Ausgabe 302
Medien

Kobra ins Körbchen

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 11.01.2017
Der Chef von "Bild", Kai Diekmann, 52, verlässt Springer. Unklar ist, warum. Für den Bildhauer Peter Lenk ändert das nichts daran, dass sein "Pimmel über Berlin" bleiben muss. Als Denkmal für einen, der in Sperma gebadet habe.

Herr Lenk, einer Ihrer Lieblingsfeinde ist jetzt selbst in Verschiss geraten. Kai Diekmann soll eine Mitarbeiterin sexuell belästigt haben, melden die Medien. Irgendwelche Aufwallungen bei Ihnen?

Nein. Verdachtsjournalismus ist ja eine Spezialität der Bildzeitung. Welche Ironie, dass es den "Bild"-Chef am Ende selbst erwischt. Aber ich bin da skeptisch. Wenn so etwas von mir behauptet wird, glauben das angesichts meiner Skulpturen auch die meisten: "Typisch Lenk".

Traurig, weil Diekmann bei Springer in den Sack haut?

Meine Trauer hält sich in Grenzen. Als Chefredakteur der Bildzeitung hat er lange Jahre in Sperma gebadet und ist in Uteri gekrochen. Und nach ihm wird sich das Geschäftsmodell nicht verändern: Profit machen mit der Persönlichkeitsverletzung anderer.

Diekmann war zuletzt ganz stolz auf das Relief. Sie hätten ihm ein "wirklich beeindruckendes Denkmal" geschaffen, und dafür sei er dankbar, sagte er im September 2016. 

Ich vergesse nicht, warum Diekmann 2002 die taz verklagt hat, nachdem sie einen satirischen Beitrag über seine angebliche Penisverlängerung geschrieben hat. Er wollte 30 000 Euro Schmerzensgeld. Damit hat er sich blamiert und wohl daraus gelernt. Später hat er gemeint, es sei sein größter Fehler gewesen. Für mich war es der Anlass, die Skulptur zu schaffen.

Wir lernen daraus: Selbst vor einem Chefredakteur der Bildzeitung muss der Erkenntniszuwachs nicht halt machen.

Selbsterkenntnis ist normalerweise ein Weg zur Besserung. Aber ich wäre da vorsichtig. Diekmann hat später zwar mit Humor reagiert, aber an dessen Echtheit habe ich meine Zweifel. Mit der Nummer des großen Drüberstehers kommt er im "Spiegel" und in der FAZ besser weg. Für mich riecht das stark nach Strategie.

Nun war der Riesenpenis in der taz selbst hoch umstritten. Auch die damalige Chefredakteurin Ines Pohl wollte ihr Fahrrad nicht darunter abstellen.

Erst der Streit innerhalb der taz hat Diekmann die Chance gegeben, zuerst drauf zu schlagen, ihn auszuschlachten, und dann den Freund zu spielen. Als taz-Genosse hat er Auskunft verlangt, was mir die Zeitung für das Relief gezahlt hat, und selbst als es hieß, ein Jahresabo sei mein Lohn, wollte er es genau wissen. Als "Bild"-Chef hat er ein Extrablatt verteilt, mit dem Titel: "Wir sind Schwanz" und erhoffte sich "großes Stehvermögen" für mein Werk. Der Mann ist nicht blöd.

Wenn er jetzt einen Auftrag für Sie hätte, was würden Sie antworten?

Ich betreibe keinen Ablasshandel. Oder soll ich meine helle Wut vergessen, wenn die Bildzeitung schreibt, die Griechen sollen ihre Inseln verkaufen?

Der Abgang scheint Sie nicht zu beruhigen.

Ich habe auf dem Relief nicht ohne Grund Friede Springer und Mathias Döpfner verewigt. Sie sind immer noch in Amt und Würden. Sie profitieren weiter von der Spermakultur in dem Laden, und Döpfner wird sich weiter "instinktiv" zur Bildzeitung hin gezogen fühlen, mit der man im "Fahrstuhl rauf und runter" fährt. Der Hampelmann und sein Pimmel sind für mich nicht entscheidend, dafür findet sich schnell ein Nachfolger.

In der Tat, Friede thront ganz oben auf Ihrem Kunstwerk. 

Bei ihrer Beurteilung halte ich es mit dem taz-Mitbegründer Mathias Bröckers: Sie ist die mächtigste Frau Deutschlands, die den Hampelmann mit ihrer Flöte tanzen lässt. Sie ist die Herrin eines Monsters, das sich tagtäglich in der Presselandschaft aufschwingt: groß, ordinär, obszön und primitiv. Da reicht es nicht, wenn Axel Cäsar Springer als Engele über allen schwebt und nach versprengten 68ern Ausschau hält. Sie müsste die penetrante Kobra ins Körbchen zurückpfeifen. Nur sie könnte es, als züchtige, christliche, steinreiche Frau. Vielleicht hat meine Beschwörung geholfen. Wie ich höre, sind die sexuellen Ausschweifungen auf Kosten anderer und die Nacktgirls weniger geworden.

