Verwandlungskünstler: Leonardo di Chiara in seinem Tiny House. Was es in sich hat, entdeckt man bei Klick auf den Pfeil.

Verwandlungskünstler: Leonardo di Chiara in seinem Tiny House. Was es in sich hat, entdeckt man bei Klick auf den Pfeil.

Ausgabe 394
Schaubühne

Wohnen unter der Brücke

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Jens Volle
Datum: 17.10.2018
Unter der Paulinenbrücke am Österreichischen Platz dreht sich diese Woche alles ums Wohnen. Architekturstudenten verschieben die Grenzen von privatem und öffentlichem Raum. Zu Besuch aus Italien: ein Tiny House auf Rädern.

Er hatte zwei Träume: ein eigenes Haus; und die Welt zu bereisen. Leonardo di Chiara ist in Pesaro aufgewachsen, einer alten Stadt an der italienischen Adriaküste mit rund 95.000 Einwohnern. Dass man auch mit wenig Raum auskommen kann, weiß er schon von seinen Eltern, aber auch als passionierter Segler. Zwei Tage nach dem Abschluss seines Architekturstudiums in Bologna ist di Chiara nach Berlin gereist und dort in einem Café Van Bo Le-Mentzel begegnet. Ein reiner Zufall.

Le-Mentzel ist der Gründer der Tiny House Academy, die im vergangenen Jahr eingeladen war, den Campus des Bauhaus-Archivs zu einem Ausstellungsgelände für Tiny Houses zu machen. Selbst Architekt, im Alter von zwei Jahren 1979 mit seinen Eltern als "Boat People" aus Laos geflüchtet und in Deutschland aufgewachsen, baute er 2015, als er beobachten musste, wie Geflüchtete tage- und nächtelang vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) Schlange standen, als temporäre Zuflucht das "Hotel Lageso": ein achtzig Zentimeter breites Holzhaus auf Rädern: Das war der Anfang der Tiny-House-Bewegung.

Als di Chiara ihm im Café begegnete, hatte Le-Mentzel eine eben erst angefertigte Skizze dabei, wie er sich den Bauhaus-Campus vorstellte. Di Chiara warf einen Blick darauf und war sofort elektrisiert: Mit einem Tiny House würde er seine beiden Träume verbinden können. Er kehrte nach Pesaro zurück, wünschte sich von seinen Eltern zu Weihnachten einen Fahrzeuganhänger und fing an. Drei Monate brauchte er für den Entwurf, drei Monate, um Sponsoren zu finden, und weitere drei, um sein Wohnhaus-Gefährt zu bauen, das nun eine Woche lang in Stuttgart unter der Paulinenbrücke steht.

Garagenflair im Wohnzimmer

Bücherregal, Badewanne, Waschmaschine: 39 Quadratmeter Wohnraum, wo früher eine Handvoll Autos standen.
Bücherregal, Badewanne, Waschmaschine: 39 Quadratmeter Wohnraum, wo früher eine Handvoll Autos standen.

"Wohnen unter der Brücke" - so liest sich auf den ersten Blick die Ankündigung. Erst bei genauerem Hinsehen fällt das "Paulinen" ins Auge. Die Paulinenbrücke mündet als Teil des City-Rings in den Österreichischen Platz: der kein Platz ist, sondern ein Kreisverkehr und darunter ein Parkplatz. Ein Ort der Gegensätze: oben autogerechte Stadt, unten die Tübinger Straße, die erste Fahrradstraße der Stadt. Zwei der vier Ecken sind vollgentrifiziert durch riesige Neubauten: die Shopping Mall "Gerber" und das aalglatte "Caleido". Auf den anderen zwei Ecken treffen sich hier die Wohnungslosen, dort im gut sortierten Tabakwarengeschäft die Raucher.

Ein Ort also, an dem ungelöste Probleme der Stadtentwicklung zutage treten. Just diesen Ort hat sich das Architekten-Netzwerk "Stadtlücken" ausgesucht, um das Nebeneinander in Dialog zu bringen: Um aus dem unwirtlichen Parkplatz einen Raum für Begegnung zu machen. Und um Fragen anzusprechen, wie sie hier mit Händen zu greifen sind, die aber auch die Stadt als Ganzes betreffen. In diesem Fall das Wohnen: auf der einen Ecke die Wohnungslosen; auf zwei weiteren Ecken gewaltige Baublöcke im Wert von mehreren hundert Millionen Euro. Ein sprechendes Bild für die Spaltung der Gesellschaft.

