Ausgabe 302
Politik

Die Axt in den STZN

Von Anna Hunger
Datum: 11.01.2017
Wenn AfD auf Unvermögen trifft, kann es schon mal herb werden. So geschehen Anfang Januar, als sich Leserinnen und Leser des Anzeigenteils der STZN verwundert die Augen rieben.

Zwischen dem Foto einer Kinderzeichnung ("Bald vierköpfige Familie sucht Haus") und einer ockergelben Mehrfamilien-Immobilie ("Junges Paar sucht eine kleine Mietwohnung") klemmt das Bild mit einer Axt auf einem Block. Darüber der Spruch "Einfach mal eine Axtlänge Abstand halten!", darunter der Text: "AfD-Mitarbeiter sucht Wgh. ...". Zu bestaunen war das Inserat am 4. Januar auf Seite 15 der "Stuttgarter Zeitung" in der Rubrik "1-Zimmer-Wohnung". Und weil in den beiden Stuttgarter Blättern die Anzeigen dieselben sind, gab's das Ganze auch in den "Stuttgarter Nachrichten". Dort auf Seite 6.

Die "Axtlänge Abstand" gelangte als Hashtag im Sommer 2016 zur Berühmtheit, als ein afghanischer Flüchtling mit einer Axt in einem Würzburger Regionalzug wütete. Eine zynische Verballhornung, die auf die "Armlänge Abstand" rekurriert, die Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker nach den Silvesterereignissen auf der Domplatte 2015/2016 Frauen und Mädchen gegen sexuelle Belästigung empfahl. Und es wurde zur Gewaltandrohung gegenüber Geflüchteten von Menschen mit wenig Hirn, bei denen sofort der Selbstbewaffnungs-Affekt einsetzte. Axtlänge Abstand passt ja bestens, um einem Flüchtling den Schädel zu spalten.

Mehr als eine Axtlänge daneben: AfD-Wohnungsgesuch. Foto: Joachim E. Röttgers
Mehr als eine Axtlänge daneben: AfD-Wohnungsgesuch in den STZN vom 4.1.2017. Foto: Joachim E. Röttgers

Auf die "Axtlänge Abstand" folgte dann unmittelbar die "Machetenlänge", nachdem ein syrischer Asylbewerber in Reutlingen mit einer Machete um sich schlug und dabei eine Frau umbrachte. Die Liste ließe sich beliebig erweitern, die meisten "Irgendwas-Längen" jedenfalls kamen und kommen aus der rechten Ecke, um einmal mehr in soziale Medien einzuspeisen, wie nah am Abgrund sich das Abendland befindet.

Der "Axtlänge"-Spruch samt Axt-Bild im Anzeigenteil der STZN ist kurz nach Silvester 2016/2017, aber auch zu allen anderen Zeitpunkten, unsagbar - sorry - bescheuert. Aber selbst dieses Wort streift den Umstand nur peripher. Presserechtlich schramme das Inserat knapp "an der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten vorbei", sagt ein Medienanwalt. Einen ganz ähnlichen Fall gab es Anfang des vergangenen Jahres: der Jugendableger der Thüringer AfD hatte im Januar 2016 eine Hand mit ausgestreckter Waffe auf Facebook gepostet. "Wenn die Politik nicht handelt, halten die Menschen vielleicht in Zukunft wirklich eine 'Armlänge Abstand', Frau Reker." Die Staatsanwaltschaft prüfte, nachdem mehrere Anzeigen eingegangen waren. Anders als Politik und Polizei sah sie aber keinen Aufruf zu Gewalttaten, ein Ermittlungsverfahren wurde nicht eingeleitet.

Das Ganze könne dennoch zumindest "als Billigung von Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund gelesen werden", schreibt Dejan Perc, Stadtrat und Vorsitzender der SPD Stuttgart, in einer Pressemitteilung zum Vorfall. "Solch eine menschenverachtende Gesinnung darf in unserer Gesellschaft nicht medial verbreitet werden. Gerade in einer Zeitung wie der Stuttgarter Zeitung, die nach eigener Beschreibung den Werten Toleranz und Offenheit verpflichtet ist, darf sich so etwas nicht wiederfinden." Selbst Bernd Klingler, Ex-FDPler und mittlerweile Kreissprecher der AfD Stuttgart, rollt sich ein überraschtes Kichern die Kehle hoch. Diesmal nicht aus zynischer Gehässigkeit, sondern vor lauter Unglauben über so viel Dreistigkeit auf der einen und Blödheit auf der anderen Seite. "Da hatte wohl einer die Idee, einen tollen Gag zu machen. Aber das ist ein Kalauer, den man einfach nicht macht", sagt Klingler. "Also ich hätte das nicht veröffentlicht." Der Anzeigenabteilung der "Stuttgarter Zeitung" ist das online geschaltete Inserat "so durchgerutscht", hört man. Offiziell mag das Stuttgarter Pressehaus aber "kein Statement abgeben".

Ob die Anzeige nun wirklich ein echtes Wohnungsgesuch ist oder ob sich da irgendwer einen makabren Scherz erlaubt hat, darüber sind sich weder Klingler noch Dejan Perc so richtig sicher. Eines aber weiß Klingler ganz sicher: Wer in der Landeshauptstadt eine Wohnung mit 20 bis 35 Quadratmetern für 300 bis 400 Euro warm suche, "kann unmöglich von hier kommen". Eher von der Alb oder aus dem Schwarzwald. "Da gibt es solche Mieten noch."


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