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Hinter den Kulissen

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Das wird teuer. 342 Millionen Euro soll nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses kosten. Das erscheint viel. Ein Blick hinter die Kulissen erklärt die Summe.

An der Oper scheiden sich die Geister. Wenn Bianca Castafiore in "Tim und Struppi" die Juwelenarie aus Charles Gounods "Faust" schmettert, springen die Gläser im Regal. Die einen schmelzen dahin, die anderen suchen das Weite.

Jedem steht frei, ob er oder sie lieber Puccini hört oder AC/DC. Aber Oper ist nicht einfach ein Unterhaltungsangebot wie volkstümliche Musik oder Heavy Metal. Oper ist Hochkultur par excellence. Sie ist mit einem hohen Aufwand verbunden und wird deshalb mehr als alle anderen Kultureinrichtungen gefördert: Mit ihren drei Sparten Oper, Theater und Ballett verschlingen die Staatstheater Stuttgart mehr als die Hälfte des städtischen Kulturhaushalts. Und auch im Landeshaushalt stehen unter den Kultureinrichtungen die Theater an erster Stelle, davon wiederum die Stuttgarter Häuser und unter den drei Sparten die Oper ganz oben.

Hochkultur ist nicht Popkultur. Aber auch die klassische Oper erfreut sich in Stuttgart hoher Beliebtheit. Die Programme sind zu 95 Prozent ausgelastet, sagt Marc-Oliver Hendriks, der geschäftsführende Intendant des Hauses. Es könnten mehr Aufführungen werden. Wenn nicht die Bühnentechnik veraltet wäre.

Derzeit heißt es: Wenn vormittags eine Probe stattfindet und abends ein anderes Stück gegeben werden soll, wird der Nachmittag für den Umbau benötigt. Zudem begrenzt die Bühnentechnik die Gestaltungsmöglichkeiten. Allzu oft, sagt Hendriks, gibt es in Stuttgart sogenannte Durchsteher: ein Bühnenbild für drei Akte. Wenn, wie in "La Traviata", in einer Lichtpause mitten in einer Szene die Kulissen ausgetauscht werden sollen, dauert das fast zehn Minuten. Nach 30 Sekunden, so Hendriks, wird das Publikum unruhig.

Als Max Littmann das Opernhaus vor 105 Jahren erbaute, bestand das Bühnenbild aus gemalten Prospekten. Diese sind nach wie vor in einem Lager links der Bühne verstaut und können im Handumdrehen hinter die Bühne gebracht und entrollt werden. Deshalb ist das Opernhaus in der Mitte höher: Mit der Obermaschinerie werden die Prospekte vom Schnürboden herabgelassen und wieder hochgezogen.

Nun hat sich das Bühnenbild seit 1912 weiterentwickelt. Längst sind Bühnenaufbauten in der Regel dreidimensional. Deshalb hat sich in der Nachkriegszeit die so genannte Kreuzbühne etabliert, bei der ebenso große Räume links, rechts und hinten die Bühne flankieren, damit ganze Bühnenbilder schnell ausgetauscht werden können. In Stuttgart geht das bisher nicht: Die Bühnenaufbauten müssen in Einzelteilen herein- und hinausgetragen werden.

Hendriks will die Kreuzbühne

Hendriks würde die Opernbühne gern zu einer Kreuzbühne umbauen. Dazu müsste aber die rechte Außenwand um zwei Meter in Richtung Landtag versetzt werden. Dagegen spricht der Denkmalschutz. Doch zum einen, argumentiert der Intendant, sei der rechte Annex nur deshalb so flach geraten, weil König Wilhelm II. seinerzeit auf eine private Kutschenzufahrt bestanden habe. Zum anderen wurde beim Wiederaufbau der Semperoper in Dresden bauhistorisch zweifellos das wichtigere Denkmal ebenso verfahren.

