Unsentimentales Anbandeln. Foto: Sommerhaus Filmproduktion, Anke Neugebauer

Unsentimentales Anbandeln. Foto: Sommerhaus Filmproduktion, Anke Neugebauer

Ausgabe 373
Kultur

Aus dem Waren-Leben

Von Rupert Koppold
Datum: 23.05.2018
Thomas Stubers Film "In den Gängen" erschließt den Mikrokosmos der Jobber in einem Großmarkt. Und er erzählt in dieser sachlichen Umgebung vom Neuling Christian und seiner Liebe zu Marion aus der Süßwarenabteilung. Eine exzellente Romanze, die den Alltag zum Funkeln bringt, freut sich unser Kritiker.

Es ist früh am Morgen, der Parkplatz vor dem Großmarkt ist wüst und leer. Ein bisschen später aber flackern drinnen, in den hohen Hallen, die Lichter auf, durch die schluchtartigen Gänge fahren die ersten Stapler, und wenn deren Bewegungen nun vom "Donauwalzer" begleitet werden – der die Räume beschallende Vorarbeiter Rudi (Andreas Leupold) liebt nämlich klassische Musik –, dann schleicht sich in diesen tristen Arbeits- und Funktionsort ein bisschen die Poesie ein. "Wir duzen uns ja alle", sagt Rudi nun zu Christian (Franz Rogowski), führt den schweigsamen jungen Mann an dessen erstem Tag ein bisschen herum und teilt ihn dann Bruno (Peter Kurth) von der Getränkeabteilung zu. Der ältere Mann, untersetzt und kompakt, ist zunächst wenig begeistert ("Ich brauch' keine Hilfe!"), erweist sich aber bald als väterlicher Kumpel, der Christian kompetent einweist, ihm die Regeln erklärt und auch mal, wie man diese unterlaufen kann.

Mit Christians Einweisung erschließt sich nach und nach auch dem Zuschauer dieser Mikrokosmos, in dem sich die einzelnen Abteilungen kritisch beäugen, in dem auf Hierarchien geachtet wird – und der trotzdem noch von der Solidarität der Underdogs durchwirkt ist. Dieser Großmarkt am Rande von Leipzig ist so etwas wie ein letztes Refugium der Ungelernten oder Ausgemusterten, ein letztes Stück festen Bodens vor dem Abgrund. Christian zum Beispiel, der die Ärmel seines blauen Kittels langzieht, um seine Tattoos zu verdecken, wird mal von seiner Vergangenheit heimgesucht, von seinen alkoholisierten Ex-Kumpanen und Immer-noch-Hooligans, die ihn zurückholen wollen in ihr hoffnungslos gewalttätiges Leben. Und dieser Christian, der nach der Schicht mit dem Bus zurückfährt und in seiner trostlosen Wohnblockbude darauf wartet, dass es wieder an die Arbeit geht, ist tatsächlich absturzgefährdet. Andererseits: Er ist auch verliebt in die ein bisschen ältere und verheiratete Marion (Sandra Hüller) von der Süßwarenabteilung, er ist also in einem Zustand, der jeden Alltag in ein von Hoffen und Bangen durchzogenes Sehnsuchtsland verwandeln kann.

Der Regisseur Thomas Stuber hat schon für seinen Film "Herbert" (2015) – in dem Peter Kurth einen Ex-Boxer und Geldeintreiber spielt – mit dem Schriftsteller Clemens Meyer zusammengearbeitet. "In den Gängen" basiert auf einer Kurzgeschichte des Leipziger Autors, der gemeinsam mit Stuber auch wieder das Drehbuch geschrieben hat. Und wie in seinem großen Roman "Als wir träumten" zeigt Meyer sich auch hier als einer der wenigen deutschen Autoren, der Geschichten aus einem prekären Milieu heraus erzählen kann, ohne dieses zu denunzieren oder, wie das etwa viele TV-Krimis tun, es von oben herab und nur als Elendsort und Problemzone zu schildern. Die Großmarktarbeiter Christian, Marion, Bruno, Rudi und die anderen sind weit mehr als nur mitleidsvoll betrachtete Demonstrationsobjekte für das "mindere" Leben. Sie sind, auch wenn manche nur in wenigen Sequenzen auftauchen, eigenwillige und komplexe Charaktere.

