Ausgabe 380
Schaubühne

Traum und Albtraum Wohnen

Von Anna Hunger
Fotos: Jens Volle
Datum: 11.07.2018
In Stuttgart gibt es viele Wohnungen und Häuser, die leer stehen. Manche davon wären sofort bewohnbar, andere sind so baufällig, dass es viel Geld bräuchte, um sie herzurichten. Oder den Willen, zu verkaufen. Eine Schaubühne über Verwahrlosung und Tristesse in einer Stadt, in der es kaum bezahlbaren Wohnraum gibt.

Zwei Frauen stehen in einer Siedlung der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) auf der Straße und unterhalten sich. Die eine würde gerne umziehen. Sie sucht, sagt sie, seit vier Jahren nach einer bezahlbaren Wohnung. Zwei Zimmer in der Innenstadt wären toll, aber: "keine Chance. Wenn man die Vermieter anschreibt, bekommt man meistens nicht mal eine Antwort. Die können es sich halt aussuchen, wen sie nehmen." Mit Kindern sei es schwierig, mit Hund noch schwerer, und wer dann auch noch einen Namen hat, der nicht urdeutsch klingt, der habe komplett verloren. Kürzlich habe sie dann doch einen Termin bekommen, erzählt die Frau. Sie selbst arbeitet in einer Bäckerei, ihr Mann ist Küchenchef, Brutto haben sie rund 5000 Euro im Monat. "Aber das", erzählt sie, "war dem Vermieter zu unsicher."

Im Hallschlag in einer kleinen Straße steht dieser Prachtbau mit Stuck und Säulen am Eingang, Gauben und Giebeln. Wohnen oder arbeiten tut dort schon lange keiner mehr, aber für den Efeu, der rundherum an der Fassade hinaufklettert, ist es ein Fest.

Offenbar steht dieses süße Häuschen in Heslach zum Verkauf. Allerdings sei es viel zu teuer, sagt man in der Nachbarschaft. Durch die Fenster im Untergeschoss ist Müll und Gerümpel zu sehen, in den Fenstern oben hängen noch Spitzengardinen.

Dieses Haus mit Garten bis zum Waldrand steht seit rund 30 Jahren leer, erzählt ein Nachbar. Ein Mann hat es einmal erworben, um sich einen Traum zu erfüllen.

Aber Renovierungsarbeiten sind belastend, und wer es selbst machen möchte, sollte es können. Der Nachbar sagt, innen sei das Haus kaputt, unbewohnbar, auch wenn der Eigentümer ab und zu kommt und versucht, etwas daran zu ändern. Verkaufen möchte er nicht.

In diesem Haus nahe dem Berliner Platz ist eine Wohnung frei.

Auch in dieses Haus im Heusteigviertel könnte jemand einziehen.

Am Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt ist dieses Gewerbeobjekt mindestens zur Hälfte leer. Oben ist ein Club untergekommen, unten steht das Wasser auf dem Boden, zwei verlassene Einkaufswagen und ein Haufen blauer Müllsäcke in einem Eck.

Unterhalb der Wielandshöhe, im Stuttgarter Süden, steht diese Doppelhaushälfte, gebaut 1917, in bester Halbhöhenlage mit Blick über die Dächer der Stadt. Der Eingang ist von Büschen überwuchert, vom Gartentor und vom Zaun blättert die Farbe, zwei große Bäume stehen im Vorgarten, einer davon trägt eine Menge noch grüner Zwetschgen. Ein älterer Herr in kariertem Sakko kommt vorbei, er sei sowas wie der Verwalter des Gebäudes, sagt er und erzählt: Das Haus habe kein Bad, nur eine Waschküche im Keller. Die Familie, die hier gelebt habe, habe sich "beholfen", bis es ihr zu anstrengend wurde. Es brauche neue Fenster, ein neues Treppenhaus.

Die Wurzeln der Bäume im Garten seien in die Muffen der Abwasserkanäle gewachsen und müssten gefällt werden, um neue Rohre zu verlegen. Innen seien die Wände aufgerissen, weil das Haus neue Leitungen brauche. "Da kann gerade keiner drin wohnen", sagt er. Wann sich das ändert, sei unklar. Eine halbe Million Euro koste die Sanierung, mindestens. "Das ist sehr viel Geld", sagt der Mann.

Einen Platz zum Wohnen zu finden, ist besonders schwierig, wenn man keinen deutschen Namen hat.

Hier, in der Olgastraße, war einmal eine Videothek der Kette Vidirent drin. Nun steht der Laden in guter Lage leer.

Dieses Haus in Heumaden ist wirklich arm dran. Bald steht es nackt da. Der Putz schält sich wie sonnenverbrannte Haut von der Fassade, und das nicht erst seit gestern.

In die Geländer der Balkone hat sich Rost gefressen, der Eingang ist zugewachsen, die Briefkästen sind verklebt, wo einmal Klingelschilder waren, klaffen schwarze leere Löcher. Nur einer scheint sich in dieser Tristesse wohlzufühlen: Auf dem Balkon im dritten Stock wächst ein Bäumchen in Richtung Sonne.

"Schlotterbeck" steht am schief in den Angeln hängenden Briefkasten dieses Hauses. Wie die Witwe bei Räuber Hotzenplotz.

Und irgendwie passt der Name zu diesem Häuschen in Heumaden, das verwunschen und vergessen in einem Meer aus wilden Büschen und Bäumen versinkt. Aus all den Brombeeren, die rund um das Haus wachsen, ließe sich regaleweise Marmelade einkochen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:






Ausgabe 380 / Sie sind so frei / Gerlinde Maier-Lamparter / vor 2 Tagen 45 Minuten
Wer soll die Texte der Online-Ausgabe verfassen?










Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!