Wohnen ist teuer geworden in Stuttgart. Investoren betrachten die Stadt als Goldgrube. Gerber und Caleido sind Projekte von zwei Versicherungen, die mehr als alle anderen im Geld schwimmen. Die Stadt selbst hat viel zu lange viel zu wenig getan, um auch weniger solventen Mietern eine Bleibe anbieten zu können. Immer mehr landen auf der Straße, auch ganze Familien. Selbst Bezieher mittlerer Einkommen sind auf Förderung angewiesen, um sich Wohnungen noch leisten zu können. Oder sie ziehen hinaus aufs Land und tragen so zum Problem des pausenlosen Autoverkehrs bei, der auch über die Paulinenbrücke rollt.

Das bringt Leben in die Bude: Die Theaterpädagogin Mirijam Kälberer liest Kurzgeschichten vor ...
Das bringt Leben in die Bude: Die Theaterpädagogin Mirijam Kälberer liest Kurzgeschichten vor ...

Neben dem Tiny House findet sich unter der Brücke ein blaugraues Quadrat aus allem, was zu einer durchschnittlichen Wohnungseinrichtung gehört: vom Doppelbett über die Sofaecke, Tisch, Stühle, Bücherregale und Schränke, Toilette, Waschbecken und Badewanne, Waschmaschine, Kühlschrank und Spüle bis hin zum Fernseher. Die Installation stammt von der Studentengruppe Adapter, ausgeschrieben Adapter für Wohnraum in temporärem Leerstand. Im Juni haben sie erstmals einen Gewerberaum an der Friedrichstraße für fünf Tage bewohnbar gemacht - Kontext hat berichtet.

... und die Geschwister Angela und Christian Hotz heizen als Grammoquai ein.
... und die Geschwister Angela und Christian Hotz heizen als Grammoquai ein.

"Hier soll niemand wohnen", sagt Richard Königsdorfer zu dem Mobiliar unter der Brücke. "Was wir aber deutlich machen wollen: dass wir die durchschnittliche Stuttgarter Wohnung von 39 Quadratmeter aus den vier Wänden herausnehmen und sie auf den Österreichischen Platz setzen. Über die Woche hinweg wird diese Wohnung bespielt und der Gemeinschaft geöffnet. Somit wollen wir zum Denken darüber anregen, was Wohnung alles sein kann, wo die Grenze zwischen privat und öffentlich liegt, wo auch die Grenze zwischen der Wohnung und der Stadt liegt."

Offene Plattform für öffentlichen Diskurs

Verschiedene Programmpunkte haben bereits stattgefunden: Das Regal wurde zum offenen Bücherregal, das zum Schmökern und Tauschen einlud. Am Dienstagmorgen gab es ein Frühstück, beliefert von einer Foodsharing-Initiative, zu dem sich alle PassantInnen eingeladen fühlen durften. Am heutigen Mittwoch ab 14 Uhr gibt es einen "Waschtag", an dem, wer gegenüber aus dem Waschsalon kommt, seine Wäsche öffentlich bügeln kann. Jeden Tag gibt es Musik: "Wohnzimmer Sessions" im Tiny House, am Freitag eine Jamsession und ein Konzert unter der Brücke.

Der Kern ist eine Wohndebatte am Donnerstagabend, zu der einige der besten Kenner der Materie eingeladen sind: Andreas Hofer, der Intendant der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027; die Professorinnen Martina Baum und Christina Simon-Philipp; die grüne Gemeinderätin Gabriele Munk, Hannes Rockenbauch von SÖS-Linke-Plus und, da Manfred Blocher von der Caritas verhindert ist, der SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Körner.

MacherInnen der Gruppe Adapter (von links): Richard Königsdorfer, Paul Vogt, Elif Kälberer und Christiana Weiss.
MacherInnen der Gruppe Adapter (von links): Richard Königsdorfer, Paul Vogt, Elif Kälberer und Christiana Weiss.

"Es geht um eine Plattform für den öffentlichen Diskurs", erklärt Elif Kälberer von der Gruppe Adapter. "Wir wollen aber auch sehen, wie die Leute sich den Raum nach und nach aneignen."

Dies passiert bereits am Montagmittag, als gerade erst alles aufgebaut ist. Immer wieder bleiben Passanten stehen, Anzugträger ebenso wie weniger gut gekleidete Menschen. Eine Frau stellt ihr Fahrrad kurz ab, um sich gezielt zu informieren. Drei Italiener betrachten interessiert das Tiny House und sind hoch erfreut zu hören, dass es von einem Landsmann aus Pesaro stammt, 80 Kilometer von ihrer Heimatstadt Ravenna entfernt.

