KONTEXT Extra:
Erinnern an Gerda Taro

Am 26. Juli 1937 wurde Gerda Taro im Spanischen Bürgerkrieg von einem Panzer überfahren. Die wohl erste weibliche Kriegsfotografin war da gerade mal 26 Jahre alt. Anlässlich ihres 80. Todestages wird morgen, am 26. Juli, auf dem Stuttgarter Gerda-Taro-Platz ein Erinnerungsabend stattfinden.

Gerta Pohorylle, so ihr bürgerlicher Name, wird 1910 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns aus Galizien in Stuttgart geboren. Hier verbringt sie Kindheit und Jugend, ehe sie 1929 mit ihrer Familie nach Leipzig zieht. Bald engagiert sich die überzeugte Sozialistin gegen die aufkommende nationalsozialistische Diktatur, setzt sich aber 1933 mit einer Freundin nach Paris ab. Dort lernt sie ein Jahr später den ungarischen Fotografen André Friedemann kennen, wird seine Schülerin und Geliebte. Die beiden nennen sich fortan Robert Capa und Gerda Taro. Nach dem faschistischen Putsch General Francos geht sie mit Capa nach Spanien, um den Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner zu dokumentieren. Ein Jahr später stirbt sie während eines Angriffs der deutschen Legion Condor. Ihr Trauerzug, angeführt von Pablo Neruda, wird zu einer Demonstration gegen den Faschismus.

Gerda Taros Leben und Werk bleiben lange vergessen, erst mit der Umbenennung des vorher namenlosen und unscheinbaren Platzes zwischen Dannecker- und Alexanderstraße im Jahr 2008 nimmt sich die Stadt Stuttgart der Erinnerung an eine ihrer großen Töchter an. Mehr über ihr Leben wird morgen Abend zu hören sein. Ab 18 Uhr sprechen die Autorin ihrer Biografie, Irme Schaber, und der Historiker Michael Uhl, Joe Bauer moderiert, Stefan Hiss wird für passende musikalische Begleitung sorgen. Bei schlechtem Wetter findet die Veranstaltung im Theater am Olgaeck statt. (25.7.2017)

Dazu: Fotografien gegen den Krieg, Kontext-Ausgabe 132, und Die Frau hinter Taro, Kontext-Ausgabe 284


Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Brennende Barrikaden im Schanzenviertel – gleich eskaliert hier die Lage. Fotos: Jens Volle

Brennende Barrikaden im Schanzenviertel – gleich eskaliert hier die Lage. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 328
Gesellschaft

Der Gipfel der Entfremdung

Von Minh Schredle
Datum: 12.07.2017
Man hätte meinen können, eine muntere Pfadfindertruppe mache sich auf den Weg zum G20-Gipfel. So lustig war's im Sonderzug nach Hamburg. Doch später finden sich Reisende im Schwarzen Block wieder. Kontext ist mitgefahren.

"Entschuldigung, können Sie einen Schritt zur Seite gehen?", fragt ein vermummter Autonomer. Nichts wie weg. Zwei Sekunden später fliegt ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe einer Bank. Das ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, den 7. Juli.

Zertrümmerte Fensterscheibe in der Schanze.
Zertrümmerte Fensterscheibe in der Schanze.

24 Stunden zuvor wartet am Bahnhof Kornwestheim bei Stuttgart eine jugendliche Reisegruppe auf den Sonderzug zum G20-Gipfel. Der hat drei Stunden Verspätung, denn am Abfahrtsort Basel hat die Polizei alle 160 Menschen, die mitfahren wollen, einzeln kontrolliert. Gegen mehr als 30 von ihnen wird ein Einreiseverbot verhängt. Auf Gleis 6 in Kornwestheim wird Ärger laut über die "unerträgliche Repression, mit der man als linker Aktivist verfolgt wird". Das Zitat ist an keine Person zu binden, weil niemand namentlich genannt werden will. Bilder sind unerwünscht und nur nach Absprache erlaubt. Unter den rund 200 Mitreisenden aus Stuttgart, zum Großteil zwischen 16 und 25 Jahre alt, sind viele friedfertige Demonstranten, aber, wie die kommenden Tage zeigen werden, auch Befürworter von Militanz und gewaltbereite Radikale.

