Die Digitalisierung als Selbstzweck zu hypen, ist ganz schön naiv. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Digitalisierung als Selbstzweck zu hypen, ist ganz schön naiv. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 350
Wirtschaft

Politik im digitalen Tiefschlaf

Von Jürgen Lessat
Datum: 13.12.2017
Stell Dir vor, immer mehr Computer und Automaten machen Deine Arbeit, und keinen interessiert's. Tatsächlich schreitet die Digitalisierung rasant voran. Während autonomes Fahren Taxichauffeure und Busfahrer bald arbeitslos machen könnte, träumen Politiker vom "Breitband für alle".

"Christian Lindner hat die Partei wieder aufgerichtet", jubelte die "FAZ". "Pathos, Ethos, Logos", titelte die "taz". Während Kanzlerin und Kanzlerkandidat als Schlaftabletten durch den Bundestagswahlkampf taumelten, machte der FDP-Chef einen auf Polit-Hipster. Und besetzte hippe Themen, wie etwa: Digitalisierung. "Sie kann unser Leben einfacher, besser und sicherer machen. Und sie birgt die Chance, einen erheblichen Beitrag zur Sicherung unseres Wohlstands in der Zukunft zu leisten", warb Lindner und forderte einen "Weltmeisterplan", um Deutschland zur führenden Digitalnation zu machen. Kurzum: "Digital first. Bedenken second", so stand es auf FDP-Plakaten.

Nach Prognosen könnte bald jeder fünfte Job von Robotern und Computern übernommen werden. Prost (und Bedenken second)!
Nach Prognosen könnte bald jeder fünfte Job von Robotern und Computern übernommen werden. Prost!

Ein Slogan, der für ätzende Reaktionen sorgte. "Leider ist der Spruch extrem dumm", kritisierte etwa der WDR-Journalist Jörg Schieb. "Wer derart platt der Digitalisierung an sich das Wort redet, belegt, dass er genauso viel von der Sache versteht wie alle, die technische Innovationen reflexartig ablehnen. Nämlich: Nichts", so der Netzexperte. Wolle die FDP also alles angehen und anschieben, was den Stempel "Digital" hat oder bekommt? Sei Digital an sich also gut?, fragte sich Schieb auf seinem Blog. Doch das sei nicht nur schief gedacht, sondern sogar äußerst gefährlich: "Denn die Kernbotschaft, das wichtigste Ziel der meisten Start-Ups (vor allem aus den USA) ist: Disruption. Also per Definition die Zerstörung einer kompletten Branche, einer bestehenden Dienstleistung, einer existierenden Technologie."

Tatsächlich rechnen Wissenschaftler und Ökonomen damit, dass die Digitalisierung nicht nur neue Arbeitsplätze schafft, sondern auch viele etablierte Jobs vernichtet. Nur in welchem Tempo und Umfang, da stochern die Experten meist im Nebel. Computer und Maschinen werden in Zukunft 40 Prozent aller heutigen beruflichen Tätigkeiten in Deutschland verrichten können, prognostiziert etwa eine im November erschienene Studie von The Boston Consulting Group (BCG). Das bedeute, dass bis zum Jahr 2025 die Stellen von 7,7 Millionen Beschäftigten von Automatisierung betroffen sind. Sprich: jeder fünfte Arbeitnehmer muss um seinen Job bangen. Laut Studie träfe es nicht nur Geringqualifizierte: Mehr als 60 Prozent der Betroffenen sind Fachkräfte, heißt es in der BCG-Analyse "Schöne neue Arbeitswelt 4.0? Was wir tun müssen, damit uns die Arbeit nicht ausgeht".

Fachkräfte – die Verlierer der digitalen Revolution

Noch dicker kommt es laut McKinsey: Bis 2030 müssen sich hierzulande bis zu zwölf Millionen Beschäftigte, also fast ein Drittel aller Arbeitskräfte, einen neuen Job suchen, heißt es in einer vor wenigen Tagen erschienenen Schrift des Beratungskonzerns. Nahezu ein Viertel der Arbeitsstunden, die dann voraussichtlich in Deutschland geleistet werden, könnten durch Automatisierung wegfallen, schätzen die McKinsey-Experten. Für die USA taxieren sie dieses Potenzial auf 23 Prozent, in China auf 16 und in Indien auf neun Prozent. Gerade Deutschland sei von dem Strukturwandel besonders betroffen, weil höhere Löhne größere Anreize böten, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen, so die Autoren. Auch McKinsey sieht Fachkräfte als Verlierer der digitalen Revolution: vor allem Sachbearbeiter, aber auch Schlosser oder Köche würden überflüssig.

