Mehr Verwegenheit ist nicht: Säbellogo auf dem Glas. Fotos: Kontext

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Ausgabe 324
Gesellschaft

Currywurst im Gucci-Getto

Von Elena Wolf
Datum: 14.06.2017
Stuttgart ist um einen gastronomischen "Hot Spot" reicher. Das kündigte Breuninger-Chef Willy Oergel vollmundig an, als das Sylter Edelrestaurant Sansibar im Dorotheen-Quartier Mitte Mai seinen schwäbischen Ableger eröffnete. Reingeschmeckt ins Gucci-Getto.

Summer in the City, Baby! Endlich wieder bis tief in die Nacht auf dem warmen Asphalt rund um den Palast der Republik an der Friedrichstraße sitzen, Bierchen trinken, Musik hören, quatschen, Nüsschen knabbern und für ein paar Stunden vergessen, dass man morgen wieder irgendwas muss – das ist das Stuttgart-Sommer-Feeling. Seit Mitte Mai mischt sich nun ein unbekannter, neuer Geruch unter die gewohnte City-Melange aus Reifenabrieb, Teer und Dinkelacker-Brauereidampf: Fisch und Chanel Nummer Irgendwas, die bizarre Duftfahne führt direkt ins Gucci-Getto der Landeshauptstadt. Zärtlich kitzelt sie die feinen Nasenhärchen – und schwupps sitzt man auch schon an der Quelle: in der Sansibar powered by Breuninger. Der Ableger des Sylter Edelrestaurants hat die "Schotten geöffnet" und will laut Breuninger-Chef Willy Oergel der "neue Hotspot" in Stuttgart werden. 

Donnerstagabend, 18:30 Uhr, Dorotheen-Quartier Stuttgart-Mitte, 27 Grad, blauer Himmel: Glitzernde Halsketten spiegeln sich in Pilotenbrillen. Glossy Lips glänzen mit gebräunten Halbglatzen um die Wette. French manikürte Nägel an beringten Fingern fahren durch frisch geföhnte Longbobs. Champagner-Flaschen knirschen in Eiskühlern auf Beistelltischchen. Mittfünfzigerinnen werfen mit gellendem Perlweiss-Lachen ihre frisierten Mähnen in den Nacken – in der Hoffnung, dabei vielleicht von einem süßen Toyboy im roséfarbenen Poloshirt ins Visier genommen zu werden. Gespritzte, die Gespritzten süffeln. Stilechter geht's nicht. Könnte man die menschenfeindliche Eiskristallkulisse dieses neuen Stadtviertels für einen Moment ausblenden, wähnte man sich vielleicht tatsächlich für wenige Sekunden in der angekündigte "Prise Seeluft" diesseits der Dünen am Kampener Strönwai. Dann watschelt der Breuni-Bär mit Säbel und Piratentuch um den dicken Kopf gewickelt durchs Bild, bespaßt genervte Kinder und ersetzt die Nordsee-Fantasie durch Gedanken an Mindestlohn und ätzende Studentenjobs.

Geld gleich Geschmack? Eher weniger.
Geld gleich Geschmack? Eher weniger.

Während der Affenzirkus der Schönen und Reichen auf Sylt immerhin in atemberaubender Landschaft stattfindet, wirkt das maritime Interieur und Thema des Stuttgarter Ablegers wie eine Mottoparty für Menschen, die glauben, dass mit Geld auch Geschmack gekauft werden kann. Das einzige was wirklich "nordischen Charme" versprüht ist der Fischgeruch, der sich abwechselnd mit Zigarillo-Schwaden in die Nebenhöhlen brennt. Der Laden brummt. Während sich im Innenbereich Highperformer in Business-Anzügen Namensschilder bei einem Vernetzungs-Dinner anstecken, tummelt sich im Außenbereich die Stuttgarter Schickeria auf dem betonierten Sonnendeck. Man duzt sich.

