Will dem grauen Platz Leben einhauchen: das "Volks*Theater". Fotos: Joachim E. Röttgers

Will dem grauen Platz Leben einhauchen: das "Volks*Theater". Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 426
Kultur

"Mischt euch ein!"

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 29.05.2019
Am Stuttgarter Marienplatz steht jetzt ein Bauwagen. Der darf betreten werden. Martina Grohmann und Marie Bues, das Intendantinnen-Duo des Theater Rampe, lassen dort dem Volk aufs Maul schauen, um ein traditionsreiches Genre neu zu beleben.

Gäbe es mehr Möglichkeiten, sich auszubreiten im Talkessel, wäre hier längst ein zweites Schwabing entstanden oder ein zweiter Prenzlauer Berg. Aber Stuttgart ist eng und eigen, wovon das Areal zwischen Filder-, Hauptstätter und Tübinger Straße viel zu berichten wüsste. Nur spröde öffnet sich der nach dem x-ten und vorläufig letzten Umbau Anfang des Jahrtausends als Betonwüste beschimpfte Marienplatz. Wüst vor allem von Osten, weil erst einmal die fünfspurige B14 am Portal des Heslacher Tunnels überwunden werden muss. In diesen Tagen steht eine mobile Schadstoff-Messstelle unter den Kastanien. Nach nur einer einzigen Ampelphase am Fußgängerübergang ahnt jeder den Grund: Gerade hier befindet sich einer jener Hotspots der Stadt, von denen die Diesel-Fans so gar nichts wissen wollen.

Es ist laut und (fein-)staubig und nicht einmal verlockend, wenn die Kastanien blühen. Aber: Es ist Stuttgarts vitaler Süden, unverstellt, ohne piekfeine Restaurants oder angesagte Boutiquen. Dafür rattert die Zahnradbahn über ihre Brücke, die vielen sonnigen Sitzgelegenheiten sind kostenlos und die Schlangen an den Eiscafés so lang wie sonst kaum in der Stadt. "Die Nachbarschaft schreibt sich ein in unsere Arbeit", sagt Martina Grohmann, die zusammen mit Marie Bues das Intendantinnen-Duo des Theater Rampe bildet. Die Hinterhöfe, die Fenster oder Balkone, von denen der Protest gegen das berüchtigte Milliardengrab Stuttgart 21 hartnäckig gelb-rot heruntersticht, die Touris, die sich der Stadt vom Marienplatz aus nähern, die Schwaben und die Nichtschwaben, die hier schon lange leben, die Jungen und die Alten mit den vielen Nationalitäten. Und seit ein paar Tagen die Hoffnung, Hinweise zu finden auf das "Volks*theater" der Zukunft.

Fernes Publikum ist willkommen

"Wir suchen Menschen, die mit uns ins Gespräch kommen", umreißt die künstlerische Leiterin Nina Gühlstorff das Projekt, "darüber, was Theater alles sein kann und werden soll." Fragen über Fragen wollen konkret und mit einem der Rmpe eher fernen Publikum diskutiert sein: "Was für ein Theater braucht diese Stadt? Wie können Theater zu eurem Treffpunkt werden? Habt ihr Erinnerungen an Theater als Kind? Welches Theater gibt uns das Gefühl von Zuhause? Was für Themen wollt ihr auf der Bühne sehen? Was würdet ihr selbst auf die Bühne bringen? Kieztheater? Musiktheater? Queeres Theater? Mitmachtheater? Gar kein Theater? Sagt uns, was ihr denkt. Macht mit und mischt euch ein!"

Wer das Volk hier ist, lässt sich schnell klären: alle, die vorbeikommen. Ob tatsächlich jemals die PossenreißerInnen auferstehen, die Stegreif-Hanswurste oder die subversiven KomödiantInnen, muss sich noch zeigen. Natürlich ist der Eintritt frei, ins Büro im Bauwagen genauso wie ins viertägige Labor im ganzen Haus der Rampe an der Filderstraße, und zwar ab 26. Juni. Vor allem, weil Grohmann, die Niederösterreicherin, die in Wien Theaterwissenschaften studiert hat, eine Latte legt: "Alles ist erlaubt, außer Abrutschen ins banale Unterhaltungsgewerbe."

Da wird der Grat schmal, ist die Geschichte des Volkstheaters doch alles andere als frei von Anbiederung an den Publikumsgeschmack. Den Schauspielern auf primitiven Wiener Wanderbühnen konnten ZuschauerInnen gegen Geld zusätzliche Tritte, Schläge oder Prügelszenen abringen.