Die Stimmung im Zug ist gut, fast euphorisch. Viel Gelächter, ausgelassene Blödeleien, das Herumgealbere von Heranwachsenden. Im Gastroabteil, einem von insgesamt elf Waggons, servieren Dreadlockträger veganes Gulasch und Karotte-Ingwer-Suppe, alles frisch und selbstgemacht. Essen und Trinken kosten nix, wer keine Kohle hat, muss nichts zahlen, wer was über hat, soll's spenden. Die Tageszeitung der Wahl ist die "junge Welt", an den Wänden hängen Plakate mit Slogans wie "Solidarität mit den Befreiungskämpfen in Rojava" oder "Weg mit dem Verbot der PKK". Abgesehen von den überall präsenten Politparolen könnte man während der 13-stündigen Fahrt auch den Eindruck gewinnen, hier würde eine muntere Pfadfindertruppe reisen. 

"Wir sind hier nicht zum Spaß"

Am Hamburger Hauptbahnhof warten mehrere Hundertschaften der Polizei auf die Ankunft der insgesamt etwa 800 Leute, die an sechs Stationen quer durch die Republik zugestiegen sind. Sie begleiten uns bis zum Protestcamp im Altonaer Volkspark. Es ist Mittagszeit, die Sonne steht im Zenit. Etwas abseits sitzt Alejandro, keine 20 Jahre alt. Er hat einen gefalteten Hut aus Zeitungspapier auf dem Kopf, aber der kam, wie er sagt, zu spät: die Hitze sei ihm schon zu Kopf gestiegen. Jetzt attestiert er seinem Gesprächspartner "vampiresk anmutende Schneidezähne", ein paar Minuten später springt er auf, um sich sein letztes Dosenbier einzuverleiben. Sehr zum Ärger eines Kurden, der sagt: "Wir sind hier nicht zum Spaß." Die Vereinbarung laute "keine Drogen" und gelte seit diesem Donnerstag. Alejandro entgegnet, als Autonomer habe er Schwierigkeiten, solche Anordnungen zu akzeptieren. Später wird er sich dem Schwarzen Block anschließen und Steine schmeißen. Was erst richtig deutlich wird, wenn man die Beteiligten unmaskiert vor sich sieht: Ein großer Teil der radikalen Militanten ist noch mitten in der Pubertät.

Im Camp: Tischkicker und schwarze Kleidung.
Im Protestcamp: Tischkicker und schwarze Kleidung.

Sie finden sich bei der "Welcome to hell"-Demo am Fischmarkt in St. Pauli wieder, wo es zu den ersten größeren gewaltsamen Ausschreitungen kommt. Die Verantwortlichen dafür sind, je nach Position, schnell gefunden: die Polizei oder die Chaoten. Dass es aus beiden Lagern Übergriffe gab, die sich durch nichts rechtfertigen lassen, kann anscheinend kaum einer glauben. Vermummte werfen Steine aus der Masse überwiegend friedlicher Demonstranten, die Polizei erwischt mit Wasserwerfen, Tränengas und Pfefferspray auch Unbeteiligte, Pressefotografen, Journalisten und Anwälte. Ein Franzose, Anfang 30, mit verdächtig wenigen Zähnen im Mund, sagt, im Vergleich zu dem, was er aus seiner Heimat gewohnt sei, verhielten sich beide Lager "sehr harmlos."

Im Arrivati-Park, kaum größer als ein gutbürgerlicher Schrebergarten, feiern am Freitag gegen 20 Uhr ein paar hundert Gipfelgegner in aller Seelenruhe. Keine 30 Meter weiter sind vier Wasserwerfer im Einsatz, und ein Räumungspanzer steht bereit. Demonstranten rufen Polizisten entgegen: "Wir sind friedlich, was seid ihr?" Gleichzeitig fliegen aus ihren Reihen Flaschen, Böller und Steine auf die Beamten. Aus einem Lautsprecher ertönt immer wieder die gleiche Ansage: "Unterlassen Sie das Werfen von Gegenständen, oder wir sind gezwungen, unmittelbaren Zwang anzuwenden." Die Reaktionen sind jedes Mal die gleichen. Höhnisches Gelächter, noch während der ersten Worte werfen Vermummte die ersten Gegenstände.

