Das Stuttgarter Opernhaus demonstriert mit. Foto: Martin Storz

Ausgabe 237
Editorial

Bunt

Von unserer Redaktion
Datum: 14.10.2015

Am vergangenen Sonntag standen sie schon wieder da, die sogenannten Bildungsplangegner, die dauernd gegen das Thema sexuelle Vielfalt an Baden-Württembergs Schulen aufmarschieren. Rekordverdächtige 5000 davon zogen dieses Mal durch Stuttgart. Mit Plakaten in Bübchenblau und Mädchenrosa, dem ein oder anderen Deutschlandfähnchen und zwischendrin so sinnhaften Spruchplakaten wie "Selbstbefriedigung im Kindi? Bitte nicht!" Die einheitlich zweifarbige Schlusskundgebung wurde letztlich von der Stuttgarter Oper torpediert.

Über vier ihrer dicken Säulenpaare am Eingang hatten die Kulturarbeiter ein siebenfarbiges Regenbogen-Banner gespannt – blau, rosa, grün, gelb, violett, orange, lila. "Vielfalt" stand drauf, riesig. Die einfältigen Anti-Vielfalts-Demonstranten sahen darunter arg armselig aus.

Vielfalt, das ist Mehrfarbigkeit, Allerlei, Üppigkeit und Potpourri, ein Gemisch, das all den Reichtum an unterschiedlichen Menschen, Tieren, Landschaften beinhaltet, die breite Skala an Wahrheiten und Standpunkten, die die Welt widerspiegeln und die uns Journalisten den Stoff für gute und wichtige Geschichten liefern.

Über die Firma IBM, einst der Fels in der Brandung der Arbeitgeberschaft im Kreis Böblingen, die sich in den vergangenen Jahren selbst fragmentiert hat. Über die Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus, die erst jetzt bemerkt, wie wichtig es über die Jahre gewesen wäre, auch die ungarischen Städte mit aufzunehmen. Über die Stadt Stuttgart, die die Gelder für Kultur zuerst zusammenstreicht und dann den kläglichen Rest denen zusteckt, die dem OB gefallen. Oder über den neuen Stuttgarter Tiefbahnhof, dessen Planer nun plötzlich die Fluchtwege aus dem Plan gestrichen zu haben scheinen. Alles zu lesen in dieser Ausgabe.

Wir von Kontext bemühen uns jede Woche, es der Oper gleichzutun. Wir bemühen uns um Vielfalt. An Bildern, Themen, Meinungen und Geschichten. Das hat kürzlich auch "Deutschland renommierteste Heimatzeitung" (Eigenlob) gemerkt, als sie das Kontext-Buch "Der König weint" rezensiert und zur Pflichtlektüre erhoben hat: "Ein Buch, in dem keine Schlachten geschlagen und keine Helden gewürdigt werden, sondern an Beispielen aus dem Deutschen Südwesten jener gedacht wird, die meist vergessen bleiben", schreibt die "Schwäbischen Heimat", das Zentralorgan des Schwäbischen Heimatbundes. Da freuen wir uns.

Das Gegenteil von Vielfalt ist übrigens Einfallslosigkeit, Monotonie und Eintönigkeit. Ein Deutschland, wie es sich zum Beispiel Pastor Jakob Tscharntke von der Evangelischen Freikirche Riedlingen wünscht: ohne Fremde, ohne Muslime vor allem, dafür voller Christen. Wie schrecklich langweilig und grau.

Das Kontext-Buch "Der König weint" können Sie gerne bei uns bestellen. Hier Näheres zum Buch.


