Keine Käsefüße, kein Achselschweiß, kein Deo. Brauche er nicht, sagt Gymnasialrektor Wolfram Balderkamp. Sein Körper sei vollkommen geruchsneutral. Ob sie mal riechen wolle?, meint er zu Lehrerin Astrid und hebt den Arm. Sie will nicht. Die beiden sind allein.
Nur eine Peinlichkeit des Chefs gegenüber der Englischlehrerin aus dem eigenen Kollegium? Von wegen. Der Rektor ohne Körpergeruch hat eine andere strenge Ausdünstung: Er stinkt nach sexualisierter Macht. Seinen Körper drängt er gezielt als demütigende Machtdemonstration auf. Exhibitionismus, aber unterhalb der Strafrechtsschwelle. Weil solcher Körpereinsatz kein Corpus Delicti ist. Sondern jederzeit als Ungeschick der Umgangsformen ausgegeben werden kann.
Marius von Mayenburgs Drei-Personen-Stück "Ellen Babić" legt die begehrlichen und begehrten Körper in wortreiche Sprachketten. Dadurch wird die Macht zurückverwiesen an die Sprache als Kampfzone, wo die Ketten gesprengt oder geschlossen werden. Dia- und trialogisierend entwickelt der exzellente Bühnentext enorme theatralische Wirkung in Maya Fankes Inszenierung im Stuttgarter Studio-Theater.
Der Chef ist der Chef im Ring: Souverän beherrscht Rektor Balderkamp wie eine lauernd-hinterhältige Spinne im Sprachnetz die Strategie bloßstellender Sprechakte. Überall legt er verbale Fallstricke aus, jedes Wort ein Kreuzverhör, jede Frage ein Verhängnis mit Netz und doppeltem Boden, jede Antwort eine Verwicklung in stammelnde Ausreden.
Glatzkopf wie eine Abrissbirne, stechender Blick, inquisitorische Autorität, herausfordernde Distanzlosigkeit: Burkhard Wolf gibt dem Horror-Pädagogen eindringliche Gestalt, spielt überragend und keineswegs eindimensional. Präzise Gestik und Mimik, eine Fassade wie einstudiert und gerade deshalb glaubwürdig. Als Kontrapunkte Registerwechsel ins Sensible: wenn er mutiert zum Musensohn, zwar ins Rektorat befördert, aber am liebsten auf der Orgel oder dem zart zirpenden Cembalo spielend; oder den solidarischen Schutzpatron gibt, der sich wie ein Fels vor sein Kollegium und namentlich vor Astrid stellt. Dass er selbst die Drohkulissen aufbaut, bevor er Schirm und Mantel ausbreitet, gehört zu seiner unverhohlenen Logik. Astrid ist lesbisch. Immer noch ein wunder Punkt hinter allen "Kein Problem"-Floskeln. Nicht zuletzt für Astrid selbst. Der Chef wittert Schwäche – und seine Chance.
Hat sie mit Ellen oder hat sie nicht?
Doch erst einmal streiten sich Astrid und ihre Lebensgefährtin Klara, früher ihre Schülerin, ob er tatsächlich so ein "Arschloch" ist, der Balderkamp. Astrid hat "den Wolfram" eingeladen. Rein privat, also aus Angst vor beruflichem Ungemach. Die übliche Crux mit Kollegenkontakten – "ganz normal", sagt sie. Dass sie selbst nicht ganz normal sei, bekommt sie alsbald von ihrem Gast serviert.
Klara ist empört über die Einladung des Mannes, unter dessen regem Interesse für Schülerinnen ab der Pubertät sie als Gymnasiastin zu leiden hatte. Wolfram in Realpräsenz ist dann allerdings auch ein Katalysator für Rivalitäten unter den beiden Frauen. Ihre Lügengeschichten nutzt er prompt zu Attacke und Anklageerhebung: Selbstverständlich hat er sofort erkannt, wer Klara ist. Seine ehemalige Schülerin. Und die Astrids. Passt wunderbar ins Konzept. Dann bringt er die Titelfigur ins Spiel, die im Stück nie auftritt und doch Dreh- und Angelpunkt ist: ein dramaturgischer Kniff, der aus einem Fragezeichen einen Hebel macht. Ausgehebelt wird: die Liebesbeziehung von Klara und Astrid.
Ellen Babić, eine Zehntklässlerin, betrunken und kotzend auf der Klassenfahrt nach Trier: Astrid musste das Mädchen in Obhut nehmen. Ob sie sie auch mit zu sich ins Bett genommen hat, ist jenes Fragezeichen, aus dem Kollege Wolfram (und angeblich auch der Vater Ellens) ein fettes Ausrufezeichen bar jeglicher Unschuldsvermutung machen. Der Rektor redet, gespickt mit homo- wie xenophoben Ressentiments, von "Muster" und "Beuteschema", erklärt Astrid zur pädophilen Täterin und Klara zu ihrem Opfer ("Dieser Frau, dieser Frau geht's nicht um dich. Ihr ging's um deine Jugend"). Klara droht er mit dem Beziehungsende ("Sie schaut sich nach was anderem um, nach einer Jüngeren"), Astrid mit dem Staatsanwalt.
Ist der Missbrauch Fakt oder Finte? Für die Finte sprechen die Vorverurteilung und die Passgenauigkeit der Vorwürfe. Klara und Astrid sind sich tatsächlich einst auf der Klassenfahrt in Trier näher gekommen. Kann man gut ein Wiederholungsmuster suggerieren. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Für Klara tut sich ein Abgrund an Beziehungs- und Lebenslüge auf. Sie wird die Nacht bei einer Freundin verbringen.
Er spielt seine Macht aus, weil er es kann
Mit ein paar unschuldigen Klaviertönen signalisiert Fankes Inszenierung gleich zu Anfang ein zweites Fragezeichen: Was treibt den musischen Wolfram, nach allen Regeln der Kunst auf der Klaviatur vernichtender Macht zu spielen? Eitelkeit? Konkurrenzneid auf die fachlich exzellente, bei den Schülern äußerst beliebte Kollegin? Seine sexuelle Frustration? Rache für gekränkte Leidenschaft? So inszeniert er sich zu guter Letzt selbst, aber seine Stunde der wahren Empfindung ist keine, sondern eine weitere Waffe. Ebenso die Karrierehoffnungen, die er Astrid vorgaukelt, um die Fallhöhe von der Musterpädagogin zur Sexualstraftäterin zu vergrößern – und um sie gegenüber Klara als Opportunistin zu kompromittieren. Es sind Giftköder, die er austeilt, sobald der Holzhammer nicht mehr trifft, nämlich seine demonstrativ sexualisierende Unverschämtheit. Etwa wenn die gelernte Schreinerin Klara im Jargon ihres Metiers von "Schlitz und Zapfen" redet. Da führt er sich auf wie ein pubertärer Rotzbengel.
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