Unterstes Ende von Lenks Skulptur "Kampf um Europa" in Radolfzell. Foto: Achim Mende. Für mehr Anarchismus aufs Bild klicken

Unterstes Ende von Lenks Skulptur "Kampf um Europa" in Radolfzell. Foto: Achim Mende. Für mehr Anarchismus aufs Bild klicken

1994 wird Lenks "Karriereleiter" vor der Siemens-Tochter CGK in Konstanz aufgestellt. Foto: Uli Reinhardt

1994 wird Lenks "Karriereleiter" vor der Siemens-Tochter CGK in Konstanz aufgestellt. Foto: Uli Reinhardt

Mitarbeiter der Firma und Peter Lenk (rechts) sehen zu. Foto: Uli Reinhardt

Mitarbeiter der Firma und Peter Lenk (rechts) sehen zu. Foto: Uli Reinhardt

Seit 2012 steht der "Schelmenbaum" in Emmingen-Liptingen. Foto: Achim Mende

Seit 2012 steht der "Schelmenbaum" in Emmingen-Liptingen. Foto: Achim Mende

Sie thront über dem Konstanzer Hafen: "Imperia". Foto: Joachim E. Röttgers

Sie thront über dem Konstanzer Hafen: "Imperia". Foto: Joachim E. Röttgers

A kind of magic: die "Magische Säule" in Meersburg. Foto: Achim Mende

A kind of magic: die "Magische Säule" in Meersburg. Foto: Achim Mende

Noch eine magische Säule: "Friede sei mit Dir" aka der "Pimmel über Berlin". Foto: Franz Richter/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Noch eine magische Säule: "Friede sei mit Dir" aka der "Pimmel über Berlin". Foto: Franz Richter/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Lenk in den 1990ern in seinem Garten. Foto: Uli Reinhardt

Lenk in den 1990ern in seinem Garten. Foto: Uli Reinhardt

Kreatives Schuppen-Chaos. Foto: Uli Reinhardt

Kreatives Schuppen-Chaos. Foto: Uli Reinhardt

"Bodenseereiter" Martin Walser steht seit 1999 lebensgroß in Überlingen. Foto: Uli Reinhardt.

"Bodenseereiter" Martin Walser steht seit 1999 lebensgroß in Überlingen. Foto: Uli Reinhardt.

Seit 2014 treuester Kontext-Freund: Lenk-Dogge "Max". Foto: Joachim E. Röttgers

Seit 2014 treuester Kontext-Freund: Lenk-Dogge "Max". Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 322
Schaubühne

Peter Lenk wird 70. Der plastische Anarchismus am Bodensee auch

Von Gastautor Christoph Nix
Datum: 31.05.2017
Zwei Anarchos vom Bodensee. Der eine über den anderen. Der Konstanzer Theaterintendant Christoph Nix über den Überlinger Bildhauer Peter Lenk. Ein scharfes Vergnügen in Text und Bild.

Mitten im Wohlstand, am fetten See, da wo die reichen Stuttgarter ihre Segelboote ins Wasser schmeißen, ihre Zweitwohnungen unterhalten, wo reiche Pensionäre ihre Villen errichten, verborgen hinter Zäunen und Hecken, pendelnd zwischen Deutschland und der Schweiz, da lebt er, fröhlich zwischen seinen dicken Männern mit kleinem Geschlecht und den großen Weibern mit Mutterbusen, der uns erschlägt, so als sei er einer, dem das wichtig wäre: das Geschlechtliche, der Blick auf unser Vergehen, auf unsere Vergänglichkeit. Da sitzt er, der Peter Lenk, und lacht über die Deppen in ihren Palästen und Kathedralen und zwitschert ihnen entgegen: "Ihr könnt Tempel bauen und Reichtum horten, Ihr seid vergänglich wie alles, wie der Wurm und Ihr seht aus, wie alles, das keinen Sinn macht: Fett und träge."

Schaut man näher hin, so erkennt man, mit wieviel Liebe und Genauigkeit seine Zwerge und Gnome, seine Bankpräsidenten, seine Westerwelles und Merkels, seine Schröders und seine Welttyrannen geschaffen wurden. Die Welle am Bauch, die Falte im Gesicht, der Triumph in den Augen. In den Augen der Imperia, die am Hafen von Konstanz über alle blickt, alles überblickt: sie ist geblieben, als Verkörperlichung der Lust, die triumphiert über den Tod. Sie erinnert alle Spießbürger daran, dass sie es waren, die den Huss in die Flammen gehängt haben.

"Den Spießbürgern nicht den öffentlichen Raum überlassen"

Peter Lenk, der Bildhauer, der anarchische Künstler, der in Bodman lebt, hat eine klares Credo: "Den Spießbürgern nicht den öffentlichen Raum überlassen." Er zitiert gerne den alten Meister Goethe: "Es wird einem nichts erlaubt, man muss es nur sich selber erlauben, dann lassen sich's die andern gefallen, oder nicht." Diesen Satz hat er sich zu Herzen genommen und wie kein anderer Straßenkünstler in Europa Aktion und Kreativität miteinander verbunden.

In fünfundzwanzig Städten und Gemeinden stehen die Skulpturen des Satire-Bildhauers. In Baden-Württemberg, in Hessen, in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin und jede hat ihre eigene Geschichte.

