KONTEXT Extra:
BKA-Zeuge im NSU-Ausschuss: Keine Hinweise auf Islamisten

Für das BKA gibt es keinen "greifbaren Ermittlungsansatz", Hinweisen auf die Anwesenheit von Islamisten am Tatort und zur Tatzeit der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn nachzugehen. Während der 13. Sitzung des zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg erläuterte ein Kriminalhauptkommissar des Bundeskriminalamts (BKA), wie Handy-Daten aus den Funkzellen in Heilbronn ausgewertet wurden.

Zu zwei eingeloggten Handynummern hatte es Spekulationen gegeben. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) musste allerdings bekannt geben, dass weder die Bundesnetzagentur noch angefragte Telekommunikationsfirmen sagen konnten, wem die beiden Nummern gehört hätten. Die Namen sind – bis auf einen Vornamen – gelöscht worden. Der Zeuge wiederum erklärte: "Es bleibt von diesen Rufnummern mit einem Islamismusbezug nichts übrig."

Mehrfach in den vergangenen Monaten hatten die Abgeordneten versucht, Berichten nachzugehen, Personen aus dem Umfeld der islamistischen Sauerlandgruppe hätten sich am Tattag in Heilbronn aufgehalten. Und in diesem Zusammenhang könnten auch US-Geheimdienst-Mitarbeiter auf der Theresienwiese gewesen sein. Würden Belege gefunden, etwa für die Theorie, Kiesewetter und ihr Kollege hätten die Übergabe eines Zünders gestört, wäre die Version der Bundesanwaltschaft erschüttert, die Beamtin sei von den Rechtsterroristen des NSU erschossen worden. (22.09.2017)


Demonstration gegen Abriss von Altbauwohnungen

Wohnen in Stuttgart ist teuer, und Gering- und Normalverdiener werden in Zukunft noch mehr aus der Stadt verdrängt werden – das fürchten die Mieterinitiativen Stuttgart angesichts der Pläne der Wohnungsbaugesellschaft SWSG, in den nächsten Jahren mehr als 200 Wohnungen im Hallschlag abzureißen. Bereits im Oktober 2018 soll damit begonnen werden. Die von SWSG-Geschäftsführer Helmuth Caesar selbst als "Laborversuch" bezeichneten Abrisspläne könnten nur der Anfang sein, diese Praxis auf die ganze Stadt auszudehnen, warnen die Initiativen. "Es ist schlimm genug, dass keine preisgünstigen Wohnungen neu gebaut werden und selbst die wenigen Sozialwohnungen bis neun Euro Kaltmiete kosten", kommentiert dies Matthias Ehm vom SWSG-Mieterbeirat. "Aber es ist ein Skandal, vor diesem Hintergrund die letzten Altbausiedlungen mit Kaltmieten um die sieben Euro systematisch zu zerstören." Auf diese Weise, so Ehm, beteilige sich die Stadt Stuttgart über die städtische SWSG "an der Preistreiberei auf dem Immobilienmarkt".

Gegen die Abrisspläne hat die Mieter- und Bürgerinitiative Hallschlag zu einer Protestkundgebung am heutigen Donnerstag, den 21. September, um 17.30 Uhr vor dem SWSG-Kundencenter Hallschlag (Rostocker Straße 2-6, 70376 Stuttgart) aufgerufen. Neben Matthias Ehm sprechen unter anderem der Linken-Stadtrat Tom Adler, der auch im SWSG-Aufsichtsrat sitzt, der Journalist Joe Bauer und Ursel Beck von der Mieter- und Bürgerinitiative. Im Anschluss gibt es einen Demonstrationszug durch den Hallschlag.

Über die fragwürdige Abrisspraxis der SWSG hat Kontext schon mehrfach berichtet, unter anderem in den Artikeln "Die Geschäfte des Herrn Föll", "Raumwunder gibt es immer wieder" und "Solide, seriös, sicher - SWSG". (21.9.2017)


"Tested by Winne Hermann"

Kontext hat öffentlich gemacht, dass Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann in Eigenregie Tests mit Hardware-nachgerüsteten Diesel-Modellen durchführen lassen wird. In Zusammenarbeit mit mehreren namhaften Herstellern und um der Automobilindustrie - im Idealfall - zu beweisen, dass sich Euro-5-Motoren auch auf Basis von Messungen im realen Straßenverkehr sehr wohl mit einem vergleichsweise überschaubaren Aufwand auf Euro-6-Norm umbauen lassen.

