Ausgabe 318
Kolumne

Du bist Burka

Von Peter Grohmann
Datum: 03.05.2017

"Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand, wir sind nicht Burka," sagt Innenminister de Maizière. Die "Bild" hat mitgeschossen bei dieser aktuellen Suada zur Leitkultur. Der direkte Adressat sind die WählerInnen der AfD, der indirekte der Muselmann und sein Weib.

Was Thomas de Maizière, vielleicht aus Platzmangel, vorsichtshalber nicht sagt: Wir schlagen mitunter unsere Frauen auch grün und blau, wir missbrauchen unsere Kinder, wir betrügen die Allgemeinheit durch Steuerflucht. Thomas sagt: "Wir vermummen uns nicht".

In schlechten Zeiten ist auch der Hering ein Fisch, sagte meine Omi Glimbzsch in Zittau. Denn was das Vermummungsverbot angeht: Das gilt natürlich nicht für die Polizei, nicht für den Verfassungsschutz und nicht für Kommentare in den sozialen Netzwerken.

Thomas sagt sogar: "Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert ...". Er weiß vielleicht noch nicht, dass davon die Ärmeren und Schwächeren vielfach ausgeschlossen sind, und wenn er sagt "wir leis­ten auch Hilfe, haben so­zia­le Si­che­rungs­sys­te­me" vergisst er, dass eben diese Sicherungssysteme mehr und mehr versagen. Wenn Thomas über "das Be­kennt­nis zu den tiefs­ten Tie­fen un­se­rer Ge­schich­te" schwurbelt, lässt er die Skandale um seine Geheimdienste aus, es reicht ja, dass wir "Erben un­se­rer deut­schen Ge­schich­te" sind.

Thomas sagt aber auch: "Jeder Land­kreis ist stolz auf seine Mu­sik­schu­le." Wenn er eine hat. Er sagt nicht, dass Theater schließen müssen und die Förderung des Musikunterrichts mehr und mehr gekürzt wird. Hast Du Töne? Nein, aber dafür "ein ge­mein­sa­mes kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis für Orte und Er­in­ne­run­gen."

Unter allen Daten, Orten und Ereignissen fehlt – nein, Fuß­ball, Kar­ne­val und Landsmannschaften sind dabei – es fehlt lediglich Auschwitz. Auschwitz ist in Polen. Thomas, runter mit Deiner Burka. *** Auch Frankreich ist stolz. Das neoliberale Lager in Frankreich versammelte mit Macron (24 %), Le Pen (21,3 %) Fillon (20 %) und Dupont-Aignan mit (4,7 %) zwei Drittel der Stimmberechtigten. Das ist eine Menge Holz in einer Demokratie, auch wenn's alles andere als egal ist, wer den Wahlkampf finanzierte. Melenchon (19,6 % und Hamon (6,4 %) und ein paar Splitter sammelten den Rest vom Fest für die Proletarier aller Länder. Mal sehen, was der Franzose bei den Parlamentswahlen im Juni daraus macht. "Wer sich seiner Leitkultur sicher ist, ist stark", sagt unser Innenminister. Hoffentlich wissen die das nicht.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 03.05.2017
    Ja, genau die Sprache ist es, die Menschen miteinander verbindet oder aucht trennt. Wir dürfen es nicht tolerieren mit "Halb-Wahrheiten oder unwahrhaftigen Versprechungen eingelullt zu werden! Das ist keine Kommunikationskultur, die eine wahrhaftige Aussage beinhaltet, der man auch vertrauen kann weil sie auch in Erfüllung geht bzw. erfüllt wird!
    Der Katechismus der Katholischen Kirche schreib dies Vor:
    2469 "Die Menschen könnten nicht in Gemeinschaft miteinander leben,
    wenn sie sich nicht gegenseitig glaubten (Vertrauen),
    als solche, die einander die Wahrheit offenbaren" (Thomas von Aquin)
    Als Dresdner Bürger sollte er sich an den 13. Februar 1945 erinnern, an dem in drei Nächten 25.000 Menschen dank einer "Leitkultur" ihr Leben verloren haben. Das nenne ich die Leid-Kultur! Nur wer hinschaut, kann etwas sehen (KRABAT) oder nach Zhuangzi:
    "Reden ist nicht nur das Ausstoßen von Luft. Rede beabsichtigt, etwas
    zu sagen, doch was ausgesprochen wird, muss nicht unbedingt gültig sein.
    Wenn es nicht gültig ist, ist dann wirklich etwas ausgesagt worden?
    Oder hat Rede dann überhaupt nicht tatsächlich stattgefunden?
    Wie konnte der Weg nur so verdunkelt werden, dass es nun "Wahr" und
    "Falsch" gibt? Wie konnte die Rede nur so verschleiert werden, dass es
    nun "Recht" und "Unrecht" gibt?"

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!