Eine Bewegung oben, die andere unten. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 338
Überm Kesselrand

Backes hat sich verrechnet

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 20.09.2017
Stuttgart hat, wovon andere Kommunen nur träumen können: eine engagierte Stadtgesellschaft im Doppelpack. Nur fremdeln das Aktionsbündnis gegen den Tiefbahnhof und Wieland Backes' "Aufbruch Stuttgart" gehörig miteinander – möglichen Schnittmengen stehen Partikularinteressen gegenüber.

Eines ist beiden Gruppierungen gemeinsam: Sie zählen gern Beine statt Köpfe. Die Gegner von Stuttgart 21 sind geübt darin, Teilnehmerzahlen großzügig aufzurunden. Aber auch Wieland Backes, der ehemalige "Nachtcafé"-Moderator des SWR, der die alten Pläne zur Überdeckelung der Konrad-Adenauer-Straße wachküssen will, meint an diesem strahlenden Sonntag bis zu 5000 Menschen gesehen zu haben, die auf der für ein paar Stunden autofreien Kulturmeile zwischen Oper und Haus der Geschichte spazierten. Deutlich nüchterner die Polizei, die maximal 2000 registriert. Das wiederum kann Parkschützer und regelmäßige Besucher der Montagsdemos gegen S21 nicht wirklich beeindrucken. Auf deren 386. Ausgabe sprach, passend zur Stimmung im Talkessel, Sarah Händel vom Verein "Mehr Demokratie" keine 36 Stunden nach Backes' Sonntagsspaziergang über die Bedeutung der Zivilgesellschaft und fragte sich und ihre Zuhörerschaft, "warum unser Ruf nach Mitbestimmung nicht viel lauter, vielfältiger und einiger ist?"

An Vielfalt ist im Talkessel gerade kein Mangel. An Einigkeit schon. Die einen beäugen die anderen und die anderen die einen. Mit seinem Verein "Aufbruch Stuttgart" will der Vorsitzende mit der jahrzehntelangen Erfahrung als Talk-Moderator "eine Bürgerbewegung für eine Zukunft mit mehr Urbanität, Lebensqualität und Strahlkraft" in Gang bringen, für "einen mutigen Schritt von der autogerechten zur menschengerechten Stadt". Was, so allgemein formuliert, die meisten Tiefbahnhofgegner gewiss unterschreiben würden. Jedoch wollen Backes selbst und prominente MitstreiterInnen wie die bekennenden Stuttgart-21-BefürworterInnen Cornelia Ewigleben oder der frühere Staatsgalerie-Chef Christian von Holst wenig bis nichts zu tun haben mit dem lauten und so hartnäckigen Widerstand, der sich Montag für Montag auf dem Schloss- oder auf dem Arnulf-Klett-Platz artikuliert. Und vice versa sind vielen der besonders hartnäckigen S-21-GegnerInnen die "Aufbruch"-Visionen suspekt. Ausgerechnet in Stuttgart empfiehlt Backes "den großen Wurf" oder "Think big", als hätte gerade diese Geisteshaltung nicht zumindest mit zum Bahnhofs-Desaster geführt. Und der Kampf um das Stückchen Straße zwischen Charlottenplatz und Wagenburgtunnel scheint den kampferprobten MutbürgerInnen ohnehin nicht so recht zur Großer-Wurf-Rhetorik zu passen. Denn was soll auf und mit den anderen Teilen der B14 geschehen, die die Neckarstraße vom Schlossgarten oder das Bohnenviertel vom Marktplatz trennen?

Nicht nur größer, sondern auch komplexer denken

Jedenfalls war am Sonntagvormittag in dem an die abgesperrte B14 angrenzenden Karree zwischen Wilhelm- und Immenhoferstraße schon mal zu besichtigen, was konkret geschieht, wenn sich die Abkehr von der auto- hin zur menschengerechten Stadt allzu kleinräumig vollzieht. Während die einen zufrieden auf dem Rollrasen flanierten, die Straßenschneise zurückeroberten am Künstlereingang der Oper, verstopfen ein paar hundert Meter entfernt Schleichweg- und/oder Auswegsucher jede Seitenstraße. Ergo muss tatsächlich größer gedacht werden, und vor allem komplexer.

