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Sepp-Mahler-Ausstellung im DGB-Haus in Stuttgart

Unter Lumpen

Sepp-Mahler-Ausstellung im DGB-Haus in Stuttgart: Unter Lumpen
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Der oberschwäbische Künstler Sepp Mahler (1901 bis 1975) hatte einen ungewöhnlichen Lebenslauf: vom Torfstecher zum Vagabunden. Kurator Roland Saurer zeigt im Stuttgarter Gewerkschaftshaus über 40 Mahler-Werke, um sein Wirken dem Vergessen zu entreißen.

Josef – genannt Sepp – Mahler (1901 bis 1975) war, so heißt es, der eigenwilligste Künstler Oberschwabens. Seine Eltern leiteten das Torfwerk von Wurzach, seit 1950 Bad Wurzach. Harte Arbeit und ein entbehrungsreiches Leben lernte er von klein auf kennen. Sechs Jahre Wanderschaft führten ihn durch ganz Europa, bis er 1929, nach Wurzach zurückkehrte, wo er bis an sein Lebensende blieb. Nun bietet das DGB-Haus Gelegenheit, sein Werk kennenzulernen.

In Stuttgart waren seine Arbeiten schon lange nicht mehr zu sehen: 1954 und 1982 in zwei Gruppenausstellungen im Württembergischen Kunstverein, 1975, kurz vor seinem Tod, im Kunsthaus Schaller, das bereits 1930 "einige landschaftliche und figürlich belebte Temperablätter" gezeigt hatte, "deren düstere und traumhafte Stimmung merkwürdig eindringlich spricht", wie es in einer zeitgenössischen Zeitungskritik heißt. Fälschlicherweise wird er dort als Autodidakt bezeichnet. Dabei hatte er durchaus studiert: an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und an der Kunstakademie. Bis ihm das Geld ausging.

Hinaus aus der Großstadt

Daraufhin begab er sich auf jene sechsjährige Wanderschaft, die ihn sogar bis nach Nordafrika führte. Er arbeitete als Holzfäller in Norwegen, gelangte auf Fischkuttern bis nach Island, betätigte sich in Italien als Eseltreiber und Fremdenführer, in Istanbul als Wasserverkäufer. Er wurde Mitglied der von Gregor Gog gegründeten Bruderschaft der Vagabunden, die 1929 in Stuttgart den Vagabundenkongress veranstaltete.

Bis zu einer halben Million Menschen lebten in der Weimarer Republik auf der Straße, trotz der um 1925 einsetzenden staatlichen Wohnungspolitik. Die Ursache wurde nicht in den steigenden Mieten, den zu niedrigen Löhnen oder der Arbeitslosigkeit gesucht, sondern bei den Menschen selbst, die als Asoziale beschimpft und kriminalisiert wurden. Gog drehte den Spieß um: "Die tugendfreien Spießer sprechen von den Vagabunden als einem arbeitsscheuen Gesindel. Was weiß denn diese Gesellschaft vom Weg und Ziel der Landstraße?", fragte er und forderte: "Generalstreik das Leben lang!" Gog war – wie Mahler – weit mehr als ein Tippelbruder. In der Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende wollten die Menschen hinaus aus der Enge der industrialisierten Großstädte. Hinaus aus der Stadt in die freie Natur wollten auch die Jugendlichen der Wandervogelbewegung, die später von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde.

Schon Sepp Mahlers Vater war Anhänger der Lebensreform und Vegetarier gewesen. Er leitete das Torfwerk der Fürsten von Waldburg-Zeil mit bis zu 90 Arbeitern, doch er interessierte sich auch für Kunst und nahm seinen Sohn mit zu Ausstellungen in den Münchner Pinakotheken. Er starb, als Sepp Mahler 15 Jahre alt war. Der arbeitete nun selbst als Torfstecher, bevor er zum Studium nach Stuttgart ging, das er durch eigene Arbeit finanzierte, solange er konnte.

Schutzhaft und Ausstellungsverbot

"Als Wanderprediger zog ich durch die Welt", beschrieb Mahler selbst die sechs folgenden Jahre. Er verteilte kleine, handgeschriebene und -gemalte Büchlein, seine "Rufertexte", an alle, die ihm begegneten. Zugleich katapultierte er sich 1924 durch eine Ausstellung in der Galerie "Der Sturm" in Berlin ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Seit dem Expressionismus war die Galerie von Herwarth Walden eine der ersten Adressen der literarischen und künstlerischen Moderne.

Auf Wunsch der Mutter kehrte er nach Wurzach zurück. Er stellte im Kunsthaus Schaller aus, in dem Fritz C. Valentien damals arbeitete, bevor dieser eine eigene Galerie gründete. Valentien bewies Mut, als er Mahler 1933 mit Oskar Schlemmer ausstellte, der im März im Württembergischen Kunstverein abgehängt worden war. "Als Kunstkritiker kann es uns im Urteil nicht beeinflussen, wie lange Josef Mahler auf dem Heuberg gesessen hat", schreibt Carl Albert Drewitz, später Pressesprecher von Joseph Goebbels, drohend im "NS-Kurier". Am Heuberg im Westen der Schwäbischen Alb befand sich das erste württembergische Konzentrationslager. Tatsächlich war Mahler dort nie, er musste aber 46 Tage "Schutzhaft" in Leutkirch abbüßen. "Bis auf wenige Ausnahmen beanspruchen die Arbeiten von Josef Mahler dieselbe Anteilnahme, wie kranke Menschen das Interesse des Psychiaters erregen", wütet Drewitz.