Diese Rundstrickmaschine spart Textilarbeiterlöhne und läuft voll digital.
Diese Rundstrickmaschine spart Textilarbeiterlöhne und läuft vollständig digital.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kam vor zwei Jahren noch zu etwas anderen Ergebnissen. Aus Sicht der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit seien, bezogen auf das Jahr 2013, etwa 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland in einem Beruf beschäftigt, bei dem mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten heute schon durch Computer ersetzt werden könnten. Hochgerechnet auf die heutige Zahl von knapp 32 Millionen Beschäftigten wären dies rund 4,8 Millionen Menschen, denen akuter Arbeitsplatzverlust droht. Als besonders gefährdet identifizierten die IAB-AutorInnen etwa Helfer in der Druck- und Keramikindustrie, aber auch Fachkräfte und Spezialisten wie IT-System-Elektroniker und Kraftwerker.

Gleichwohl schwappt die Digitalisierungswelle in unterschiedlicher Wucht durch die 16 Bundesländer, so das Fazit einer neuen IAB-Untersuchung. Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen mit hohem Substituierbarkeitspotenzial schwanke zwischen acht Prozent in Berlin und mehr als 20 Prozent im Saarland. Diese Unterschiede rührten größtenteils aus der Wirtschaftsstruktur der einzelnen Bundesländer her, so die AutorInnen. Vor allem Länder mit hohem Anteil an verarbeitendem Gewerbe und damit auch mit Fertigungs- und fertigungstechnischen Berufen seien vom Vormarsch der Computer oder computergesteuerten Maschinen betroffen. Daher drohten neben dem Saarland auch in Baden-Württemberg und Thüringen größere Jobverluste.

Schwaben machen Tempo bei Robo-Taxis

Dabei ist Baden-Württemberg nicht nur "Opfer", sondern auch "Täter, was den Jobkiller Digitalisierung betrifft. Hier arbeiten Autobauer und Zulieferer intensiv an der Mobilität der Zukunft, dem autonomen Fahren. Auch wenn sich viele Autobesitzer dies noch nicht vorstellen können. "Autonomes Fahren heißt für mich bislang, dass der Beifahrer sein Maul hält", spottet etwa der Komiker Urban Priol in seinem aktuellen Jahresrückblick über den Autonomie-Hype der Autoindustrie.

Doch die macht längst Nägel mit Köpfen. Roboterautos werden zunächst vor allem das Verkehrs- und Transportgewerbe revolutionieren, erwarten Experten. Und damit auch Berufe tangieren, die das IAB bislang mit einem Substitutionspotenzial von 19,5 Prozent als wenig gefährdet einstuft. "Trotz selbstfahrender LKW und PKW gilt das Führen eines Fahrzeuges derzeit noch nicht durch Computer ersetzbar, weil diese gegenwärtig nur teilautonom zu Testzwecken und nur auf bestimmten Strecken zum Einsatz kommen können", beruhigten die IAB-ExpertInnen noch im Herbst 2015. Vor allem in unvorhersehbaren und unübersichtlichen Verkehrssituationen wie Baustellen oder Unfällen seien die technischen Fahrassistenzsystem noch nicht in der Lage, angemessen zu reagieren. Die Arbeitsmarktforscher gehen davon aus, dass in Sattelschleppern, Lieferwagen und Taxis auf absehbare Zeit noch immer Fahrer sitzen.

Durch autonomes Fahren sind insbesondere Jobs in der Logistik bedroht.
Durch autonomes Fahren sind insbesondere Jobs in der Logistik bedroht.

Wenn sich die Experten da mal nicht täuschen. "Wir werden 2018 die ersten kleineren Flotten an Robo-Taxis in deutsche Städte bringen", kündigte die Stuttgarter Robert Bosch GmbH in diesem Sommer an. Zwar werde zunächst aus Sicherheitsgründen noch ein Fahrer an Bord sein. Die breite Markteinführung plant Bosch für 2022. "So lange dauert es aus unserer Sicht, bis die Technologie wirklich abgesichert ist und alle Eventualitäten vorgedacht sind", sagte Gerhard Steiger, Vorsitzender des Bosch Geschäftsbereichs Chassis Systems Control, im Juni der "Automobilwoche".

Erst Anfang April hatte der weltgrößte Autozulieferer eine Entwicklungskooperation mit dem Autobauer Daimler zum automatisierten Fahren bekannt gegeben. Dort sollen Hunderte Mitarbeiter zusammenarbeiten, beide Unternehmen investierten einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Durch die Kooperation verkürze sich die Entwicklungszeit für automatisierte Systeme um mindestens zwei Jahre, so Bosch. Daimlers Entwicklungsvorstand Ola Källenius hatte im Mai angekündigt: "Zwischen 2020 und 2025 kann es autonom fahrende Taxis in Städten geben."

