Während der Immobilien-Dialog tagte, stieg eine Botschaft der DemonstrantInnen vor dem Rathaus per Ballontransport Richtung Himmel. Fotos: Jens Volle

Während der Immobilien-Dialog tagte, stieg eine Botschaft der DemonstrantInnen vor dem Rathaus per Ballontransport Richtung Himmel. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 379
Wirtschaft

Von allen guten Geistern verlassen

Von Oliver Stenzel
Datum: 04.07.2018
Bauen bizarr: Nach dem Verein Aufbruch Stuttgart hat nun auch die lokale SPD total verrückte Ideen zur Stadtumgestaltung. Der frühere Stadtklimatologe Jürgen Baumüller findet das gar nicht lustig. Derweil tagt die Immobilienbranche im Rathaus, vor dem wiederum für bezahlbaren Wohnraum demonstriert wird.

Architektur und Städtebau in Stuttgart, ein emotionales Feld seit jeher. In seinem Bemühen, hier noch mehr Emotionen zu wecken, ist der Verein Aufbruch Stuttgart in Kontext schon mehrfach gewürdigt worden (unter anderem hier). Nicht mehr ganz neu, aber umso nachhaltiger sind die Versuche des Vereins, für einen Oper-Neubau an der Stelle des denkmalgeschützten Königin-Katharina-Stifts zu werben. Dafür wollen die Aufbrecher seit 23. April sogar einen eigenen und hoch dotierten Architekturwettbewerb ausschreiben, ohne sich mit langwierigen und -weiligen Fragen der Legitimation eines solchen aufzuhalten. "Das ist keine Aktion gegen die Stadt, sondern ein Stück lebendige Demokratie", bügelte Ober-Aufbrecher Wieland B. vorsorglich mögliche Miesmacher ab. Etwa solche wie Fritz Kuhn, der den lebhaften Verein ob seiner Ziele kurzerhand umbenannte in "Abriss Stuttgart". Oder Miesmacher wie die Initiatoren einer Petition gegen die Aufbruch-Pläne.

Wenn es um lebendige Demokratie geht, wollen die Stuttgarter Genossen nicht zurückstehen und sich von einem ehemaligen TV-Moderator den städtebaulichen Schneid abkaufen lassen. Unter dem Motto "Mehr Mut beim Städtebau wagen" forderte die SPD-Gemeinderatsfraktion bereits am 20. Februar dieses Jahres: "Bei der Kulturmeile mal wirklich einen großen Schritt weiterkommen!" Und zwar nicht bloß mit einer schnöden Überdeckelung, wie der Verein Aufbruch fordert, sondern mit "klaren baulichen Kanten mit attraktiven Nutzungen auch am Charlottenplatz (Akademiegarten) und am Gebhard-Müller-Platz".

Was fehlt hier? Eine Philharmonie mit markanten Kanten!
Was fehlt im Akademiegarten? Eine Philharmonie mit markanten Kanten!

Was genau damit gemeint ist, konkretisierte Fraktionschef Martin Körner Mitte Juni auf Nachfrage der StZN. So will die Stadt-SPD zwar das Stift nicht einer neuen Oper opfern, aber "prüfen lassen, ob am Gebhard-Müller-Platz etwa auf der Fläche der heutigen Turnhalle des Königin-Katharina-Stifts ein Hochhaus machbar wäre". Ein Hochhaus? Aber ja, denn das könne, wie Körner ausführte, städtebaulich mit dem Hochhaus am Charlottenplatz korrespondieren und der Kulturmeile "einen markanten Rahmen" geben. Angesichts der diskussionswürdigen Attraktivität des Charlottenplatz-Hochhauses mag sich da mancher fragen, ob man hier überhaupt etwas Korrespondierendes braucht. Aber egal. Und rein in dieses Hochhaus könnten, so Körner laut StZN, beispielsweise Kongresssäle, ein philharmonischer Saal oder Schulräume.