Armen eine Stimme geben

Roland Saurer hat die Landesarmutskonferenz in Baden-Württemberg (LAK-BW) 2012 als Interessenvertretung der Armen gegründet. Vorangegangen war 1998 ein "Marsch auf Stuttgart" aus Protest gegen die Vertreibung Wohnsitzloser aus den Städten, 2010 folgte die "Karawane gegen Armut und Ausgrenzung". Saurer hat einmal Sozialarbeit und dann Heilpädagogik studiert, sich aber auch zunehmend für Stadtsoziologie interessiert. Sein Lebensthema ist die Mobilisierung der Menschen von unten, begleitet von wissenschaftlicher Forschung und Lehre an verschiedenen Hochschulen. Der Höhepunkt, sagt er selbst, war die Gründung der LAK-BW im Alter von 63 Jahren. Zwei Jahre später traten der DGB und die Verbände der Wohlfahrtspflege bei, die bereits 1991 die Nationale Armutskonferenz gegründet hatten. Das Besondere an der LAK-BW ist jedoch, dass sie von Wohnungslosen getragen ist, die selbst ihre Stimme erheben: Von den ungefähr 100 Gründungsmitgliedern lebten 80 Prozent auf der Straße, sagt Saurer. Seit 2020 ein Verein, erhält die LAK-BW eine institutionelle Förderung vom Sozialministerium des Landes und finanziert damit eine halbe und zwei Viertelstellen. Höhepunkt der jährlichen Aktivitäten ist eine Aktionswoche im Herbst zum Thema "Armut bedroht Alle", dieses Jahr vom 12. bis zum 16. Oktober unter dem Titel: "Quo vadis BaWü? Zukunft von Sozialpolitik und Armutsbekämpfung im Land und vor Ort". Eine Frage, die angesichts der Kürzungen im Sozialbereich immer mehr Brisanz entfaltet.  (dh)

Mahler erhielt Ausstellungsverbot. Und zog sich ins elterliche Haus zurück, vermietete die untere Etage und ernährte sich von selbst gezogenem Gemüse. So überlebte er die NS-Zeit und konnte nach dem Krieg als Mitglied der Künstler:innenvereinigung Oberschwäbische Sezession wenigstens auf regionaler Ebene an seine Vorkriegserfolge anknüpfen. Seit seinem Tod 1975 setzt sich seine Tochter Adelgund für das Erbe ein. Das 1903 erbaute Sepp-Mahler-Haus in seiner Geburtsstadt ist heute Kulturdenkmal, ebenso das Leprosenhaus, in dem Sepp Mahler 1901 auf die Welt kam, zugleich das älteste Gebäude der Stadt.

Und so kam die Ausstellung im DGB-Haus zustande: Vor vier Jahren kam Adelgund Mahler zur Aktionswoche der Landesarmutskonferenz (LAK-BW) nach Stuttgart. Die LAK hatte sich zuvor schon mit der Vagabundenliteratur aus den 1920er-Jahren beschäftigt und war dabei auch auf Sepp Mahler gestoßen. Nun kam es zu einer ersten Begegnung der Tochter mit Roland Saurer, der dann die Ausstellung auf den Weg gebracht hat. Er möchte Mahler in Stuttgart wieder ins Bewusstsein rufen, um in drei Jahren, 100 Jahre nach dem Vagabundenkongress, noch mehr daraus zu machen.

Moderne Kunst war absolute Rarität

"Ich der Lump" lautet der Titel eines Buchs mit Gedichten und literarischen Texten von Sepp Mahler. Einige seiner Bilder erinnern stark an Van Gogh, was schon dem NS-Kritiker Drewitz auffiel. Doch es gibt auch sehr düstere Arbeiten, vor allem aus der NS-Zeit. "Früchte auf der Gefängnismauer" erinnern an seine Haft in Leutkirch, daneben, aus demselben Jahr, ein "Ergrimmter". Im Gegensatz zu diesen ausgesprochen malerischen Werken stehen solche aus den 1920er-Jahren, die eher scharfkantig-geometrisch, kubistisch angehaucht sind. In einigen freieren Arbeiten nach 1945 orientierte er sich an Paul Klee.

Moderne Kunst war in Oberschwaben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine absolute Rarität. Die wenigen, die den Anschluss an die neuesten Entwicklungen geschafft hatten, lebten in der Regel in München oder Stuttgart. Mahler ist da eine seltene Ausnahme. Doch es ist nicht so sehr der Stil oder die künstlerische Handschrift, die seine Arbeiten so einzigartig machen. Es sind vielmehr die Themen, vom Torfbauern bis zur Wanderschaft, die ihn von anderen unterscheiden.

Das ist mehr als eine Vorliebe für bestimmte Motive. Es ist Mahlers Welt, die in seinen Bildern vor Augen tritt. Von jedem elitären Dünkel, wie er in der Kunst so häufig anzutreffen ist, denkbar weit entfernt, war er mit allen, die ihm begegneten, auf einer Ebene. Fotos aus späteren Jahren zeigen ihn als einen Mann, der einiges durchgemacht hat, dabei aber seine Freundlichkeit und seinen Sinn für Humor nicht verloren hat.


Die Ausstellung "Sepp Mahler: Leben … trotz Alledem!" im DGB-Haus Stuttgart, Willi-Bleicher-Straße 20, läuft noch bis 10. Juli.

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