Mit Lennons Hippie-Hymne gegen Gewalt

Auch die Organisatoren im Arrivati-Park rufen alle paar Minuten dazu auf, friedlich zu bleiben oder zu werden. Ein paar Aktive sammeln Glasflaschen ein, versenken Pflastersteine tief in Gebüschen, um sie möglichst unschädlich zu machen. Zwischendurch läuft Musik, aus den Lautsprechern ertönt auch John Lennons Hippie-Hymne: "All we are saying is give peace a chance". Bühne und Mikrofon sind offen für alle, ein Mitzwanziger mit krausen Locken und bunter Sonnenbrille fragt: "Wie können wir von unseren Regierungen verlangen, Kriege einzustellen und dabei Menschen mit Steinen beschmeißen?" Ein paar Buh-Rufe gibt es. Aber vor allem Applaus.

Immer wieder stellen sich Passanten vor die Einsatzfahrzeuge der Polizei.
Immer wieder stellen sich Passanten vor die Einsatzfahrzeuge der Polizei.

Nur einen halben Kilometer weiter, Am Schulterblatt, bahnen sich die brutalen Ausschreitungen an, die später alle begründete Kapitalismuskritik und jeden friedlichen Protest gegen G20, wie die Demo von 100 000 Menschen am Samstagmittag, überschatten werden. Die Polizei hat die Zufahrten rund um den Neuen Pferdemarkt fast vollständig mit Wasserwerfern, Räumungspanzern und dutzenden Hundertschaften umstellt. Die einzige Route, die den Vermummten offen bleibt, führt ins Schanzenviertel. Dort beginnen Radikale mit Straßenschildern Pflastersteine aus den Straßen zu hebeln, in Teile zu schlagen und faustgroße Wurfgeschosse auf großen Haufen zu stapeln. Andere errichten Barrieren, die wenig später brennen werden.

Die Polizei versucht mit einer Hundertschaft vorzudringen, weicht aber unter einem Hagel von Steinen zurück. Von den Dächern schießen Extremisten Stahlgeschosse mit Steinschleudern, die nach Angaben der Polizei eine lebensgefährliche Bedrohung für die Beamten dargestellt haben. Die Staatsmacht zieht sich zurück und überlässt das Viertel der Anarchie. Parallel dazu sitzen die Mächtigen dieser Welt wohlbehütet und isoliert in der protzigen Elphi und hören Beethovens neunte Sinfonie mit der bekannten Textzeile: "Deine Zauber (die der Freude, d. Red) binden wieder, was die Mode streng geteilt; alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt."

Schwarzer Rauch über dem Schanzenviertel.
Schwarzer Rauch über dem Schanzenviertel.

Vier Stunden lang ist kein einziger Polizist in der Schanze, Vermummte plündern, Opfer der immensen Zerstörungswut wird neben unzähligen anderen Objekten auch eine Supermarktkette, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Ein bekannter Radikaler aus Hamburgs autonomen Zentrum sagt dazu später so salopp, als wäre es das normalste der Welt, grundsätzlich sei "wenig dagegen einzuwenden, eine Bank anzuzünden oder andere symbolträchtige Ziele anzugreifen". Einen kleinen Kiosk kaputtzuschlagen, findet er hingegen "völlig gestört". Er könne sich das nur so erklären, dass "Trittbrettfahrer" die Gunst der Stunde genutzt hätten, ein paar Gratisgüter abzustauben. Außerdem wären viele "Krawalltouristen" und "Eventhopper", auch aus dem Ausland, unterwegs, die "mal ordentlich auf den Putz hauen" wollten.

In heiklen Lagen den Blick fürs Wesentliche behalten: #Selfie.
In heiklen Lagen den Blick fürs Wesentliche behalten: #Selfie.

Vier Kilometer weiter, im Protestcamp im Volkspark, liegen gegen Mitternacht die Nerven blank. Eine junge Soziologiestudentin humpelt auf Krücken herum, sie hat ein fettes blaues Auge, die ganze rechte Gesichtshälfte ist geschwollen. "Gehört dazu", kommentiert sie trocken. Sie hat das schon öfters erlebt und ist deutlich ruhiger als die meisten hier, die morgens um drei Uhr geweckt werden. Alarm. Die Polizei, heißt es, räume das Camp. In wilder Panik stürmt eine Handvoll in Richtung Gebüsch davon. Eine halbe Stunde später die Durchsage: falscher Alarm. Um sechs Uhr rückt die Polizei tatsächlich an, nicht um das Camp zu räumen. Sondern um alle, die ein und aus gehen, zu kontrollieren und zu erfassen.