Die ungezählten Varianten zum Thema Tieferlegung der Konrad-Adenauer-Straße – die übrigens vormals in diesem Bereich Neckarstraße hieß, als sie noch einigermaßen vernünftig dimensioniert war – sind bisher immer an den Kosten gescheitert. Aber eben nur auch. Vor allem musste selbst der frühere Ministerpräsident Lothar Späth (CDU), der die Pläne weit über einen aufwändigen Prospekt hinaus vorangetrieben hatte, zur Kenntnis nehmen, dass es keine in der Bürgerschaft mehrheitsfähige, auf die Bedürfnisse der Stadt zugeschnittene Ab- und Zuführungslösung für einen Tunnel oder eine Überdeckelung gibt. Daran hat sich wenig geändert. Eher im Gegenteil: Selbst heute noch führt der Wegfall von ein paar Dutzend innerstädtischen Parkplätzen zu ungeahnten Aufwallungen.

Im Landtagsrestaurant beamte sich eine Runde älterer Herrschaften in die schöne neue Zeit der Flaniermeile, bis die Frage auftauchte, wie dann künftig die so praktisch nahe Tiefgarage zu erreichen sei. Der Teufel steckt eben im Detail. Und nicht zuletzt ist bekanntlich nicht alle Tage Sonntag. Jede und jeder prüfe sein Wahlverhalten zwischen dem eigenen PKW und dem Stuttgarter ÖPNV, der viel besser ist als sein Ruf unter unverbesserlichen AutofahrerInnen.

Das Monster im Wohnzimmer

"Es ist, als wollten Sie das Monster im Wohnzimmer nicht wahrnehmen", schreibt der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen S21 Eisenhart von Loeper in einem offenen Brief an Backes und meint nicht das individuelle Mobilitätsverhalten, sondern Stuttgart 21. Dann stellt er eine Reihe von Fragen: "Wie soll eine Abkehr von der Autofixierung dieser Stadt gelingen, wenn durch die Verkleinerung des Bahnhofs circa 30 Prozent Schienenverkehr auf die Straße verlagert wird und eine Erweiterung der Bahnhofskapazität auf Generationen unmöglich ist? Wie sollen die Bürger für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel gewonnen werden, wenn S-Bahn und Stadtbahn jetzt schon an Zuverlässigkeit einbüßen und in ihrer Entwicklung langfristig behindert werden? Wie sieht die Perspektive einer 'menschengerechten Stadt' aus, wenn durch Bau, Unterhalt und Betrieb von Stuttgart 21 zusätzlich Unmengen von Klimagasen und Feinstaub emittiert werden, die jetzt schon die Gesundheit der BürgerInnen bedrohen und einen erklecklichen Anteil an den ins Haus stehenden Fahrverboten haben?"

Die Antworten stehen aus. Unmissverständlich hat der "Aufbruch" den Stuttgart-21-GegnerInnen aber zu verstehen gegeben, dass, wenn sie mitmachen wollen bei Aktionen des "überparteilichen und unabhängigen Vereins", sie dies auch in ihrem Erscheinungsbild bei der Demonstration zum Ausdruck bringen sollen. Die eine Teil-Stadtgesellschaft erwartet von der anderen, dass sie auf ihre ureigensten Symbole verzichtet. Sind damit nur Plakate und Banner gemeint oder selbst grüne Schals und K-21-Buttons?