Die FDP, möglicherweise bald Koalitionspartner auf Bundesebene, macht sich lustig über den Grünen. "Ich reibe mir schon verwundert die Augen", so der verkehrspolitische Sprecher der Landtagsfraktion Jochen Haußmann, "wie ein Landes-Verkehrsminister dazu kommt, in den Test von Abgasanlagen-Nachrüstung einzusteigen." Er binde Personal- und Sachkosten seines Ressorts, obwohl das Land dafür nicht zuständig sei. Und Haußmann verlangt Aufklärung, wer genau mit welchem Engagement bei dem Vorhaben dabei sei: "Wir brauchen weder eine blaue Plakette noch ein Label bei Nachrüstsätzen nach dem Motto 'tested by Winne Hermann.'" Wie erkläre der Minister sein jetziges Tun den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern?, will der Liberale weiter wissen.

Fragen über Fragen, denn: Wie erklärt die FDP ihren Sarkasmus DieselfahrerInnen, die auf eine Lösung für Euro-5-Motor hoffen? Und vor allem jenen innovativen Mittelständlern die ablehnende Haltung, die funktionierende Nachrüstsysteme in der Schublade haben, bisher bei den großen Autoherstellern aber abgeblitzt sind? Von den in Feinstaub-Innenstädten wohnenden BürgerInnen ganz zu schweigen.


Internationale Brigaden - der Film in der Geißstraße

Die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro hat inzwischen einen Platz in ihrer Heimatstadt erobert. Seit 2014 erinnern Stelen und ein Ort mit ihrem Namen an die Frau, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert Capa den Bürgerkrieg in Spanien dokumentiert und das Leid der Bevölkerung festgehalten hat. Seit die Kulturwissenschaftlerin Irme Schauber die Frau an Capas Seite aus dem Dunkel geholt hat, ist auch in Stuttgart das Interesse an diesem Kapitel spanischer Zeitgeschichte gewachsen. Der Todestag von Gerda Taro jährt sich in diesem Jahr zum 80sten Mal wie auch die Bombardierung Guernicas durch Flugzeuge der Legion Condor. Die Stiftung Geißstraße zeigt aus diesem Anlass den Film "Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden" von Patrick Rotmann. Der Dokumentarfilm beleuchtet den Kampf der in den Internationalen Brigaden organisierten Freiwilligen, die ihr Leben für das spanische Volk aufs Spiel setzten und die Spanische Republik gegen den Staatsstreich der Franquisten verteidigten. Und natürlich spielt auch die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro eine Rolle. (18.9.2017)

Dienstag, 19. September, 19 Uhr, Geißsstraße 7.


"Lüge, Hass, Manipulation – Was können wir den Medien noch glauben?“

Sechs Tage vor der Bundestagswahl greift der "Neue Montagskreis" ein in vielerlei Hinsicht bewegendes und gerade durch die neuesten Provokationen der "Alternative für Deutschland" (AfD) besonders aktuelles Thema auf: "Lüge, Hass, Manipulation – Was können wir den Medien noch glauben?" Unter der Moderation von Michael Zeiß diskutieren am Montag, den 18. September, um 19.30 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus Gabriele Renz, Pressesprecherin im Landtag von Baden-Württemberg, und Wolfgang Schweiger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, über die Kommunikation in Echokammern (mehr dazu hier), über die Verunglimpfung eines ganzen Berufsstandes ("Lügenpresse") oder darüber, wie sich Fake-News in Windeseile in den sozialen Medien verbreiten – nicht zuletzt durch Präsidenten wie Donald Trump oder Wladimir Putin – und kaum mehr einzufangen sind. Schweigers Fachgebiet sind die Mechanismen interaktiver Onlinekommunikation, und Renz kennt viele Facetten der Problematik: Sie war jahrelang Redakteurin und landespolitische Korrespondentin des "Südkurier" in Konstanz und Stuttgart. (16.9.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

1902, als Pleuer dieses Bild malte, fuhren Züge der Gäubahn seit zwei Jahren bis nach Zürich. Die Nordbahnhofsiedlung, hinten, war nach acht Jahren Bauzeit schon recht weit gediehen.

