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Häuserkrieg

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Schaffe, schaffe, und, äh ... trotzdem verarmen. So ergeht es immer mehr Menschen, für die das Wohnen in der Großstadt zunehmend unbezahlbar wird – während bei einer Minderheit von Hausbesitzern die Kassen klingeln. Der Journartist Tobias Greiner verbildlicht diese Motive.

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Ein Schwall aus Häusern ergießt sich aus dem Mund eines arglistig und einfältig dreinblickenden Gesellen. Sein Gegenüber wirkt perplex. Der wiederum trägt ein kleines Eigenheim in der Hand, und es ist ihm gelungen, den Flecken Erde vor sich mit der Zauberkraft eines Fähnchens als seinen Besitz auszuweisen. Ganz schön skurril. Doch hinter der ulkigen Erscheinung dieser grotesken Gestalten, gezeichnet mit kräftigen, dicken Filzstiftstrichen auf weißem Grund, stehen ernste Motive: Sie sind verbildlichter Häuserkampf, im wahrsten Wortsinn.

Auf den Gedanken, den krankenden Wohnungsmarkt, Mietwucher und Eigenheimwahn zum Gegenstand seiner Kunst zu machen, kam Tobias Greiner bei der privaten Suche nach Lebensraum. Der 38-Jährige hat sich vor zwei Jahren in Stuttgart umgeschaut und ist schließlich nach Ludwigsburg gezogen. Seine Bilder, erzählt er, "sollen kein verbittertes Statement sein", lieber persiflierend. Und dennoch "Raum geben, sich aufzuregen".

Das gilt auch für seine Serie "Houses", an deren Anfang eine Recherche stand: Zusammen mit dem freien Journalisten Hansjörg Fröhlich hat Greiner herausgefunden, dass drei Privatpersonen in Stuttgart jeweils über 100 Häuser mit über 1000 Wohnungen besitzen – während etliche Menschen mit geringem Einkommen ins Umland abwandern, weil die steigenden Mieten in der Landeshauptstadt unbezahlbar werden. Einer der Vielhausbesitzer, ein Mann aus München und Erbe eines Familienunternehmens, habe laut den Rechercheergebnissen zudem zahlreiche Immobilien in Berliner und Hamburger Szenebezirken, und arbeite fleißig daran, sein Vermögen zu vermehren.

"Es geht mir aber nicht darum", betont Greiner, "jemanden an die Öffentlichkeit zu zerren und anzuprangern." Vielmehr findet er befremdlich, dass eine so einseitige Konzentration von Mieteinheiten in Zeiten allgemeiner Wohnungsnot überhaupt möglich ist und zugelassen wird. Er nennt das "Feudalherrschaft der Gegenwart".

Vier von zehn Einwohnern verfügen heute über weniger Realeinkommen als 1999 und selbst in einer reichen Stadt wie Stuttgart ist inzwischen mehr als jeder Zehnte überschuldet. Der Deutsche Mieterbund befürchtet zudem, dass sich die Durchschnittsmieten in Großstädten allein 2018 um circa zehn Prozent erhöhen werden.

"Seltsam ist das ja schon", findet Greiner, "wie erwachsene Menschen völlig austicken, sobald es um Eigenheim und Rendite geht." Ihm zufolge nimmt sich ein großer Teil ein großes Stück zu wichtig, und er hat seine Freude daran, sie zu veralbern; meist durch freie, bisweilen sprunghafte Assoziationsketten. Eines seiner Bilder zeigt ein Eigenheim mit Torso und Extremitäten beim Freizeitvergnügen auf dem Golfplatz. Es macht einen deprimierten Eindruck, regelrecht wehleidig. Überdies wirkt es ungelenk im Umgang mit dem Schläger, dessen Ziel ein viel kleineres, arm-, bein- und rumpfloses Häuschen ist, das als Spielball herhalten muss.

Für sich selbst hat Greiner die Bezeichnung Journartist gefunden, so nennt er sich seit 2006, er will Kunst und Berichterstattung miteinander vermengen. Unter diesem Motto steht auch seine aktuelle Ausstellung im Kunstverein Ludwigsburg, wo neben "Houses" noch andere Serien zu sehen sind, die Greiners breites Interessenspektrum verdeutlichen: vom Karibikaufenthalt ehemaliger Guantanamo-Häftlinge, über die Motive der Marsmissionen bis zu Drohnenangriffen in Pakistan. Nach Recherchen und Reisen verarbeitet er die Eindrücke in Zeichnungen, fast immer mit Filzstift und Fineliner, teils mit bewussten Metaphern, teils als traumartige Sequenzen.

Pro Serie entstehen dabei 100 bis 200 Zeichnungen. Einige Dutzend davon gibt es aktuell im Salon des Kunstvereins zu sehen, tief unter der Erdoberfläche. Früher war hier, wo heute Kunst beherbergt ist, ein Weinkeller, einer der größten der Stadt. Später zog die Polizei ein, und aus dem Gewölbe wurde ein Gefängnis. Geblieben sind davon heute nur die Mauern aus Naturstein, Greiner hat bei seiner Ausstellung darauf geachtet, die rotknopfigen Aufhängenadeln, an denen seine Bilder befestigt sind, nur in Löcher zu stecken, die schon vorher da waren – schließlich "muss man sich ja auch nach dem Ort richten."

Die Ausstellung im Kunstverein zeigt indes nur einen Ausschnitt aus Greiners Schaffen. Denn am liebsten, sagt er, experimentiere er und schaue "dann halt mal, was passiert". Einmal hat er sich Skier besorgt und die Rolltreppen einer Frankfurter Shopping Mall zur Piste umfunktioniert. "Ist auf jeden Fall ökologischer", freut er sich, auch wenn sich die umweltfreundlichere Variante noch nicht fleckendeckend durchsetzen konnte. Bei einem USA-Aufenthalt hat er Soldaten gebeten, mit ihm zusammen barfuß über die Brooklin-Bridge zu marschieren, als Zeichen für den Frieden (sie haben aber nicht mitmachen wollen). Und in Oberndorf, wo der Tod haust, wollte er, vielleicht an einer Tankstelle, versuchen, mit Munition von Heckler & Koch zu bezahlen; er hatte sogar schon welche besorgt. "Dann hab ich's doch nicht übers Herz gebracht."


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6 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 04.02.2018
    Antworten
    Ach , und noch was Interessantes zum Wohnungsmarkt, sehr geehrter Herr Schredle , liebe Leute
    , die 3 Anmerkung :
    Die Hälfte aller z.Zt. in Deutschland p.a. erworbenen und dann verwalteten und vermieteten Wohnungen sind Wohnungen , die von "institutionellen ausländischen Anlegern" erstanden…
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