Liebe Liebenden und Hassenden meiner monatlichen Kolumne aus dem siebten Höllenkreis der Erdoberfläche. Heute tue ich Ihnen zur Abwechslung was Gutes. Denn das haben wir uns angesichts der ganzen schlechten Nachrichten wirklich alle verdient: keine Politik. Kein linksversifftes Genöle. Kein Haupt- und schon gar kein Nebenwiderspruch. Jetzt wird das Hufeisen zum Kreis gelötet. Heute bleibt mein Arsch schön in der Hose und Ihr Puls unter Hundert. Versprochen. Machen Sie sich's gemütlich. Zünden Sie sich ein Pfeifchen Crack an. Begeben Sie sich mit mir auf eine Astralreise durch die Sternentore Stuttgarter Behörden – rein in die fantastische Wunderwelt der Bußgeldstelle des Amts für Öffentliche Ordnung.
Stellen Sie sich vor, Sie sind Ende Dreißig und mit Ihrem Fiat 500 auf dem Rückweg von der Probe Ihrer kommerziell erfolglosen Punkband. Im Radio läuft "Thunderstruck" von AC/DC und Sie fragen sich, wie es sein kann, dass sich die gesamte Welt darauf geeinigt hat, die lächerlich-verpresste Chipmunk-Stimme von Brian Johnson geil zu finden. Da Sie mit dem Auto unterwegs waren und sich während der Probe deshalb nicht ein paar Dosen Jacky Cola in die Rüstung römern konnten, sind Sie leicht genervt, aber trotzdem guter Dinge, da zu Hause ein Döschen Rum-Cola von Aldi auf Sie wartet. Es ist ungefähr halb zehn (abends) und natürlich sind in der Anwohnerparkzone Ihres Assiviertels alle Parkplätze belegt. Sie gurken mehrfach um den Block. Da! Ein freier Parkplatz! Direkt vor einem Parkschild. Perfekt! Schnell rein! Da Sie paranoid sind, laufen Sie extra einmal um Ihr Auto herum, um sicherzugehen, dass Sie nicht auf dem Gehweg stehen oder das Parkschild falsch gelesen haben. Passt. Die Rum-Cola schmeckt bei zwei Grad auf dem Balkon mit Blick ins Nachbarwohnzimmer der "Schimmligen". Ein Kater leckt sich seine haarigen Eier und stellt zwischendurch sicher, dass Sie ihn dabei beobachten.
Die kommenden Tage regnet es durchgängig. Ihr Auto haben Sie ein paar Tage lang nicht genutzt, weil Sie mit der Sozialraupe zur Arbeit gefahren sind. Nach einer Woche bekommen Sie zwei Briefe von der Bußgeldstelle des Amts für Öffentliche Ordnung:
"Verwarnung mit Verwarnungsgeld / Anhörung
Sehr geehrte Frau Wolf,
Ihnen wird zur Last gelegt, am 23.2.2026 um 07:11 Uhr in Stuttgart [...] als Führerin des PKW [...] folgende Ordnungswidrigkeit begangen zu haben:
Sie parkten verbotswidrig auf dem Gehweg. [...]
Wegen dieser Ordnungswidrigkeit verwarnen wir Sie gemäß §§ 56, 57 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) mit einem Verwarnungsgeld von
55,00€
Beweismittel: Foto
Zeugen: Fr. S., Stuttgart
Fr. F., Stuttgart"
Knapp, bestimmt, mit der deutschen Wärme eines Pfandbons. Sie atmen ein. Sie atmen aus. Spüren Sie das Kribbeln an der hinteren Innenseite Ihres Schädels? Wunderbar. Nachdem Sie den Brief direkt am Briefkasten vor der Haustür aufgerissen haben und von der Katze der Schimmligen für Ihr Homeoffice-Outfit geshamt wurden, finden Sie gleich einen zweiten Brief vom Ordnungsamt hinter einem übertrieben hässlichen Flyer für eine wenig vertrauenserweckende Teppichreinigungsfirma. Sie reißen ihn hastig auf und staunen nicht schlecht: Gehen Sie nicht über Los! Sie haben einen weiteren Mord an der Straßenverkehrsordnung begangen! Gleicher Tatort! Gleiche Tat! Aber diesmal mit dramaturgischem Twist:
"Anhörung im Bußgeldverfahren
Sehr geehrte Frau Wolf,
Ihnen wird zu Last gelegt, 19.02.26 9:32 bis 20.02.26 16:10 in Stuttgart [...] als Führerin des PKW [...] folgende Ordnungswidrigkeit begangen zu haben:
Sie parkten länger als 1 Stunde verbotswidrig auf dem Gehweg.
