KONTEXT Extra:
"Mister 125 000 Euro" wird Pensionskommission nicht übernehmen

Der frühere Bundesverfassungsrichter Herbert Landau nimmt seinen Hut – noch bevor er ihn richtig auf hatte. Der 69-jährige Jurist wird nicht Vorsitzender der geplanten Kommisssion, die Vorschläge zur Reform der umstrittenen Altersversorgung für Abgeordnete zu erarbeiten hat. Landau, vor Jahren Staatssekretär in der CDU-geführten hessischen Landesregierung, wollte für seine Arbeit 125 000 Euro Honorar und forderte zusätzlich "ca 35 000 Euro" für die eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Kontext berichtete). Übernehmen sollte diese Aufgabe ausgerechnet Dirk Metz, der Ex-Berater von CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus. Landau hatte seit vergangenem Oktober bereits zwei anderen Kommissionen – in Sachsen und Thüringen – geführt. In Erfurt sorgt sein Gutachten zur Stellung und den Möglichkeiten der (CDU-)Landtagsdirektorin gerade für jede Menge Aufregung.

Nach einem Gespräch mit allen vier Fraktionsvorsitzenden am Donnerstag erklärte Landestagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), dass Michael Hund, zwischen 2007 und 2011 Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, das Gremium leiten und für eine Aufwandentschädigung von 5000 Euro brutto im Monat arbeiten wird. Gekürzt wurden auch die Ausgaben für einen Rat zur Beteiligung der Bürgerschaft. Der sollte ursprünglich 100 000 Euro kosten, jetzt wurde dieser Posten auf 65 000 Euro beschränkt. Die Landesregierung hatte entsprechende kommunale Projekte in der vergangenen Legislaturperiode allerdings nur mit insgesamt 3000 Euro unterstützt. Komplett gestrichten ist die Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt steht ein Etat von 197 200 Euro statt 400 000 Euro zur Verfügung.

In Stuttgart mussten externe Experten berufen werden, nachdem der Landtag mit den Stimmen von Grünen, CDU und SPD im vergangenen Februar eine Rückkehr zum auskömmlicheren staatlichen Pensionssystem beschlossen hatte (Kontext berichtete). Ein im Schnelldurchlauf verabschiedetes Gesetz musste angesichts der öffentlichen Empörung wieder zurückgenommen werden. Das Gremium soll nun Vorschläge unterbreiten, wie die Pensionen neu zu regeln sind, nachdem Abgeordnete, die noch nicht lange im Landtag sitzen, die private Versorgung als Nachteil empfinden. Möglich ist eine Regelungen über ein sogenanntes Versorgungswerk, nach dem Vorbild von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, das die CDU-Fraktion aber bisher ablehnt.

Ende Mai gab Aras bekannt, dass für die Kommissionsarbeit, die im kommenden Spätwinter abgeschlossen sein soll, insgesamt ein Etat von 400 000 Euro zur Verfügung steht. Außerdem erklärte sie in einem SWR-Live-Auftritt, alle Fraktionen "vollumfänglich" über die Rahmenbedingungen informiert zu haben. Die Fraktionschefs Andreas Stoch (SPD) und Hans-Ulrich Rülke (FDP) warfen ihr daraufhin eine "Falschaussage" vor. Am Donnerstagmorgen entschuldigte sich die Grüne hinter verschlossenen Türen für diese Formulierung und nahm sie danach auch vor laufenden Kameras zurück. Stoch und Rülke akzeptierten die Entschuldigung. "Wer von uns ohne Schrammen ist, werfe den ersten Stein", erklärte der FDP-Fraktionschef ausgesprochen versöhnlich. (22.6.2017)


Abschied von der autogerechten Stadt

Sie sind sich keineswegs immer grün, Grüne und Sozialdemokraten im Stuttgarter Gemeindrat. Umso überraschender ist das gemeinsame Vorgehen in einer der großen Zukunftsfragen der Stadt. Die Unterschriften von Anna Deparnay-Grunenberg und Andreas G. Winter (Grüne) sowie Martin Körner und Susanne Kletzin (SPD) trägt ein Antrag zur grundlegenden Umgestaltung der Stuttgarter Innenstadt. Noch vor der Sommerpause soll im Ausschuss für Umwelt und Technik der "Zielbeschluss" fallen, "den Autoverkehr innerhalb des künftigen Cityrings (zwischen Paulinenbrücke und Wolframstraße sowie der Theodor-Heuss-Straße und der B14) nur noch für Lieferverkehre und für die Zufahrten zu den Parkhäusern zu ermöglichen und so die gesamte Innenstadt in einen modernen urbanen Lebensraum umzuwandeln". Zur Begründung heißt es unter anderem, die Erfahrungen aus anderen Städten zeigten, "dass in Fußgänger- und Fahrradzonen der Publikumsverkehr zunimmt, Gastronomie entsteht und der Einzelhandel davon enorm profitiert".

