OB Fritz Kuhn hört auf den "Aufbruch Stuttgart", sagt Werner Sauerborn. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 350
Gesellschaft

Im Ohr des OB

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 13.12.2017
Es erinnerte an Degenhardts "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern": Der Umgang von Wieland Backes' "Aufbruch Stuttgart" mit den Gegnern von S 21. Jetzt haben sie sich getroffen. Und Werner Sauerborn vom Aktionsbündnis erzählt, wie's so war.

Herr Sauerborn, Sie nennen Stuttgart 21 ein "irrsinniges und faktisch gescheitertes Projekt". Konnten Sie den "Aufbruch Stuttgart" überzeugen?

Zu unserer Überraschung und Enttäuschung bewegt sich der "Aufbruch Stuttgart" in dieser Frage keinen Millimeter. Daran ändern auch die jüngsten Meldungen über Mehrkosten und längere Bauzeit nichts. Die unumkehrbare Geschäftsgrundlage für den Verein von Herrn Backes ist und bleibt die Fertigstellung von Stuttgart 21.

Das ist nun nicht wirklich überraschend.

Ich hätte mir mehr Einsicht gewünscht. Man kann niemand verübeln, wenn er bezweifelt, dass das Projekt noch abwendbar ist. Aber so zu tun, als sei alles gut, wenn S 21 gebaut wird, das ist unaufrichtig. Man könnte wenigstens sagen: Es ist eine Katastrophe, aber wir müssen damit umgehen.

Der Vereinsvorsitzende Backes will halt keinen "Krieg von gestern" führen.

Er will keinen Konflikt in seinem Verein. Er hat dort hartleibige S-21-Befürworter, die darauf achten, dass das Thema nicht zur Sprache kommt.

Sie denken an Leute wie den früheren Direktor der Staatsgalerie, Christian von Holst.

Ja, unter anderen. Aber dieses Problem hat nicht nur Wieland Backes, das kenne ich auch von  Gewerkschaften oder den Kirchen. Da hieß es immer: Wir haben auch S-21-Befürworter unter unseren Mitgliedern. Das ändert allerdings nichts an der entscheidenden Frage: Ist das sachgerecht?

Sie sagen natürlich nein.

Ich nenne nur drei Beispiele: Die Interimsoper soll jetzt nach jotwede. Sie könnte beim Umstieg-21-Konzept gleich gegenüber dem Katzenstift errichtet werden. Den Umbau der Kulturmeile kann sich der "Aufbruch Stuttgart" auf Jahre hinaus abschminken, weil die Stadt nicht mehr Baustellen verträgt. Das sagt sogar Fritz Kuhn. Und wo soll die Internationale Bauausstellung stattfinden, wenn jetzt von Stuttgart 24 + x die Rede ist? Das ginge wunderbar und rechtzeitig, wenn man umsteigen würde und das von Baulogistik besetzte C-Areal schnell frei würde. Der "Aufbruch Stuttgart" agiert paradox, weil das Festhalten an S 21 den eigenen Zielen zuwiderläuft.

Die sind doch nicht blöd.

Das behaupte ich auch nicht. Sie sind genervt von dem Konflikt um Stuttgart 21, verständlich, und glauben, jetzt man könnte einfach weggucken und verdrängen, was mit der Stadt passiert. Eine gestalterische Diskussion über die Zukunft der Stadt ist ja sinnvoll, kann aber nicht ohne den Blick auf die durch Stuttgart 21 entstandenen Verheerungen geführt werden. Da ist einfach viel Realitätsverweigerung, oder auch ein bisschen großbürgerliche Sichtverengung, auch viel Wolkenkuckucksheim: eine Entlastung von Autoverkehr? Schön! Aber S 21 läuft genau auf das Gegenteil hinaus, auf eine massive Verkehrsverlagerung auf die Straße, weil der Bahnhof verkleinert wird.

Dafür gibt's aber eine gute Presse.

Es ist ja nicht nur die positive Presse, es ist auch das Rathaus, das seine Türen weit aufmacht. Der "Aufbruch Stuttgart" hat das Ohr des Oberbürgermeisters, während wir seit Beginn seiner Amtszeit auf ein Gespräch mit ihm warten, zum Beispiel auf eine Chance, unser Umstiegskonzept in den Ausschüssen vorstellen zu können. Das gefällt den Tunnelparteien, inklusive Grüne natürlich: Endlich mal so was wie eine Bewegung, die sie nicht kritisiert. Die marktbeherrschenden Medien organisieren den Rückenwind, und PR durch sündhaft teure Anzeigen scheint ja auch da zu sein.