Inhaltlich trennt die beiden Fraktionen ebenfalls einiges. Etwa, was Überlegungen angeht, den Eckensee mit einem temporären Ausweichquartier der Oper während deren Renovierung zu überbauen. "Wenn nur eine Interimsspielstätte in Betracht gezogen wird, ist die Nähe zum bestehenden Opernhaus ein schlagendes Argument", argumentiert Backes für den Standort am Eckensee. Die Nähe zum Großen Haus lasse "Einbrüche bei den Besucherzahlen nicht erwarten" und verlange "vom Publikum keine große geografische Umstellung". Von Loeper wiederum erinnert an den Schlossgarten: "Nachdem den BürgerInnen mit Stuttgart 21 schon große Teile des Mittleren Schlossgartens genommen wurden, ist eine weitere Großbaustelle im Oberen Schlossgarten durch Überbauung des Eckensees nicht zumutbar." Zumal dadurch auch das Stadtklima weiter negativ beeinflusst werde. Der Aktionsbündnis-Sprecher bittet deshalb nicht nur, "diese Überlegung fallen zu lassen", sondern kündigt vorsorglich "entschiedenen Widerstand" gegen den Standort am Eckensee an

Backes fühlt sich "auf dem richtigen Weg"

Stadtgesellschaft gegen Stadtgesellschaft. Versuchte Höhenflüge sind nicht von vornherein immun gegen das Abgleiten in Niederungen. Reichlich frohgemut wandelte Wieland Backes Neil Armstrongs weltberühmten Mondlandungssatz ab: "Das hier ist ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer Schritt für Stuttgart." Ginge es auch eine Nummer kleiner, gäbe es zahlreiche Blaupausen. Zum Beispiel vielfältige Ideen zur Verknappung der Fahrspuren, Bäume zu pflanzen dies- und jenseits der hässlichen Schneise mit ihren bis zu zehn Spuren oder gar in der Mitte der B 14. "Das Stadtplanungsforum hat bereits 2007 dem Herrn Ministerpräsidenten, dem Herrn Oberbürgermeister und den Damen und Herren Stadträten vorgeschlagen, einen offenen internationalen Städtebau-Wettbewerb vom Marienplatz bis zum Neckartor auszuloben", heißt es in einer Broschüre aus dem Jahr 2011. Unter weiter: "Denk-Zeit ist immer." Das Aktionsbündnis hat dem "Aufbruch" gemeinsames Weiterdenken angeboten, etwa mit einer Veranstaltung im Rathaus. Backes will dagegen Nägel mit Köpfen machen: "Die Neugestaltung der Kulturmeile wird kommen", schreibt er in seinem Resümee "im Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein".

Peter Conradi, der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete und Stuttgart-21-Gegner, hätte sich in beiden Milieus bewegt und wohlgefühlt. Und er hätte so manches beitragen können zur immergrünen Diskussion, etwa seinen Satz aus dem Jahr 1987, als Lothar Späth zwischen Oper und Staatsgalerie besonders groß denken wollte. "Jetzt fehlt dem Ministerpräsidenten nur noch eine reiche Mätresse", spottete der Architekt und gab eine Empfehlung, die sich heute so aktuell anhört wie eh und je: Eine Stadt könne nur vorangebracht werden, "wenn alle Beteiligten willens sind, ihre Vorhaben auch aus der Perspektive der Zweifler oder Skeptiker zu betrachten". Das gelte für Politiker genauso wie für die Bürgerschaft.


