KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Ein Graffiti von Dan Perjovschis, an den Wänden von Titos Atombunker. Mehr Fotos gibt's per Klick aufs Bild. Foto: Association Biennial of Contemporary Art Sarajevo (ABCAS).

Ein Graffiti von Dan Perjovschis, an den Wänden von Titos Atombunker. Mehr Fotos gibt's per Klick aufs Bild. Foto: Association Biennial of Contemporary Art Sarajevo (ABCAS).

In Titos Bunker. Der Spiegel vorn, eine Arbeit des albanischen Künstlers Helidon Gjergji, stammt noch von der zweiten D0-ARK Underground Biennale 2013. Foto: ABCAS

In Titos Bunker. Der Spiegel vorn, eine Arbeit des albanischen Künstlers Helidon Gjergji, stammt noch von der zweiten D0-ARK Underground Biennale 2013. Foto: ABCAS

Kommandozentrale. Über dem Tisch eine Arbeit des Klangkünstlers und Architekten Emre Erkal, hinten eine Fotoserie von Jorge Ribalta. Foto: ABCAS

Kommandozentrale. Über dem Tisch eine Arbeit des Klangkünstlers und Architekten Emre Erkal, hinten eine Fotoserie von Jorge Ribalta. Foto: ABCAS

Kommunikation mit Wählscheibe. Foto: ABCAS

Kommunikation mit Wählscheibe. Foto: ABCAS

Ältere und neuere Arbeiten auf der vierten D0-ARK Biennale, links "Universitas" von Daniel Garcia Andujar von 2013, rechts "Silence Is Violence" von Annalisa Cannito. Foto: ABCAS

Ältere und neuere Arbeiten auf der vierten D0-ARK Biennale, links "Universitas" von Daniel Garcia Andujar von 2013, rechts "Silence Is Violence" von Annalisa Cannito. Foto: ABCAS

Am Hanford Site im US-Bundesstaat Washington wurde die Atombombe hergestellt, die auf Nagasaki abgeworfen wurde. Die Arbeiter waren angehalten zu schweigen. Annalisa Cannito, "Silence is Violence".

Am Hanford Site im US-Bundesstaat Washington wurde die Atombombe hergestellt, die auf Nagasaki abgeworfen wurde. Die Arbeiter waren angehalten zu schweigen. Annalisa Cannito, "Silence is Violence".

Munition aus der Igman-Fabrik, wie sie beim Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion zum Einsatz kam, hat Cannito zum Stern der jugoslawischen Flagge zusammengesetzt. Foto: ABCAS

Munition aus der Igman-Fabrik, wie sie beim Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion zum Einsatz kam, hat Cannito zum Stern der jugoslawischen Flagge zusammengesetzt. Foto: ABCAS

Briefmarke, die nie erschien, anlässlich einer Konferenz in Bagdad, die nie stattfand, ausgestellt  in Titos Bunker, der nie gebraucht wurde. Von Jan-Peter E. R. Sonntag.

Briefmarke, die nie erschien, anlässlich einer Konferenz in Bagdad, die nie stattfand, ausgestellt in Titos Bunker, der nie gebraucht wurde. Von Jan-Peter E. R. Sonntag.

Titos Leben ist in zehntausenden Fotos festgehalten worden. Auf einem fand die Künstlerin Vesna Pavlović sich selbst als neunjähriges Mädchen wieder. Sie projiziert dieses Material auf einen Vorhang.

Titos Leben ist in zehntausenden Fotos festgehalten worden. Auf einem fand die Künstlerin Vesna Pavlović sich selbst als neunjähriges Mädchen wieder. Sie projiziert dieses Material auf einen Vorhang.

Aus dem Jahr 1971 stammt die Serie "Cloud Atomic Laboratory" des Pop-Art-Pioniers Eduardo Paolozzi. Foto: Paolozzi Foundation/British Council Collection/VG Bildkunst

Aus dem Jahr 1971 stammt die Serie "Cloud Atomic Laboratory" des Pop-Art-Pioniers Eduardo Paolozzi. Foto: Paolozzi Foundation/British Council Collection/VG Bildkunst

Ausgabe 324
Schaubühne

In Titos Atombunker

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 14.06.2017
Für den Fall eines Atomschlags im Kalten Krieg waren die Eliten in Ost und West gleichermaßen bemüht, ihr Überleben zu sichern. Eine Kunstbiennale gibt es jedoch nur im Bunker des jugoslawischen Staatschefs Tito in Konjic, südlich von Sarajewo. Dieses Jahr wird die Ausstellung kuratiert von Hans D. Christ und Iris Dressler vom Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

Es war topsecret. Nur sechs Personen wussten, dass Josip Broz Tito, der Staatschef des kommunistischen Jugoslawien, von 1953 an in Konjic, 40 Kilometer südlich von Sarajewo, einen Bunker für sich, seine Frau, die Generäle und 350 wichtigsten Personen des Landes ausheben ließ, der auch einem Atomschlag standhalten sollte. Bis 1979 wurde daran gebaut, ein Jahr später starb Tito. Doch erst nach den Jugoslawienkriegen kam die Sache ans Licht. Der Kalte Krieg war vorbei. Der Atombunker war nicht gebraucht worden. Jugoslawien war nicht durch Angriffe von außen, sondern durch innere Kriege kaputt gegangen.