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7 Kommentare verfügbar

  • Tana Szpilman
    am 18.10.2015
    @Matze
    Ich schließe mich der Ketzerei hier mal mit einem Zitat von Carlo Schmid an:
    "Man muss auch den Mut zur Intoleranz gegenüber denen aufbringt, die die Demokratie gebrauchen wollen,
    um sie umzubringen."
    Die Ironie ist jetzt zwar, dass die andere Seite (die Anhänger der "Demo für Alle") das auch ganz gerne für sich beanspruchen möchte, allerdings ist das eben ein zweischneidiges Schwert, wenn man dafür demonstriert, dass eben NICHT alle Menschen gleichwertig sein sollten. Dass getrennt und kategorisiert werden muss. Aber Demokratie bedeutet eben vor allem Vielfalt. Demokratie bedeutet, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat und jeder Mensch mitbestimmen darf. Die Gegendemonstranten und auch die Oper sind also da, weil sie die Demokratie verteidigen möchte, weil sie Vielfalt verteidigen möchten und weil sie den Menschen Intoleranz entgegenbringen die, offenkundig, die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen. In dieser Demo marschieren religiöse Fanatiker, die AfD, die NPD und weiteres braunes Gesocks, dass sich insgeheim im Stillen Kämmerlein noch immer den "Führer" (oder zumindest ein totalitäres Regime der Unterdrückung für alles, was sie nicht mögen) zurückwünscht. Würde man diese Menschen wirklich gewähren lassen, würden sie dieses Land ruckzuck wieder in eine Zeit von vor 80 Jahren zurückversetzen. Das wären auch heute noch alles wunderbare Nazis. Aber es haben halt in diesem Land auch Menschen aus der Vergangenheit gelernt. Und diese Menschen haben das Banner vom Balkon der Oper entrollt. Diese Menschen standen am anderen Ufer unter den gut 1000 Gegendemonstranten. Besonders schlimm an diesen "Gegner des Bildungsplan" ist eben auch die Tatsache, dass kaum jemand dieser Menschen wirklich weiß, was der Bildungsplan tatsächlich beinhaltet. Kaum jemand kennt die WHO-Richtlinien und am Ende kommt dann so etwas wie "Da werden Homosexuelle in die Klassen geschickt und sagen den Kindern, sie sollen das doch auch einmal ausprobieren" heraus. Ein Kampf gegen diese, überwiegend Dunkelbraunen, Horden ist also nicht nur ein Kampf für Demokratie und Menschenrechte, sondern auch ein Kampf gegen Dummheit und Unmündigkeit. Wenn die Schlauen nachgeben, bedeutet das, dass diese Idioten regieren. Sicher, dass das jemand möchte?
    Die Meinung dieser Menschen wird geduldet. Sie dürfen demonstrieren und ihren Mist erzählen. Aber wir müssen nicht dabei tatenlos zusehen, wie sie das Volk aufhetzen mit leeren Parolen um andere auszuschließen. Seine Meinung sucht man sich aus, Sexualität nicht. Meinungen kann man ändern indem man objektiv ist. Sexualität nicht.
    Vielleicht macht das die Sache etwas klarer.

    Und @Kontext: Danke, klasse Artikel!
  • CharlotteRath
    am 14.10.2015
    @ Kh, @Matze:

    Akzeptanz bedeutet für mich: Befürwortung, Billigung.
    Meinen Sie "Toleranz" im Sinne von Duldung, Geltenlassen auch anderer Meinungen als der eigenen?

    Der Sinn eines Editorials liegt üblicherweise darin, die Meinung eines Herausgebers oder einer Redaktion wiederzugeben, also eine klare Position zu beziehen ... auch, dass sich Leserinnen und Leser damit auseinander setzen können. ;-)

    Z. B. ich habe erst dank dieses Editorials von der Demo der Bildungsplangegner erfahren.
  • Wolfgang Weiss
    am 14.10.2015
    Mal ketzerisch gesagt: die sogenannten "besorgten Eltern" (ich bestreite nicht, das es tatsächlich manche darunter gibt) sind zum größten Teil von rechtsreligiösen Fanatikern und irrlichternden Stugida, AFD (Fiechtner!) , NPD oder anderen faschistischen Gruppen vereinnahmt. Sprich, die Bildungsgegner kochen da ihr eigenes braunes Süppchen.

    Dagegen steht zu Recht ein breites Bündnis, daß,-ebenso legitim,- mit Präsenz dafür einsteht, das weder Stuttgart noch Karlsruhe oder BaWü zur "Wohlfühlzone" für rassistische oder fremdenfeindliche Übergriffe wird.

    Respekt für die Aktion des Stuttgarter Opernhauses . Mehr davon ;-) !
  • Blender
    am 14.10.2015
    "Der König weint" zur Pflichtlektüre! Da kann ich nur zustimmen. Ich bakam das Buch versehentlich von Kontext zugeschickt, weil ich eine Spende an Kontext überwiesen habe, und das Buch die Belohnung dafür war (was ich aber gar nicht wusste). Ich habe es in einem durchgelesen. Klasse, Danke Kontext.
  • Schwabe
    am 14.10.2015
    @Matze
    Mal ketzerisch gefragt: Was verstehen Sie denn unter Ihrer, m.E. fragwürdigen Formulierung, "Akzeptanz (..) abwegiger Meinungen"? Ich verstehe darunter diese nicht zu ignorieren - und das machen sowohl "Kontext", als auch die Kulturmitarbeiter der "Stuttgarter Oper" m.E auf angemessene und eindrucksvolle Weise.
  • Kh
    am 14.10.2015
    "Mal ketzerisch gefragt: Würde unter "Vielfalt" in Kontext nicht auch die Akzeptanz solch abwegiger Meinungen wie die der Bildungsplangegner fallen? "

    Genao so sehe ich das auch.
  • Matze
    am 14.10.2015
    Mal ketzerisch gefragt: Würde unter "Vielfalt" in Kontext nicht auch die Akzeptanz solch abwegiger Meinungen wie die der Bildungsplangegner fallen?

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