Am Tag nach den Krawallen ist das Schulterblatt im Schanzenviertel überlaufen wie ein Rummelplatz. Schaulustige bestaunen mit offenem Mund den geschmolzenen Asphalt, wo bis vor wenigen Stunden Barrikaden brannten, und machen Selfies vor den zertrümmerten Fensterscheiben einer Sparkasse. Die Kioskläden, die die Nacht überstanden haben, machen vermutlich den Umsatz ihres Lebens. Und dort, wo die Max-Brauer-Straße das Schulterblatt kreuzt, nur ein paar Meter neben der Roten Flora, hängt mit Frischhaltefolie befestigt ein Stück Karton an einem Baum. In blauer Schrift steht darauf: "Ganz Hamburg hasst Gewalt."

Im Ernst: den Ernstfall proben

Wie schön wäre das, wenn das Schild recht hätte. Aber dem ist nicht so, auch nicht im Lager der Demonstranten. Einer, der sich als Revolutionär verstanden wissen will, erläutert, ein radikaler Umsturz würde nun mal "selten gewaltfrei" ablaufen und verweist auf die Französische Revolution, die "ohne Blutvergießen auch nicht geklappt hätte". Die Auseinandersetzungen mit der Polizei dienten auch dazu, "Erfahrungen für den Ernstfall zu sammeln und Strategien zu erproben", als eine Art Guerilla-Kampf gegen "die staatlich-repressive Übermacht".

Der "St. Pauli Mitmachgarten".
Der "St. Pauli Mitmachgarten".

Auch Fred, Mitte 20, und ebenfalls ein überzeugter Militanter, erachtet diese Aktionen als "notwendig". Deswegen sei er aber kein Unterstützer von Gewalt, findet er. "Das sind diejenigen, die kriegerische Bundeswehreinsätze, Waffenexporte nach Saudi-Arabien oder deutsche Panzerfabriken in der Türkei schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, aber sich empören, wenn ein paar Bullen 'n bisschen was abkriegen." Allein durch das Handeln der aktuellen Regierung seien "mehr Menschen zu Schaden gekommen, als durch alle sogenannten Linksextremisten der Bundesrepublik". Im Übrigen greife man Polizisten "nicht als Menschen, sondern als Symbole an". Ob er glaubt, damit auf Verständnis bei den Betroffenen und deren Umfeld zu stoßen? Fred sagt, es werde "keiner gezwungen, ein Bulle zu sein." Niemand hat das Recht zu gehorchen, zitiert er Hannah Arendt.

Am Gleis 13, Hamburg, Samstag, 23:00 Uhr, Rückfahrt des Sonderzugs. Die Heimreisenden sind nervlich und körperlich am Ende. Viele haben schwere Verletzungen davongetragen. Blaue Augen, geschwollene Gesichter, verlorene Zähne, ein doppelter Kieferbruch, teils mehrere gebrochene Gliedmaßen - und wieder viel Ärger über die Repression. Aus Angst, die Polizei könnte Verletzte aus dem Zug herausziehen oder Personen anhand von Aufnahmen der Ereignisse der Vortage identifizieren, verhängen sie fast alle Fenster mit Fahnen und Transparenten, die Türen werden blockiert. Ein Stuttgarter sagt, man müsse sich nach so viel Drama auch um die Psyche der Betroffenen kümmern. Auch das gehöre zum Widerstand. Wie er es mit der Gewalt hält, jetzt nach Hamburg, möchte er nicht offen sagen. Dazu könne man viele Meinungen haben, meint er, und er habe seine.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:



Ausgabe 330 / Alarm im Autoland / Schwa be / vor 19 Stunden 16 Minuten
Meines Erachtens eine sehr gute Idee!!





Ausgabe 330 / Alarm im Autoland / stefan notter / vor 22 Stunden 54 Minuten
bin dabei, stefaNo








Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!