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10 Kommentare verfügbar

  • Schwa be
    am 25.09.2017
    Backes (und sein Bekanntheitsgrad) lässt sich m.E. bewusst zum Aufbau einer Gegenbewegung zu dem "Aktionsbündnis gegen S 21" (und für einen Kopfbahnhof auf der Basis von www.Umstieg21.de) instrumentalisieren. Würden es die Mitglieder dieses Vereins, der Vorstandsvorsitzende Backes und die übrigen Vorstände ernst meinen mit der eigenen Satzung (insb. § 2 Zweck, Gemeinnützigkeit Nr. 3) oder sich zu eigen gemachten Motto`s wie „Weg von der autogerechten zur menschengerechten Stadt“, müsste m.E. innerhalb dieses Vereins der Bau von Stuttgart 21 kritisch thematisiert werden. Dies geschieht jedoch nicht. Demzufolge müssen sich die Verantwortlichen um Backes schon sagen/fragen lassen "Hier muss jedoch Ihr angestrengtes Wegschauen beim Thema Stuttgart 21 ins Auge fallen, das ja geradezu ihr Gründungskonsens zu sein scheint." wie es Dr. Eisenhart von Loeper und Dr. Norbert Bongartz in dem offenen Brief (siehe Kommentar von mir weiter unten) so treffend formulieren.
  • Roland Beck
    am 24.09.2017
    Wenn man sich eine Luftaufnahme der B14 zwischen Landtag und Oper anschaut, so sieht man, dass je Richtung 2 Fahrspuren von der Unterfahrung Charlottenplatz bzw. Gebhard-Müller-Platz dort an die Oberfläche kommen, um ein Abbiegen weg von der Konrad-Adenauer-Straße zu ermöglichen (z.B. B27 Richtung Olgaeck oder Wagenburgtunnel). Da ein Verlust dieser Abbiegemöglichkeiten wahrscheinlich zu einem Verkehrschaos in Stuttgart führen würde und kaum mehrheitsfähig wäre, sehe ich folgende Möglichkeit: anstatt 4 Spuren an die Oberfläche zu holen könnte man genau so gut die je Richtung 2 oberirdischen Fahrspuren zwischen Oper und Staatsgalerie absenken und die Straße in dem Bereich überdeckeln (und z.B. noch eine Spur für den Bus reservieren, damit dieser oberirdisch fahren kann, ähnlich wie an der Haltestelle Wilhelmsbau). Das wäre dann zwar nicht der große Wurf, aber doch zweitnah umsetzbar und trotzdem von hohem Nutzen für nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmer ohne negativen Einfluss auf den Autoverkehr, denn alle Fahrspuren und Abbiegemöglichkeiten blieben erhalten.

    Die gleiche Strategie könnte dann auch bei der Leonhardskirche angewendet werden, wobei man dann gleich auch noch das Parkhaus Breuninger und das Parkhaus Züblin in eine Tiefgarage umwandeln sollte mit ansprechender Bebauung an der Oberfläche (im Moment ist das eine städtebauliche Todsünde).

    Allerdings weiß ich nicht, wo genau in diesem Bereich die Stadtbahngleise verlaufen. Allerdings sollte eine Verlegung dieser Gleise technisch auch möglich sein und mit etwas Voraussicht (in Stuttgart leider selten zu finden), hätte man die aktuelle Streckensperrung aufgrund von S21 ebenso wie die Baufläche der neuen Landesbibliothek falls nötig dafür nutzen können.
  • Bruno Neidhart
    am 23.09.2017
    Man muss S21 und eine mögliche Verbindung der urbanen Kulturlandschaft durch eine "kulturelle Überbrückung" schon trennen. Das Eine läuft (leider), für das Andere besteht noch Hoffungen, es eines Tages realisiert zu sehen.
  • Peter Meisel
    am 21.09.2017
    Soweit ist es gekommen: Die unterschiedlichen "Meinungsmacher" Reden, schreiben, berichten, diskutieren etc. Was sie "reden" empfinde ich "ist mehr als ausgestossene Luft, (siehe Chuangzi) oder wie Aristoteles formulierte: Jede Rede verfolgt eine Absicht d.h.
    "Jede Kunst und jede Lehre, jede Handlung und jeder Entschluss scheint irgend ein Gut zu erstreben" (Nikomachische Ethik).
    Wer erinnert sich nicht an die letzte Oberbürgermeister Wahl in Stuttgart? Frau Merkel wollte einen Werbefachmann, Sebastian Turner, zum OB in Stuttgart machen.
    Zitat:
    Sebastian Turner (* 4. Juli 1966 in Clausthal-Zellerfeld, Niedersachsen) ist ein deutscher Medienunternehmer und Publizist. Turner ist Aufsichtsrat der Mediengruppe Dieter von Holtzbrinck DvH Medien GmbH (Zeit, Handelsblatt, Tagesspiegel).[1] Als parteiloser Kandidat trat er 2012 erfolglos für die CDU, die FDP und die Freien Wähler 2012 für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart an.
    Turner war eine der treibenden Kräfte hinter der Entwicklung und Umsetzung der Kampagne „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, einer umstrittenen Lobbyinitiative von Wirtschaftsverbänden.[6] (Vgl. SWR Fernsehen 12.7.2016 21:00 Uhr 45Min."Im Land der Lügen" - Wie uns Politik und Wirtschaft mit Zahlen manipulieren.
    Weitere bekannte Kampagnen an denen er mitarbeitete, sind die Wiederbelebung des FAZ-Claims „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ (von einer Jury des Spiegels zur „Kampagne des Jahrhunderts“ gewählt) und die Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“.[7] Er gilt auch als Urheber des Slogans „Wir können alles – außer Hochdeutsch“.[8]."
    Heute haben wir genau das Gerede (inclusive Fernsehduelle / Gesprächsrunden) als "Realpolitik" zur Beeinflussung der Wähler. Die Kanzlerin nennt das Marktkonforme Demokratie. Es ist genau das "Aufkommen der Demagogen" (Aristoteles Politik 4. Buch 4. Kapitel 1292a7)
    Lothar Späth hat dieses Vorgehen in seinem Buch PPP Public Private Partnership beschrieben. Und die 3 Nord-Süd-Dialoge (Wulff/Oettinger) haben 2009 zum Stuttgart 21 Vertrag geführt. Das Milano ist auch ein Ergebnis daraus.
  • Schwa be
    am 21.09.2017
    Als Nachtrag und Info der offene Brief vom Aktionsbündnis gegen S 21 an "Aufbruch Stuttgart"
    Offener Brief an „Aufbruch Stuttgart“:
    Publiziert am 14. September 2017 von Christa Schnepf
    Offener Brief des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 an den Vereinsvorsitzenden Dr. Wieland Backes

