Verwaistes Klavier: Die "Winterreise" findet in Teilen draußen statt.

Verwaistes Klavier: Die "Winterreise" findet in Teilen draußen statt.

Ausgabe 356
Schaubühne

Fremd bin ich eingezogen

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Jens Volle
Datum: 24.01.2018
Nach dem Tod Peter Härtlings inszeniert das Theater Lindenhof dessen Melchinger Winterreise neu. Franz Schuberts traurig-romantische Lieder verbinden sich mit den heutigen Erfahrungen dreier Geflüchteter aus Afghanistan und Eritrea.

Die Kinderstühle sind viel zu klein. Die Zuschauer nehmen dennoch Platz, denn sie müssen einen Test bestehen. Einen Staatsbürgerschaftsaufrechterhaltungstest. Er besteht aus zwanzig Fragen mit jeweils drei mehr oder weniger witzigen Antworten zum Ankreuzen. Zum Beispiel Frage 18: Was ist eine Fiktionsbescheinigung? Die richtige Antwort lautet: ein offizielles provisorisches Personaldokument. Für AsylbewerberInnen. Kein Scherz, das gibt es wirklich.

Igor ist Reisebegleiter, spricht gutes Deutsch, aber mit einem starken russischen Akzent. Der Mann, der die Gruppe in die Außenstelle Melchingen der Staatsbürgerschaftsaufrechterhaltungshärtefalldienststelle begleitet, tut dies sehr überzeugend. Im Alltag spricht der Schauspieler Gustav Zahn durchaus akzentfrei. Igor lässt Gnade vor Recht walten, erkennt keinem die Staatsbürgerschaft ab und lässt die Zuschauer ihre Fragebogen mit nach Hause nehmen, um selbst darüber nachzudenken, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft behalten dürfen. Mit dem Akzent hat es Folgendes auf sich: Igor stammt aus Sibirien. In Melchingen hat es derzeit zehn Grad plus, auf dem Himmelberg, wohin nun eine Exkursion mit dem Reisebus führt, laut Igor 44 Grad minus. Hoffentlich sind die Teilnehmer warm angezogen.

Peter Härtling hat die Melchinger Winterreise vor zwanzig Jahren für das Theater Lindenhof geschrieben. Es geht, wie der Titel vermuten lässt, um den melancholischen Liedzyklus von Franz Schubert, vor allem aber um Härtlings eigene Lebensgeschichte. Darum, wie der Schriftsteller sein eigenes Leben im großen Zyklus der historischen Wechselfälle verortet. Sein Leben war geprägt von Flucht und Vertreibung. Auf der Fahrt hinauf zum Himmelberg filzen zwei grobschlächtige Sicherheitsleute mit Pelzmützen den Bus, suchen nach einem Flüchtigen, schnauzen die Fahrgäste an. Ein melancholischer Russe spielt Akkordeon. Ein Zelt steht am Wegrand.

Dann tritt Härtling selbst auf, mit Mutter und Schwester, nach dem Krieg aus Mähren geflohen. Sie sind mit dem Leiterwagen unterwegs, nicht mit dem Zug: Ein wenig künstlerische Freiheit muss sein, damit es zum Ort der Aufführung passt. Der zwölfjährige Peter rennt weg, die Mutter ruft ihm hinterher. Wenig später ruft Franz Schubert der Karoline von Esterhazy nach, die nun in Biedermeierhaube am Wegrand steht und "Gute Nacht", das erste Lied aus Schuberts Winterreise, anstimmt: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." In vollem Galopp prescht ein schwarzer Reiter vorbei. Krähen sitzen in einem Baum. Der Bildhauer Fritz Ruoff fackelt mit einem Brenner, wie ihn die Asphaltierer verwenden, Äste ab. Er gibt sich wortkarg, äußert sich dann doch.

Ein zentrales Bild bietet ein weißer Engel, gespielt von Stefan Hallmayer, Mitbegründer und einer der beiden Intendanten des Theaters. Wie er da über die Albhochfläche rennt und abzuheben versucht, erinnert er zugleich an Gustav Mesmer, den "Ikarus vom Lautertal", dem das Theater auch schon einmal ein Stück gewidmet hat. Hier spielt er jedoch die Rolle des "Engels der Geschichte", nach einem Zitat Walter Benjamins, das Hallmayer nun vorträgt.

Ein Wind weht vom Paradiese her und bläst den Engel von dort immer weiter weg. Der Vergangenheit zugegewandt, sieht er, wie die Geschichte zu seinen Füßen Trümmer um Trümmer aufhäuft. Die Geschichte als Katastrophe: Der Reutlinger Künstler HAP Grieshaber, ein Freund von Fritz Ruoff, hat von 1964 an unter dem Titel "Engel der Geschichte" eine Zeitschrift herausgebracht. Hätte er 1997 noch gelebt, hätte er gewiss ein Plakat für die Winterreise entworfen.