[Anm. d. Autorin: zu viele Paragrafen zum Abtippen]
Beweismittel: Foto
Zeugen: Hr. P., Stuttgart
Hr. F., Stuttgart
[…] Sie sind nicht verpflichtet, zur Sache auszusagen. Äußern Sie sich nicht zur Sache oder erheben Sie Einwendungen gegen den Vorwurf, wird entschieden, ob weitere Ermittlungen vorgenommen werden, das Verfahren eingestellt oder ohne weitere Äußerungen der Verwaltungsbehörde ein Bußgeldbescheid erlassen wird. [...]"
Sie müssen ungläubig lachen. Offenbar ein Missverständnis. Dann Paranoia: Haben Sie doch aus Versehen ein paar Dosen Jacky Cola aus dem Getränkeautomaten im Proberaum-Gebäude gezogen, bevor Sie mit dem Auto nach Hause gefahren sind? Haben Sie den Mord vielleicht wirklich begangen? Sie laufen in Hausschlappen und der mit Nutella-Flecken verzierten grauen Jogginghose ums Eck, um den Tatort zu besichtigen. Ein Mann von den Stadtwerken parkt exakt dort, wo Sie sich angeblich an der Straßenverkehrsordnung vergangen haben sollen, und fummelt in den Innereien eines Stromverteilerkastens. "Bondschorno", geht es Ihnen kernvertrottelt über die Lippen. "Wissen Sie, dass Sie auf dem Gehweg parken?" Der Mann schaut Sie an. "Warum Gehweg?" "Gute Frage", antworten Sie und erzählen ihm von Ihren Liebesbriefen aus dem Paralleluniversum des Ordnungsamts. "Hier ist ein Parkschild und das heißt, dass man hier parken kann." Er würde definitiv Widerspruch einlegen. Bestärkt in Ihrer Unschuld machen Sie ein paar Fotos vom Tatort. Wünschen ihm geistesabwesend einen "guten Gleichstrom". Er verzieht keine Miene. Sie schlappen nach Hause, um sich an zwei Widerspruchsschreiben für zwei Bußgeldschreiben für eine Parksünde zu setzen, die sie nicht begangen haben.
Sie atmen ein. Sie atmen aus. Sie befinden sich im Hier und Jetzt. Ohne Doomscrolling. Ohne Rage Bait. Einfach ein Mensch im Jahr 2026, der neben dem ökonomischen Zwang, acht Stunden lang auf einen Bildschirm starren zu müssen, zwei Briefe ans Ordnungsamt mit Argumenten und Beweisfotos verfasst, in denen er erklären muss, was auf den angefügten Bildern zu sehen ist: eine Häuserfront; ein Gehweg, auf dem ein Parkschild mit der Aufschrift "Bewohner mit Parkausweis S4/S6 frei" in den Boden betoniert ist; ein mit Steinen eingegrenzter und farblich abgegrenzter Parkplatz an der Straße; ein fucking Parkplatz eben. Die Zeichenzahl im Online-Widerspruchsformular ist auf 5.000 Zeichen begrenzt. Offenbar sind Sie nicht die erste Person, die irre daran wurde, dem Ordnungsamt Ordnung zu erklären.
