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"Endstation Sehnsucht" am Alten Schauspielhaus

Taumel ohne Abgrund

"Endstation Sehnsucht" am Alten Schauspielhaus: Taumel ohne Abgrund
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Robin Telfer inszeniert im Stuttgarter Alten Schauspielhaus Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht". Trotz eines fulminanten Kampfduos in den Hauptrollen schrumpft manches zur Belanglosigkeit.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten.  (lee)

Und wer kommt nun weiter am Ende der "Endstation Sehnsucht"? Stella vielleicht, die ihrem Gatten Stanley Kowalski die Stange hält, obwohl der soeben ihre Schwester Blanche vergewaltigt hat? Oder gar Stanley, der rabiate Krieger an der Weltkrieg-II- und danach an der Business-Front, der sexuelle Gewalt als ultimative Vernichtungswaffe einsetzt gegen seine Todfeindin? Seine Schwägerin, die ihn belogen und – seiner Überzeugung nach – betrogen hat? Die ihn übel diffamierte und seine Ehe sabotierte?

Nur Opfer ist die mittellose höhere Tochter aus Belle Reve – dem schönen Traum, der nur noch Illusion ist, seit das gleichnamige Familienlandgut für Schulden draufging – jedenfalls nicht. Die zarte Blanche, die im Stuttgarter Alten Schauspielhaus wie ein lichtscheues Elflein im geblümten Negligé durchs Leben der Schwester und den Lärm von New Orleans schwirrt, hat eine verdammte Nazi-Ideologie im Kopf. Gegenüber Stella leert sie den Kropf – und Stanley hört heimlich mit. Stanley habe etwas "Untermenschliches", "Tierisches", sagt Blanche, gehöre zu einer grunzenden Affenhorde, sei ein "Überlebender der Steinzeit" und obendrein – als Sohn polnischer Einwanderer – ein "Polacke".

1947, als "Endstation Sehnsucht" in New York uraufgeführt wurde, gerade mal zwei Jahre nach dem Sieg über das deutsche Verbrecherregime, war das unverkennbar der Sound, bei dem sich aristokratischer Hochmut, Rassismus und Sozialdarwinismus zum arischen Herrenmenschen paaren. Ironisch nur, dass die von diesem Denken geprägte Blanche ausgerechnet vom geschmähten Stanley sozialdarwinistisch überholt wird. Er ist der Fitteste, der stets überlebt: als Militär-Rambo, als Handelsvertreter einer Maschinenfabrik, als Sexprotz und protziger Selbstbehaupter ohne Scheu vor Brutalität.

Also Herrenmenschen unter sich. Im Kampf zwischen Blanche und Stanley steckt der Klassenkampf zwischen alter Grundbesitzerbourgeoisie – ökonomisch pleite, kulturell hochnäsig – und dem sich nach oben boxenden Einzelkämpfertum in den marktfähigen Branchen: Belle Reve versus American Dream. Darunter klaffen menschliche Abgründe. Tennessee Williams reißt sie auf in seinem berühmtesten Stück. Regisseur Robin Telfer überbrückt sie im Alten Schauspielhaus mit lockerem Boulevard, bevor es in der letzten halben Stunde denn doch handlungsgemäß herb zur Sache geht. 

Vergewaltigung als Normalität

Telfers Neuinszenierung, die am vergangenen Freitag Premiere hatte, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Gewiss hat die finale Steilkurve ihre dynamischen Qualitäten. Doch wenn die Katastrophenanbahnung nebst Desaster-Symptomen zur Harm- und Belanglosigkeit geschrumpft wird, taumelt man nur in den Textschlingen, ohne in den Abgrund zu blicken.

Die Zyklen von häuslicher Gewalt und Versöhnungssex werden von der Regie mit leichter Trash-TV-Anmutung à la "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" allzu leicht gewichtet. Wenig wird spürbar vom Risiko der Eskalation, das Stella (sonst sehr überzeugend: Sheila Bluhm) auf sich nimmt, wenn sie diese "Umgangsformen" zur Normalität erklärt. Sozusagen zu Unkosten einer Liebe, die ihr über alles geht: die zu Stanley. Darin aber zeigt Sheila Bluhm weder Hörigkeit noch Amour fou, sondern die klare Entscheidung gegen das modernde Belle-Reve-Milieu, für das moderne Leben in der Kampfzone eines heruntergekommenen, aber vitalen Altstadtviertels.

Überzeugend ist Bluhms bodenständige Stella, weil sie sich exakt in die Rollenkonstellation fügt: als Gegenfigur zu Schwester Blanche und ihrer Illusionswelt. Doch auch Stella bleibt am Ende – nach der Vergewaltigung Blanches – das Sich-Illusionen-Machen nicht erspart: Der Preis für die Weiterführung der Ehe mit einem Haustyrannen und Sexualverbrecher steigt in die Klasse der Lebenslügen à la Blanche. Wobei Blanche zuletzt in die Klapse kommt, während Stellas Stern über ihrer (un-)heiligen Familie samt frisch entbundenem Nachwuchs aufgeht. Mit Moral darf man diesem aufrichtigen Drama nicht kommen (Elia Kazan hat es in seiner berühmten Verfilmung von 1951 getan und das Ende moralisierend verändert: Stella verlässt Stanley – ob für immer, bleibt offen).