Zur 750-Jahr-Feier in Berlin stellte Peter Lenk, als ungenehmigten Beitrag zum Berliner Skulpturen-Boulevard das 12 Meter lange "Narrenschiff" auf einem Tieflader ab. Mitten auf den Breitscheidplatz, gleich neben der Gedächtniskirche. Sein Monument musste schon am nächsten Tag entfernt werden, weil an diesem Ort eine kirchliche Kundgebung geplant war, und auf dem Schiff zwei verschrumpelte Bischöfe und ein hermaphroditischer Kardinal zu sehen waren. Lenk erklärt, er habe damals 105 DM Strafe zahlen müssen und einen Punkt in Flensburg wegen "Abstellen von Schiffen auf öffentlichem Straßenland" kassiert.

Aber das hielt ihn nicht auf. Im Gegenteil. Auf dem Münsterplatz in Bonn wurde "Dyonisos im Fettnäpfchen" errichtet, eine Metapher auf Helmut Kohl (1987). Später folgte in Überlingen ein alter Martin Walser auf klapprigem Gaul, nur fehlte hier die Auschwitzkeule. Der Großschriftsteller war ohne Humor und drohte an, den Platz nie mehr betreten zu wollen. Lenk ist eben kein Opportunist, keiner ist gefeit vor seinem strengen Blick.

Der kapitalistischen Welt ihre eigene Melodie vorsingen

Peter Lenk blieb sich treu. War es nicht sein Anliegen, dieser vom materiellen Kapitalismus geprägten Welt ihre eigene Melodie vorzusingen, entfremdet und erst in der Entfremdung, der Wahrheit so nah? Waren seine Figuren nicht auch immer Dämonen der Nacht, die der Schlaf der Natur fressenden Bestie Kapital gebiert?

Man könnte sich auch Gedanken machen um Peter Lenk. Und fragen, ob damals in Nürnberg den kleinen Bub, den Franken, die Mütter und Tanten so geängstigt hätten, dass ihr Busen überdimensioniert den kleinen Lenk zu erschlagen drohten? Aber Lenk würde lächeln. Ein wenig Freud würde ihm guttun, hatte er nicht von ihm gelernt, wie wichtig es war, die inneren Bilder nach außen zu kehren?

Teilrelief von "Ludwigs Erbe": die "Global Players". Foto: Frank Vincentz/Wikimedia
Teilrelief von "Ludwigs Erbe": die "Global Players". Foto: Frank Vincentz/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Im Jahre 2008 wurde sein erstes Werk in seiner Heimatgemeinde Bodman-Ludwigshafen enthüllt. Die örtlichen Politiker waren entsetzt.

Vor dem Rathaus in Ludwigshafen, dem ehemaligen badischen Hauptzollamt am Hafen, befindet sich ein dreiteiliges Relief mit dem Titel "Ludwigs Erbe". Unter anderem sind fünf nackte Politiker dargestellt, die sich gegenseitig an die Genitalien fassen. Die auf dem Teilrelief "Global Players" dargestellten fünf nackten Personen sind Angela Merkel, Gerhard Schröder, Hans Eichel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle.

Es wurde gemunkelt, die Mutter des CDU-Bürgermeisters von Ludwigshafen hätte zeitweilig jeden Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen. Aber Lenk hatte einen Vertrag geschlossen. Das Relief musste hängenbleiben. Heute fahren hier Busse vor, lustige Japaner steigen aus und machen Fotografien. So schnell funktioniert das Affirmative in der Kultur.

In Konstanz wurde Lenks Papst-Figur wieder entfernt

Aber eben auch nicht so schnell: In Konstanz wurde tatsächlich im Mai des Jahres 2010 eine Skulptur entfernt. Es ist ein Abguss der Papst-Figur, die Imperia im Hafen in der Hand hält. Es hatte Proteste in der Stadt und unter Politikern in Stuttgart gegeben. Der Aufsichtsrat des Tourismus-Büros hatte in einer Sondersitzung über die Papstfigur beraten. Norbert Henneberger, der Geschäftsführer knickte ein, "er werde diese Figur nicht aufstellen und er bedauere die Missverständnisse". Diese unglaubliche Zensur ist bis heute ungesühnt.

Aber Peter Lenk trübt das nicht, er macht weiter, mal in der Metropole Berlin, mal zu Hause am See. Er entwickelt und formt seine Plastiken und Skulpturen unserer Seelenbilder, mit und ohne Geschlecht und so wird er fröhlich siebzig Jahre. Er weiß, ohne seine Frau Bettina und die beiden Töchter wären seine Einfälle nicht halb so provokant gewesen. Da erträgt er es auch, wenn die Frauen aus der taz-Redaktion in Berlin ihn einen Chauvinisten nennen, weil er ans Haus der taz den Pimmel von Kai Diekmann modelliert hat.

"Eine Sauerei" seien die nackten Gestalten, so Thomas Strobl, Schäuble-Schwiegersohn und Vize-Ministerpräsident unter Landesvater Kretschmann. Er hat seine Ansicht nicht widerrufen.

Happy Birthday, Peter Lenk!

 

Info:

Zu seinem 70. Geburtstag widmet die Städtische Galerie Überlingen Peter Lenk eine große Werkschau mit Arbeiten aus allen Schaffensphasen: "Peter Lenk. 40 Jahre Zoff und Zwinkern." Rund 60 Skulpturen und Entwürfe werden in der Städtischen Galerie zu sehen sein. Vernissage ist am Donnerstag, 1. Juni. Die Städtische Galerie am Landungsplatz ist geöffnet von Dienstag bis Freitag, 14 bis 17 Uhr. Samstag, Sonntag und Feiertag von 11 bis 17 Uhr. Montags geschlossen.


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