Martin Fritz im Portrait. Fotos: Joachim E. Röttgers

Martin Fritz im Portrait. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 399
Kultur

"Dort bündelt sich brisante Energie"

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 21.11.2018
Martin Fritz ist Direktor der Merz-Akademie und Vorsitzender des Württembergischen Kunstvereins. Mit seinem weiten Erfahrungshorizont blickt er auf Stuttgart, sieht sich als Teil einer engagierten Stadtgesellschaft und will Stadträume mitgestalten.

"Mir haben zwei Tage bei Softpowerpalace genügt, um zu spüren: das müsste es immer geben", sagt Martin Fritz, der Direktor der Merz-Akademie. Softpowerpalace, das war ein zweiwöchiges Treffen der Initiatoren von fünf unabhängigen Kunsträumen aus Barcelona, Lyon, Mailand, Sofia und Stuttgart im Stuttgarter Kunstgebäude. Fünf Kulturinstitutionen bespielen seit 2017 den Altbau des Kunstgebäudes direkt am Schlossplatz, darunter der Württembergische Kunstverein (WKV), der selbst in den Nachkriegs-Anbauten im hinteren Gebäudeteil untergebracht ist, die Akademie Schloss Solitude und das Theater Rampe.

Die Organisatorin des Festivals, Paula Kohlmann, hat selbst den Projektraum LOTTE direkt an der Stuttgart-21-Baustelle mitbegründet und geleitet, bevor dieser nach fünf Jahren wieder schließen musste. Sie war dann Kunstkoordinatorin der Solitude-Akademie und hat für das Theater Rampe unter anderem das Festival "Stadt der Frauen" in Esslingen mit auf die Beine gestellt. Bei Softpowerpalace ging es um die Bedeutung unabhängiger Kunsträume für die Stadt und die Gesellschaft. Den Begriff "Soft Power" hat der amerikanische Politologe Joseph Nye geprägt, nach den Anschlägen vom 11. September 2001: Wo die "Hard Powers" von Militär und Wirtschaft versagten, wurden auf einmal kulturelle Aktivitäten als wichtig erkannt. Sollten sie nicht immer wichtig sein?

Die Merz-Akademie, die Martin Fritz seit zwei Jahren leitet, ist eine private, aber staatlich geförderte Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien. Markus Merz, der die Akademie Anfang der 1980er Jahre neu gegründet hat, suchte einen Nachfolger. Er wollte die Leitung des Merz-Bildungswerks übernehmen, das sein Großvater Albrecht Leo Merz vor 100 Jahren ins Leben gerufen hat. Die Stelle war ausgeschrieben und Fritz bewarb sich. Die Merz-Akademie war ihm ein Begriff, weil dort viele interessante Leute wie der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen gelehrt oder studiert hatten. "Es war immer klar: Da gibt's diese Merz-Akademie in Stuttgart, das ist irgendwie ein interessanter Ort."

Stuttgart als Blaupause

"Im Kunstgebäude hab' ich zwei Hüte auf", stellt Fritz den Zusammenhang her. Denn neben seiner Tätigkeit als Akademiedirektor ist er seit einem Jahr auch noch Vereinsvorsitzender des WKV. Zudem wurde nun auch die Merz-Akademie eingeladen, das Kunstgebäude mit zu bespielen, das die sechs Institutionen allerdings 2019 wieder räumen müssen, weil dann während der Sanierung des Neuen Schlosses Teile des Staatsministeriums den Bau in Beschlag nehmen. "Am interessantesten am Kunstgebäude finde ich", fügt Fritz hinzu, "wenn man sich den Hut des interessierten Bürgers aufsetzt."

Mitgestalten ist sein Ding. Fritz vor seinem Buchregal.
Mitgestalten ist sein Ding. Fritz vor seinem Buchregal.

