Der Roman und seine Bearbeitung thematisieren pädagogisch wertvoll und dezidiert, was in der öffentlichen Debatte nach wie vor kaum eine Rolle spielt (und sich in den Corona-Lockdowns nochmals extrem verschärft hat): die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit in Sachen Familie, Haushalt, Kinder. Es geht um drei Frauen: Helene, die den Druck zwischen schlecht bezahltem Teilzeit-Bürojob und kotzendem Kleinkinderchaos nicht mehr aushält und sich umbringt. Ihre pubertäre Tochter Lola, die nach dem Suizid ihrer Mutter nach Ventilen für ihre Wut auf das patriarchale System sucht und sie findet. Und Sarah, Helenes beste Freundin (wie sie um die 40 Jahre alt), die nolens volens in die Rolle der Ersatzmutter und unbezahlten Haushaltshilfe hineinrutscht. Für Helenes Witwer bleibt derweil alles beim Alten: Er geht arbeiten, entzieht sich komplett der Verantwortung für die Kinder, die nun Sarah versorgt. Sie, selbstständig und eine erfolgreiche Krimiautorin mit eigenem Haus, gerät in dieselbe Care-Arbeitsfalle wie Helene.
Der Mann ist das "vierte Kind mit Bart"
Wildmann setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters, und das macht den Abend so stark. Das Bühnenbild von Klaus-Peter Platten ist abstrakt-pragmatisch: rechts und links durch Wände gerahmt, hinten drei Ausgänge, in der Mitte ein Laufsteg, der auch als Tisch benutzt wird, ein paar Sitzwürfel, wenig Requisiten. Brauchte Salzburg acht Darsteller:innen, so gelingt es dem Studio Theater, die Geschichte plausibel mit vier Frauen zu erzählen. Das junge Quartett stürzt sich spielwütig ins Geschehen, switcht zwischen den Rollen, die Männer gekonnt comedyhaft überzeichnend, ohne das Thema lächerlich zu machen, vielmehr dadurch zuspitzend: den schluffigen, konfliktscheuen Anzugträger Johannes (Alessandra Bosch), den Helene mal als ihr "viertes Kind mit Bart" bezeichnet hat, genauso wie den sportiv mit Hanteln hantierenden Leon, der sich um die Bedürfnisse seiner Partnerin Sarah einen feuchten Dreck schert, ihr lieber ständig den Hintern tätschelt, es als Heldentat ansieht, wenn er mal für sie kocht. Anna Angelini (Leon) und Stephanie Biesolt (Sarah) bringen eine bewundernswert gelenkige Küchentisch-Kopulation auf die Bühne. Viel Romantext wird performt, die Szenenfolge ist perfekt getaktet, die Übergänge zwischen Erzählung und Dialogen fluffig. Keine Sekunde Länge.
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