Grüne und SPD wollen "die gesamte Stuttgarter Innenstadt zu einem modernen urbanen Lebensraum machen". Zu lange sei in Stuttgart nur die autogerechte Stadt geplant worden: "Stadtautobahnen durchschneiden die Stadt, Autos kurven durch die schmalen Innenstadtstraßen auf der Suche nach einem der wenigen freien Parkplätze, am Wochenende cruisen die Poser." An manchen Stellen sei es gefährlich für Fußgänger und Radfahrer.

Erschlossen werden soll die Innenstadt mit der 2018 startenden P-Buslinie, die den verkehrsfreien Kern umkreist. Konkret verlangt der gemeinsame Antrag zudem von der Verwaltung, "darzustellen, mit welchen Maßnahmen dieser Zielbeschluss zügig umgesetzt werden kann" und "im Vorgriff auf die Beratungen des Doppelhaushalts 2018/2019 erste Maßnahmen und deren Finanzierung" vorzuschlagen. Wie ein Mehrheit zustande kommen könnte, ist noch unklar. Richter und Körner werben für die gemeinsame Initiative, die mehrere Wochen hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde. "Wir wollen gemeinsam eine neue Mobilität", sagt der Grüne und damit Zug und Zug "weg vom Parkplatzsuchverkehr hin zu mehr Lebensqualität". (20.6.2017)


Anzeige: AfD-Landessprecher soll den rechten Arm gehoben haben

Seit März 2017 ist der gebürtige Südtiroler Marc Jongen Vorsitzender der AfD in Baden-Württemberg. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Karlsruhe bestätigt, dass eine Strafanzeige gegen ihn erstattet wurde, weil er am Rande des AfD-Landesparteitags vom Wochenende den rechten Arm gehoben haben soll. "Als 'Begrüßung' einer Protestkundgebung hat er den 'Hitlergruß" gezeigt", heißt in einer Pressemitteilung der Partei Die Linke vom Montag. Eine weitere Anzeige erfolge gegen ein anderes AfD-Mitglied, "der den Demonstrierenden 'Ihr gehört alle ins KZ' zurief".

Jetzt wird geprüft, ob es Fotos oder Filmszenen gibt, die die Vorgänge belegen. "Für menschenverachtende Hetze darf es keinen Raum geben, weder in Karlsruhe noch sonst wo", so der Linken-Bundestagskandidat Michel Brandt. Jongen habe deutlich gemacht, "dass die AfD eine Partei von Rechtsextremisten ist". Es gelte zu verhindern, dass sie im September in den Bundestag einzieht. Der AfD-Landessprecher, der an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe arbeitet, kandidiert am 24.September auf Platz drei der baden-württembergischen Landesliste. Zugleich gibt es aber Meldungen, dass er ins Europaparlament nachrückt, wenn Marcus Pretzell, mittlerweile AfD-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, sein Mandat niederlegt. (19.06.2017)

Mehr über den rechten Ideologen in unserem Interview mit Philosophieprofessor Michael Weingarten aus der Kontext-Ausgabe 320.


Ende jeder Atomforschung verlangt

Die frühere Grünen-Landesvorsitzende Sylvia Kotting-Uhl hat sich auf dem Wahlprogrammparteitag der Grünen am Samstag in Berlin durchgesetzt. Sie verlangt, dass ihre Partei, im Falle einer Regierungsbeteiligung nach dem 24. September, für ein Ende jeder Form von Atomforschung in Deutschland sorgt. "Wir wollen den Atomausstieg weltweit", so die Karlsruher Bundestagsabgeordnete, die zum linken Flügel zählt. Deutschland dürfe nicht dazu beitragen, dass andere Länder den Weg zur Energiewende nicht finden. Konkret geht es unter anderem um Mittel, die in die Kernfusionsforschung oder in die Entwicklung neuer Reaktorgenerationen fließen. Es dürfe kein Steuergeld für Wiedereinstiegstechnologien geben, sagte Kotting-Uhl, die auch atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion ist. Eine Gruppe grüner WissenschaftspolitikerInnen hatte sich für eine Fortsetzung der Atomforschung stark gemacht. Zum Kohleausstieg wurde ein Kompromiss verabschiedet. Die 20 schmutzigsten Meiler müssen bis 2030 vom Netz. Die Parteispitze wollte eigentlich ein moderateres Vorgehen durchsetzen. (17.6.2017)