1902, als Pleuer dieses Bild malte, fuhren Züge der Gäubahn seit zwei Jahren bis nach Zürich. Die Nordbahnhofsiedlung, hinten, war nach acht Jahren Bauzeit schon recht weit gediehen.

Eisenbahnromantik: Die Geliebte bringt dem Eisenbahner zum Abschied einen Picknickkorb. Um 1897 wandelte sich der Mondscheinmaler Pleuer zum Eisenbahnmaler.

Eisenbahnromantik: Die Geliebte bringt dem Eisenbahner zum Abschied einen Picknickkorb. Um 1897 wandelte sich der Mondscheinmaler Pleuer zum Eisenbahnmaler.

Bei jedem Wetter, auch bei Schnee und Eis, war der Pleuer mit seiner Staffelei unterwegs. Hier für "Schnee", 1899. Mehr seiner Werke gibt es per Klick aufs Bild zu sehen.

Bei jedem Wetter, auch bei Schnee und Eis, war der Pleuer mit seiner Staffelei unterwegs. Hier für "Schnee", 1899. Mehr seiner Werke gibt es per Klick aufs Bild zu sehen.

"Was soll denn das darstellen?", fragten sich viele Zeitgenossen, wenn sie Gemälde sahen wie "Dampf", 1897.

"Was soll denn das darstellen?", fragten sich viele Zeitgenossen, wenn sie Gemälde sahen wie "Dampf", 1897.

Auf diesem Steg war der Maler oft mit seiner Staffelei zu sehen. "Fußgängersteg Postdörfle", 1900

Auf diesem Steg war der Maler oft mit seiner Staffelei zu sehen. "Fußgängersteg Postdörfle", 1900

Das war der Blick, der sich von dort aus auf den Bahnhof bot. "Hauptbahnhof", 1906.

Das war der Blick, der sich von dort aus auf den Bahnhof bot. "Hauptbahnhof", 1906.

Er interessierte sich auch für die Arbeitswelt, hier vermutlich in der Wagenhalle am inneren Nordbahnhof. "Räder-Reperatur", 1905.

Er interessierte sich auch für die Arbeitswelt, hier vermutlich in der Wagenhalle am inneren Nordbahnhof. "Räder-Reperatur", 1905.

Auch die mondäne Welt des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs hielt Pleuer in seinen Gemälden fest. "Bahnsteig 1", 1905

Auch die mondäne Welt des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs hielt Pleuer in seinen Gemälden fest. "Bahnsteig 1", 1905

Ausgabe 323
Kultur

Der Eisenbahnmaler

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 07.06.2017
Die Welt der ein- und ausfahrenden Züge zu malen, das war ein Lieblingsmotiv von Herrmann Pleuer, noch vor dem großen Umbau des Stuttgarter Bahnhofs vor 100 Jahren. Seine Liebe zur Eisenbahn ging so weit, dass er die Tochter eines Eisenbahnschaffners heiratete. Der Künstler gehört zu den Pionieren des Impressionismus in Deutschland. In unserer Schaubühne zeigen wir eine Auswahl seiner Werke.

Die Entwicklung des Automobils steckte noch in den Kinderschuhen, als Hermann Pleuer die Eisenbahn im Bild festzuhalten begann. Die wenigen Kraftfahrzeuge, die es gab, waren Kutschen ohne Pferde mit knatternden Benzinmotoren, die auf eisenbeschlagenen Holzrädern ihren Weg durch die Schotterpisten suchten oder auf Vollgummireifen über die Straßen hüpften. Die Eisenbahn hingegen hatte das Bild der Städte und Landschaften bereits von Grund auf verändert. Die Württembergische Staatsbahn war Arbeitgeber Nummer eins, die Maschinenfabrik Esslingen, die Lokomotiven und Waggons herstellte, der führende Industriebetrieb im Land.

Pleuer war Sohn eines Goldwarenfabrikanten aus Schwäbisch Gmünd. Zuerst studierte er Ziselieren, die filigrane Bearbeitung von Metall mit Hammer und Punze, an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule, bevor er an die Kunstakademie wechselte, die damals nur noch nicht so hieß. "Sie tun mir leid, Herr Pleuer, dass Sie einen solchen Schmierer zum Sohn haben", soll der Lehrer Karl Häberlin zu seinem Vater gesagt haben. Sohn Hermann war für das Goldschmiedehandwerk verloren. Er ging nach München und wurde mit Otto Reiniger, der aus Stuttgart kam und ebenfalls in München studiert hatte, zu einem der ersten Maler, die sich dem Impressionismus zuwandten: in Deutschland damals noch Neuland.

