Michael (Lior Ashkenazi) trauert um seinen vermeintlich gefallenen Sohn. Fotos: NFP/Giora Bejach

Michael (Lior Ashkenazi) trauert um seinen vermeintlich gefallenen Sohn. Fotos: NFP/Giora Bejach

Ausgabe 380
Kultur

Alles zurück auf Anfang

Von Rupert Koppold
Datum: 11.07.2018
Die Überbringung einer bösen Nachricht und ein Zwischenfall an einem Check-Point: In seiner brillanten Tragödie "Foxtrot" erzählt Samuel Maoz von einem traumatisierten Israel, in dem der Ausnahmezustand als Alltag erfahren wird.

Es klingelt an einer Tür in Tel Aviv, Dafne (Sarah Adler) öffnet, sieht, wer da geklingelt hat, erkennt, was das bedeutet, ihre Beine geben nach, sie bricht zusammen. Aber sie wird aufgefangen, die Soldaten der israelischen Armee, welche die Nachricht vom Tod ihres 19-jährigen Sohnes Jonathan (Yonatan Shiray) nun dessen Vater Michael (Lior Ashkenazy) mitteilen, haben in solchen Dingen Routine. Dafne wird umstandslos per Beruhigungsmittel "stillgelegt", der verstummte Michael verbal versorgt ("Atmen Sie tief!") und immer wieder ermahnt, das Wassertrinken nicht zu vergessen. Auch der Militärrabbiner erweist sich als Trauerprofi, seine Anmerkungen zur Beerdigung haben nichts Individuelles, sie hören sich an wie aus einem Überspielen-Sie-den-Schock-durch-Geschäftigkeit-Lehrbuch. Die Worte aber gehen vorbei an dem versteinerten Michael, der unfähig ist zur Kommunikation, der auch keine Berührung erträgt, der sogar seinen sich anschmiegenden Hund tritt, und der sich nun ins Badezimmer einschließt und absichtlich die Hände verbrüht.

Gefangen in Bubenhausen. Jawohl, das gibt es wirklich. 694 Einwohner laut Wikipedia, bis 1970 selbständig und dann eingemeindet von Weißenhorn, einer Kleinstadt in Bayerisch-Schwaben, südlich von Ulm. Und in Weißenhorn rennt Toni jetzt mit roter Perücke durch den Fasching, wo die Musik bläst, der Alkohol fließt und die Fröhlichkeit jederzeit übergriffig werden kann. Sie ist angeekelt, was sie in einem eloquenten und von der Redaktion natürlich zurückgewiesenen Artikel ausdrückt, aber sie ist auch ein bisschen fasziniert. Außerdem stößt Toni bei diesem Treiben auf Rosa (Nadine Sauter), eine Freundin aus Kindertagen. Die ist stämmig, herzig, burschikos und gepierct, wohnt in der einzigen WG im Dorf und arbeitet für die von der Kirche organisierte Flüchtlingshilfe. "Schön, dass wieder da bisch!", sagt Rosa zu Toni.

Lisa Millers Spielfilmdebüt "Landrauschen", das den Max-Ophüls-Preis gewonnen hat und hoffentlich noch viele Zuschauer gewinnen wird, ist ein Heimatfilm. Aber keiner, der sich gnädig herablässt und die Provinz in verschlissene Erzählmuster zwängt und vorführt, so wie das etwa die zur TV-Serie ausgewalzte Klamotte "Die Kirche bleibt im Dorf" tut. Sondern einer, den die ohne Fernsehgelder arbeitende Regisseurin, Drehbuchautorin und (zusammen mit ihrem Kollegen Johannes Müller) auch Produzentin mit viel Autobiografischem anreichern konnte. "Landrauschen" wurde zum Teil durch Crowdfunding finanziert, die anderen Sponsoren sind unter anderem die Bäckerei Reißler, die Barfüßer Hausbrauerei und die Alte Mühle.

"Jetz dua halt amol normal!" Foto: Arsenal Filmverleih
"Jetz dua halt amol normal!" Foto: Arsenal Filmverleih

Dieser Film, lose strukturiert durch die Jahreszeiten und Feste wie Fasching, Funken oder Fronleichnam, bleibt also wirklich im Dorf, was man seinen nie pittoresk-kulissenhaften, sondern auch mal putzblätternd-schäbigen Heimatbildern ansieht. Und was man seinen Darstellern, von Kathrin Wolf und Nadine Sauter bis hin zu denen der kleinsten Nebenrollen, auch anhört. Nein, so viele professionelle Sprecher dieses Dialekts, der mehr an Allgäuer Mundart als an Stuttgarter Schwäbisch erinnert, kann es gar nicht geben. Deshalb hat Lisa Miller ihren Film hauptsächlich mit Laien besetzt. Die bringen, nun ja, eben eine Laienhaftigkeit ins Spiel. Aber gerade dadurch entwickelt "Landrauschen" – man darf hier das abgedroschene Wort mal wieder benutzen – große Authentizität. Anders gesagt: Dass die Produktionsbedingungen für den Zuschauer so sicht- , hör- und spürbar sind, dass infolgedessen die Grenze zwischen Leben und Fiktion durchlässiger wird, ist eine Qualität dieses Films.