Das dürfte Sie jetzt auch nicht überraschen.

Nicht wirklich. Die Stuttgarter Zeitungen haben Stuttgart 21 in den Anfangsjahren kampagnenmäßig unterstützt und sind damit in der Mitverantwortung dafür, was hier passiert. Damals ist eine allgemeine Wachstums- und Fortschrittseuphorie aufgeheizt worden, plus das Interesse der Autoindustrie, der die Straße schon immer wichtiger war als die Schiene. Bewusst oder unbewusst stützt der Verein Stuttgart 21, indem er Augen und Ohren verschließt und hilft, das Thema von der Agenda zu nehmen.

Inzwischen mischen sich auch kritische Töne in die Berichterstattung.

Ich behaupte nicht, dass die Presse, die hier in Stuttgart dominiert, nur eindimensional berichtet. Entscheidend ist aber, was unterm Strich vermittelt wird. Wie jetzt bei der Kostendebatte. Da heißt es dann: Ja, bedauerlich, aber hilft alles nichts, jetzt muss weiter gebaut werden. Das ist die Botschaft und die zählt.

Sie sind immer noch guter Hoffnung, dass S 21 so nicht kommt.

Ich bin ganz sicher, dass Stuttgart 21 niemals ohne weitere große Friktionen und in der Weise fertig wird, wie es Bahn und Politik geplant haben. Da muss man sich nur das Planungschaos auf den Fildern anschauen. Ob S 21 am Ende ganz gestoppt wird und man die Diskussion über den Umstieg zulässt, was wir fordern und das Beste für die Stadt wäre, oder ob es eine Kombi-Lösung geben wird, wage ich nicht zu prophezeien.

Bleiben wir in der Gegenwart: Wieland Backes meint, Peter Conradi könne als Pate des "Aufbruch Stuttgart" gelten.

Da hat er ihm zu Lebzeiten nicht zugehört. Peter Conradi war ein überzeugter S-21-Gegner, dem wir viel zu verdanken haben. Ihn als Paten einer Initiative zu vereinnahmen, die S 21 bewusst von ihrer Agenda streicht, das ist komplett abwegig. Es gibt ja auch S-21-Gegner bei Aufbruch Stuttgart. Ich hoffe, ihnen gelingt es, diese paradoxe Tabuisierung zu knacken.

Na, das gibt doch Hoffnung.

Es war ein nettes Gespräch in der Academie der schönsten Künste. Der "Aufbruch Stuttgart" ist für uns kein Feindesland, auch dort gibt es Menschen mit einem positiven Gestaltungswillen. Mit ihrer Festlegung auf S 21 liegen sie halt daneben.

 

Werner Sauerborn ist Geschäftsführer beim Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. Zusammen mit Norbert Bongartz und Hermann Schmid hat er sich zu einem ersten Gespräch mit Wieland Backes, Arno Lederer und Thomas Rossmann vom "Aufbruch Stuttgart" am 8. Dezember getroffen.