Der ewige Optimist ist tot

Der Kommunist war keiner, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Mit hundert Jahren ging Theodor Bergmann immer noch in die Klassenzimmer und erzählte den Kindern, was er von der Kanzlerin und dem Kapitalismus hält. Und dass sie sich eine Gesellschaft wünschen sollen, in der es keinen Krieg und keinen Faschismus gibt. Davon hat er zuletzt in Kontext berichtet. Der ewige Optimist, der auch schon Winfried Kretschmann vor dem Berufsverbot geschützt hat, ist am Montag, 12. Juni, im Alter von 101 Jahren gestorben.

Dazu: Der ewige Optimist


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Mehr Verwegenheit ist nicht: Säbellogo auf dem Glas. Fotos: Kontext

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Ausgabe 324
Gesellschaft

Currywurst im Gucci-Getto

Von Elena Wolf
Datum: 14.06.2017
Stuttgart ist um einen gastronomischen "Hot Spot" reicher. Das kündigte Breuninger-Chef Willy Oergel vollmundig an, als das Sylter Edelrestaurant Sansibar im Dorotheen-Quartier Mitte Mai seinen schwäbischen Ableger eröffnete. Reingeschmeckt ins Gucci-Getto.

Summer in the City, Baby! Endlich wieder bis tief in die Nacht auf dem warmen Asphalt rund um den Palast der Republik an der Friedrichstraße sitzen, Bierchen trinken, Musik hören, quatschen, Nüsschen knabbern und für ein paar Stunden vergessen, dass man morgen wieder irgendwas muss – das ist das Stuttgart-Sommer-Feeling. Seit Mitte Mai mischt sich nun ein unbekannter, neuer Geruch unter die gewohnte City-Melange aus Reifenabrieb, Teer und Dinkelacker-Brauereidampf: Fisch und Chanel Nummer Irgendwas, die bizarre Duftfahne führt direkt ins Gucci-Getto der Landeshauptstadt. Zärtlich kitzelt sie die feinen Nasenhärchen – und schwupps sitzt man auch schon an der Quelle: in der Sansibar powered by Breuninger. Der Ableger des Sylter Edelrestaurants hat die "Schotten geöffnet" und will laut Breuninger-Chef Willy Oergel der "neue Hotspot" in Stuttgart werden. 

Donnerstagabend, 18:30 Uhr, Dorotheen-Quartier Stuttgart-Mitte, 27 Grad, blauer Himmel: Glitzernde Halsketten spiegeln sich in Pilotenbrillen. Glossy Lips glänzen mit gebräunten Halbglatzen um die Wette. French manikürte Nägel an beringten Fingern fahren durch frisch geföhnte Longbobs. Champagner-Flaschen knirschen in Eiskühlern auf Beistelltischchen. Mittfünfzigerinnen werfen mit gellendem Perlweiss-Lachen ihre frisierten Mähnen in den Nacken – in der Hoffnung, dabei vielleicht von einem süßen Toyboy im roséfarbenen Poloshirt ins Visier genommen zu werden. Gespritzte, die Gespritzten süffeln. Stilechter geht's nicht. Könnte man die menschenfeindliche Eiskristallkulisse dieses neuen Stadtviertels für einen Moment ausblenden, wähnte man sich vielleicht tatsächlich für wenige Sekunden in der angekündigte "Prise Seeluft" diesseits der Dünen am Kampener Strönwai. Dann watschelt der Breuni-Bär mit Säbel und Piratentuch um den dicken Kopf gewickelt durchs Bild, bespaßt genervte Kinder und ersetzt die Nordsee-Fantasie durch Gedanken an Mindestlohn und ätzende Studentenjobs.

Geld gleich Geschmack? Eher weniger.
Geld gleich Geschmack? Eher weniger.