    Sehr geehrter Herr Backes, sehr geehrte Freunde eines Aufbruchs in Stuttgart,
    ohne für alle Bürger/-innen sprechen zu können, die sich gegen Stuttgart 21 engagieren, gehen wir davon aus, dass die große Mehrheit von uns die proklamierten Ziele Ihrer Initiative, insbesondere die Ihrer Aktion am 17. September, teilt und viele sich auch dort beteiligen werden.
    „Weg von der autogerechten zur menschengerechten Stadt“ – das ist uns von Anbeginn an ein handlungsleitendes Anliegen. Auch die Forderung, die autobahnartige Schneise zwischen Bohnenviertel und City zu überwinden, vertreten wir seit langem. Die Hochkultur, der sie mit der Forderung nach einem „attraktiven Kulturquartier … aktuell Priorität einräumen“, liegt uns ebenso am Herzen – als Teil eines vielfältigen kulturellen Angebots.
    Oper, Ballett und Staatstheater werden aus öffentlichen Mitteln hoch subventioniert. Mit 160€ werde jede Eintrittskarte von den Steuerzahlern – darunter viele, die die Angebote nie nutzen werden – subventioniert, schrieb kürzlich Rupert Koppold in Kontext. Daraus resultiert eine besondere Verantwortung, etwas zurückzugeben und kritisch über den Tellerrand der Kulturmeile hinauszublicken, auf die Stadt als Ganzes, auf die Interessen aller Bürger/-innen.
    Hier muss jedoch Ihr angestrengtes Wegschauen beim Thema Stuttgart 21 ins Auge fallen, das ja geradezu ihr Gründungskonsens zu sein scheint. Es ist, als wollten Sie das Monster im Wohnzimmer nicht wahrnehmen. Stuttgart 21 ist aber eine Schicksalsfrage für diese Stadt, an der niemand vorbeikommt, der „weg von der autogerechten zur menschengerechten Stadt“, der einen Aufbruch für Stuttgart will. Wie soll eine Abkehr von der Autofixierung dieser Stadt gelingen, wenn durch die Verkleinerung des Bahnhofs ca. 30% Schienenverkehr auf die Straße verlagert werden und eine Erweiterung der Bahnhofskapazität auf Generationen unmöglich ist. Wie sollen die Bürger für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel gewonnen werden, wenn S-Bahn und Stadtbahn jetzt schon an Zuverlässigkeit einbüßen und in ihrer Entwicklung langfristig behindert werden. Wie sieht die Perspektive einer „menschengerechten Stadt“ aus, wenn durch Bau, Unterhalt und Betrieb von Stuttgart 21 zusätzlich Unmengen von Klimagasen und Feinstaub immitiert werden, die jetzt schon die Gesundheit der Bürger/-innen bedrohen und einen erklecklichen Anteil an den ins Haus stehenden Fahrverboten haben. Man könnte fortfahren mit dem unzureichenden Brandschutz, dem Überschwemmungsrisiko, den Gefahren durch riskantes Bauen à la Rastatt u. v. m.
    Ein Wort noch zu dem in der Tat zu lösenden Problem Interimsoper. Nachdem den Bürger(inne)n mit Stuttgart 21 schon große Teile des Mittleren Schlossgartens genommen wurden, ist eine weitere Großbaustelle im Oberen Schlossgarten durch Überbauung des Eckensees nicht zumutbar; zumal dadurch auch das Stadtklima weiter negativ beeinflusst würde. Wir bitten Sie, diese Überlegung fallenzulassen. Sie werden hier auf unseren entschiedenen Widerstand treffen.
    Bei einem Verzicht auf Stuttgart 21 böte das Baufeld des Tiefbahnhofs sehr kurzfristig sehr gute Möglichkeiten für eine Interimslösung. Dies kann Teil des Umstiegskonzepts sein, mit dem wir sozusagen einen sanften Ausstieg aus Stuttgart 21 durch Umnutzung des baulichen Status quo vorschlagen. Umstieg21 ist unser Aufbruch Stuttgart.
    Es hinterlässt einen zweifelhaften Eindruck, wenn offensichtlich die Dethematisierung von Stuttgart 21 Ihnen die Türen geöffnet hat bei den Spitzen der Politik in Stadt und Land und in den Medien. Wie sonst lässt sich die ungewöhnliche versammlungsrechtliche Großzügigkeit der Stadt der Stadt und die freundliche Kooperation von Landeskultureinrichtungen und stadteigenen der Stadt und die freundliche Kooperation von Landeskultureinrichtungen und stadteigenen SSB erklären?