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5 Kommentare verfügbar

  • Schwa be
    am 18.12.2017
    "Die unumkehrbare Geschäftsgrundlage für den Verein von Herrn Backes ist und bleibt die Fertigstellung von Stuttgart 21." - so Werner Sauerborn.
    Diese Tatsache allein entlarvt die Backessche Feinkoschtböhm Fraktion und selbsternannten "Aufbruch Stuttgarts" m.E. als Helfershelfer der herrschenden bürgerlichen Politik und damit dem Establishment, Stuttgart 21, dieses Geldumverteilungs-, Schienenrückbau- und Immobilienprojekt weiter voranzutreiben zu Lasten des Gemeinwohls.
    Mit dieser Haltung stellt sich Backes & Co. m.E. gegen das Gemeinwohl und gegen die eigene Satzung, in der es in § 2 Zweck, Gemeinnützigkeit lautet: 1.Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne des Abschnitts „Steuerbegünstigte Zwecke“ der Abgabenordnung.
    Die Abgabenordung wiederum besagt in § 52 (Gemeinnützige Zwecke) u.a.:
    "Eine Körperschaft verfolgt gemeinnützige Zwecke, wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern."
    Und weiter, als Voraussetzungen sind als Förderung der Allgemeinheit anzuerkennen z.B.:
    "die Förderung des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege"
    "die allgemeine Förderung des demokratischen Staatswesens ..."
    "die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements zugunsten gemeinnütziger, (..) Zwecke"
    Die Voraussetzungen, das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 zu unterstützen, sind also in der Satzung des Vereins von Backes und Co. gegeben. Es nicht zu tun widerspricht dem m.E. eher.
  • Philippe Ressing
    am 18.12.2017
    Nun ja, den Herrschaften geht's halt darum ihr kulturelles Ambiente zu schützen, da will man es sich mit den Oberschten nicht verderben - heißen sie nun Schuster oder Kuhn, CDU oder Grüne. Der "Aufbruch " ist einer der eitlen Sturgarder Hautevolee, soll'n sie sich doch weiter um die Hummerschwänze auf den Schnittchen beim Empfang balgen....
  • Kornelia A.
    am 14.12.2017
    Wie erfolgreich diese Image Kampagne ist kann man an den begeisterten STNZ Berichten sehen, dem Sobeks "goldenes Band" gewidmet werden!
    "Kunstwerk, Skulptur, Attraktor" ...viel Geld damit anderscht die Straße überquert werden kann .... (Und Kretsche hat irgendwo wieder Geld entdeckt!)

    Merkwürdig: niemand erklärt, warum es zu einem Besucherrückgang Staatsgalerie und sonstige kommt, gekommen ist!
    Baustellen ist doch was tolles und die eine, ja über das große Loch schweigt man sich doch in Schuttgart aus! Merkt man nix, weil im Loch, so Schuster, ergo wo ist das Problem?
  • Kornelia A.
    am 14.12.2017
    Traurig, was aus einer einstmals stolz sein könnenden Bewegung wurde!
    Da treffen sich also 6 Jungs und beschnuppern einander: 6 Jungs, denen es um Revierkämpfe, Gunst der Macht, Deutungshoheiten geht!
    Warum sich die 3Jungs des AB mit den sie erniedrigenden Backeschen sonst treffen wollten, bleibt ihr Geheimnis!

    Feindesland? hartes Wort!
    Aber nicht zu realisieren, dass die Backeschen einen wichtigen Spaltungsauftrag haben ist schon naiv!
    Es geht um viel viel Geld und Boden in dieser Stadt und da braucht es die Liebkind Backes, die das "mehr bauen, mehr ausgeben, mehr machen" initiieren!
    Ist doch lieber/angenehmer/strategisch geschickter, wenn es "einer vom Volk" propagiert!

    Gerade Grüns, die ja wert drauf legen, Bürgerbewegung in ihrer DNA zu haben brauchen diese Orga, um sich zu bauchpinseln!
    Und auch andere "demokratische" Instanzen, die ja bzgl Widerstandsbewegung dermaßen versagt haben, angepasst, biedermeierisch, vorauseilend Gehorsam waren, brauchen diese Gruppe, um sich jetzt das Image des "neuen Denkens" geben zu können! Einen Backeschen Avangarde-Anstrich!
    (Wichtigs in dieser Stadt, die sich jahrzehntelang feige versteckt haben, können nun mutige Auftritte üben, wow!)

    Mmh
    Oder geht es darum? Da trifft 'schon geschafftes BiedermeierGroßbürgertum' auf 'noch auf dem Weg des Großbürgertum sein Wollende'?

    Ob die AB Jungs wohl daran gedacht haben, wie das auf und was da in die "Widerstandsgruppe" wirkt?
    Heute weiß man: Schmudelkinder leben gesünder!
    Wäre es nicht wichtig: "stolz darauf zu sein", als Schmudelkind bezeichnet zu werden?
    (Haben nicht gerade Salon-Linke ein Problem mit dem Schmudelkind in sich und in dem der anderen? Eribon?)
    Für eine kaputte Hose von "Dior" zahlt ein bestimmtes Möchte-gern Völkchen Hunderte, das Schmudelkind erwirbt seine Hosenlöcher beim Machen!
    • Schwa be
      am 14.12.2017
      Kann mich Ihrem Kommentar die Feinkoschtböhm-Fraktion und die Grüns betreffend nur anschließen!
      Im agieren des Aktionsbündnisses sehe ich jetzt nicht zwangsläufig eine Blauäugigkeit so wie von Ihnen m.E. beschrieben.

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