Das Publikum: immer ein bisschen geiler als die anderen

Auch auf ihrer Facebook-Seite gibt sich die Beton-Strandbar betont jugendlich, wenn es in einem Post heißt: "Thank god it's Friday! Wie wäre es dann jetzt mit einem guten Glas Wein in entspannt-elegantem Ambiente?! Wem prostest du zu?" Hmm, "Wenn ich mich so umsehe, am liebsten mir selbst!", möchte man darunter posten. Aber hey: Alles easy hier. Alles entspannt. Einfach mal durch die cremefarbene Ralph Lauren Chinohose atmen.

Ob es sich bei den Gästen um richtig dicke Goldfische oder um Harald-Glööckler'schen Teleshop-Adel handelt, lässt sich schwer sagen. Gemeinsam ist dem Publikum jedenfalls eine Attitude, die bei zufälligem Augenkontakt telepathisch die Worte "Ich bin einfach ein bisschen geiler als du" übermittelt.

Aber das ist okay. Für € 7,90 sorgt die erste Gucci-Getto-Bowle aus Sekt, Erdbeeren und Minze dafür, dass sich auch die Holzklasse ein bisschen geil fühlt. Nach der zweiten Bowle empfiehlt sich ein Wechsel auf einen süffigen White Wine Spritzer für € 4,50. Spätestens jetzt kommt Heißhunger auf. Auf Currywurst mit Pommes für 12 Euro zum Beispiel. Oder auf rustikale Burger mit Krautsalat für 29 Euro. Oder auf Pommes mit Trüffel und Parmesan für € 8,90. Die stehen zwar nicht auf der Karte, sind aber sowas wie Spätzle with Soß': obligatorisch in jedem swabian Restaurant. Sicher, wer sich's richtig royal gönnen will, der ordert in der Sansibar das Porterhouse Steak für 85 Euro oder die 125-Gramm-Dose Oscietra-Kaviar für 312 Euro und schüttet sich für ein paar Hunderter Champagner hinter die Binde. Trotzdem findet sich auf der Karte auch Bodenständiges wie Kaiserschmarrn – 14 Euro. Exakt hier offenbart sich auch der Grund des maximalen Ekelfaktors dieses Etablissements: Das Klunker-Klientel möcht zwar ein bisschen posher sein, als der Rest der Menschheit – aber trotzdem nicht auf Workingclass-Essen wie Currywurst, Burger und Pommes verzichten.

Das Essen: eine Pommes-Offenbarung

Anstatt einfach zum Brunnenwirt am Leonhardsplatz, zu Udo Snack oder zur Frittybar in Stuttgart-Mitte zu laufen, um sich für eine Hand voll Euro stilecht eine Ladung Mampf zu besorgen, will der Sansibar-Schmock das After-Work-Clubfeeling dazu kaufen. Betreibt Cultural-Wurst-Appropriation in maritimem Club-Ambiente. Zugegeben, die Trüffel-Pommes sind der Hit. Wirklich. Die herzhaft nussige Note des Königs der Pilze zusammen mit riesigen abgehobelten Parmesan-Stückchen hieven die profanen Kartoffel-Schnitzchen auf ein nie zuvor erschmecktes kulinarisches Level. Fairerweise muss auch erwähnt werden, dass der Sansibar Gründer und schwäbische Sylt-Exilant, Herbert Seckler, tatsächlich ein Working-Class Hero ist und eine Affinität zu bodenständiger Nahrung hat. Zumindest könnte das mal so gewesen sein, als er in den 1970ern aus einer Bretterbude am FKK-Strand zwischen Rantum und Hörnum eine international bekannte Gourmet-Institution erschuf.

Sansitraum: Trüffel-Pommes mit Erdbeer-Bowle.
Sansitraum: Trüffel-Pommes mit Erdbeer-Bowle.