Während der Affenzirkus der Schönen und Reichen auf Sylt immerhin in atemberaubender Landschaft stattfindet, wirkt das maritime Interieur und Thema des Stuttgarter Ablegers wie eine Mottoparty für Menschen, die glauben, dass mit Geld auch Geschmack gekauft werden kann. Das einzige was wirklich "nordischen Charme" versprüht ist der Fischgeruch, der sich abwechselnd mit Zigarillo-Schwaden in die Nebenhöhlen brennt. Der Laden brummt. Während sich im Innenbereich Highperformer in Business-Anzügen Namensschilder bei einem Vernetzungs-Dinner anstecken, tummelt sich im Außenbereich die Stuttgarter Schickeria auf dem betonierten Sonnendeck. Man duzt sich.

Das Publikum: immer ein bisschen geiler als die anderen

Auch auf ihrer Facebook-Seite gibt sich die Beton-Strandbar betont jugendlich, wenn es in einem Post heißt: "Thank god it's Friday! Wie wäre es dann jetzt mit einem guten Glas Wein in entspannt-elegantem Ambiente?! Wem prostest du zu?" Hmm, "Wenn ich mich so umsehe, am liebsten mir selbst!", möchte man darunter posten. Aber hey: Alles easy hier. Alles entspannt. Einfach mal durch die cremefarbene Ralph Lauren Chinohose atmen.

Ob es sich bei den Gästen um richtig dicke Goldfische oder um Harald-Glööckler'schen Teleshop-Adel handelt, lässt sich schwer sagen. Gemeinsam ist dem Publikum jedenfalls eine Attitude, die bei zufälligem Augenkontakt telepathisch die Worte "Ich bin einfach ein bisschen geiler als du" übermittelt.

Aber das ist okay. Für € 7,90 sorgt die erste Gucci-Getto-Bowle aus Sekt, Erdbeeren und Minze dafür, dass sich auch die Holzklasse ein bisschen geil fühlt. Nach der zweiten Bowle empfiehlt sich ein Wechsel auf einen süffigen White Wine Spritzer für € 4,50. Spätestens jetzt kommt Heißhunger auf. Auf Currywurst mit Pommes für 12 Euro zum Beispiel. Oder auf rustikale Burger mit Krautsalat für 29 Euro. Oder auf Pommes mit Trüffel und Parmesan für € 8,90. Die stehen zwar nicht auf der Karte, sind aber sowas wie Spätzle with Soß': obligatorisch in jedem swabian Restaurant. Sicher, wer sich's richtig royal gönnen will, der ordert in der Sansibar das Porterhouse Steak für 85 Euro oder die 125-Gramm-Dose Oscietra-Kaviar für 312 Euro und schüttet sich für ein paar Hunderter Champagner hinter die Binde. Trotzdem findet sich auf der Karte auch Bodenständiges wie Kaiserschmarrn – 14 Euro. Exakt hier offenbart sich auch der Grund des maximalen Ekelfaktors dieses Etablissements: Das Klunker-Klientel möcht zwar ein bisschen posher sein, als der Rest der Menschheit – aber trotzdem nicht auf Workingclass-Essen wie Currywurst, Burger und Pommes verzichten.

Das Essen: eine Pommes-Offenbarung

Anstatt einfach zum Brunnenwirt am Leonhardsplatz, zu Udo Snack oder zur Frittybar in Stuttgart-Mitte zu laufen, um sich für eine Hand voll Euro stilecht eine Ladung Mampf zu besorgen, will der Sansibar-Schmock das After-Work-Clubfeeling dazu kaufen. Betreibt Cultural-Wurst-Appropriation in maritimem Club-Ambiente. Zugegeben, die Trüffel-Pommes sind der Hit. Wirklich. Die herzhaft nussige Note des Königs der Pilze zusammen mit riesigen abgehobelten Parmesan-Stückchen hieven die profanen Kartoffel-Schnitzchen auf ein nie zuvor erschmecktes kulinarisches Level. Fairerweise muss auch erwähnt werden, dass der Sansibar Gründer und schwäbische Sylt-Exilant, Herbert Seckler, tatsächlich ein Working-Class Hero ist und eine Affinität zu bodenständiger Nahrung hat. Zumindest könnte das mal so gewesen sein, als er in den 1970ern aus einer Bretterbude am FKK-Strand zwischen Rantum und Hörnum eine international bekannte Gourmet-Institution erschuf.

Sansitraum: Trüffel-Pommes mit Erdbeer-Bowle.
Sansitraum: Trüffel-Pommes mit Erdbeer-Bowle.