Eine neue Philharmonie hingegen, die der Aufbruch-Verein in den jetzt noch als Oper genutzten Littmann-Bau verfrachten will, können sich Körner und die Stadt-SPD besser im Akademiegarten am Charlottenplatz vorstellen. Dort stehen momentan noch einige ziemlich große und alte Bäume rum, weswegen sich das Areal, auf dem einst die Hohe Karlsschule stand, heute bei frischluft- und schattenbedürftigen Tagedieben großer Beliebtheit erfreut. Und auch beim nicht unbedingt als Baumumarmer auffällig gewordenen Ex-OB Wolfgang Schuster, der einst den Akademiegarten angesichts schon früherer Bebauungsbegehrlichkeiten als "sehr wichtige Grünzone" bezeichnet hatte.

Baumüller: SPD verdrängt den Klimawandel

Der Vorstoß der SPD stieß bei den übrigen Fraktionen des Gemeinderats auf eher wenig Gegenliebe, der Umweltverband BUND warnte eindringlich vor einer "Bebauung der grünen Lunge im Oberen Schlossgarten". Noch deutlicher wurde der ehemalige Stuttgarter Stadtklimatologe Jürgen Baumüller in einem Leserbrief an die StN (den diese nicht veröffentlichten, daher gibt es ihn hier zum Herunterladen): "Die SPD ist wohl nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf lokaler Ebene von allen guten Geistern verlassen", schreibt Baumüller. Zwar sei die Stelle des jetzigen Akademiegartens durchaus einmal bebaut gewesen, "nur schreiben wir inzwischen das Jahr 2018 und sollten froh sein über jede Grünfläche, da die Grünflächen in der Innenstadt ohnehin rar sind."

Zudem lägen sowohl der Akademiegarten als auch das vorgeschlagene Hochhaus "in der Haupt-Belüftungsachse der ohnehin schlecht belüfteten Innenstadt". Und beides, unverbaute Durchlüftungsachsen und Grünfächen, brauche man angesichts von Sommern wie im Jahr 2003, die in naher Zukunft normal sein werden. "Die SPD, leider auch andere, scheinen zu verdrängen oder nicht zu wissen", so Baumüller, "dass wir in einem Klimawandel leben, der Auswirkungen in Stuttgart haben wird, die sich die meisten von uns nicht vorstellen können."

Auch in Fellbach wollte die Kommunalpolitik hoch hinaus. Die Bilanz: eher ernüchternd.
Auch in Fellbach wollte die Kommunalpolitik hoch hinaus. Die Bilanz: eher ernüchternd.

Über die Vorstellungskraft der SPD sollen hier keine weiteren Erörterungen angestellt werden. Unstrittig aber ist, dass es bei der Erinnerung hapert. Denn der Stuttgarter Gemeinderat hatte schon vor einigen Jahren beschlossen, dass in der Innenstadt, nicht zuletzt aus klimatischen Gründen, keine weiteren Hochhäuser gebaut werden sollen, dass es, so wörtlich, "Tabuzonen" dafür gebe. 1999 geschah dies im Zusammenhang mit dem "Flächennutzungsplan 2010", Grundlage war das sogenannte Stracke-Gutachten von 1992. Das wiederum entstand als Folge des Streits um das im Bosch-Areal geplante Jahn-Hochhaus, genauer gesagt, als Folge des von diesem Streit angestoßenen Antrags, einen "Bauhöhenbegrenzungsplan" zu erarbeiten. Am 27. März 1990 wurde dieser Antrag im Stuttgarter Gemeinderat eingereicht, von ... der SPD-Fraktion.

The times, they are a-changing, würde Bob Dylan, der "Willy Brandt der Rockmusik" (Frank-Walter Steinmeier, SPD) wohl krächzen. Körner und seine Genossen können ihre Amnesie allerdings nicht exklusiv für sich reklamieren. Die vor 19 Jahren beschlossene Tabuzone wurde von keiner Gemeinderatsfraktion in die aktuelle Debatte eingebracht.

