KONTEXT Extra:
Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 302
Kultur

Wunschkonzert der Oper

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 11.01.2017
Die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses entpuppt sich bei näherer Betrachtung als großes Wunschkonzert. Und alle singen mit, vorneweg die Intendanten. Nur eine Stadträtin weigert sich.

Es gab nur eine Gegenstimme, als der Verwaltungsrat der Stuttgarter Oper tagte. Befunden wurde im Juli 2015 über den Vorschlag des Büros Kunkel Consulting, während der Sanierung der Oper einen Interimsbau mitten auf dem Eckensee zu prüfen. "Das war meine Stimme", sagt Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin, die für die Fraktion SÖS-Linke-Plus im Verwaltungsrat der Stuttgarter Oper sitzt. Sie war auch die einzige, die sich, als die Gutachter Kosten in Höhe von 300 Millionen Euro ankündigten, nicht mit einer zwanzigseitigen Tischvorlage abspeisen ließ, sondern das Gutachten selbst sehen wollte. 

2013 hatte der Landesbetrieb Vermögen und Bau das Gutachten in Auftrag gegeben. Einen Teil des Auftrags wies das Büro Kunkel rundweg zurück: Eine nachhaltige Verbesserung der Oper und ihrer technischen Anlagen sei für 18 Millionen Euro, wie gefordert, schlichtweg nicht zu machen. Dies erscheint plausibel, hatte doch bereits die Sanierung des Schauspielhauses am Ende 28,5 Millionen Euro gekostet.

Guntrun Müller-Enßlin wollte mehr wissen, als ihre Ratskollegen.
Guntrun Müller-Enßlin wollte mehr wissen, als ihre Ratskollegen.

Um einen weiteren Auftrag des Landesbetriebs machten die Gutachter einen eleganten Bogen. Vermögen und Bau hatte ein Konzept angefordert, das in modulare, jeweils mit Kosten bezifferte Bausteine aufgeteilt sei, die einzeln und in verschiedenen Zeitabschnitten durchgeführt werden könnten. Gerade erst war das Schauspielhaus wieder eröffnet worden, bei dem die Kosten um fünf Millionen Euro gestiegen waren und sich die Bauzeit verdreifacht hatte. Solchen Überraschungen wollte der Bauherr vorbeugen.

Guntrun Müller-Enßlin hat eine Weile gebraucht, bis sie die Module und ihre Kosten ganz am Ende des Gutachtens gefunden hatte. Aber so wie dort angegeben, sind sie gar nicht einzeln nacheinander realisierbar. Vielmehr schiebt das Büro die Bausteine so hin und her, dass sie alle voneinander abhängig sind und nur zusammen realisiert werden können.

Nochmals 18 Millionen für das eben sanierte Schauspielhaus

Das verwundert umso mehr, als in die Generalsanierung nicht nur das eigentliche Opernhaus und der Kulissenbau an der Konrad-Adenauer-Straße eingeschlossen sind, sondern auch das Verwaltungsgebäude, das keinesfalls zwingend sofort sanierungsbedürftig ist. Und sogar für das Schauspielhaus, das doch gerade erst komplett saniert wurde, sind noch einmal mehr als 18 Millionen vorgesehen. Zusammen sind das mehr als 40 Millionen. Nicht der größte Betrag im 300-Millionen-Paket, aber doch auch nicht ganz ohne. Zum Vergleich: Als sich der Neubau der John-Cranko-Ballettschule von 32 auf 50 Millionen verteuerte, waren Stadt und Land erst nach einer Zehn-Millionen-Spende von Porsche bereit, weiter zu machen.

Zudem reichen die 300 Millionen nicht aus. Die Gutachter waren davon ausgegangen, dass der Kulissenbau aus den 1950er-Jahren erhalten und durch zwei Anbauten erweitert wird. Inzwischen ist aber der Abriss und ein Neubau in größeren Dimensionen beschlossen. Zudem hat der Verwaltungsrat dem Wunsch der Oper zugestimmt, eine Kreuzbühne einzurichten, die einen schnellen Wechsel ganzer dreidimensionaler Kulissen erlaubt, und dazu eine Wand des Operngebäudes um zwei Meter in Richtung Landtag zu verschieben. Die Kosten, moniert Müller-Enßlin, sind noch nicht beziffert.

Herr der teuren Hütte: Intendant Hendriks.
Herr der teuren Hütte: Intendant Hendriks.

