.

Ob er seine Arbeit mag? "Sehr, sehr gerne", sagt er ohne zu zögern. Es ist Mittag, und zur Pause fahren die beiden auf einen kleinen Feldweg mit Blick über grüne Weinreben und viel graues Daimlergelände. "In einer Fabrik würde ich keine Luft bekommen. Aber bei dieser Arbeit bin ich immer draußen." Wenn er im Herbst an einem Apfelbaum vorbeikommt, pflückt er sich immer eine Frucht davon. "Das ist schön", sagt Hasan Tanrikut und beißt in sein Pausenbrot. 

Making of

Fast ein halbes Jahr lang haben wir auf die Tour mit den beiden Rattenjägern gewartet. Von der offiziellen Ausschreibung der Stadt bis zu unserem Treffen mit den beiden gut gelaunten Männern und ihren knallblauen Ködern vergingen Monate. Was letztendlich fehlte zur vollständigen Ratten-Reportage, war eine Ratte. Keine einzige traute sich vor das Objektiv unseres Fotografen, es kam nicht einmal eine vorbeigehuscht. Kluge Tiere eben. Aber ein Nachfolgetermin platzte, ein dritter ebenfalls, und dann drehte sich die Medien-Welt schon wieder andersherum. So kam es, dass die Fotogeschichte über Hasan Tanrikut und Heiko Müller ein Jahr lang im Kontext-Archiv schlummerte. (ana)


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3 Kommentare verfügbar

  • Schwa be
    am 04.03.2018
    Vor längerem habe ich beobachtet wie Spatzen massenhaft aus Rattenfallen gefressen haben (längliche, quadratische Metallkästen mit ca. 5x5cm und jeweils einem runden Loch an beiden Enden). Die Rattenfallen waren in dichtem Gebüsch (in dem sich bekanntlich auch gerne Spatzen aufhalten) bei der U-Bahn Haltestelle "Mineralbad" in Stuttgart-Bad Cannstatt versteckt bzw. auf dem Boden abgestellt. Innerhalb von ca. zwei Minuten flogen da mindestens 10-20 Spatzen ein und aus und kamen mit etwas im Schnabel wieder heraus. Schadet Rattengift den bedrohten Sperlingen? Falls ja wieso geht die Stadt derart verantwortungslos mit dem Rattengift um?

    Ratten sind im übrigen Kulturfolger und damit die logische Folge menschlicher Zivilisation und deren mangelnder Hygiene (z.B. verursacht durch Personal- und Qualitätsabbau). Vergleichbar mit dem Aufkommen multiresistenter Keime in (privatisierten) Krankenhäusern an denen jährlich ca. 40.000 Menschen allein in Deutschland sterben.
    • Andromeda Müller
      am 05.03.2018
      Sehr geehrter Herr Schwabe ,
      ich denke Folgendes könnte nach Miterleben zutreffend sein : Kammerjäger/Schädlingsbekämpfer stellen solche Boxen mit geruchlosem Futter auf um am Futter-Schwund die Größe der Rattenpopulation einschätzen zu können. Vielleicht trifft dies hier zu , vielleicht auch nicht.
      Auch in den nicht privatisierten Krankenhäusern und Unikliniken wird am Personal auf Teufel komm raus gespart. Ich habe die Zahl von 20 Tsd. Krankenhaus-Toten in D und von 2000 KH-Toten in der CH p.a. durch ungenügende Hygiene und KH-Keimen mehrfach gelesen und gehört.
      Die 3.häufigste Todesursache in D und anderen Industrienationen ist die Übermedikation , verschrieben durch den Doktor.
      Dazu empfehle ich das Buch von Prof. Peter Götsche (mit dänischem ö), Prof. für med. Studiendesign : "Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität" sowie die unabhängige Fachzeitschrift für medizinische Laien "Gute Pillen -Schlechte-Pillen".
      Auf deren Homepage gibt es die wohl größte öffentlich frei zugängige Liste von gepanschten Nahrungsergänzunsmitteln. Die Autorengemeinschaft besteht aus unabhängigen Medizinern und Pharmazeuten und sind der ewvidenzbasierten Medizin verschrieben.
      Selbszverständlich gibt es noch mehr hervorragende Quellen , nur noch einen Link : https://mezis.de/
    • Andromeda Müller
      am 10.03.2018
      Sehr geehrter Herr Schwabe ,
      ich muß mich entschuldigen , ich habe etwas verwechselt: 20 Tsd Tote p.a. in D wegen Übermedikamentation (CH 2000 p.a.) lt. evidenzbasierter Medizin .
      Aber bzgl. der ihrerseits erwähnten KH-Keim-Toten !
      Diese Quelle spricht von 30 Tsd Toten p.a.in D durch Krankenhauskeime , andere Quellen von bis zu 40 Tsd . Sie hatten richtig beziffert .
      https://www.klinikum-braunschweig.de/2678.0.html

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