Zuerst skizzierte Pleuer die Geometrie der Einfahrtsgleise des alten Bahnhofs mit Bleistift...
Zuerst skizzierte Pleuer die Geometrie der Einfahrtsgleise des alten Bahnhofs mit Bleistift ...

Frauenakte im Mondlicht gehörten zu Pleuers ersten aufsehenerregenden Bildern – und wurden auf einer Ausstellung im Münchner Glaspalast prompt abgehängt. Dann, um 1896, begann er sich für die Eisenbahn zu interessieren. Sie wurde von da an sein bevorzugtes Sujet, fünfzehn Jahre lang malte er die Welt der ein- und ausfahrenden Züge, noch vor dem Umbau des Stuttgarter Bahnhofs vor 100 Jahren. Bei jedem Wetter konnte man Pleuer mit seiner Staffelei auf dem schmalen Fußgängersteg stehen sehen, der vom Postdörfle aus über die Bahngleise führte. Seine Liebe zur Eisenbahn ging so weit, dass er 1901 die Tochter eines Eisenbahnschaffners heiratete.

Sehr viel Erfolg hatte Pleuer mit seiner Malerei nicht. Die Zeitgenossen waren gewöhnt an die Historienmalerei, an große Ereignisse der religiösen und vaterländischen Geschichte. Sie wollten nicht einsehen, warum sich die hohe Kunst mit so profanen Dingen wie Dampfrössern abgab - oder im Fall Reinigers mit Lichtspiegelungen im Wasser des Feuerbachs. Zwei Adlige interessierten sich dafür umso mehr für Pleuers Darstellungen der Industrie- und Arbeitswelt: Freiherr Franz von König-Fachsenfeld und Silvio della Valle di Casanova.

… bevor er Lichtstimmungen und Dampfwolken im Ölgemälde festhielt.
… bevor er Lichtstimmungen und Dampfwolken im Ölgemälde festhielt. "Hbf Sonnenschein", 1906.

Auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen befindet sich bis heute die wichtigste Sammlung der Werke Pleuers. Der neapolitanische Markgraf di Casanova wiederum, der zu einem Musikstudium nach Stuttgart gekommen war, hinterließ bei seiner Abreise 1924 seine Kollektion mit Werken Pleuers und Reinigers der Stadt. Seitdem besitzt Stuttgart eine Kunstsammlung, die zunächst in der Villa Berg ausgestellt war, dann von 1961 an im Kunstgebäude am Schlossplatz, bevor daraus 2005 das Kunstmuseum wurde.

Pleuer war nach Adolf Menzel, dessen "Eisenwalzwerk" als erste Fabrikdarstellung gilt, der erste Maler in Deutschland, der die moderne Industriewelt zum Gegenstand seiner Bilder machte. Dies wurde durchaus bemerkt, allerdings nicht immer befürwortet. "Statt Ruhe, Stille, Schönheit, Märchen, Licht, Phantasie – ein ewig-ernstes Mahnen an Arbeit, Kampf, Sorgen, Sozialpolitik in der Kunst", schrieb der Münchner Kunstschriftsteller Georg Jacob Wolf, "das ist nicht gut, das widerspricht dem Wesen der Kunst." Ganz anders urteilte der Kunsthistoriker Ernst Gosebruch. Anlässlich einer Ausstellung 1911, kurz nach Pleuers Tod, hielt er fest: "Man muss sagen, dass das Industriebild impressionistischen Stiles von ihm geschaffen worden ist."


Info:

Alle Bilder in unserer Schaubühne sind Scans aus dem Katalog "Pleuer und die Eisenbahn, Aalen 1978." Mit Ausnahme von "Ausfahrender Zug 1902" (Folkwang Museum in Essen), "Bahnsteig 1 1905" (Staatsgalerie Stuttgart), "Hbf Sonnenschein 1906" (Staatsgalerie Stuttgart) und "Hauptbahnhof 1906" (Kunstmuseum Stuttgart) befinden sich alle gezeigten Werke im Original auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen. Dort ist die Pleuer-Sammlung samstags von 13 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!