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Ausgabe 353
Schaubühne

Raketen über Stammheim

Von Anna Hunger
Fotos: Jens Volle
Datum: 03.01.2018
Immer am Jahresende ziehen linke AktivistInnen mit Feuerwerk und einer Menge Krach um die Knäste der Republik. Auch in Stuttgart waren rund 150 DemonstrantInnen unterwegs zum Solidaritäts-Böllern rund um die JVA Stammheim.

Begonnen hat es 1989 aus Solidarität mit den hungerstreikenden RAF-Häftlingen. Seitdem sind die revolutionären Knastspaziergänge an Silvester linke Tradition und die letzten Demos des Jahres. Weiß nur kaum einer, der nicht im Gefängnis sitzt. Die Häftlinge jedenfalls feiern die revolutionäre Jahresend-Sause vor den Gitterstäben jedes Mal. Manchmal sogar mit flammenden Klopapierschlange, die sie aus den Fenstern hängen.

Abgesehen vom Spaß am Böllern – Bengalos und Silvester-Raketen sind am 31.12. ja Allgemeingut und deshalb repressionsfrei erlaubt – transportieren die Silvester-DemonstrantInnen natürlich auch Botschaften vor die Vollzugsanstalten, die sie als die letzten "totalen Disziplinierungsinstitutionen" des Staates betrachten.

In Stuttgart etwa zogen 150 AktivistInnen unter dem Motto "Beton bricht – Solidarität nicht! Kapitalismus bekämpfen" um das ehemalige RAF-Gefängnis Stammheim. "Der Knast ist auch heute noch das härteste legale Mittel des deutschen Staates, um politischen Widerstand zu bekämpfen", schreiben die Organisatoren in ihrem Aufruf.

In München zog man "in guter linker Tradition ... lautstark und kämpferisch zum Gefängnis Stadelheim, um den dort Inhaftierten zu zeigen: Ihr seid nicht allein!" In Berlin Moabit liefen AktivistInnen knallernd gegen Ausbeutung von Gefangenen und setzten "ein kraftvolles Zeichen der Solidarität ... mit den Menschen, welche Gesetze und bürgerliche Normen gebrochen haben, deswegen von der Justiz weggesperrt und in den Betrieben der Knäste unter den prekärsten Bedingungen ausgebeutet werden." Hamburger Aktivisten behängten eine Autobahnbrücke in der Nähe der JVA Billwerder mit einem Transparent "in Solidarität mit den G20-Untersuchungshäftlingen". Und auch in Köln-Ossendorf waren "knastkritische Menschen mit solidarischen Grüßen" unterwegs.

Bleibt nur eine Frage: Warum hat eigentlich keiner in Schwäbisch Gmünd geböllert? Da steht immerhin der Frauenknast.


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3 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang Zaininger
    am 05.01.2018
    "Knastkritisch" ist ja nun eine sehr spezielle Kategorie für politischen Aktivismus. Erinnert an das "Sozialistische Patienten Kollektiv Heidelberg" und seiner Anhänger: Opfer widriger Verhältnisse haben das Recht sich zu wehren und wenn sie irgendwann wegen Diebstahl, Raub, Drogenhandel, Körperverletzung, usw. einfahren, bedürfen sie als "Opfer des Systems" dennoch der Solidarität... Geht´s noch und haben die Solidarätsböllerer nichst besseres zu tun und in der Birne????
  • Sven Mung
    am 03.01.2018
    Zwei Fragen hierzu: Wie viele „politische Gefangene“ sind derzeit in Stammheim inhaftiert? Und wie sollte man aus Sicht der Autorin mit verurteilten Gewaltverbrechern verfahren?
    • Jacqueline Schmidt
      am 03.01.2018
      @Sven Mung Mindestens zwei, beide übrigens nicht wegen Gewalttaten sondern aufgrund des Gummiparagraphen 129. Bin zwar nicht die Autorin, aber wenn Sie mit "verurteilten Gewaltverbrechern" Leute meinen die sich wie auch immer für eine solidarische Gesellschaft einsetzen, gegen Rassismus, Faschismus, kapitalistische Ausbeutung, Kriege usw dann sollten die natürlich freigelassen und stattdessen die Verantwortlichen dieses mörderischen Systems eingeknastet werden. ☭

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