    Der gute Ruf der Stuttgarter Hochkultur resultierte auch immer aus ihrer kritischen Distanz zu „den Mächtigen“. Dies sollte so bleiben!

    Gewiss, Streit kann lähmen. Aber eine gute und ehrliche Streitkultur kann auch Probleme lösen. Hierzu könnte Aufbruch Stuttgart viel beitragen.

    Wir laden Sie daher herzlich ein zu einer öffentlichen Diskussion im Rathaus oder gern auch in der Oper zur Frage: „Ist das möglich: Aufbruch Stuttgart mit Stuttgart 21?“ und wollen hierzu gern in den nächsten Tagen Kontakt zu Ihnen aufnehmen.

    Dr. Eisenhart von Loeper und Dr. Norbert Bongartz
  • Schwa be
    am 21.09.2017
    Hier der Link zum kompletten, von Johanna Henkel-Waidhofer angesprochenen offenen Brief von Dr. Eisenhart von Loeper und Dr. Norbert Bongartz an "Aufbruch Stuttgart": https://www.bei-abriss-aufstand.de/2017/09/14/offener-brief-an-aufbruch-stuttgart/#more-63549
    Weder "Aufbruch Stuttgart" noch das Aktionsbündnis gegen S 21 können richtig zählen. Laut Johanna Henkel-Waidhofer kann dies nur die Polizei - woher sie das nun schon wieder weiß bleibt ihr Geheimnis.
    • Daniel S.
      am 21.09.2017
      Wie kommen Sie drauf, dass die Zahlen der Polizei die glaubwürdigeren seien sollen? Steht doch gar nicht im Text. Kann ja auch irgendwas dazwischen sein. Ich war auch dabei und würd sagen, auch 2000 Leute sind schon sehr hoch angesetzt.
  • Marla V.
    am 20.09.2017
    Wieso hat der 'Soros am Nesenbach' sich verrechnet?
    - Demonstration fürs Portemonaie, Paletten fürs Vintage Publikum, Hoch-kultur fürs eigene Näschen und immer wieder die versteckten Angriffe auf die '2010- Wutbürger' mit denen man wenig 'gemein' hat!
    - Tausende von Steuergelder wurden aufgewendet, damit Bürger A-Klasse auch stilvoll demonstrieren konnte! Museen, die immer teurer werden, öffneten ihre Pforten, Straßenbeschilderung wurde offiziell angebracht, und Behörden dienerten, damit alles klappte!
    - Die Presse, die von W-Bürgern (W wie Widerstand) arg gerupft werden, konnten hier ihre ganze Macht zur Geltung bringen!
    - und Tunix, seit seiner Inthronisierung meistens abgetaucht in dieser StadtWelt, konnte endlich glänzen und wurde staunend begrüsst (erinnerte mich an Auftritten Schusters vor seinen Pro-kids, incl Sekt und Stehempfang!)
    - endlich können Grüns wieder demonstrieren gehen, gehört es doch zum Image -jetzt gerade 2 Wochen vor den Wahlen wichtig! Turnschuhe raus, saloppe Jacke an und hie und da ein Fähnchen... GrünPR .... (waren ja auch viele da)