Auf Sylt erzählen sich die Insel-Jugendlichen gerne, dass Seckler ein großes Herz für das Computer-Fantasy-Spiel "World of Warcraft" hat. "WoW"-Nerds sind dafür bekannt, ihr halbes Leben vor dem Bildschirm zu verbringen, um ihre Spiel-Charaktere zu leveln. Da bleibt nicht viel Zeit fürs Kochen. Currywurst, Burger und Pommes sind der Kaviar eines jeden World-of-Warcraft-Kriegers, -Hexers, -Todesritters oder -Orks. Vor ein paar Jahren richtete Seckler im Weinkeller der Sansibar Sylt sogar das Gildentreffen der von ihm gesponserten "Affenjungs INC" aus – einer der erfolgreichsten Vereinigungen von WoW-SpielerInnen in Deutschland. Klingt alles so gar nicht nach Chichi und Botox-Gesichtssalat. Schwer vorzustellen, dass sich "Kerpi", "Toffel", "Tristy" und wie die anderen "Affenjungs" so heißen, in der neuen Sansibar von Stuttgart einen Burger reinziehen oder Kaviar auf Cracker schmieren.

Verhält es sich mit der Sansibar also vielleicht so wie mit der Hamburger Punk-Avantgardband "Die Goldenen Zitronen" und ihrem Publikum? Die Zitronen hatten 1990 keinen Bock mehr auf ihr Fun-Punk-Publikum und wollten es mit dem Album "Fuck you" vergraulen – was natürlich misslang. Wollte Seckler sich ursprünglich das Gucci-Getto-Publikum mit Currywurst vom Hals halten? Fungierten Pommes, Burger und anderer Kiosk-Fraß einst als Versicherung gegen die, die meinen, geiler zu sein? Verstehen die ganzen Glitzerschranzen und Lederslipperlappen die Ironie bloß nicht? Ist der ganze Hype um diese Sansibar nur eine bittere Satire, eine antikapitalistische Verschwörung, ein symbolischer Mittelfinger, der überteuerte Currywürste in überbezahlte Goldbacken stopft? Leider: sehr wahrscheinlich nicht. Wäre ja auch zu schön. Man wird beim dritten Gläschen Erdbeer-Bowle ja wohl noch abdriften dürfen. Wenn das Schönsaufen schon nicht klappt.

Der Hintergrund: zum Heulen

Das klappt vor allem nicht, wenn man "Sansibar" mal googelt. Die "Küste der Schwarzen" in Ostafrika hat so gar nichts mit Champagner und Kaviar zu tun. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei geschätzten 250 US-Dollar. Die Hälfte der Bewohner lebt unter der Armutsgrenze. Die Lebenserwartung liegt bei etwa 54 Jahren. Da prickelt auch die fruchtigste Erdbeer-Bowle nicht mehr. Klar, da können auch "Sandro" und "Juliane" nix dafür, während sie im Sansibar-Innenbereich beim Vernetzungs-Dinner an ihren Namensschildchen nesteln und ein Glas Blubberwasser in der Hand balancieren. Da kann niemand hier was dafür. Immerhin wird an jedem Tisch schön brav aufgegessen. Sonst weint morgen der Himmel über dem Dorotheen-Quartier über die schönen Garnelen und die armen Kinder in Afrika.

Wie eng Ironie, Blödheit und Realität zusammenhängen hat die Punkband "Die Ärzte" aus Berlin im Juli 1988 bei ihrem vermeintlichen Abschiedskonzert in Westerland bewiesen. Beim ersten Punkkonzert dieser Größenordnung auf Sylt sangen die Ärzte auch den Song "Westerland" – damals der Überhit im Sylter Inselradio. Bis heute hat sich jedoch nicht flächendeckend rumgesprochen, dass der Song keine Hommage, sondern "eine große Verarschung" ist, wie Sänger und Gitarrist Farin Urlaub immer wieder betont.

Das dürfte die Gäste der Sansibar jedoch nicht davon abhalten, laut mitzugröhlen, wenn ein spaßbegabter DJ, der freitags und samstags "für gute Stimmung und Clubatmosphäre" sorgen soll, irgendwann "Westerland" von den Ärzten auflegt. Dann liegen sich die Stuttgarter Sehnsuchts-Sylter in den Armen und singen: "Es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich. Und ich weiß, jeder Zweite hier ist genauso blöd wie ich ...".

Wo bleibt die Erdbeer-Bowle? 


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