Sascha Bauer und Carolin Lahode, Stadtlücken e.V.
Sascha Bauer und Carolin Lahode, Stadtlücken e.V.

Seit Ende Juli darf der Verein Stadtlücken den vorderen Teil des vormaligen Parkplatzes dauerhaft bespielen, zunächst für zwei Jahre. Es gibt eine Tischtennisplatte, die sehr gut angenommen wird. Aber natürlich ist nicht jeden Tag Programm. Wie gestaltet sich die Nutzung dieses viel frequentierten Orts, mit den Wohnungslosen gleich gegenüber? "Die finden es ganz toll, dass hier etwas passiert, und passen auf, dass nichts passiert", erzählt Caro Lahode von den Stadtlücken. Sascha Bauer fügt hinzu, dass sie oft genug von der Polizei drangsaliert würden. "Das liegt am Drogenhandel", wendet Lahode ein. Dealer und Obdachlose sind allerdings zwei Paar Stiefel.

Verschiedene Gruppen haben hier ihren Treffpunkt: etwas weiter zur Marienkirche hin etwa die Russlanddeutschen, die sich den Ort unter der Brücke auch immer mal wieder zu eigen machen. Es kommt auch vor, dass Nachtschwärmer mit mitgebrachten Getränken hier den letzten Teil eines langen Abends verbringen. Dann liegen am nächsten Morgen Scherben und Müll herum, die beseitigt werden müssen, bevor etwa - wie Anfang September - für die Kinderferientage aufgebaut werden kann.

"Das größere Problem ist das Pinkeln", berichtet Lahode. Es gibt ein öffentliches Klo in einer Art Litfasssäule, aber das kostet, ist nicht sehr attraktiv und bei großen Veranstaltungen nicht ausreichend. Öffentliche Toiletten, früher einmal eine Selbstverständlichkeit, sind Mangelware geworden. Die in der Adapter-Installation ist nicht benutzbar. So hängt an manchen Ecken bisweilen ein besonderer Duft in der Luft.

Und in einer weiteren Ecke: das Tiny House

Leonardo di Chiara hat für sein Tiny House viele Menschen begeistern können. 200 Personen waren beteiligt, erzählt er, Sponsoren mitgerechnet. Pesaro ist eine Stadt des Handwerks, viele haben ihm geholfen. Andere haben Material gespendet. Alle freiwilligen Leistungen in Geld umgerechnet, käme das Tiny House auf 60.000 Euro. Was es von einem Wohnwagen unterscheidet? "Das ist alles echtes Holz", gibt di Chiara empört zurück, "vom Architekten entworfen. Es ist ein Haus, kein Camper."

Nicht auf Wohnungs-, sondern auf Stellplatzsuche: Leonardo di Chiara mit seinem mobilen Neun-Quadratmeter-Heim.
Nicht auf Wohnungs-, sondern auf Stellplatzsuche: Leonardo di Chiara mit seinem mobilen Neun-Quadratmeter-Heim.

Di Chiaras Tiny House ist ein wandelbar. Wenn alles eingeklappt ist, besteht der Innenraum nur aus einem hohen Korridor, mit Tür und Fenster an den Stirnseiten. Dann kommt nach und nach alles zum Vorschein, was auf neun Quadratmeter Platz hat: Bett, Tisch, Küche, Klappstühle, Toilette, eine Leiter zum Dach. Die Tanks müssen alle drei Tage gefüllt werden, meint di Chiara: "Es wäre sinnlos, zwanzig Minuten duschen zu wollen. Man muss sein Verhalten ändern."

Mit seinem Tiny House ist er von Pesaro nach Berlin, dann nach München, zur Milano Design Week, nach Rom, in die Toskana und nun nach Stuttgart gefahren. Er war hoch erfreut, einen Platz unter der Paulinenbrücke zu bekommen, auch wenn der Sonnenkollektor auf dem Dach hier nicht funktioniert. Sein Tiny House ist als Reihenhaus konzipiert. Aber Stellplätze sind Mangelware. Tiny Houses werden das Wohnproblem nicht lösen können, hält Sascha Bauer unmissverständlich fest. Aber sie können die Aufmerksamkeit darauf lenken.


Info:

Das Programm "Wohnen unter der Paulinenbrücke", das am 20. Oktober mit einem Event zur Stuttgart Nacht endet, findet man auf der Ö-Platz-Website des Stadtlücken e.V. und auf Facebook.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!