"Ayny". Regie: Ahmad Saleh

Ausgabe 318
Kultur

Traumatisierte Puppen, gläserne Menschen

Von Oliver Stenzel
Datum: 03.05.2017
35 Jahre Stuttgarter Trickfilmfestival: Trotz Kommerzialisierung ist es immer ein Eldorado des künstlerischen und experimentellen Animationsfilms geblieben. Zu Gast ist ein einstiger Konkurrent, das Zagreber Animafest.

Ein klassischer Zeichentrickfilm, aber keiner zum Lachen: In "Samt" lässt der libanesische Animationsfilmer Chadi Aoun wilden Ausdruckstanz zum Code des Widerstands in einer fanatischen Diktatur werden. Mit ihren ekstatischen Bewegungen bewältigen die Menschen den Terror, den sie erleben. Leichte Kost ist auch "Ayny" nicht, ein Puppentrickfilm des aus Saudi-Arabien stammenden Ahmad Saleh. Er handelt von zwei Brüdern, denen ein Krieg in einem nicht benannten, aber nahöstlich anmutenden Land ihre Heimat geraubt hat. Während die Mutter sie voller Angst beschützen will, sammeln die beiden Geld, um sich ihren Traum von einem Musikinstrument zu erfüllen, von einer Oud. In seinem Abschlussfilm für die Kunsthochschule für Medien Köln verarbeitet Saleh Erfahrungen, die er vor zehn Jahren beim Besuch eines Flüchtlingscamps gemacht hatte.

Beide Filme laufen in den kommenden Tagen im Wettbewerbsprogramm des Internationalen Trickfilmfestivals Stuttgart (ITFS), und beide sind Parabeln, metaphorische und poetische Filme, die sich bilderstark auf die politische und gesellschaftliche Situation vieler arabischer Staaten beziehen. Und deren Ideen sich wahrscheinlich nur als Animationsfilme wirklich umsetzen lassen – weil diese besondere Möglichkeiten der Abstraktion, der Zuspitzung und Verfremdung bieten, die Realfilme nicht haben.

Filme, die politische und gesellschaftliche Themen reflektieren, gab es immer beim Stuttgarter Trickfilmfestival, das vor 35 Jahre seine erste Auflage erlebte. Seitdem ist es gewachsen und läuft, nach anfänglich zweijährlichem Rhythmus, seit 2006 jedes Jahr. Ein dezidiert politisches Festival ist es deswegen nicht, aber eines, das dem künstlerischen, oft experimentellen Trickfilm gewidmet ist. Vor dem der Zuschauer auch mal ratlos zurückbleiben kann. Oder nachdenklich. Oder einfach amüsiert. Mit dem, was der gemeine Deutsche an Disney-Trickfilmen kennt, haben die gezeigten Werke jedenfalls meist nur wenig am Hut.

Durchaus politisch verstanden werden darf allerdings das diesjährige Motto "Animation without Borders", Animation ohne Grenzen. "In einer Zeit, in der wieder mehr über Grenzen als über deren Überwindung gesprochen wird, gilt es für ein Festival mit internationaler Ausrichtung, noch mehr zu verdeutlichen, wofür die Kunst der Animation steht: für Offenheit und Universalität, Kommunikation und Austausch", schreiben die beiden Geschäftsführer Dittmar Lumpp und Uli Wegenast im Vorwort des Festivalkatalogs. Das könnte man auch als Konsens-Prosa abtun, die bei der Zielgruppe ohnehin offene Türen einrennt. Andererseits: Selten fühlt sich Stuttgart so kosmopolitisch an wie in den sechs Festivaltagen, wenn sich Trickfilmschaffende aus allen Ecken des Globus durch die Innenstadt schieben.

Bei Festivalgründung gab es kaum deutsche Animationsfilme

International war das Festival schon bei seiner ersten Auflage 1982. Damals fand es im Planetarium statt, im dort untergebrachten Kommunalen Kino, und Internationalität war eine schiere Notwendigkeit: Es gab einfach zu wenig Animationsfilme aus Deutschland. Albrecht Ade, der Gründer des Festivals, leitete zu dieser Zeit und seit 1976 die erste Trickfilmklasse an der Stuttgarter Kunstakademie: "In der Klasse entstanden viele Animationsfilme, von denen einige auch auf Festivals in London oder Hiroshima liefen", so Ade. "Und da stellte sich irgendwann die Frage: Soll man die nicht einmal auch hier jemandem zeigen?" Die Stuttgarter Kinos allerdings hatten kein Interesse, erst beim Kommunalen Kino stieß Ade auf offene Ohren.

