KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Psychokrimi um Macht und Missbrauch an Schulen

Der Bock als Gärtner

Psychokrimi um Macht und Missbrauch an Schulen: Der Bock als Gärtner
|

Datum:

Maya Fanke inszeniert Marius von Mayenburgs "Ellen Babić" im Stuttgarter Studio-Theater – ein Stück über Macht und Missbrauch des Missbrauchs im pädagogischen Mikrokosmos.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten.  (lee)

Keine Käsefüße, kein Achselschweiß, kein Deo. Brauche er nicht, sagt Gymnasialrektor Wolfram Balderkamp. Sein Körper sei vollkommen geruchsneutral. Ob sie mal riechen wolle?, meint er zu Lehrerin Astrid und hebt den Arm. Sie will nicht. Die beiden sind allein.

Nur eine Peinlichkeit des Chefs gegenüber der Englischlehrerin aus dem eigenen Kollegium? Von wegen. Der Rektor ohne Körpergeruch hat eine andere strenge Ausdünstung: Er stinkt nach sexualisierter Macht. Seinen Körper drängt er gezielt als demütigende Machtdemonstration auf. Exhibitionismus, aber unterhalb der Strafrechtsschwelle. Weil solcher Körpereinsatz kein Corpus Delicti ist. Sondern jederzeit als Ungeschick der Umgangsformen ausgegeben werden kann. 

Marius von Mayenburgs Drei-Personen-Stück "Ellen Babić" legt die begehrlichen und begehrten Körper in wortreiche Sprachketten. Dadurch wird die Macht zurückverwiesen an die Sprache als Kampfzone, wo die Ketten gesprengt oder geschlossen werden. Dia- und trialogisierend entwickelt der exzellente Bühnentext enorme theatralische Wirkung in Maya Fankes Inszenierung im Stuttgarter Studio-Theater.

Der Chef ist der Chef im Ring: Souverän beherrscht Rektor Balderkamp wie eine lauernd-hinterhältige Spinne im Sprachnetz die Strategie bloßstellender Sprechakte. Überall legt er verbale Fallstricke aus, jedes Wort ein Kreuzverhör, jede Frage ein Verhängnis mit Netz und doppeltem Boden, jede Antwort eine Verwicklung in stammelnde Ausreden. 

Glatzkopf wie eine Abrissbirne, stechender Blick, inquisitorische Autorität, herausfordernde Distanzlosigkeit: Burkhard Wolf gibt dem Horror-Pädagogen eindringliche Gestalt, spielt überragend und keineswegs eindimensional. Präzise Gestik und Mimik, eine Fassade wie einstudiert und gerade deshalb glaubwürdig. Als Kontrapunkte Registerwechsel ins Sensible: wenn er mutiert zum Musensohn, zwar ins Rektorat befördert, aber am liebsten auf der Orgel oder dem zart zirpenden Cembalo spielend; oder den solidarischen Schutzpatron gibt, der sich wie ein Fels vor sein Kollegium und namentlich vor Astrid stellt. Dass er selbst die Drohkulissen aufbaut, bevor er Schirm und Mantel ausbreitet, gehört zu seiner unverhohlenen Logik. Astrid ist lesbisch. Immer noch ein wunder Punkt hinter allen "Kein Problem"-Floskeln. Nicht zuletzt für Astrid selbst. Der Chef wittert Schwäche – und seine Chance.

Hat sie mit Ellen oder hat sie nicht?

Doch erst einmal streiten sich Astrid und ihre Lebensgefährtin Klara, früher ihre Schülerin, ob er tatsächlich so ein "Arschloch" ist, der Balderkamp. Astrid hat "den Wolfram" eingeladen. Rein privat, also aus Angst vor beruflichem Ungemach. Die übliche Crux mit Kollegenkontakten – "ganz normal", sagt sie. Dass sie selbst nicht ganz normal sei, bekommt sie alsbald von ihrem Gast serviert.

Klara ist empört über die Einladung des Mannes, unter dessen regem Interesse für Schülerinnen ab der Pubertät sie als Gymnasiastin zu leiden hatte. Wolfram in Realpräsenz ist dann allerdings auch ein Katalysator für Rivalitäten unter den beiden Frauen. Ihre Lügengeschichten nutzt er prompt zu Attacke und Anklageerhebung: Selbstverständlich hat er sofort erkannt, wer Klara ist. Seine ehemalige Schülerin. Und die Astrids. Passt wunderbar ins Konzept. Dann bringt er die Titelfigur ins Spiel, die im Stück nie auftritt und doch Dreh- und Angelpunkt ist: ein dramaturgischer Kniff, der aus einem Fragezeichen einen Hebel macht. Ausgehebelt wird: die Liebesbeziehung von Klara und Astrid. 