Jetzt beginnt die Tiefenentspannung: Selbstverteidigung gegen das Behörden-Gaslighting. Sie wissen, was ein Parkschild bedeutet, müssen es jetzt aber dem Ordnungsamt einer Stadt erklären, die es offenbar verpasst hat, Beschilderungen korrekt anzupassen. Sie werden gezwungen, Gedanken zu denken, die kein Mensch freiwillig denken würde, wenn er nicht unter Androhung von Strafen dazu genötigt würde. Und mit jedem Satz wächst in Ihnen diese ganz spezielle Form von Aggression: nicht die laute, explosive, wenn die Dose Jacky Cola im Automaten stecken bleibt. Sondern diese leise, zähe, existenzielle Wut, die entsteht, wenn Sie merken, dass Sie gerade Ihre Lebenszeit dafür verschwenden müssen, Menschen die Welt zu erklären, die sie eigentlich beruflich verwalten sollen. Ihre Entspannung ist mittlerweile so tief, dass Sie Nackenschmerzen von Wutkrämpfen beim zweistündigen Tippen Ihres erzwungen rationalen Widerspruchsromans bekommen. Klick. Abschicken. Dasselbe nochmal in leicht abgeänderter Form fürs zweite Schreiben. Klick. Abgeschickt.
Die nächsten fünf Tage müssen Sie an Parkplätze denken. Stellen sich vor, wie die Sachbearbeiter L. und M. Ihre Wahnpost lesen und Sie auslachen. "Werden Sie miteinander sprechen über diese Frau Wolf und Ihre 5.000 Zeichen Temu-Kafka?" Klar, zwei unterschiedliche Aktenzeichen und Bearbeiter. Aber laut Schreiben sitzen sie beide in Zimmer 339. "Ja, logo", denken Sie. "Klar reden die über den Fall, ist ja einfach zu beknackt alles." Nach nicht mal einer Woche wieder Post vom Ordnungsamt im Briefkasten. Ihr Puls ist erhöht. Sie reißen den Briefumschlag mit dem Zeigefinger noch vor der Haustür auf: Bingo! Das Amt gibt Ihnen recht! Oder doch nicht?
"Da es sich hierbei um einen einmaligen Verstoß handelt und nur ein geringes Verschulden vorliegt, sprechen wir diese Verwarnung ausnahmsweise ohne Erhebung des Verwarnungsgeldes aus."
Sie müssen keine 55,00 Euro Strafe bezahlen, sind aber trotzdem schuldig. Logisch. Spüren Sie wieder dieses Kratzen an der Innenseite Ihres Hinterkopfs? Schön. Sie sind noch nicht tot und spüren ganz in sich hinein. Immerhin kein Bußgeld. Zumindest für eines der beiden Bußgeldschreiben. Doch was ist das? Ein weiterer Brief vom Ordnungsamt liegt in Ihrem Briefkasten! Toll! Die Vernunft hat sich durchgesetzt! Das muss die Antwort auf Ihren zweiten Widerspruch sein! Schnell greifen Sie zu...reißen hektisch den Umschlag auf...um festzustellen...DASS SIE EIN DRITTES BUSSGELDSCHREIBEN für das Parken auf einem Parkplatz vor einem Parkschild bekommen haben!
"Sehr geehrte Frau Wolf,
Ihnen wird zur Last gelegt, am 19.02.2026 um 09:32 Uhr in Stuttgart [...] als Führerin des PKW [...] folgende Ordnungswidrigkeit begangen zu haben:
Sie parkten verbotswidrig auf dem Gehweg. [...]