Frau Springer, hört man, ist von dem 16-Meter-Denkmal weniger begeistert als Diekmann. 

Dem Hörensagen nach ist sie damit nicht besonders zufrieden. Es gibt den Witz, sie habe sich bei Angela Merkel darüber beklagt, jeden Tag auf das Teil schauen und es hochblasen zu müssen. Ihre Freundin, die Kanzlerin, habe geantwortet, sie habe es noch schlimmer getroffen. Sie müsse auf meinem Relief in Ludwigshafen dem Stoiber die Stange halten und dabei lachen.

Erlösung naht. Die taz will im Jahr 2018 umziehen.

Wenn ich es richtig sehe, will sich die taz dafür einsetzen, dass das Kunstwerk bleibt, wo es ist. Das freut mich. Angeblich haben katholische Landfrauen, die Interesse am Haus in der Rudi-Dutschke-Straße haben, gesagt, sie fänden es ganz nett. Die taz hat wohl inzwischen erkannt, dass es zu einem Stück Zeitgeschichte und zu einem Touristenmagneten geworden ist. Eine Frau aus Australien hat mir geschrieben, sie hätte auch gerne so eine Skulptur in Brisbane. Sie würde zu Rupert Murdoch passen.

Sie plädieren auch für Stehenlassen.

Ich habe mehrere Kaufangebote erhalten und alle abgelehnt. Die taz kann das Werk behalten, so lange sie es will. Sie sollte nur den Fehler von damals nicht wiederholen, als sie ein Bild von Andy Warhol abgelehnt hat, das er ihr schenken wollte. Heute wäre es Millionen wert.

Was halten Sie von der Idee, den Kopf von Diekmann einfach auszutauschen?

Das wäre dumm. Von den Leuten soll doch noch etwas übrigbleiben. In 20 Jahren redet kein Mensch mehr von Diekmann, aber wenn die Berlin-Besucher vor dem Kunstwerk stehen, fragen sie: Ja, um Himmels willen, wer ist denn das mit dem langen Pimmel, hat's das damals wirklich gegeben? Und dann heißt es: Das war der Chef von "Bild", weißt du das nicht? Der hat sogar den Bundespräsidenten gestürzt.

Info:

Ein sehr hübsches Video hat die taz im September 2016 zur Geschichte der Lenk-Skulptur gedreht. Unter anderem kommt dort Kai Diekmann ausführlich zu Wort. Es trägt den Titel: Was wird aus meinem Dick, Mann?

Eine Geschichte über Peter Lenk, gekrönt von seinem Ludwigshafener Relief, das die Kanzlerin nicht amüsiert gibt esunter diesem Link.


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4 Kommentare verfügbar

  • Jan
    am 15.01.2017
    Oh man, jetzt macht dieser Lowandorder auch noch die Kontext Kommentarfunktion zu seiner Dada Bühne....
  • Lowandorder
    am 12.01.2017
    Wer sich das Schleimiggrauselige - Vornimmt!
    Ja der. Der wird kaum eine Schwäbische Apfeltorte
    Im Körbchen drapieren!
    Solchart "non scolae sed vitae discimus" -
    Salbader bevölkern doch alllang &
    Zuverlässig unsere, vor allem sog.
    Höheren Lehranstalten!
    Ha noi. Friede sei mit denen!
  • Lowandorder
    am 12.01.2017
    Peter Lenk wird unstreitig immer
    In die Kategorie "Einen hatten wir!" gehören;
    Wie sie einst von Kurt Tucholsky - mit
    "Wir hatten mal einen…!" für die Spezies
    Lehrer im Rückblick angedacht &
    Harry Rowohlt in seiner Besprechung
    " Der Club der toten Dichter!" kreiert hat für -
    Solche die - Nicht nicht nur den Spruch bringen
    'Nicht für die Schule - fürs Leben lernen wir!'
    Sondern auch beibringen - Wie frauman das macht!
    ok - Friede&Angie wird das nicht mehr helfen!
    Aber der Diekmannisierung z.B. der taz -
    Die rote Karte zeigen.
  • barbados
    am 11.01.2017
    sogar kleine fotos von dieser skulptur sind eigentlich so grauenvoll, daß ich allein deswegen nicht mehr taz online besuche. aber andere wollen sowas scheint's kaufen, also was weiß ich schon.
    witzig, dieser Lenk. ein richtiger sprücheklopper!

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