1902, als Pleuer dieses Bild malte, fuhren Züge der Gäubahn seit zwei Jahren bis nach Zürich. Die Nordbahnhofsiedlung, hinten, war nach acht Jahren Bauzeit schon recht weit gediehen.

1902, als Pleuer dieses Bild malte, fuhren Züge der Gäubahn seit zwei Jahren bis nach Zürich. Die Nordbahnhofsiedlung, hinten, war nach acht Jahren Bauzeit schon recht weit gediehen.

Eisenbahnromantik: Die Geliebte bringt dem Eisenbahner zum Abschied einen Picknickkorb. Um 1897 wandelte sich der Mondscheinmaler Pleuer zum Eisenbahnmaler.

Eisenbahnromantik: Die Geliebte bringt dem Eisenbahner zum Abschied einen Picknickkorb. Um 1897 wandelte sich der Mondscheinmaler Pleuer zum Eisenbahnmaler.

Bei jedem Wetter, auch bei Schnee und Eis, war der Pleuer mit seiner Staffelei unterwegs. Hier für "Schnee", 1899. Mehr seiner Werke gibt es per Klick aufs Bild zu sehen.

Bei jedem Wetter, auch bei Schnee und Eis, war der Pleuer mit seiner Staffelei unterwegs. Hier für "Schnee", 1899. Mehr seiner Werke gibt es per Klick aufs Bild zu sehen.

"Was soll denn das darstellen?", fragten sich viele Zeitgenossen, wenn sie Gemälde sahen wie "Dampf", 1897.

"Was soll denn das darstellen?", fragten sich viele Zeitgenossen, wenn sie Gemälde sahen wie "Dampf", 1897.

Auf diesem Steg war der Maler oft mit seiner Staffelei zu sehen. "Fußgängersteg Postdörfle", 1900

Auf diesem Steg war der Maler oft mit seiner Staffelei zu sehen. "Fußgängersteg Postdörfle", 1900

Das war der Blick, der sich von dort aus auf den Bahnhof bot. "Hauptbahnhof", 1906.

Das war der Blick, der sich von dort aus auf den Bahnhof bot. "Hauptbahnhof", 1906.

Er interessierte sich auch für die Arbeitswelt, hier vermutlich in der Wagenhalle am inneren Nordbahnhof. "Räder-Reperatur", 1905.

Er interessierte sich auch für die Arbeitswelt, hier vermutlich in der Wagenhalle am inneren Nordbahnhof. "Räder-Reperatur", 1905.

Auch die mondäne Welt des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs hielt Pleuer in seinen Gemälden fest. "Bahnsteig 1", 1905

Auch die mondäne Welt des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs hielt Pleuer in seinen Gemälden fest. "Bahnsteig 1", 1905

Ausgabe 323
Kultur

Der Eisenbahnmaler

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 07.06.2017
Die Welt der ein- und ausfahrenden Züge zu malen, das war ein Lieblingsmotiv von Herrmann Pleuer, noch vor dem großen Umbau des Stuttgarter Bahnhofs vor 100 Jahren. Seine Liebe zur Eisenbahn ging so weit, dass er die Tochter eines Eisenbahnschaffners heiratete. Der Künstler gehört zu den Pionieren des Impressionismus in Deutschland. In unserer Schaubühne zeigen wir eine Auswahl seiner Werke.

Die Entwicklung des Automobils steckte noch in den Kinderschuhen, als Hermann Pleuer die Eisenbahn im Bild festzuhalten begann. Die wenigen Kraftfahrzeuge, die es gab, waren Kutschen ohne Pferde mit knatternden Benzinmotoren, die auf eisenbeschlagenen Holzrädern ihren Weg durch die Schotterpisten suchten oder auf Vollgummireifen über die Straßen hüpften. Die Eisenbahn hingegen hatte das Bild der Städte und Landschaften bereits von Grund auf verändert. Die Württembergische Staatsbahn war Arbeitgeber Nummer eins, die Maschinenfabrik Esslingen, die Lokomotiven und Waggons herstellte, der führende Industriebetrieb im Land.