Tito war nicht der Einzige. Auch in Prag gruben sich die Machthaber schon in den 1950er-Jahren unter dem Hradschin ein Tunnelsystem, atombombensicher, aber auch als Refugium vor möglichen Volksaufständen. In Budapest war der Berg unter der Burg von Buda ebenfalls durchlöchert von unterirdischen Gängen, die von einem natürlichen Höhlensystem ausgehend bereits im Zweiten Weltkrieg als Krankenhaus genutzt wurden. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten den Kommunisten vor Augen geführt, welches Vernichtungspotenzial der Klassenfeind besaß. Nur bei Tito war es etwas anders. Er war aus dem Ostblock ausgetreten und erhielt finanzielle Unterstützung von den Amerikanern.

In der Zeit von Mauerbau und Kubakrise begannen auch westliche Politiker, sich um ihr Überleben Sorgen zu machen. Der Bonner Regierungsbunker in der Eifel wurde 1960 in Angriff genommen, als "Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit", lautet der offizielle Titel. Alle zwei Jahre fanden in der Nähe NATO-Übungen statt. 897 Büros waren Teil der Anlage, die, da sie sich alte Eisenbahntunnel aus dem Ersten Weltkrieg zunutze machte, bereits 1972 fertig war: sogar sieben Jahre vor Tito.

Einen Regierungsbunker, ebenfalls streng geheim, baute sich zur selben Zeit auch die nordrhein-westfälische Landesregierung. In Stuttgart dagegen fand zwar schon 1956 in der Rotebühlkaserne eine Ausstellung statt: "So schützt man sich im Atomkrieg". Aber zu einem richtigen Atombunker für die baden-württembergische Landesregierung kam es nicht. Dafür wurden beim S-Bahn-Bau in den 1970er-Jahren die Stationen der unterirdischen Strecke gleich als Atombunker konzipiert, allen voran die Station Stadtmitte. Langsamer ging es auch in der DDR voran. Dafür war Erich Honeckers "Hauptführungsstelle des Nationalen Verteidigungsrates", Deckname Perle, der modernste Atombunker des Ostens.

Viele Museen, aber nur eine Kunstausstellung

"Erkennen Sie die Ehrfurcht und Angst, die das Leben während des Kalten Krieges in Prag prägten", wirbt heute das Nuclear Bunker Museum der tschechischen Hauptstadt. Im Bonner Regierungsbunker befindet sich eine Dokumentationsstätte. Den der NRW-Landesregierung hat der Schwiegersohn des einstigen Verwalters gekauft, um daraus ebenfalls eine Dokumentationsstätte zu machen. Der DDR-Führungsbunker ist geschlossen, in der Anlage in Budapest befindet sich ein Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum. Aber eine Biennale zeitgenössischer Kunst – das gibt es nur in Titos Atombunker in Konjic.

Und das kam so: Als nach dem Ende der Balkankriege Jugoslawien in kleine Nationalstaaten zerfallen war, wollte das Künstlerpaar Edo und Sandra Hozić die Verbindungen wieder herstellen. Es gelang ihnen, den Bunker für die D0-ARK Underground Biennale zu bekommen. ARK steht für Atomkriegskommando. "Das Ziel des Projekts D0-ARK Underground ist es, für Menschenrechte und Toleranz zu werben", erklären die Initiatoren, ebenso für "demokratische Werte, Mitgefühl, soziale und kulturelle Gleichberechtigung". Die beteiligten Künstler sollten sich mit dem Ort auseinandersetzen, ihre Werke sollen vor Ort bleiben und Teil einer wachsenden Sammlung und schließlich eines Museums werden.

2011 fand die Biennale zum ersten Mal statt. Die Kuratoren kamen aus Serbien und Montenegro. Beim zweiten Mal kamen sie aus Kroatien und der Türkei, beim dritten Mal aus Österreich und Albanien. Mit der vierten Ausgabe, die noch bis 21. Oktober läuft, haben die Hozićs die Direktoren des Württembergischen Kunstvereins (WKV), Hans D. Christ und Iris Dressler beauftragt. Mit Fördermitteln knapp ausgestattet, haben sie sich auf sechs Künstler beschränkt: den katalanischen Fotografen Jorge Ribalta, die Italienerin Annalisa Cannito, die in Berlin lebenden Künstler Jan Peter Hammer und Jan-Peter E. R. Sonntag, sowie das rumänische Künstlerpaar Dan und Lia Perjovschi. In ihrer aktuellen Ausstellung im WKV erweitern sie das Programm auf rund zwanzig Positionen.


Info:

Im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart ist die Ausstellung "Titos Bunker" noch bis zum 6. August 2017 zu sehen. Das Programm (mit Filmen und Führungen) ist unter diesem Link zu finden.

Die Ausstellung des "4th Project Biennial D0-ARK Underground" in Konjic geht noch bis zum 21. Oktober 2017. Geöffnet ist jeweils montags, mittwochs, freitags und samstags. Landkarte zur Anfahrt, Kontaktadressen und mehr zum Projekt gibts unter diesem Link.

 

 


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