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"Stop being poor" im Theater Rampe

Hört auf, arm zu sein

"Stop being poor" im Theater Rampe: Hört auf, arm zu sein
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 Fotos: Julian Rettig 

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Datum:

Das Theater Rampe in Stuttgart ist Schauplatz eines außergewöhnlichen Theaterexperiments. Sieben Tage lang können sich Menschen um ein Jahr Grundeinkommen bewerben. Wohnsitzlose entscheiden, wer es bekommt.

Nein, das sind keine Schauspieler:innen, die da im Theater Rampe in einem verspiegelten, schräg in den Raum gedrehten Glaskubus vor dem Publikum sitzen. Es sind reale Menschen, die ihre echten Probleme offenlegen, wie schon bald auf bestürzende Weise erkennbar wird, als eine Bewerberin in Tränen ausbricht und Juror Ronny, rechts von ihr, nach einem Taschentuch sucht und auch nicht recht weiß, was er machen soll.

Julian Hetzel, der mit seinem Studio Hetzel in Utrecht ungewöhnliche Theaterprojekte entwickelt, hat Stuttgarter:innen eingeladen, sich um ein Jahr bedingungsloses Grundeinkommen zu bewerben. Titel: Stop being poor (Hört auf, arm zu sein). Die Juroren – ausschließlich Männer – sind Wohnsitzlose. Immer einer führt das Gespräch, zwei sitzen im Publikum auf Hochsitzen und hören zu, einer hat Pause. 48 Bewerbungsgespräche haben schon stattgefunden, weitere 36 folgen vom heutigen Mittwoch bis Freitag. Jeden Tag wird ein:e Tagessieger:in gekürt. Eine:r von ihnen erhält am Sonntag den Preis: 15.000 Euro, ausgezahlt in zwölf Monatsraten à 1.250 Euro.

Es ist verunsichernd. Was mache ich hier? Anderen Menschen zusehen, wie sie sich, zweifellos aus einer echten inneren Not heraus, nicht mehr halten können und zu heulen anfangen? Oder – gleich in der nächsten Runde – einer Frau zuhören, die eine Krankheit hat, Angst vor der OP, Angst, nach und nach ihren klaren Verstand zu verlieren, weil sie weiß, sie wird die Demenz nur herauszögern, nicht aber verhindern können? "Du schaffst das schon", redet ihr Thommi, der Juror, gut zu, um ihr ein bisschen Mut zu machen.

Dabei ist das Setting freundlich: Der Boden im Glaskubus ist mit Sand bedeckt. Im Zuschauerbereich stehen weiße Sonnenschirme. Schwimmringe in Form von Flamingos und Schwänen, auf denen man Platz nehmen kann, sind überall im Raum verteilt. Ein Schauspieler hält seinen runden Bauch einer imaginären Sonne entgegen. Eva Löbau, vielen als Tatort-Kommissarin Franziska Tobler bekannt, bläst Schwimmringe auf und spricht zwischen den Interviews Zuschauer:innen an. Es herrscht eine Atmosphäre von Urlaub, Freizeit. Sind es Tennis-Schiedsrichterstühle oder Bademeister-Hochsitze, auf denen die Juroren sitzen? Wettkampf oder Freizeit?

Die Rollen sind vertauscht. Und genau darum geht es: Wohnsitzlose, die sonst nicht gehört werden und nur als Bittsteller auftreten können, haben die Macht zu entscheiden, wer das Geld erhält. Die sich darum bewerben, sind ein Teil der Stadtgesellschaft, nicht anders als diejenigen, die ihnen zuhören. Sie spielen nicht, sie reden von sich selbst, vor Publikum, vor allem aber dem Juror gegenüber, einem Menschen, mit dem sie sonst eher nicht ins Gespräch gekommen wären und dem es vielleicht noch viel schlechter geht als ihnen selbst.