Ellen Babić, eine Zehntklässlerin, betrunken und kotzend auf der Klassenfahrt nach Trier: Astrid musste das Mädchen in Obhut nehmen. Ob sie sie auch mit zu sich ins Bett genommen hat, ist jenes Fragezeichen, aus dem Kollege Wolfram (und angeblich auch der Vater Ellens) ein fettes Ausrufezeichen bar jeglicher Unschuldsvermutung machen. Der Rektor redet, gespickt mit homo- wie xenophoben Ressentiments, von "Muster" und "Beuteschema", erklärt Astrid zur pädophilen Täterin und Klara zu ihrem Opfer ("Dieser Frau, dieser Frau geht's nicht um dich. Ihr ging's um deine Jugend"). Klara droht er mit dem Beziehungsende ("Sie schaut sich nach was anderem um, nach einer Jüngeren"), Astrid mit dem Staatsanwalt.

Ist der Missbrauch Fakt oder Finte? Für die Finte sprechen die Vorverurteilung und die Passgenauigkeit der Vorwürfe. Klara und Astrid sind sich tatsächlich einst auf der Klassenfahrt in Trier näher gekommen. Kann man gut ein Wiederholungsmuster suggerieren. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Für Klara tut sich ein Abgrund an Beziehungs- und Lebenslüge auf. Sie wird die Nacht bei einer Freundin verbringen.

Er spielt seine Macht aus, weil er es kann

Mit ein paar unschuldigen Klaviertönen signalisiert Fankes Inszenierung gleich zu Anfang ein zweites Fragezeichen: Was treibt den musischen Wolfram, nach allen Regeln der Kunst auf der Klaviatur vernichtender Macht zu spielen? Eitelkeit? Konkurrenzneid auf die fachlich exzellente, bei den Schülern äußerst beliebte Kollegin? Seine sexuelle Frustration? Rache für gekränkte Leidenschaft? So inszeniert er sich zu guter Letzt selbst, aber seine Stunde der wahren Empfindung ist keine, sondern eine weitere Waffe. Ebenso die Karrierehoffnungen, die er Astrid vorgaukelt, um die Fallhöhe von der Musterpädagogin zur Sexualstraftäterin zu vergrößern – und um sie gegenüber Klara als Opportunistin zu kompromittieren. Es sind Giftköder, die er austeilt, sobald der Holzhammer nicht mehr trifft, nämlich seine demonstrativ sexualisierende Unverschämtheit. Etwa wenn die gelernte Schreinerin Klara im Jargon ihres Metiers von "Schlitz und Zapfen" redet. Da führt er sich auf wie ein pubertärer Rotzbengel.

Gegen all das kommen Astrid und Klara nicht an mit ihrer emotionalen Aufrichtigkeit, die Wolframs Tricks bei ihnen triggern. Dass sich Astrid zur Gegenfinte verleiten lässt – angeblich hat sie seine Übergriffigkeiten protokolliert, in Wahrheit existieren die Protokolle nicht –, belegt ihre Ratlosigkeit vor der Kapitulation. 

Es ist die Kapitulation vor einer sadistischen Macht, die keine weiteren Motive braucht. Der Bock macht sich zum Gärtner, indem er ein Exempel an Missbrauch des Missbrauchs statuiert. Der falsche Verdacht ist die Vorwärtsverteidigung der wahren Täter. Er lenkt ab von ihren Schandtaten und den Zweifel auch auf die zweifelsfreien Fälle. Damit sexuelle Übergriffe samt sexueller Diskriminierung wieder wie beabsichtigt unterm Radar durchsegeln können.

In Maya Fankes Regie trägt ein realistisches, zugleich sinnfällig choreografiertes Körper-Sprach-Spiel die Botschaft. Schirin Brendel als Astrid zeigt eine durch Kompromisse, Versteckspiele, offene und verdeckte Anfeindungen gezeichnete Veteranin des Kampfs um Selbstbestimmung, deren widerständige Lebenslust trotz allem nicht erloschen ist. Esrah Ugurlu als Klara verkörpert das Coming Out als Reifeprozess: Eingeständnis der Homosexualität, Pubertätskrise am Rand des Suizids, energische Überwindung im Bekenntnis zur eigenen sexuellen Orientierung – und in der Beziehung zu Astrid. Dass sie Wolfram am Ende eine Flasche Wein in den Schoß leert, genau aufs männliche Zentralorgan, als hätte er sich eingeseicht, gibt symbolhandelnd die Demütigung zurück, die sie durch ihn erlitten hat. Und wenn sie fortgeht, weg von Astrid, ist das wie bei Ibsens "Nora" entschiedener Ausdruck ihrer erkämpften Identität, die sie sich nicht mehr nehmen lässt. 

Das Darstellertrio trägt Alltagsklamotten, mit denen Ausstatterin Ágnes Hamvas einen trefflich charakteristischen Dress-Code formuliert. Die Bühne im rechten Winkel der beiden Zuschauerräume hat sie bestückt mit Bücherstapel und Rundhockern: schlicht, aber angemessen für dieses Sprechtheater berstender Binnenhochspannung. 


Die nächsten Vorstellungen von "Ellen Babić" im Stuttgarter Studio-Theater: 8. bis 11., 15. bis 18. und 23. bis 25. April – Karten gibt's hier.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!