Pleuer war Sohn eines Goldwarenfabrikanten aus Schwäbisch Gmünd. Zuerst studierte er Ziselieren, die filigrane Bearbeitung von Metall mit Hammer und Punze, an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule, bevor er an die Kunstakademie wechselte, die damals nur noch nicht so hieß. "Sie tun mir leid, Herr Pleuer, dass Sie einen solchen Schmierer zum Sohn haben", soll der Lehrer Karl Häberlin zu seinem Vater gesagt haben. Sohn Hermann war für das Goldschmiedehandwerk verloren. Er ging nach München und wurde mit Otto Reiniger, der aus Stuttgart kam und ebenfalls in München studiert hatte, zu einem der ersten Maler, die sich dem Impressionismus zuwandten: in Deutschland damals noch Neuland.

Zuerst skizzierte Pleuer die Geometrie der Einfahrtsgleise des alten Bahnhofs mit Bleistift...
Zuerst skizzierte Pleuer die Geometrie der Einfahrtsgleise des alten Bahnhofs mit Bleistift ...

Frauenakte im Mondlicht gehörten zu Pleuers ersten aufsehenerregenden Bildern – und wurden auf einer Ausstellung im Münchner Glaspalast prompt abgehängt. Dann, um 1896, begann er sich für die Eisenbahn zu interessieren. Sie wurde von da an sein bevorzugtes Sujet, fünfzehn Jahre lang malte er die Welt der ein- und ausfahrenden Züge, noch vor dem Umbau des Stuttgarter Bahnhofs vor 100 Jahren. Bei jedem Wetter konnte man Pleuer mit seiner Staffelei auf dem schmalen Fußgängersteg stehen sehen, der vom Postdörfle aus über die Bahngleise führte. Seine Liebe zur Eisenbahn ging so weit, dass er 1901 die Tochter eines Eisenbahnschaffners heiratete.

Sehr viel Erfolg hatte Pleuer mit seiner Malerei nicht. Die Zeitgenossen waren gewöhnt an die Historienmalerei, an große Ereignisse der religiösen und vaterländischen Geschichte. Sie wollten nicht einsehen, warum sich die hohe Kunst mit so profanen Dingen wie Dampfrössern abgab - oder im Fall Reinigers mit Lichtspiegelungen im Wasser des Feuerbachs. Zwei Adlige interessierten sich dafür umso mehr für Pleuers Darstellungen der Industrie- und Arbeitswelt: Freiherr Franz von König-Fachsenfeld und Silvio della Valle di Casanova.

… bevor er Lichtstimmungen und Dampfwolken im Ölgemälde festhielt.
… bevor er Lichtstimmungen und Dampfwolken im Ölgemälde festhielt. "Hbf Sonnenschein", 1906.

Auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen befindet sich bis heute die wichtigste Sammlung der Werke Pleuers. Der neapolitanische Markgraf di Casanova wiederum, der zu einem Musikstudium nach Stuttgart gekommen war, hinterließ bei seiner Abreise 1924 seine Kollektion mit Werken Pleuers und Reinigers der Stadt. Seitdem besitzt Stuttgart eine Kunstsammlung, die zunächst in der Villa Berg ausgestellt war, dann von 1961 an im Kunstgebäude am Schlossplatz, bevor daraus 2005 das Kunstmuseum wurde.

Pleuer war nach Adolf Menzel, dessen "Eisenwalzwerk" als erste Fabrikdarstellung gilt, der erste Maler in Deutschland, der die moderne Industriewelt zum Gegenstand seiner Bilder machte. Dies wurde durchaus bemerkt, allerdings nicht immer befürwortet. "Statt Ruhe, Stille, Schönheit, Märchen, Licht, Phantasie – ein ewig-ernstes Mahnen an Arbeit, Kampf, Sorgen, Sozialpolitik in der Kunst", schrieb der Münchner Kunstschriftsteller Georg Jacob Wolf, "das ist nicht gut, das widerspricht dem Wesen der Kunst." Ganz anders urteilte der Kunsthistoriker Ernst Gosebruch. Anlässlich einer Ausstellung 1911, kurz nach Pleuers Tod, hielt er fest: "Man muss sagen, dass das Industriebild impressionistischen Stiles von ihm geschaffen worden ist."


Info:

Alle Bilder in unserer Schaubühne sind Scans aus dem Katalog "Pleuer und die Eisenbahn, Aalen 1978." Mit Ausnahme von "Ausfahrender Zug 1902" (Folkwang Museum in Essen), "Bahnsteig 1 1905" (Staatsgalerie Stuttgart), "Hbf Sonnenschein 1906" (Staatsgalerie Stuttgart) und "Hauptbahnhof 1906" (Kunstmuseum Stuttgart) befinden sich alle gezeigten Werke im Original auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen. Dort ist die Pleuer-Sammlung samstags von 13 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen.


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