Lieber Umverteilen als für irgendwas ausgeben

Regisseur Julian Hetzel ist in Wolfach geboren, im mittleren Schwarzwald. Er hat 15 Jahre in einer Band gespielt, den Pentatones: Triphop, mit einem Vetter und zwei anderen, die er in seinem Studium der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität kennengelernt hat. Das Besondere an dieser Weimarer Uni ist, dass man sich für ein Fach einschreibt, aber auch alle anderen studieren kann. So kommen ungewöhnliche Abschlussarbeiten zustande: In Hetzels Fall eine Performance mit seiner Band. 

Einer, der diese Performance sah, gab ihm den Rat, sich bei DasArts, dem Masterprogramm der Akademie für Theater und Tanz der Universität Amsterdam zu bewerben. DasArts hat sich zum Ziel gesetzt, das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft neu zu definieren und neue Formen von Theater zu entwickeln. Seitdem lebt Hetzel in Amsterdam, hat inzwischen Familie und realisiert mit seinem Studio in Utrecht Theaterprojekte für Festivals und große Häuser. 

Ilona Schaal und Bastian Sistig, die seit drei Jahren das Theater Rampe leiten, sind in Leipzig auf ihn zugegangen, wo er schon mehrere Stücke auf die Bühne gebracht hat. Sie überlegten, was sie zusammen machen könnten und kamen so auf dieses Stück, das er ursprünglich am Ende der Coronakrise entwickelt und in den Niederlanden an drei Orten aufgeführt hat, als sein Studio 45.000 Euro übrig hatte. Andere hätten vielleicht neue Computer angeschafft, Hetzel wollte mit dem Geld etwas Radikaleres anfangen: Umverteilen. Die Mechanismen des Gebens und Nehmens offenlegen.

Wer nichts hat, gibt 

Während sich Schauspieler:innen in Schwimmringen durch den Saal wälzen, folgt der Dialog im Glaskubus dem Schema eines Vorstellungsgesprächs. Es beginnt mit unverbindlichem Small Talk: "Wie war dein Tag?" Dann geht es zur Sache: "Warum hast du dich beworben?" Daraufhin wird es persönlicher: Auf biografische Angaben folgt die Frage: "Hältst du dich für einen besonderen Menschen?" Das Verhältnis zum Geld wird abgeklopft. Am Ende fragt der Juror: "Hast du Fragen an mich?"

In ihrem Song "Stop Being Poor", auf den das Theater Rampe auf seiner Webseite verweist, rapt die nigerianisch-amerikanische Komikerin Ziwe Fumudoh: "Wenn du arm bist, such dir einfach einen Job." Sie mokiert sich über Aussagen wie die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der im vergangenen August mit Blick auf einem Landesparteitag der CDU gesagt hat: "Diejenigen die 530 Euro im Monat arbeiten, denen muss man doch mal die Frage stellen: Wieso könnt ihr nicht auch für 2.000 Euro arbeiten?"

Die Bewerber:innen in Hetzels gleichnamigem Stück wissen so gut wie die wohnsitzlosen Juroren, wie weltfremd das ist. Auf die Frage: "Wie viel Geld hast du?" antwortet eine: "Minus 1.500 Euro." Kein Einzelfall: Viele haben Schulden – ein Grund, sich um das Grundeinkommen zu bewerben. Juror Roger hat sich dagegen, als er in Rente ging, bewusst dafür entschieden, auf der Straße zu leben: Weil das Geld nicht reicht, auch noch die Miete für ein Zimmer oder eine Wohnung zu bezahlen.

Doch es gibt auch andere Motivationen. Sie finden das Projekt spannend, sagen mehrere Bewerber:innen, darunter ein Theaterpädagoge, der in der letzten Nacht nicht gut geschlafen hat, weil er dachte: Brauchen andere das Geld nicht viel eher als ich? Er möchte es spenden. Ebenso eine Frau, die angibt, selbst genug zu besitzen, und die 15.000 Euro alleinerziehenden Müttern zukommen lassen will. "Existenzielle Sorgen sollte es nicht geben", findet sie. Selbst eine, die selbst teilweise auf der Straße lebt, will zuerst ihrer Freundin etwas schenken.