Auf Sylt erzählen sich die Insel-Jugendlichen gerne, dass Seckler ein großes Herz für das Computer-Fantasy-Spiel "World of Warcraft" hat. "WoW"-Nerds sind dafür bekannt, ihr halbes Leben vor dem Bildschirm zu verbringen, um ihre Spiel-Charaktere zu leveln. Da bleibt nicht viel Zeit fürs Kochen. Currywurst, Burger und Pommes sind der Kaviar eines jeden World-of-Warcraft-Kriegers, -Hexers, -Todesritters oder -Orks. Vor ein paar Jahren richtete Seckler im Weinkeller der Sansibar Sylt sogar das Gildentreffen der von ihm gesponserten "Affenjungs INC" aus – einer der erfolgreichsten Vereinigungen von WoW-SpielerInnen in Deutschland. Klingt alles so gar nicht nach Chichi und Botox-Gesichtssalat. Schwer vorzustellen, dass sich "Kerpi", "Toffel", "Tristy" und wie die anderen "Affenjungs" so heißen, in der neuen Sansibar von Stuttgart einen Burger reinziehen oder Kaviar auf Cracker schmieren.

Verhält es sich mit der Sansibar also vielleicht so wie mit der Hamburger Punk-Avantgardband "Die Goldenen Zitronen" und ihrem Publikum? Die Zitronen hatten 1990 keinen Bock mehr auf ihr Fun-Punk-Publikum und wollten es mit dem Album "Fuck you" vergraulen – was natürlich misslang. Wollte Seckler sich ursprünglich das Gucci-Getto-Publikum mit Currywurst vom Hals halten? Fungierten Pommes, Burger und anderer Kiosk-Fraß einst als Versicherung gegen die, die meinen, geiler zu sein? Verstehen die ganzen Glitzerschranzen und Lederslipperlappen die Ironie bloß nicht? Ist der ganze Hype um diese Sansibar nur eine bittere Satire, eine antikapitalistische Verschwörung, ein symbolischer Mittelfinger, der überteuerte Currywürste in überbezahlte Goldbacken stopft? Leider: sehr wahrscheinlich nicht. Wäre ja auch zu schön. Man wird beim dritten Gläschen Erdbeer-Bowle ja wohl noch abdriften dürfen. Wenn das Schönsaufen schon nicht klappt.

Der Hintergrund: zum Heulen

Das klappt vor allem nicht, wenn man "Sansibar" mal googelt. Die "Küste der Schwarzen" in Ostafrika hat so gar nichts mit Champagner und Kaviar zu tun. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei geschätzten 250 US-Dollar. Die Hälfte der Bewohner lebt unter der Armutsgrenze. Die Lebenserwartung liegt bei etwa 54 Jahren. Da prickelt auch die fruchtigste Erdbeer-Bowle nicht mehr. Klar, da können auch "Sandro" und "Juliane" nix dafür, während sie im Sansibar-Innenbereich beim Vernetzungs-Dinner an ihren Namensschildchen nesteln und ein Glas Blubberwasser in der Hand balancieren. Da kann niemand hier was dafür. Immerhin wird an jedem Tisch schön brav aufgegessen. Sonst weint morgen der Himmel über dem Dorotheen-Quartier über die schönen Garnelen und die armen Kinder in Afrika.

Wie eng Ironie, Blödheit und Realität zusammenhängen hat die Punkband "Die Ärzte" aus Berlin im Juli 1988 bei ihrem vermeintlichen Abschiedskonzert in Westerland bewiesen. Beim ersten Punkkonzert dieser Größenordnung auf Sylt sangen die Ärzte auch den Song "Westerland" – damals der Überhit im Sylter Inselradio. Bis heute hat sich jedoch nicht flächendeckend rumgesprochen, dass der Song keine Hommage, sondern "eine große Verarschung" ist, wie Sänger und Gitarrist Farin Urlaub immer wieder betont.

Das dürfte die Gäste der Sansibar jedoch nicht davon abhalten, laut mitzugröhlen, wenn ein spaßbegabter DJ, der freitags und samstags "für gute Stimmung und Clubatmosphäre" sorgen soll, irgendwann "Westerland" von den Ärzten auflegt. Dann liegen sich die Stuttgarter Sehnsuchts-Sylter in den Armen und singen: "Es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich. Und ich weiß, jeder Zweite hier ist genauso blöd wie ich ...".

Wo bleibt die Erdbeer-Bowle? 


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