Welchen Hut er nun gerade aufhatte, war nicht immer leicht zu erkennen, denn bei Softpowerpalace war Fritz als Besucher, Vortragender und Diskussionsteilnehmer unterwegs. Während er abends ins Kunstgebäude kam, fand an der Merz-Akademie tagsüber unter dem Titel "Learning for Life" eine eigene, einwöchige Veranstaltung statt. Sechs internationale Künstler und Künstlergruppen leiteten vier Tage lang Workshops, gefolgt von einer Abschlusskonferenz mit weiteren internationalen Gästen. Abseits von einer breiten Öffentlichkeit kamen hier interessante Themen zur Sprache. "Wie sind die Verschränkungen von kultureller Aneignung von Stadtraum zu denken", heißt es beispielsweise in der Ankündigung eines Workshops des Kunsthistorikers und Kurators Stefan Wagner aus Zürich: "Die Stadt Stuttgart dient als Blaupause für Entwürfe und Aneignungsstrategien wie Kunst agieren kann – oder eben auch nicht."

Die österreichische Gruppe Wochenklausur entwickelt und realisiert "kleine, aber konkrete Vorschläge zur Verringerung gesellschaftspolitischer Defizite". Begonnen haben die Künstler vor 25 Jahren mit der medizinischen Versorgung Obdachloser in Wien – die bis heute weiter besteht. Der amerikanische Künstler Felipe Castelblanco gab einen Workshop zu Strategien medialer Selbstermächtigung vom filmischen Geschichtenerzählen bis hin zum Live-Streaming.

Zur Abschlusskonferenz war auch die Gruppe Forensic Architecture vom Londoner Goldsmiths College zugeschaltet. 2011 gegründet von dem israelischem Architekten Eyal Weizman, hat die Gruppe mit den Mitteln von Architektur und Simulationstechnik unter anderem in den Fällen des NSU-Mords an Halit Yozgat in Kassel, der israelischen Bombenangriffe auf den Gazastreifen oder des 2017 beschlagnahmten Mittelmeer-Rettungsschiffs Juventa des Berliner Vereins "Jugend rettet" ermittelt.

Wurzeln in Wien und der Kuratorenszene

Bei all diesen Aktivitäten, an der Merz-Akademie, im Kunstverein oder im Kunstgebäude, kann Fritz auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ursprünglich Jurist, wurde er durch Freunde im Wien der 1980er Jahre immer mehr in den Kunstbetrieb hineingezogen. Wien entwickelte sich damals, insbesondere in der Wendezeit nach 1989 auch aufgrund der Nähe zu den vielen ost- und südosteuropäischen Nachbarn zu einem der wichtigsten Zentren zeitgenössischer Kunst.

Seine Fähigkeiten waren gefragt. Bald arbeitete Fritz mit den Kuratoren zusammen, die in der Szene die größten Namen haben: Kaspar König, Hans-Ulrich Obrist oder Markus Brüderlin, mit dem er 1996 zu einem Vortrag am Künstlerhaus erstmals nach Stuttgart kam. So betrachtet er es nur als einen kleinen Schritt, dass er kurz darauf Director of Operations am P.S.1 in New York wurde. Das P.S.1, benannt nach dem Schulgebäude (Primary School), in dem es 1976 eröffnet wurde, ist eines der ältesten und renommiertesten unabhängigen Kunstzentren New Yorks. Als Director of Operations war Fritz die rechte Hand der Gründerin Alana Heiss, wie er sagt der "Grande Dame der New Yorker alternative spaces".

"Das war natürlich fantastisch", schwärmt Fritz, "ein Neuanfang, aber auf dem Rücken einer Tradition, die es völlig selbstverständlich machte, mit Künstlern wie Robert Ryman, Lawrence Weiner oder Marina Abramovic zusammenzuarbeiteten" – mithin einige der bekanntesten Künstler der damaligen Zeit. "Man konnte auf die Tradition der New Yorker Konzeptkunst zurückgreifen, und trotzdem hat es sich angefühlt, als ob man etwas ganz Neues macht." Der Erfolg des Neustarts führte dazu, dass das P.S.1 seit 2000 mit dem Museum of Modern Art (MoMA) zusammengeschlossen ist.