Es sind die Bilder auf dem Himmelberg, die den Zuschauern im Kopf bleiben. Ebenso wie die Schubert-Lieder. Wer Härtlings Lebenslauf kennt – schließlich hat der Autor in Büchern wie "Zwettl", "Herzwand" oder "Leben lernen" die eigene Vita wiederholt zum Gegenstand seines Schreibens gemacht –, weiß jetzt schon das meiste. Für die anderen setzen sich die einzelnen Episoden erst später zu einem Gesamtbild zusammen. Doch zuerst heißt es noch einmal abwarten und Tee trinken. Das abschließende Programm im Theatersaal führt auch die drei Zuschauergruppen wieder zusammen.

Im "Café Transit" servieren drei gastfreundliche Geflüchtete mit zeitlich begrenztem oder ungeklärtem Aufenthaltsstatus heißen Tee und Plätzchen. Sie erzählen ihre eigene Geschichte: Haben Woldeheimanot ist nach Militärdienst, Gefängnis und Folter aus Eritrea geflohen und befindet sich seit 2014 in Deutschland. Ruta Abrahale, ebenfalls aus Eritrea, kam vor anderthalb Jahren allein über Libyen und Italien. Mohammad Noori hat bereits im Alter von neun Jahren Afghanistan verlassen und kam 2015 auf der Balkanroute nach Deutschland.

65 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht. Darunter 2,6 Millionen Afghanen, von denen im Jahr 2015, auf dem Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise, kaum mehr als 30 000 in Deutschland einen Asylantrag stellten, 15 000 unbegleitete Kinder nicht mitgerechnet. Nicht mehr als 476 000 beantragten in diesem Jahr insgesamt in Deutschland Asyl. Allein im größten Flüchtlingslager der Welt, in Kenia, leben 350 000. Im Irak gibt es 3,4 Millionen, in Syrien 6,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Äußerst gefahrvoll ist der Weg für diejenigen, die wie Abrahale und Woldeheimanot aus Eritrea den Weg nach Europa suchen

Im Theatersaal setzen die Schauspieler die verschiedenen Erzählstränge zusammen: Härtlings Mutter, von russischen Soldaten vergewaltigt, begeht in Nürtingen, dem Kaff, wie sie es selbst nennt, Selbstmord, die Kinder mussten es miterleben. Durch Hildegard Ruoff und die Leihbücherei, die sie in der Nürtinger Arbeiterwohlfahrt betreibt, und durch ihren Mann, den Bildhauer und Maler Fritz Ruoff, findet er wieder Halt. Schuberts Liedzyklus traf sein Lebensgefühl. 1992 hat er eine Biographie des Komponisten geschrieben.

Die Zeitebenen wirbeln durcheinander. Während sich die Motive Schuberts verselbständigen, kommen abwechselnd die Geschichten von Härtlings Mutter, Schubert, den Ruoffs und der heutigen Geflüchteten zur Sprache. Zwischen ihnen bewegt sich der Engel der Geschichte und fasst die Vortragenden sanft am Arm. Die beiden Ordnungshüter sind abwechselnd Zensor Metternichs, Gestapo oder heutige Sicherheitskräfte, bis sie selbst nicht mehr wissen, wann sie den Arm zum Hitlergruß heben müssen und wann besser nicht.

Bereits zu Schuberts Zeiten befanden sich viele Menschen auf der Flucht. Seine Winterreise ist auch politisch gedeutet worden: als Zeugnis einer existentiellen Heimatlosigkeit angesichts der Restauration unter Metternich. Nach der 1848er-Revolution verließen Hunderttausende den deutschen Südwesten. Härtling seinerseits kam als Zwölfjähriger mit seiner Mutter und Schwester ins Land. Die Gründe, warum sie aus Mähren geflohen waren, sind nicht unmittelbar mit denen vergleichbar, aus denen Noori, Woldeheimanot und Abrahale nach Deutschland kamen. Aber was sich auf beschämende Weise wiederholt ist, dass auch heute Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflüchtet sind, Feindseligkeit entgegen schlägt. 169 Anschläge auf Asylsuchende und -unterkünfte hat es nach Angaben der Amadeu-Antonio-Stiftung im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg gegeben, 1364 in ganz Deutschland. Dagegen setzt das Theater Lindenhof mit der Neuaufnahme der Winterreise ein Zeichen: Wer vor Gewalt geflüchtet ist, braucht unsere Hilfe. Am Schluss tanzen die drei Geflüchteten mit Härtling, Schubert und den Ruoffs auf der Bühne.


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