Er habe das Festival gegründet, "damit man sieht, was international und in Deutschland gemacht wird", sagt Ade. Kontakte zu Trickfilmern auch außerhalb des Landes brachte er schon aus seiner Zeit an der Werkkunstschule Wuppertal mit, an der er ab 1960 lehrte. 1964 hatte er Animationsfilmer aus Prag kennengelernt. Das sei die "Initialzündung" gewesen, wie er später sagte. Denn "der tschechische Trickfilm war damals die Spitze weltweit, Prag war die Stadt, in der die interessantesten Animationsfilme gemacht wurden." Ostkontakte während des kalten Krieges scheute Ade nicht. Viele seiner Verbindungen in osteuropäische Staaten, nach Polen oder nach Russland, entstanden auf dem Zagreber Trickfilmfestival Animafest, das 1972 gegründet wurde. Etwa zum großen russischen Animationskünstler Fjodor Chitruk (1917-2012), dem das diesjährige ITFS eine Hommage widmet.

Tragischer Vorteil: Das ITFS profitierte von den Balkankriegen

Das Animafest galt lange als das zweitgrößte Animationsfilmfestival Europas, hinter dem bis heute unangefochten größten im französischen Annecy. Zagreb habe Stuttgart auch durchaus als Konkurrenz betrachtet, sagt Ade, "und tragischerweise hat uns ausgerechnet der Jugoslawienkrieg hier einen Vorteil verschafft". Stuttgart zog vorbei.

Ab 1992 kamen wegen des Krieges weniger Besucher nach Zagreb, bestätigt Daniel Šuljić, der künstlerische Leiter des Animafests. Auch danach habe es Absagen wegen der nationalistischen Regierung Franjo Tuđmans gegeben, was Šuljić "ehrlich gesagt lächerlich" fand, "weil die Filme ja nicht für Tuđman und seine Anhänger waren, sondern für Filminteressierte."

Kroatien ist dieses Jahr nun Gastland des Stuttgarter Festivals, zum ersten Mal in dessen Geschichte. Neben den besten kroatischen Animationsfilmen werden auch Studios und Hochschulen vorgestellt. Der Mittelmeerstaat, von den 1950ern bis 70ern mit der Zagreber Schule des Animationsfilms stilprägend, hat nach einer Durststrecke in den 1980ern und 90ern wieder eine vitale und kreative Szene.

Šuljić selbst gehört dazu. Seit rund 25 Jahren macht er Filme und war mit ihnen schon oft beim ITFS zu Gast. Dieses Jahr ist er als Juror für den Internationalen Kurzfilmwettbewerb dabei und zeigt außerdem eine Auswahl seiner Werke. Sein Markenzeichen ist die enorme Experimetierfreude, was Techniken und Themen angeht. In "Sun, Salt and Sea" zeichnete er mit Kaffeepulver auf Glas ein melancholisches Bild seines Heimatlandes, mit Öl auf Glas wiederum in "The Cake" ("Kolac") eine Tischgesellschaft aus Strichfiguren, die sich um das größte Stück von einem Kuchen streitet – eine schwarzhumorige Studie über die Eskalation von Konflikten.

In "Transparency" ("Stakleni Ovjek"), seinem neuesten Film, zeigt er, wie die unreflektierte Nutzung digitaler Medien zu einer Welt dauernder Überwachung und Durchleuchtung führt – am Beispiel eines mit Buntstift gezeichneten Büroangestellten. Für seine Filme hat Šuljić schon Dutzende Preise gewonnen, auch als Leiter des Animafests kann er zufrieden sein. Das Zagreber Festival hat sich seinen dritten Platz in Europa hinter Stuttgart und Annecy gefestigt, zuletzt gab es fast 1500 Filmeinreichungen – nicht viel weniger als beim ITFS.

Die ganz Großen sponsern das Festival

Über den Mercedes-Stern stolpert man oft beim Stuttgarter Festival. Daimler ist ein wichtiger Sponsor, viele Veranstaltungen finden mittlerweile im Mercedes-Benz-Museum statt. Der Kabelhersteller Lapp gehört ebenfalls zu den Großspendern und stiftet mit dem "Lapp Connected Award" sogar einen eigenen Preis. Historisch bedingt, denn öffentliche Gelder flossen anfangs nur wenige. Keine Frage, ein Underground-Festival ist das ITFS längst nicht mehr. Und dennoch steht der künstlerische, unabhängige Trickfilm immer noch im Mittelpunkt.

Erstaunlich bleibt, wie wenig mediale Resonanz über Baden-Württemberg hinaus das an Besucherzahlen mittlerweile zweitgrößte deutsche Filmfestival nach der Berlinale erfährt. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Denn so hat man zum Beispiel die Möglichkeit, dem Simpsons-Miterfinder David Silverman beim Tuba-Spielen in der Gloria-Passage zuzuschauen.

Und wer weiß, wie viele Menschen, die die Melodie von "Herr Rossi sucht das Glück" seit ihrer Kindheit im Ohr haben, nicht merken, dass dessen Schöpfer Bruno Bozzetto neben ihnen gerade einen Kaffee schlürft. Denn auch er ist dieses Jahr zu Gast in Stuttgart und wird geehrt mit einem Programm zu seinem Lebenswerk.

Das Internationale Trickfilmfestival läuft noch bis zum Sonntag, den 7. Mai, an verschiedenen Veranstaltungsorten in Stuttgart und Ludwigsburg, mehr Infos: www.itfs.de


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