"Wann hast du zum letzten Mal jemandem etwas gegeben?", fragt Juror Daniel. "Heute", entgegnet die Bewerberin, die Schulden hat, aufgrund eines Gerichtsprozesses, den sie gegen ihren Mann führen muss, wegen häuslicher Gewalt. "Krass, dass immer diejenigen, die selber nichts haben, auch noch anderen etwas abgeben", ruft Daniel aus.

Manchmal ist der Unterschied nicht groß

Sehr reflektiert und einfühlsam gehen die vier Juroren mit den Bewerber:innen um. Bereits im April haben sich Rolf Berger, bis vor Kurzem Streetworker beim Drogenhilfe-Verein Release, und Conny Krieger, Sozialpädagogin mit guten Kontakten in die Szene an der Paulinenbrücke, auf die Suche gemacht. Bei den öffentlichen Mahlzeiten der Initiative Commons Kitchen streckten sie ihre Fühler aus. Interessent:innen fanden sich genug, allerdings ist das Leben auf der Straße nicht so einfach planbar. Zwei wollten mitmachen, tauchten dann aber einfach nicht mehr auf, erzählt Rolf. Zwei weitere hätten inzwischen einen Job gefunden. 

An großen Häusern hätte er so ein Projekt nicht machen können, meint Hetzel. Die Schwellen seien viel zu hoch. Das Theater Rampe spricht ein breites, diverses Publikum an. Einige kamen spontan herein, als sie im Vorbeigehen die Ankündigung sahen, erzählt Kathrin Stärk, die die Pressearbeit macht. Immer wieder streckt das Theater seine Fühler ins Quartier aus.

Die Juroren sind insgesamt zu fünft, einer springt ein, wenn ein anderer nicht kann. Warum sie mitmachen, wollen auch die Bewerber:innen wissen. "Mich hat’s interessiert, wie dich", gibt Thommi zurück. "Weil ich einfach neue Leute kennenlernen wollte", erklärt Daniel. "Habt ihr euch die Fragen selber ausgedacht?", fragt eine junge Frau, die am Ende ihres Studiums nach einer Perspektive sucht. Roger verneint: Er war nicht dabei. "Bist du zufrieden damit?", fragt sie weiter. Ja, mit den Fragen kann er etwas anfangen. "Geht’s dir gut?", will sie nun wissen. "Nicht wirklich", antwortet er.

"Wo hast du heute Nacht geschlafen?", fragt Thommi. "Bei meinem Ex-Freund in einem kleinen Zimmer", antwortet die Bewerberin und fügt hinzu, etwas unsicher: "Nicht so wie du." Der Juror entgegnet, auch er habe inzwischen ein kleines Zimmerchen. Ja, in dem Stück sind die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt. Aber wie sich an diesem Beispiel zeigt: Die Unterschiede sind nicht immer groß. Was die beiden Menschen verbindet – auch mit vielen im Publikum – ist, dass sie nicht wissen, wo sie das Geld hernehmen sollen. Die Armut nimmt zu. Und das in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt.

Über Geld spricht man nicht, heißt es oft. Das gilt ebenso für diejenigen, die viel mehr haben, als sie wirklich bräuchten, wie für die, die sich schämen, arm zu sein. Vielleicht liegt genau hier der Fehler: Man sollte viel mehr darüber sprechen. Hetzels Theaterexperiment arbeitet daran. "Kann Kunst die Gesellschaft verändern?", lautet eine weitere Frage. "Ja!", antworten fast alle Bewerber:innen: "Auf jeden Fall." Aber wie? "Indem sie relevante Themen auf die Bühne bringt", sagt eine. "Indem sie das tut, was man nicht von ihr erwartet", meint eine andere.
 

Die Bewerbungsgespräche laufen noch täglich bis Freitag, 19. Juni, jeweils ab 16 Uhr. Der Eintritt kostet 6 Euro für einen Tag, man kann kommen und gehen, wann man will. Für das Grand Finale am Sonntag um 20 Uhr gilt ein solidarisches Preismodell: Jede:r gibt, was er oder sie kann, mindestens aber 6 Euro. Mehr Infos hier.

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