Im Gespräch mit Kontext hatte der geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks erklärt, die hohen Kosten kämen nicht in erster Linie durch die Kreuzbühne und die unumgängliche Erneuerung der Bühnentechnik zustande, sondern durch einen zusätzlichen Flächenbedarf von mehr als 10 000 Quadratmetern, der sich wiederum aus bau- und arbeitsrechtlichen Vorschriften ergäbe. Davon ausgehend habe der Gutachter nach dem Baukostenindex die voraussichtlichen Kosten ermittelt. 

Dies kann Guntrun Müller-Enßlin nur zum Teil bestätigen. Den höchsten zusätzlichen Bedarf hätten mit mehr als 2000 Quadratmetern die Kostümwerkstätten. Die Dekorationswerkstätten benötigten fast 800 Quadratmeter mehr, die Orchestermusiker etwas über 400. So weit nachvollziehbar. Aber Müller-Enßlin findet auch Vieles, was sich nicht aus arbeitsrechtlichen Vorschriften ergibt.

Allein für die Intendanz der Oper seien 125 Quadratmeter zusätzliche Flächen vorgesehen, für die des Balletts 184 und für die des Schauspiels 190. Der Schauspielintendant soll ins Verwaltungsgebäude ziehen, wegen der kürzeren Wege zur Geschäftsführung: einer der Gründe, warum das Schauspielhaus für 18 Millionen Euro erneut umgebaut werden soll. So wenig zwingend notwendig wie 500 Quadratmeter mehr für die drei Intendanzen. 

Wie aber hat Kunkel Consulting den Flächenbedarf ermittelt? Das Büro hat Gespräche mit den Abteilungsleitern geführt. Zwar wurde der "subjektive Bedarf" in einzelnen Fällen korrigiert, etwa wo eine Gästewohnung gefordert wurde. Aber im großen Ganzen, so Müller-Enßlin, gehen große Teile der Flächenangaben nicht auf Bauvorschriften, sondern auf diese Interviews zurück. 

Drei Intendanten brauchen 500 Quadratmeter mehr Platz

So summieren sich allein die Büroflächen, die für alle Abteilungen veranschlagt wurden, auf mehr als 1100 Quadratmeter. Das sind zehn Prozent des gesamten Flächenbedarfs. Dazu kommen 200 Quadratmeter Besprechungsräume. Doch damit ist das Wunschkonzert keinesfalls beendet. Laut Gutachten ist die Atmosphäre in der Kantine nicht gut, sie werde von den Mitarbeitern nicht angenommen. Sie soll, offenkundig ein Wunsch des geschäftsführenden Intendanten, wie sein eigenes Büro in den bauzeitlichen Zustand zurückversetzt werden: eine Rekonstruktion von 1911 mit dicken Trennwänden zwischen den Tischen. Nur so seien ungestörte Gespräche möglich.

Soll wieder 1911-Feeling erhalten: die Kantine der Oper.
Soll wieder 1911-Feeling erhalten: die Kantine der Oper.

Wer einmal dort war, muss eher den Eindruck gewinnen, dass die räumliche Offenheit sehr gut angenommen wird. Im Vorbeigehen entwickeln sich kurze Gespräche, hin und wieder wechselt der eine oder andere den Tisch. Zusätzlich zur Kantinenerweiterung ist aber auch noch ein geräumiges Restaurant im Hof zwischen Oper, Verwaltungsgebäude und Kulissengebäude vorgesehen: nochmal 600 Quadratmeter. Das Gutachten, so Müller-Enßlin, verweist auf den Umsatz, der ohne Restaurant verloren ginge. Wie lange wird es bei 17 Millionen Euro Baukosten wohl dauern, bis die Investition wieder eingespielt ist? 

Derzeit nutzt der Chor auch den Orchesterprobensaal, weil der eigene für die volle Besetzung zu klein ist. Ein weiterer Saal könnte das Problem lösen, das Gutachten sieht jedoch gleich zwei vor: einen für das Orchester und einen für den Chor. Zudem sollen verschiedene Außenstellen, insgesamt 950 Quadratmeter, in die Räume des Staatstheaters integriert werden. In manchen Fällen mag dies sinnvoll sein. Allerdings fragt sich, ob es wirklich an repräsentativen Foyer- und Kassenbereichen mangelt, oder ob die Theaterkasse nicht in der Theaterpassage in Bahnhofsnähe sogar besser untergebracht ist? 