Wellenrauschen mit Bodenhaftung

Das heißt auch, dass der Regisseur seinem Protagonisten Christian lakonische Sätze aus dem Off zugesteht ("Es gab kein Tageslicht in den Gängen!"), also die Erzählerhoheit. Und dass er die Romanze seines Helden ernst nimmt in diesem so romanzenfern scheinenden Milieu und sie als ein die schnöde Realität transzendierendes Gefühl inszeniert: Wenn der schüchterne Christian, der den Kopf immer ein wenig vorneigt, und die so selbstbewusst wirkende Marion ("Nicht im Weg stehen, Frischling!") sich näherkommen, wenn er in ihrer Nähe ganz sprachlos wird, ihr aber nach freundlich-spöttischer Aufforderung einen Kaffee aus dem Automaten spendiert, dann ist im Hintergrund nicht nur die Palmen-Foto-Tapete des Aufenthaltsraums zu sehen, dann hört man plötzlich auch die Wellen rauschen!

Aber dieser Film, der den Alltag zum Funkeln bringt, verliert dabei nicht die Bodenhaftung, er bleibt in seinem Milieu und wird auch nicht sentimental. Das verhütet schon der Jobber-Jargon, der das Leben in trotzig-profane Spruchweisheiten fasst und erträglich zu machen versucht. "Ohne Dampf kein Kampf!", verkündet Bruno, wenn er Christian zur verbotenen Rauchpause aufs Klo mitnimmt und es bald heftig aus der Kabine wolkt. "Noch'n Kurzen und dann ist die Welt doch in Ordnung!", so tönt es aus dem Umkleideraum, wenn der Flachmann rausgeholt wird. Und dann möchte Christian, der sich bei der Arbeit willig zeigt, aber nicht besonders geschickt anstellt, auch noch in die Hierarchie der Gerätebediener einsteigen und so souverän durch die Gänge steuern wie Marion. Bei der Fortbildung wird übrigens der klassisch gewordene Instruktionsfilm "Staplerfahrer Klaus" aus dem Jahr 2001 vorgeführt, ein sehr schwarzhumoriges Unfall- und Splatterstück. Bei Christians Prüfung aber – das passt noch nicht, da wackelt was, da eckt was an! – sieht man gespannt zu, wie bei einem Thriller: Wird er die schwer beladenen Paletten doch noch unbeschadet aus dem Hochregal nach unten surren lassen?

Selten hat man Schauspieler gesehen, die so in der Arbeitswelt drinstecken wie hier. Auch eine kleine Weihnachtsfeier im Großmarkt könnte genau so aussehen wie in diesem Film, mit geborgten Liegestühlen auf der Rampe, mit ein bisschen Alkohol, mit ein paar Frotzeleien und mit Marion, die sich an Christian schmiegt. Es könnte schön werden. Aber wenig später nuschelt Christian aus dem Off: "Dann war sie weg". Diese Menschen sind eben nicht so schnell und vor allem nicht ganz zu erfassen, auch nicht von ihren Großmarktkollegen. Sie haben ihre Vergangenheiten, die der Film manchmal andeutet, aber nicht komplett ausformuliert. Und sie haben ihre Gegenwart, die sich nicht in der Arbeit erschöpft und anders sein kann als der Teil, der "In den Gängen" präsentiert wird. Bruno zum Beispiel, der ist … – aber nein, das muss hier nicht nacherzählt werden, das sollte man sich schon selber anschauen.

 

Info:

Thomas Stubers "In den Gängen" kommt am Donnerstag, 24. Mai in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft er im Atelier am Bollwerk täglich um 20 Uhr und je nach Wochentag zusätzlich um 15.30 oder 18.10 Uhr. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Siehier.


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