Der Littmann-Bau hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden und ist nur ein einziges Mal Anfang der 1980er-Jahre von dem renommierten Architekten Gottfried Böhm renoviert worden. In der Nachkriegszeit war der Innenraum nüchtern-sachlich umgestaltet worden. Nun wollten die Stuttgarter ihre schöne alte Oper zurück. So waren ironischerweise Bürgerproteste für die Rekonstruktion des Erscheinungsbilds einer ständischen Ordnung mit drei Rängen und ursprünglich separaten Zugängen verantwortlich. Obwohl dieses eigentlich schon zur Bauzeit antiquiert war, wie Hendriks erklärt.

Hinter den Kulissen, im Bereich der Unterbühne, an der Rückseite sieht alles sehr viel prosaischer aus. Roher Beton bestimmt das Bild, dazwischen Requisiten, Kostüme, Garderoben: eben alles, was zu einem Opernbetrieb gehört. Die Bühnentechnik stammt noch aus der Zeit der Renovierung, also von 1983. Damals war der IBM Personal Computer gerade erst auf den Markt gekommen. Laptops gab es noch nicht. Die Steuerung, die noch immer die Bühnentechnik regelt, sieht nicht nur aus wie aus einer längst vergangenen Zeit. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es immer schwieriger, Experten zu finden, die sich mit der Uralttechnik noch auskennen. Es muss etwas geschehen.

Aber 342 Millionen? Das ist ein Mehrfaches dessen, was zum Beispiel der Deka-Immobilienfonds investiert hat, um das riesige Areal an der Königstraße neu aufzubauen, in dem sich heute das Modegeschäft Peek & Cloppenburg befindet. Mehr als die Shoppingmall Gerber gekostet hat, viel mehr als die Ministerien an der Willy-Brandt-Straße. Beim Theater, wo ebenfalls die Bühnentechnik erneuert werden musste und bis heute noch nicht ganz fertiggestellt ist, waren die Baukosten von 24 auf 40 Millionen gestiegen. Ein Bruchteil.

Die hohe Summe stammt aus einem Gutachten des Büros Kunkel Consulting, das unter anderem an der Sanierung der Alten Oper in Frankfurt und des Moskauer Bolschoitheaters mitgewirkt hat. Sie erklärt sich nur zum kleineren Teil durch die notwendige Erneuerung der Bühnentechnik, wie Hendriks betont, und noch weniger durch kostspielige Sonderwünsche: Der primäre Grund besteht darin, dass die Oper, wenn sie nun geschlossen und saniert werden soll, in der jetzigen Form unter keinen Umständen mehr eine Betriebsgenehmigung erhielte.

Denn hinter den Kulissen herrscht qualvolle Enge. Die 130 Orchestermusiker finden bei Weitem nicht alle einen Raum, um sich warmzuspielen: Die Tubisten teilen sich ein winziges Kabuff ohne Tageslicht, andere weichen in die Werkstätten aus. Gänge, die eigentlich als Fluchtwege frei bleiben sollten, werden notgedrungen mitgenutzt. Der winzig kleine Pavillon von Gottfried Böhm, in dem die Besucher in den Pausen ihre Lachsschnittchen oder ein Glas Sekt genießen, ist nicht nur für die Gäste, sondern auch für das Küchenpersonal viel zu eng. Als die Staatstheater 1912 erbaut wurden, arbeiteten dort insgesamt 800 Personen. Heute sind es 1350.

Heute erhielte die Oper niemals eine Betriebsgenehmigung

Kunkel Consulting hat schlicht nach einschlägigen Bau-, Brandschutz-, Arbeitsschutz- und Hygienevorschriften den Flächenbedarf ermittelt: Es fehlen 10 000 Quadratmeter. Multipliziert mit den Angaben aus dem Baukostenindex, Stand Mai 2014, ergibt sich daraus die prognostizierte Summe. Wo diese Flächen angebaut werden sollen, dazu gibt es bisher allenfalls Vorüberlegungen. So ließe sich mit einer Erweiterung auch die unschöne Rückseite der Theater aufwerten, wie sie sich heute zur Staatsgalerie hin präsentiert.