Fritz blieb noch eine Weile rechte Hand: zunächst bei der Expo 2000 in Hannover, einem sehr ungewöhnlichen Format, denn die Kunstprojekte waren einerseits mit einem Etat ausgestattet, von dem sich sonst in diesem Bereich nur träumen lässt; andererseits spielte die Kunst auf der Weltausstellung dennoch nur eine marginale Rolle. "Es waren schon Ansätze, die mit einer gewissen Würde aus dem Dilemma herausgekommen sind, als Kunst in der Eventkultur zu bestehen", meint Fritz, "denn natürlich muss man schon eine gewisse Lust haben, sich diesem Wahnsinn auszusetzen."

"Mit diesem ganzen Paket sitze ich hier."
"Mit diesem ganzen Paket sitze ich hier."

Er wurde Generalkoordinator der Manifesta 4 in Frankfurt und blieb dann noch einige Jahre im Vorstand der Manifesta Foundation. Die Manifesta, nach der Documenta und der Biennale von Venedig die wohl wichtigste Ausstellung von Gegenwartskunst in Europa, zieht von Mal zu Mal in eine andere europäische Stadt und untersucht dort die lokalen Verhältnisse. In diesem Jahr fand die Biennale in Palermo statt. Unter anderem war dort Forensic Architecture mit der Untersuchung zum Schiff Juventa von "Jugend rettet" vertreten. Diesmal hat Martin Fritz es allerdings nicht geschafft, hinzufahren. Aber natürlich behält er im Blick, was sich auf der Manifesta ereignet.

Gemeinsam um den Stadtraum kümmern

Nach der Manifesta ging er zurück nach Wien. Er wollte endlich eigene Projekte leiten, darunter von 2004 bis 2009 das Festival der Regionen in Oberösterreich, gefolgt von sieben Jahren als freier Kurator und Publizist, "die aber auch mit allen typischen Prekär-Begleiterscheinungen des freien, selbständigen Arbeitens in der Kultur verbunden waren." Zuletzt war er einer von drei künstlerischen Leitern des Projekts "Actopolis", das er auf dem Festival Softpowerpalace im Kunstgebäude vorstellte.

"Actopolis – The Art of Action" war ein Projekt in acht Städten von Mardin an der türkisch-syrischen Grenze und Ankara bis nach Oberhausen, das anschließend als Ausstellung noch weiter gewandert ist. "Actopolis ist ein Aufruf zum Handeln und Mitgestalten der Stadt", heißt es auf der Projektwebsite. Fritz betont, er war nur die dritte Person, Initiatorinnen waren Katja Aßmann, heute Leiterin des Zentrums für Kunst und öffentlichen Raum (ZKR) in Berlin, und Angelika Fitz, heute Direktorin des Architekturzentrums Wien.

"Ich habe das Gefühl, dass sich viel brisante Energie dort bündelt, wo sich Menschen gemeinsam um den Stadtraum kümmern", meint der Direktor der Merz-Akademie und zieht einen weiten Bogen von der Manifesta über Actopolis bis hin zur Paulinenbrücke in Stuttgart. Für die Wiederbelebung des unwirtlichen Orts hat das Netzwerk Stadtlücken soeben den ersten Preis in der Kategorie Stadtraum des Bundeswettbewerbs Europäische Stadt erhalten. An den Aktivitäten war auch die Merz-Akademie beteiligt: Unter der Stadtautobahn am Österreichischen Platz zeigten Studierende Plakate zum Thema "Abrüsten statt aufrüsten".

"Verantwortung übernehmen aus der eigenen Nachbarschaft heraus, andere Vorstellungen von Teilhabe – in die Richtung hat sich viel entwickelt, was wir auch aus dem Bereich der Kunst kennen", so fasst Fritz die Tendenzen zusammen, die er derzeit überall auf der Welt beobachtet. "Mit diesem ganzen Paket sitze ich hier, und versuche auch die Akademie als zugänglichen, engagierten Teil einer Stadtgesellschaft weiter zu entwickeln", so beschreibt er seine Aufgabe als Direktor der Merz-Akademie: "Was sie schon immer war."


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