Den Herrn im Haus – genauer: im Erdgeschoss – spielt Max Hemmersdorfer als jovialen Proll: mit GI-Schnitt, grober Körper- und sonstiger -sprache, dreist und aufgeweckt. Eher zynisch als autoritär, trotzdem auffahrend und laut. Momentweise wirkt's wie ein Stanley, der Marlon Brando parodiert (den Film-Stanley). Zwischentöne wiederum sind Hemmersdorfers Sache auch dann nicht, wenn der harte Hund den reumütigen Wimmerling gibt und nach seiner Stella greint wie ein Bub nach seiner Mama. Bei Williams eine psychologische Nuance, hier ein läppisches Ritual. Immerhin: Eindrucksvoll gernegroße Figur macht er, dieser Stanley.

Indes bezaubert Natalie O'Haras Blanche als Flatterwesen aus einer anderen Welt, allerdings mit einer begrenzten Trickkiste. Die Schauspielerin differenziert die echte und die kokett inszenierte Unsicherheit ihrer Figur. Sie zeigt glaubwürdig die Verpuppungen und Häutungen der Alkoholikerin, der Nymphomanin, der Verarmten und Vereinsamten, die stets vorgibt, das Gegenteil von alldem zu sein. Allerdings spielt Natalie O'Hara die Blanche so, wie Blanche sich sieht, nicht wie sie ist: eine Darstellung von Autosuggestionen statt einer Figur. Blanche hält sich für vornehm, zerbrechlich und feinfühlig. Also wird sie so gespielt. Aber sie ist nicht so. Sie trampelt wie ein Elefant in der Ehe ihrer Schwester herum, ködert auch minderjährigen Männernachwuchs und trieb ihren homosexuellen Ex-Mann durch kleinkarierte Empörung in den Suizid. Ihre nachträgliche Reue verschmilzt mit Selbstmitleid. 

Küchentratsch mit Trauerrand

Niedertracht, Egoismus und Borniertheit kommen in der Darstellung so wenig vor wie deren Verwurzelung in Ängsten, Schuldgefühlen und Verlusterfahrungen. Blanches Erzählung vom Sterben der Verwandten ist im Alten Schauspielhaus Küchentratsch mit Trauerrand, aber ohne existenziellen Schrecken. Erst wenn Blanches Überlebenslügen zur lückenlosen Illusion geworden sind, erst wenn sie sich am Arm des Irrenarztes (Paul Schaeffer) wegführen lässt, als wäre er der Schutzpatron und Erlöser, den sie in so vielen Männern vergeblich gesucht hat: Erst in diesem letzten Moment des vollkommenen Realitätsverlusts spielt O'Hara wahrhaft ihre Figur. 

Als die Realität noch nicht ganz verloren war, hätte Stanleys Kumpel Mitch Blanches Retter sein können: Marius Hubel verleiht ihm gekonnte Unbeholfenheit, gehemmt und verschwitzt nicht nur im Hemd, auch im speckig glänzenden Gesicht. Es ist heiß in New Orleans und hitzig – in jeder Hinsicht. Nachbarin Eunice (Susanne Theil als geerdete Pragmatikerin) weiß das so gut wie ihr Mann Steve (Paul Schaeffer in seiner zweiten Rolle). Und wenn's der schüchterne Zeitungsjunge (Benedikt Haefner) nicht weiß, erfährt er es spätestens in Blanches Venusfliegenfalle, aus der sie ihn gnädig im letzten Moment entfleuchen lässt. 

Der alte klapprige Straßenbahnwagen, dem Williams' Stück den Originaltitel "A Streetcar named Desire" verdankt, scheppert eben nicht nur durchs reale New Orleans zur realen Endstation Sehnsucht. Sondern symbolisch auch durch die Personen des Dramas: als rumorende Unruhe der Begierden und der Ängste. Aller Lärm draußen ist ebenso drinnen, ungedämmt von den dünnen Holzhauswänden, widerhallend in den Seelen der Bewohner: vorbeidonnernde Lokomotiven, Wolkenbrüche und der aus den Kneipen seiner Heimatstadt schallende Jazz. Zeit- und Lokalkolorit machen Verhängnisse durch Verhältnisse sichtbar. Der aufklärerische Mehrwert gilt immer und überall. Was das anbelangt, hat Regisseur Telfer das einzig Richtige getan: Er belässt das Stück dort, wo es funktioniert – im New Orleans der späten 1940er-Jahre. 

Siegfried E. Mayer entwarf dazu passende, rollencharakteristische Kostüme und ein nachgerade ideales Bühnenbild: einerseits vollgerümpelter Einraum-Naturalismus mit Doppelbett, Uralt-Radio, Kühlschrank, Waschbecken, Küchentisch. Andererseits Schauplatz wandloser Ausgesetztheit, wo auch ein paar Vorhänge keinen Rückzugsort gewähren. Die Tür ist bloße Attrappe. Drinnen ist draußen. Und umgekehrt.


Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" wird fast täglich bis 30. Mai im Stuttgarter Alten Schauspielhaus aufgeführt.

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