Ausgabe 324
Kolumne

Frère Jacques, dormez-vous ?

Von Peter Grohmann
Datum: 14.06.2017

Ist der linksrheinische Bruder nun aufgewacht oder ging er nur baden? Bei einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent bei 47 Millionen Wahlberechtigten sind 32 Prozent pi mal Daumen 7 Millionen Stimmen, hochgerechnet 17 Prozent. Mit 17 hat man noch Träume, sang Peggy Marche schon 1965. Wir lieben Macron – er ist gewissermaßen fast so etwas wie unser Christian Lindner – ein Wuppertaler auf der kaputten Schwebebahn. Emmanuel Macron wäre dann der neue Friedrich Engels der Deutschen und Sahra Wagenknecht seine Domina.

Viele Menschen haben ja bei solchen Wahlen fast einen Orgasmus. Als Kind habe ich mir darunter etwas Schreckliches vorgestellt, inzwischen geht's mir besser. Etwa wenn Pep Guardiola zu zivilem Ungehorsam aufruft – nach dem Motto der Außerparlamentarischen: Gesetze sind dazu da, um sie zu brechen. Das gilt freilich nur für Banken und Sparkassen und die Autoindustrie. Aber hier wie dort: Man wird sehen. Abwarten und Tee trinken, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagte (und dann war der sogenannte Sozialismus plötzlich weg).

Inzwischen kann sich der Franzose von uns eine Scheibe abschneiden: In Deutschland gibt es keine Korruption! Bezahlte Lobbyarbeit oder die Beschäftigung von Familienmitgliedern auf Staatskosten wäre hier so gut wie unmöglich, die Renten sind sicher und hungernde Kinder wie in Paris werden rechtzeitig vom Jugendamt weggesperrt. Die Verwaltung läuft wie geschmiert, die Regierungen sind Ausgeburten der Demokratie, die Parteien parteiübergreifend allesamt schwer staatstragend, die Gewerkschaften fest eingebunden, die Medien gemeinwohl-orientiert und um Klassen besser als sonst wo und die Investoren haben in Stadt und Land freie Hand.

Reformbedarf besteht allenfalls bei den deutschen Klärwerken: Die Anlagen sind total überfordert, so viel Nitrat ist im Trinkwasser. Man muss also entweder die viel zu strengen Vorschriften und Regeln und den Unsinn mit den Höchstwerten ändern oder eben Milliarden investieren. Anders gesagt: Wir brauchen keinen Marche und keinen Macron, und wenn das Trinkwasser demnächst 50 Prozent teurer wird, trinken wir Rotwein aus Frankreich.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts AnStifter.


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1 Kommentar verfügbar

  • Charlotte Rath
    am 14.06.2017
    Lieber Herr Grohmann, so sehr ich Ihre Kolumne schätze - kein Wort dazu, dass der linksrheinische Elitezögling den Ausnahmezustand zum Alltag machen will (wie liberal ist das denn), und massiven Sozialabbau mit „Arbeitsmarktreform“ schön redet? Auch den letzten Abschnitt bitte noch einmal überdenken, denn es gäbe weitere Möglichkeiten, z. B. weniger technisch synthetisiertes Nitrat in die Umwelt bringen ...

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