Dabei sind die Schwaben nicht die einzigen, die bei Robo-Taxis Tempo machen. In den USA testet der Fahrdienstvermittler Uber bereits seit dem vergangenen Jahr rund ein Dutzend Taxis des schwedischen Autobauers Volvo. Nach dem Start in Pittsburgh und im Bundesstaat Arizona wollte das Unternehmen die Tests auf San Francisco ausweiten, hatte dort allerdings Probleme mit den Behörden. Ungeachtet dessen orderte Uber bei Volvo weitere Robotaxis, wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde: diesmal gleich 24 000 selbstfahrende Autos, die nach Medienberichten zwischen 2019 und 2021 ausgeliefert werden sollen. Erst danach will Volvo das Roboterauto auch privaten Käufern anbieten.

Taxi- und Busfahrer sitzen auf dem Schleudersitz

"Die Autonomie-Welle rollt", sagt Wolfgang Lehmacher, der den Bereich Supply Chain and Transport Industries beim Weltwirtschaftsforum leitet. Auch wegen der vielen Vorteile selbstfahrender Autos. Sie reduzierten die Unfallzahlen um 70 Prozent, den Spritbedarf um 20 Prozent. Weniger neue Autobahnen müssten gebaut werden, da die Fahrzeuge digital gekoppelt weniger Platz benötigten. Besserer Verkehrsfluss und weniger Staus würden den Personen- und Güterverkehr zügiger und stressfreier machen. Und erst recht lohne sich autonomes Fahren ökonomisch: "Sollte künftig einmal gar kein Personal mehr an Bord von Taxen, aber auch von Bussen und Bahnen sein, würden sich private, kommunale und staatliche Mobilitätsanbieter, eines großen Kostenblocks entledigt haben." Die Bürger könnten sich dann über niedrigere Preise freuen – vorausgesetzt die erhöhte Marge würde, zumindest teilweise, an die Nutzer weitergegeben.

Für Taxichauffeure und Busfahrer verheißt dies nichts Gutes. Längst sitzen sie auf Schleudersitzen: Im Juni 2016 startete die Schweizer Postauto AG in Sitten einen Versuch mit zwei Smart-Shuttles. Insgesamt 25 000 Personen nutzten seither die selbstfahrenden Kleinbusse. Ähnliche Modelle verkehren in der estnischen Hauptstadt Tallin. Seit Ende Oktober rollt der erste selbstfahrende Minibus Deutschlands mit sechs Sitzplätzen im Auftrag der Deutschen Bahn durchs niederbayerische Bad Birnbach. Ab 2018 will die Bahn rund 100 derartige Fahrzeuge auch durch Hamburg fahren lassen.

Noch schleichen die fahrerlosen Minibusse mit maximal 15 Stundenkilometer durch die Städte. Doch der Fortschritt geht rasant weiter: Ab Mitte 2018 wollen die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) auch große Gelenkbusse autonom fahren lassen – zunächst nur auf dem Betriebshof Gaisburg, wo sie selbstständig zwischen Wartungshalle und Parkposition hin- und herpendeln. "Dies machen wir nicht, um Personal einzusparen", betont SSB-Sprecherin Birte Schaper. Den Mechanikern ersparten die autonomen Busse lediglich die zeitraubenden Rangierfahrten.

Experten fordern derweil politische Weitsicht. "Auf der einen Seite ist die autonome Welt angesichts ihrer Vorteile zu fördern; auf der anderen Seite sind ihre Auswirkungen auf die Beschäftigten abzufedern", betont Wolfgang Lehmacher. Gerade bei letzterem tun sich Politiker und Parteien aber erkennbar schwer, wie sich zuletzt im Bundestagswahlkampf zeigte. "Wir sind überzeugt, dass mit der Digitalisierung immense Chancen für Deutschland, seine Bürger und seine Wirtschaft verbunden sind. Wir werden sie mutig ergreifen und entschlossen nutzen", versprach die CDU wolkig in ihrem Wahlprogramm. Von Jobverlusten keine Rede, auch nicht bei der Konkurrenz. "Breitband für alle" forderten die Sozialdemokraten, Netzneutralität und Gründerdarlehen die Grünen. So gut wie nichts mit Digitalisierung anfangen können die Rechtspopulisten: Bei der AfD beschränkte sich das Thema auf Zustimmung zur Videoüberwachung und Gesichtserkennung. Allein die Linke sah in der Digitalisierung auch eine Gefahr für Arbeitnehmer.

Am konkretesten wurde noch Digital-Freak Lindner: "Wir werden in Deutschland Millionen Arbeitsplätze im Zuge der Digitalisierung verlieren. Es können aber auch Millionen neue entstehen", prophezeite der FDP-Chef kurz vor der Wahl auf dem Netzpolitischen Forum von "Wirtschaftswoche" und dem Internetverband Eco. In der Hauptsache ging es auch dort nur um Breitbandausbau und digitale Bildung.


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