Solche Fragen stellt sich Guntrun Müller-Enßlin. Und nur sie allein. Als sie kritisch anmerkte, ob eine Veranstaltungsfläche für bis zu 300 Personen für Einführungen, Nachbesprechungen und Sponsorengespräche wirklich gebraucht werde, kanzelte sie Oberbürgermeister Fritz Kuhn ab: dies sei eine unpassende Frage. 

Als sich der Umwelt- und Technikausschuss (UTA) des Gemeinderats jüngst mit dem Thema befasste, legten die Stadträte einer nach dem anderen ein "Bekenntnis" zur Oper ab. Mit Bekenntnissen kennt sich die Pfarrerin aus. Im Amtsblatt machte sie sich Luft. "Von gestandenen Stadträten abgelegte 'Bekenntnisse' zur Oper verleihen einem weltlichen Verhandlungsgegenstand eine religiöse Dimension und rückten ihn in die Nähe des Schicksalshaften, Unverfügbaren", schreibt sie: "Höchste Zeit, zur Realität zurückzukehren."

100 kleine Kultureinrichtungen müssen leider verzichten 

350 Millionen Euro Gesamtkosten also, falls es bei den aktuellen Schätzwerten bleibt. Das ist ungefähr fünfmal so viel wie die gesamte jährliche Kulturförderung der Stadt. Davon gehen ohnehin mehr als 60 Prozent an die Württembergischen Staatstheater, die vom Land nochmal ebenso viel erhalten. Jede Eintrittskarte des Theaters, der Oper und des Balletts wird im Schnitt mit 161,83 Euro von Stadt und Land subventioniert, erfuhr die Fraktion SÖS-Linke-Plus auf Anfrage. Müller-Enßlin fragt sich: Wenn die Fläche des Dreispartenhauses um zehn Prozent wächst, wenn aufgrund der schnelleren Umbauten mit der Kreuzbühne mehr Aufführungen möglich sind: Wie wird sich dies im Kulturhaushalt niederschlagen?

Als es im Doppelhaushalt vor einem Jahr um die strukturelle Unterfinanzierung, also einen Ausgleich für gestiegene Kosten ging, mussten ungefähr 100 kleinere Einrichtungen auf zumeist zwei- bis dreistellige Beträge verzichten. Weil kein Geld da sei. Insgesamt ging es um rund 350 000 Euro, also ein Promille der Kosten der Opernsanierung. Bei einem Betrag von 14,25 Euro für den Schwäbischen Heimatbund schaut der Gemeinderat ganz genau hin. Bei mehreren hundert Millionen für die Oper offenbar nicht.

Quo vadis Geld aus dem Kulturhaushalt?
Quo vadis Geld aus dem Kulturhaushalt?

Im Moment geht es erst einmal um eine Interims-Spielstätte. Guntrun Müller-Enßlin hat einen Vorschlag. Die Oper zieht in das Schauspielhaus und das Theater so lange in das ehemalige Paketpostamt am Rosenstein. Bei Verzicht auf einem nochmaligen Umbau des Schauspielhauses wäre dies ohne weiteres möglich – und schon wären bei der Sanierung 18 Millionen gespart.

Den Intendanten sind alle Standorte außerhalb des Stadtzentrums ohnehin zu weit weg. "Als die Rede auf das Paketpostamt beziehungsweise auf das Mercedes-Benz-Gelände in Bad Cannstatt kam, haben die Herren aufgeheult", sagt Müller-Enßlin. Auch das SI-Theater in Möhringen ist nicht genehm, die Akustik sei inakzeptabel. Lieber möchte Hendriks das denkmalgeschützte Königin-Katharina-Stift abreißen oder versetzen. 

Für das weltweit einmalige Forum Neues Musiktheater, das der Intendant Klaus Zehelein 2003 im abgelegenen Römerkastell am Hallschlag einrichtete, reichte indes eine einfache Holz-Halle. Und ein jährlicher Etat von einer Million Euro. Nicht zuletzt dafür bekam Stuttgart damals das Prädikat "Opernhaus des Jahres". Nur waren seinerzeit, nach drei Jahren "Anschubfinanzierung" durch die Landesstiftung, weder Stadt noch Land bereit, die Förderung zu übernehmen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!