Die Rmpe auf der Suche nach Nähe

Entstanden ist das Genre in Zeiten, da auf dem Marienplatz noch nicht einmal ein Park angelegt und dem einfachen Volk das höfische Tragödientheater versperrt war. In London wurden Burlesken gespielt, um der Zensur zu entgehen, auf Pariser Boulevards entstand die gleichnamige Gattung, im alten Wien blühte der Schwank, die Revue und später die Operette. Selbstredend ist die Österreicherin Grohmann sozialisiert in der von Johann Nepomuk Nestroy mitgeprägten Hochkultur des Volkstheaters. Sie weiß um die Anziehungskraft, den tiefgründigen Witz, um die allgegenwärtigen Spitzel der Obrigkeit. "Der Zensor ist ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf' abbeißt", schrieb Nestroy. Oder: "Die Zensur ist die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition." Oder: "Die Zensur ist das lebendige Geständnis der Großen, dass sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können."

In unseren Breitengraden ist das Volk frei. Jetzt müsste es nur noch ins Theater strömen. "Wir wollen im direkten Gespräch erkunden", hofft Grohmann, "was eine Bühne wie unsere leisten kann in einer diversen Gesellschaft." Und in Kontakt kommen mit Menschen, die noch nie einen Zuschauerraum von innen gesehen haben, "jenseits des akademischen Zugangs zum Genre". Immer auf der Suche nach einer Form der Nähe zum Publikum, "ohne ins Unterhaltungsgewerbe zu wechseln".  Symbole für die Herangehensweise sind ein verändertes Logo und ein gestrichener Buchstabe: Aus "Rampe" wurde "Rmpe", nach dem Motto: "Gut, wenn über uns geredet wird." Die Chefin liebt Legendenbildungen wie die, dass das Geld für das "a" gefehlt hat. Alle im Haus hätten Erklärungen parat, erzählt sie an dem großen Tisch hinterm Haus, neben den Gleisen der Zahnradbahn.

Wie viele Theater seiner Art ist auch das kleine Haus mit dem großen Programm finanziell auf Kante genäht, so eng, dass manche Naht platzen würde ohne GönnerInnen. Die institutionelle Förderung von Stadt und Land liegt knapp unter einer Million Euro, für Projekte kann es zusätzlich Geld geben. "In Wirklichkeit sind wir prekär finanziert", sagt Grohmann. "Was dem Elan keinen Abbruch tut." Da kommen 75 000 Euro wie ein warmer Geldregen gerade recht: Die Rmpe hat am 27. Mai in Gera den renommierten Theaterpreis des Bundes erhalten – als erste Bühne in Baden-Württemberg. Gemeinsam mit zehn anderen, ausgewählt aus immerhin 119 Bewerbungen.

Ein Duo wie ein Perpetuum Mobile

Die Begründung geht runter wie Honig. "Ausgehend vom zeitgenössischen Autor*innentheater", schreibt die Jury, "gelingt es, vielfältige Verbindungslinien herzustellen, zu staatlichen Theatern ebenso wie vor allem zur lokalen und überregionalen Szene der freien darstellenden Künste, für die es vitaler Impulsgeber ist." Und weiter: "In wenigen Jahren entwickelten die Intendantinnen Marie Bues und Martina Grohmann und ihr Team das Theater zu einem überregional beachteten Produktionshaus für freies Theater aller Genres." Die zweite im Bunde schmunzelt und schweigt – ausnahmsweise, denn: "Was soll ich dazu noch sagen?"

Zum Beispiel, dass sich das Duo seinen Ruf als Perpetuum Mobile in der Stuttgarter Szene hart erarbeitet hat, immer in Bewegung, immer prall voller Ideen, mit drei Dutzend Stücken in der Spielzeit: Kooperationen, Gastspiele, eigene Produktionen, drinnen und draußen. Am Montag ein Abend "mit Musikbeispielen und Filmausschnitten von bizarrer Schönheit, seltsamen Texten", am Mittwoch "erzählen Frauen aus verschiedenen Generationen, Kulturen und Klassen, Frauen aus den Kampfzonen des Patriarchats". Immer wieder ist der Eintritt frei. Seit 2015 vergeben Stadt und Land unter dem Titel "6 Tage frei biennal" ihren Tanz- und Theaterpreis in – logo – der Rmpe.

Das Unternehmen auf dem Marienplatz steht erst recht unter einem guten Stern. Als der Waggon mit den Plakaten in schreiendem Orange aufgestellt ist, enden die Regengüsse. Am Nachmittag wird dann parliert – sogar in fremden Zungen und ganz der Aufforderung in Farsi, in Polnisch oder in Hebräisch entsprechend. „Wir gehen in eine ganz offene Recherche“, sagt die Dramaturgin Paula Kohlmann. Und die sei sofort gut angelaufen, angesichts von Antworten wie „Theater kann ich mir nicht leisten“ oder „Da muss ich einen dunklen Anzug tragen“. Vielleicht, sinniert Kohlmann, komme sogar heraus, dass „die Leute mehr Breakdance wollen oder mehr Kirche oder Kindergärten“. Aber das Risiko nimmt die Rmpe gern in Kauf, im sicheren Wissen, am Ende des Projekts auf jeden Fall mehr zu wissen als am Anfang. Im Idealfall sogar übers Volks*theater.


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