Shmuel Dancyger, erschossen während einer Polizei-Razzia, Stuttgart 29. März 1946. Foto: Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2014/197/2, Schenkung von Morris Dancyger
Elliot Ginsburg zieht sich die Kapuze seiner Daunenjacke über den Kopf. Der 73-Jährige mit den grauen Locken scheint ein sonniges Temperament zu haben, er lacht viel und ansteckend, doch jetzt ist es offenbar auch ihm zu kalt. Es ist auch wirklich ziemlich zugig auf dem Shmuel-Dancyger-Platz im Stuttgarter Westen, doch am vergangenen Sonntag haben sich am frühen Nachmittag trotzdem rund 50 Menschen hier versammelt, sitzen auf Stühlen oder stehen am Rand, um der Audio-Installation "Hejst dos Bafrajung?!" (etwa: "Nennt sich das Befreiung?!") zu lauschen.
Ginsburg ist Professor für Jüdische Studien an der University of Michigan in Ann Arbor in den USA, er ist Rabbi, und er ist zum ersten Mal in seinem Leben in Stuttgart. Vor 80 Jahren lebte sein Vater Bernard Ginsburg eine Zeitlang hier, er war einer der rund 1.400 jüdischen Überlebenden der Schoah, die hier als "Displaced Persons", kurz DPs, lebten – so wurden ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene bezeichnet, die infolge des Kriegs heimatlos geworden waren. Bernard Ginsburg war Fotograf und Redakteur der jüdischen Zeitung "Oyf der Fraj", was auf deutsch "Wieder frei" heißt. Dass sein Sohn Elliot heute hier ist, ist eines der vielen unglaublichen Details dieser Geschichte.




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