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Der Eisenbahnmaler

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Die Welt der ein- und ausfahrenden Züge zu malen, das war ein Lieblingsmotiv von Herrmann Pleuer, noch vor dem großen Umbau des Stuttgarter Bahnhofs vor 100 Jahren. Seine Liebe zur Eisenbahn ging so weit, dass er die Tochter eines Eisenbahnschaffners heiratete. Der Künstler gehört zu den Pionieren des Impressionismus in Deutschland. In unserer Schaubühne zeigen wir eine Auswahl seiner Werke.

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Die Entwicklung des Automobils steckte noch in den Kinderschuhen, als Hermann Pleuer die Eisenbahn im Bild festzuhalten begann. Die wenigen Kraftfahrzeuge, die es gab, waren Kutschen ohne Pferde mit knatternden Benzinmotoren, die auf eisenbeschlagenen Holzrädern ihren Weg durch die Schotterpisten suchten oder auf Vollgummireifen über die Straßen hüpften. Die Eisenbahn hingegen hatte das Bild der Städte und Landschaften bereits von Grund auf verändert. Die Württembergische Staatsbahn war Arbeitgeber Nummer eins, die Maschinenfabrik Esslingen, die Lokomotiven und Waggons herstellte, der führende Industriebetrieb im Land.

Pleuer war Sohn eines Goldwarenfabrikanten aus Schwäbisch Gmünd. Zuerst studierte er Ziselieren, die filigrane Bearbeitung von Metall mit Hammer und Punze, an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule, bevor er an die Kunstakademie wechselte, die damals nur noch nicht so hieß. "Sie tun mir leid, Herr Pleuer, dass Sie einen solchen Schmierer zum Sohn haben", soll der Lehrer Karl Häberlin zu seinem Vater gesagt haben. Sohn Hermann war für das Goldschmiedehandwerk verloren. Er ging nach München und wurde mit Otto Reiniger, der aus Stuttgart kam und ebenfalls in München studiert hatte, zu einem der ersten Maler, die sich dem Impressionismus zuwandten: in Deutschland damals noch Neuland.

Frauenakte im Mondlicht gehörten zu Pleuers ersten aufsehenerregenden Bildern – und wurden auf einer Ausstellung im Münchner Glaspalast prompt abgehängt. Dann, um 1896, begann er sich für die Eisenbahn zu interessieren. Sie wurde von da an sein bevorzugtes Sujet, fünfzehn Jahre lang malte er die Welt der ein- und ausfahrenden Züge, noch vor dem Umbau des Stuttgarter Bahnhofs vor 100 Jahren. Bei jedem Wetter konnte man Pleuer mit seiner Staffelei auf dem schmalen Fußgängersteg stehen sehen, der vom Postdörfle aus über die Bahngleise führte. Seine Liebe zur Eisenbahn ging so weit, dass er 1901 die Tochter eines Eisenbahnschaffners heiratete.

Sehr viel Erfolg hatte Pleuer mit seiner Malerei nicht. Die Zeitgenossen waren gewöhnt an die Historienmalerei, an große Ereignisse der religiösen und vaterländischen Geschichte. Sie wollten nicht einsehen, warum sich die hohe Kunst mit so profanen Dingen wie Dampfrössern abgab - oder im Fall Reinigers mit Lichtspiegelungen im Wasser des Feuerbachs. Zwei Adlige interessierten sich dafür umso mehr für Pleuers Darstellungen der Industrie- und Arbeitswelt: Freiherr Franz von König-Fachsenfeld und Silvio della Valle di Casanova.

Auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen befindet sich bis heute die wichtigste Sammlung der Werke Pleuers. Der neapolitanische Markgraf di Casanova wiederum, der zu einem Musikstudium nach Stuttgart gekommen war, hinterließ bei seiner Abreise 1924 seine Kollektion mit Werken Pleuers und Reinigers der Stadt. Seitdem besitzt Stuttgart eine Kunstsammlung, die zunächst in der Villa Berg ausgestellt war, dann von 1961 an im Kunstgebäude am Schlossplatz, bevor daraus 2005 das Kunstmuseum wurde.

Pleuer war nach Adolf Menzel, dessen "Eisenwalzwerk" als erste Fabrikdarstellung gilt, der erste Maler in Deutschland, der die moderne Industriewelt zum Gegenstand seiner Bilder machte. Dies wurde durchaus bemerkt, allerdings nicht immer befürwortet. "Statt Ruhe, Stille, Schönheit, Märchen, Licht, Phantasie – ein ewig-ernstes Mahnen an Arbeit, Kampf, Sorgen, Sozialpolitik in der Kunst", schrieb der Münchner Kunstschriftsteller Georg Jacob Wolf, "das ist nicht gut, das widerspricht dem Wesen der Kunst." Ganz anders urteilte der Kunsthistoriker Ernst Gosebruch. Anlässlich einer Ausstellung 1911, kurz nach Pleuers Tod, hielt er fest: "Man muss sagen, dass das Industriebild impressionistischen Stiles von ihm geschaffen worden ist."


Info:

Alle Bilder in unserer Schaubühne sind Scans aus dem Katalog "Pleuer und die Eisenbahn, Aalen 1978." Mit Ausnahme von "Ausfahrender Zug 1902" (Folkwang Museum in Essen), "Bahnsteig 1 1905" (Staatsgalerie Stuttgart), "Hbf Sonnenschein 1906" (Staatsgalerie Stuttgart) und "Hauptbahnhof 1906" (Kunstmuseum Stuttgart) befinden sich alle gezeigten Werke im Original auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen. Dort ist die Pleuer-Sammlung samstags von 13 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Waldemar Grytz
    am 11.06.2017
    Antworten
    Für solche Beiträge gibt es zwar nur selten oder keine Kommentare, aber ich bin sicher, dass sie gerne gelesen und als Anregung für "kulturelle Ausflüge" jenseits aller politischen Widrigkeiten genutzt werden. Danke!
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