Was übrigens nicht heißt, dass auch die Regisseurin laienhaft inszeniert, jedenfalls nicht im Sinn von kenntnislos oder naiv. So sehr sie sich dem Schleifen, Einpassen und Abrunden der Dramaturgie verweigert, so souverän geht sie doch mit dem Kinohandwerk um. Skizzenhaft impressionistische Szenen von Umzügen und Festzeltgetummel. Über den Mofalenker gefilmte Fahrten durchs Dorf. Kaffeeklatscherei im Garten. Traktoren, Pferde und manchmal eine Kuh, die ins Objektiv glotzt. Hier ist alles so nah beieinander, hier kennt man sich, hier können sich die unterschiedlichen Szenen und Lebensentwürfe nicht entkommen. Dass Rosa in der WG wohnt, schließt ihre Proben bei der Blasmusik oder den Kirchgang nicht aus. Eng wird es auch mit ihr und Toni, die inzwischen das Haar mit Gretl-Kranz trägt, diesen allerdings in Pink. Die beiden jungen Frauen albern frivol herum und kiffen dazu, und in einer schönen Montage bei einem Tanz ziehen sich die Bilder dann so zusammen, dass sie zum Paar werden und gar nicht anders können als sich zu küssen.

Bei Lesben und Flüchtlingen hört der Spaß auf

Aber geht das fürs Dorf nun doch zu weit? Tonis Mama ermahnt ihre Tochter: "Jetz dua halt amol normal!" Und Rosa erzählt, wie die Leute früher mit ihrer sexuellen Orientierung umgegangen sind: "Da haben alle meinen Eltern Beileid gewünscht!" Nein, eine Idylle der Toleranz ist Bubenhausen nicht. Die Heimatmusik kommentiert die Szenen ja auch in ironischer Basstuba-Schräglage und fragt spöttisch: "Wie schön ist das eigentlich?" Manchmal lugen in dieser Geschichte auch Vorbilder heraus, wenn sich der Papa in der Badehose und in seiner ganzen prallen Fleischlichkeit auf eine Sonnenliege legt, dann sieht das aus wie ein Bild aus Ulrich Seidls Film "Hundstage". Bloß dass Seidl ein fieser Misanthrop ist, Lisa Miller dagegen voller Empathie erzählt. Nein, in eine Wut steigert sich die Regisseurin noch nicht hinein, sie beobachtet mit souveräner Gelassenheit ein Leben, das anders ist als in der Großstadt, auch rückständiger, wenn man so will, aber nicht unbedingt schlechter.

Und komisch geht es zu in Bubenhausen, vor allem an den Rändern des Films, wo ein nicht besonders helles, aber eifriges Polizistenduo herumfuhrwerkt und gern dienstlich wird: "Wir sind jetzt per Sie!" Der Dialog hat noch andere tolle Sachen zu bieten, zum Beispiel, wenn die Mama ("Man weiß ja nicht, wie die ticken, die Neger!") von den Flüchtlingen verlangt, dass sie sich ihnen anpassen müssten, und Toni zur Klärung nachfragt: "Wem? Dir oder mir?" Am Ende zeigt sich "Landrauschen" allerdings weniger nachsichtig als zu Beginn. Die Bigotterie etwa ist eben doch nicht umzudeuten in verschrobene Folklore, sie hat für manche existenzielle Folgen. Und auch der Schutzpanzer, den sich Rosa zugelegt hat, diese gute Miene zum bösen Spruch, bekommt Löcher: "I lach, obwohl i ausglacht werd'!"

Ein Fazit zu "Landrauschen" lautet etwa so: "Dieses ebenso unbekümmert wie selbstbewusst inszenierte Kino, das auf die Kraft und Authentizität von Laiendarstellern vertraut, sucht sich störrisch-frech seinen eigenen Weg, abseits vom Verdrängungskitsch des Heimatfilms der fünfziger Jahre, abseits von dessen manchmal verbissen-ernster Revision in den siebziger Jahren, und abseits auch von der mehr oder weniger vorgeschriebenen und sozusagen begradigten Filmsprache." Diese Zeilen wurden gerade recycelt, sie wurden einst über den 1984 entstandenen Allgäuer Kultfilm "Daheim sterben die Leut'" von Klaus Gietinger und Leo Hiemer geschrieben. Der hat nämlich endlich einen Nachfolger gefunden, einen Erstling, der sich rücksichtslos seine Freiheiten herausnimmt und eine Chance nutzt, die so vielleicht nicht wieder kommt.

 

Info:

"Landrauschen" kommt am 19. Juli 2018 in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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