Gegenüber Kontext erläuterte Körner die neuen SPD-Pläne übrigens ein wenig. Es gehe ja nur um den Randstreifen des Akademiegartens als Standort für die Philharmonie – die dann, wenn man sich die Dimensionen des Akademiegartens anschaut, wohl eher ein Ort für Kammerkonzerte sein wird. Das Hauptziel sei, die B 14 zwischen Gebhard-Müller- und Charlottenplatz rückzubauen, aber das reiche nicht allein, "um die Kulturmeile für Fußgänger attraktiver zu machen". Dazu brauche es eben auch Kanten wie zwei einrahmende Hochhäuser.

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit – hoch oben auf dem Dach

Hoch bauen, damit unten das Leben pulsiert, wem wollte das nicht einleuchten. Wobei Hochhäuser, da oben meist flach, ja auch selbst Oasen der Geselligkeit sein können. Was beispielsweise die Landes-SPD erkannt hat, die am 10. Juli zu einer "Rooftop-Party" aufs Dach des Königin-Olga-Baus geladen hat. Mit Blick auf den Schlossplatz, etwas entfernt von den beiden möglicherweise irgendwann korrespondierenden hohen Kanten. Dort oben auf dem Dach, dem Lärm und Gestank der Straße entrückt, reifen Visionen leichter.

Get-together auf der Dachterasse: Die da oben feiern da oben.
Get-together auf der Dachterasse: Die da oben feiern da oben.

Das wissen auch die Organisatoren des "11. Immobilien-Dialogs Region Stuttgart". Weshalb sie am vergangenen Montag und Dienstag zu abendlicher Stunde auch zu einer Rooftop-Party, will sagen, zum "gemeinsamen Get-together" aufs Rathaushach geladen hatten. Nicht nur das abendliche, das gesamte zweitätige Beisammensein der Immobilienbranche fand im Rathaus statt, OB Kuhn hielt den Eröffnungsvortrag im großen Sitzungssaal und der Baubürgermeister gab einen Überblick über aktuelle städtebauliche Entwicklungen – in Zeiten wachsender Wohnungsnot und explodierender Mietpreise bewiesen die Stadtoberen reichlich Sinn für Symbolpolitik.

Bezahlbarer Wohnraum gehörte denn auch nicht unbedingt zu den Key Topics bei den Veranstaltungen des Immobilien-Dialogs. Und um klimatische Fragen ging es auch eher weniger, vom Investitionsklima einmal abgesehen. Dafür konnten die rund 200 vorwiegend männlichen Teilnehmer bei Themen wie "Nachverdichtung" und "Digitale Revolution" etwas über "Markteinschätzungen" und "außergewöhnliche Geschäftsmodelle für die Immobilienwirtschaft" erfahren, und zu so drängenden Fragen wie: "Deutsche Wirtschaft – wie lange läuft die Party noch?"

Bei der Dachparty am Eröffnungsabend schien diese Frage die Teilnehmer nicht merklich zu verunsichern, auch wenn einige Etagen tiefer der Volkszorn köchelte. Unten auf dem Rathausplatz demonstrierten einige hundert Menschen, von denen so manche mit der Teilnahmegebühr für das zweitätige Branchentreffen (460 Euro zzgl. Mehrwertsteuer) wohl eine ganze Monatsmiete bestreiten könnten. Anlässlich des Immobilien-Dialogs hatte das Aktionsbündnis "Recht auf Wohnen" zu einer Demo gegen "Mietenwahnsinn, Wohnungsnot und Leerstand" aufgerufen. Zwischen den beiden Gruppen kam es zu keinen erkennbaren Dialogen oder gar Korrespondenzen. Die sind bekanntermaßen zwischen Mietern und Vermietern ohnehin oft noch schwieriger als zwischen Hochhäusern.


Veranstaltungshinweis:

Wohnen ist auch das Thema des 58. Neuen Montagskreis. Unter der Überschrift "Der Kitt bröckelt! Bezahlbarer Wohnraum – aber wie?diskutieren Tim von Winning, Baubürgermeister in Ulm, und Gerd Kuhn vom Institut Wohnen und Entwerfen der Uni Stuttgart. Moderation: Michael Zaiß; Montag, 9. Juli, 19.30 Uhr, Theaterhaus, S-Feuerbach, Siemensstraße 11.


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