Das Gutachten ist nicht öffentlich. Mag sein, dass sich noch Einsparpotenziale ergeben. Darüber muss nun die Politik entscheiden. Anfang November 2015 hat sich eine 32-köpfige Delegation des Verwaltungsrats einschließlich Kunstministerin Theresia Bauer und Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf den Weg nach London und Kopenhagen gemacht, um sich die dortigen Opernhäuser anzusehen. Kopenhagen ist ein Neubau, gestiftet von einem Reeder. Das Royal Opera House in London wurde renoviert.

Die Delegation hätte auch nach Köln und Berlin fahren können, allerdings wäre die Fahrt dann weniger erbaulich geworden. Das Kölner Haus erhielt 2012 gleich zwei Auszeichnungen: Opernhaus des Jahres und Ärgernis des Jahres wegen der "kopf- und konzeptlosen Kulturpolitik" der Stadt. Das vom Architekten Wilhelm Riphahn 1954 erbaute Haus hatte zuerst abgerissen werden sollen. Dagegen opponierte eine Bürgerinitiative. Prominente wie der Künstler Gerhard Richter meldeten sich zu Wort. Noch im Juli 2013 hieß es, bei der Sanierung der Kölner Oper werde ein Kostenrahmen von 253 Millionen Euro "mit Sicherheit" eingehalten. Mittlerweile ist eines der beteiligten Unternehmen pleitegegangen, und die Ausgaben summieren sich auf 460 Millionen. Bei der Staatsoper Unter den Linden in Berlin sind die Kosten von 240 auf 450 Millionen gestiegen. Die Wiedereröffnung, ursprünglich für 2013 geplant, soll jetzt 2017 stattfinden.

Die Stuttgarter Oper soll weiterhin zur "Weltspitze" gehören: Mit solchen Argumenten lassen sich Politiker gerne ködern. Auf nationaler Ebene war Stuttgart in der Ära des Intendanten Klaus Zehelein geradezu abonniert auf die Kritiker-Auszeichnung "Opernhaus des Jahres". Zum letzten Mal erhielt Stuttgart die Auszeichnung 2006. Im selben Jahr wurde allerdings das von Zehelein gegründete Forum Neues Musiktheater, eine weltweit einmalige Experimentierbühne im Cannstatter Römerkastell, nach nur drei Jahren wieder geschlossen. Das Land hatte lediglich eine Anschubfinanzierung durch seine Landesstiftung gewährt: geradeso, als ob sich Kultureinrichtungen dieser Art durch Eintrittskarten finanzieren ließen.

Auf dem aktuellen Spielplan der Stuttgarter Staatsoper findet sich dagegen fast ausschließlich das klassische Repertoire: Puccini, Verdi, Rossini; "Così fan tutte", "Carmen" und "Salome". Mark Andres "Wunderzaichen" liegt schon wieder zwei Jahre zurück. Lediglich im Familienprogramm ist das eine oder andere Werk eines lebenden Komponisten zu finden. Zeitgenössische Musik ist dem Publikum nicht so leicht zu vermitteln. Und erst recht nicht Politikern, die nur nach Besucherzahlen urteilen. Das ist natürlich eine ganz andere Baustelle. Allerdings hängt auch sie mit der Zukunftsfähigkeit des Opernbetriebs zusammen: Wenn sie sich nicht erneuert, bleibt die Oper eine Welt von gestern.


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4 Kommentare verfügbar

  • Müller
    am 13.02.2016
    Antworten
    Schade.
    Es ist anscheinend nicht möglich sich an einer Zukunftsdiskussion zu beteiligen.
    Man hat den Eindruck, dass der Kontextredaktion und der -Leserschaft alleine der Gedanke an jegliche Änderung schon Schmerzen bereitet.
    Alles was da ist ist super.
    Karstadt super Gerber doof
    Alte…
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