    Und überhaupt: Spaltung von Gruppen ist ein wichtiges Kriegsmittel seit UrZeiten: wenn Zwei sich streiten freut sich der Dritte!

    Nein, der 'Soros am Nesenbach' hat voll gewonnen:
    - hier wird wunderbar übertüncht, dass die Protagonisten gestern und vorgestern Zukunft verschliefen, feige waren oder/und....
    - hier wird die verpasste Arbeit von '94 als Riesenchance für .... äh so umme 2027 angekündigt! (Dass Schuttgart dann schon in Beton, Glas und Stahl versunken ist... keine Problem für die Aufbrüchigen!)
    - hier wird die millionenschwere, aber blutleere IBA vorgekaut,
    - hier wird Demokratie gelebt: die Einen (W-Klasse) labern über Demokratie, die Anderen (A-Klasse) besitzt sie!
    - hier wurde die USAnische PR, der Hohlsprech zur Kür erhoben: yes we can
    Und der schwäbische RentnerSoros bietet all jenen ein Zuhause, die mittlerweile mulmig auf Stuttgart des 21.Jahrhunderts schauen! Jetzt aber: yes we can!

    Und er war erfolgreich im fremden Revier wildern: ganz demütig fragte AB an ob.... evtl.... möglicherweise.. nicht doch... eine gemeinsame Veranstaltung: Rat-Haus?
    (Verstehe es schon, denn den WiderstandsOrgas sind die VIPs irgendwie abhanden gekommen! früher gabs eine VIP-'Tribüne', doch die Sittlers, die Steinfest, die Prayons, die Haugs, die Schramms, die Priols, um nur einige Wenige zu nennen, die VIPs sind wech)
  • Horst Ruch
    am 20.09.2017
    ....wenn ich richtig informiert bin, haben vor allem die Abgeordneten des Landtags das Tieferlegen der B14 zu verhindern versucht, weil deren Zubringertunnel zwischen Abgeordnetenhaus und Landtag hätte gekappt werden müssen. Also nicht nur das sprudelnde Steuergeld war die Bremse.
    Ob dies heute noch ein Thema ist, könnte durch eine "Unbequeme" Nachforschung von Kontext sichergestellt werden.
    Daß die Landesbehörden in Stuttgart das Sagen haben, zeigt insbesondere das Finanzministerium. Einmal wird der als Parkplatz genutzte Ehrenhof des Neuen Schlosses der sich für eine Interimslösung der Oper hervorragend eignen würde, oder das jüngst vorgestellte Interimsprojekt im Innenhof der Rotebühl"Kaserne" aus Eigeninteresse verweigert. Einmal ist es der Denkmalschutz das andere mal ist es der Naturschutz der unter diesen Denkmänteln solche Lösungen angeblich ausschließen.
    Da wäre es dem Finanzinisterium ein Leichtes der Überbauung des Eckensees zuzustimmen, ist der Abstand zu den Amtszimmern doch weit entfernt.
  • Sean Speisser
    am 20.09.2017
    "Die wird die größte Zuschauerzahl sein, die je eine mögliche Überdachung gesehen hat."

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