Wegen dieser Ordnungswidrigkeit verwarnen wir Sie gemäß §§ 56, 57 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) mit einem Verwarnungsgeld von
55,00€
Beweismittel: Foto
Zeuge: Fr. S., Stuttgart'"
Gleicher Vorwurf. Eine fünfte "Zeugin", die wieder Fotos von exakt demselben Tathergang gemacht haben will. Ein dritter Sachbearbeiter hat die Ehre. Stellen Sie sich vor: Während in Zimmer 339 im Amtsgebäude jemand Ihren Widerspruch liest, nickt und sagt: "Wattzefack, des isch ja wirklich en Käß", sitzt im selben Raum eine weitere Person im Selbstgespräch und sagt sich: "Weisch, was mer jetzt brauchet? Noch en Bußgeld-Bescheid, ja!" Jetzt sind acht Menschen damit beschäftigt, Sie fürs Parken auf einem Parkplatz mit Parkschild zu verknacken: fünf draußen mit Kamera. Drei drinnen mit Formularen. Ihr Crackpfeifchen ist ausgegangen. Legen Sie nach. Einatmen. Ausatmen. Kurz an Frank Noppers Blend-a-Med-Lachen denken. Ihre Augen drehen sich um 180 Grad nach hinten, um den Nervenenden Ihres Gehirns dabei zuzuschauen, wie sie Ihren Schädelknochen kitzeln. Ist es jetzt so weit? Ein Schlaganfall? Ah, nein. Nur ein Tropfen Wasser von der Regenrinne am Haus, der Ihnen vor dem Briefkasten auf die Stirn klatscht, als Sie Ihren Kopf bei einem Urschrei in den Nacken werfen.
Der Regentropfen auf Ihrer Stirn rinnt Ihnen das Gesicht herunter und vermischt sich mit Wuttränen. Allein der Gedanke an ein drittes Widerspruchsschreiben, lässt Sie automatisch unterzuckern. Ihr Herz schlägt Ihnen in der Kehle. Will wie bei "Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt" (1979) aus Ihrer Brust brechen, um den gottverdammten Zettel aufzufressen. Einatmen. Ausatmen. Ist es nicht toll, zu was Körper und Geist in der Lage sind? Positiv denken! Jetzt bloß nicht "Ordnungsamt Stuttgart" googeln und lesen, wie überlastet die Stuttgarter Behörden sind oder gar nochmals das legendäre Video von Oberbürgermeister Frank Nopper glotzen, in dem er crashout geht, weil die Journalistin der SWR-Reportage "Amt am Limit" die Frechtheit besitzt, ihn zu fragen, was den "schieflief" bei der Digitalisierung von Behördenvorgängen. Nopper kämpft "an allen Fronten" für Sie. Und deshalb dürfen Sie jetzt ein drittes Schreiben verfassen, in dem Sie gar nicht mehr wissen, wie Sie den kafkaesken Wahnsinn erklären sollen. Ein Faustschlag auf die Tastatur hätte weniger als 5.000 Zeichen und wäre das ideale Argument. Aber Sie haben kein Geld für einen neuen Laptop und wollen kein Bußgeld bezahlen. Also noch einen Zug vom Crackpfeifchen und scheißfreundlich in die Tasten gehauen. Denn besiegen können Sie dieses System nicht. Sie können nur unter großen Schmerzen höflich darauf hinweisen, dass hier ein Missverständnis vorliegt.
Und während Sie tippen, verdrängen Sie den Gedanken daran, wie absurd es ist, zur unbezahlten Qualitätsmanagerin der Stuttgarter Verwaltung zu werden. Für dieses Debugging gehörten Sie bezahlt. Das schreiben Sie aber natürlich nicht. Sie bleiben entspannt. Nehmen noch einen Schluck aus der Aldidose Rum-Cola und beenden Ihre Fiebertraumreise mit dem dringenden Bedürfnis, sich mit einer Gabel ins Auge zu stechen. Ein paar Tage später erhalten Sie den zweiten Ablass: Ein weiteres Bußgeld für das Parken auf einem Parkplatz vor einem Parkschild wurde Ihnen erlassen. Yay. Im Bewusstsein, dass es trotzdem eine realistische Chance gibt, dass Ihr dritter Widerspruch nicht akzeptiert wird, öffnen Sie nun die Augen. Sind fit für eine weitere Woche im Powerjahr 2026 und reiben sich die Äuglein. Hatte ich zu viel versprochen?




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